Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 707 ff.

Gerbpflanzen. Die Gerbstoffe (s.d.) stammen, soweit der wirksame Bestandteil Gerbsäuren sind, ausschließlich aus dem Pflanzenreiche und finden sich in größerer oder geringerer Menge fast in allen Pflanzen und in den verschiedensten Organen des Pflanzenkörpers. Diejenigen Gewächse nun, die in bestimmten Teilen so reichlich Gerbstoff ansammeln, daß eine technische Verwendung möglich wird, werden als G. zusammengefaßt. Die Gerbstoffe sind in der Regel in den Pflanzenzellen gelöst vorhanden und mit Wasser auslaugbar. Sie geben mit Eisensalzen blaue oder grüne Niederschläge (Tinte) und haben vor allem die Eigenschaft, enthaarte, tierische Häute haltbar zu machen, d.h. sie in Leder zu verwandeln. Während früher im wesentlichen die in heimischen Schälwäldern gewonnenen Eichenrinden und die Rinden anderer Laub- und Nadelhölzer der gemäßigten Zone das wichtigste Gerbmaterial lieferten, sind nach und nach gerbstoffhaltige Rohstoffe aus den Tropen und Subtropen an ihre Stelle getreten. Im Gegensatz zu den Pflanzenfarbstoffen haben die Menge und die Zahl der Gerbstoffe aus dem Pflanzenreiche trotz der Konkurrenz chemischer Gerbmaterialien stetig zugenommen. Die neueren Rohstoffe der Gerberei werden zum größten Teil in den Ursprungsländern in wilden Beständen gesammelt. Nur wenige sind schon das Erzeugnis ordnungsmäßiger Pflanzungen. Der Gehalt an Gerbstoff schwankt bei den verwendeten Materialien etwa zwischen 10 und 40 %. Die Eichenrinden haben z. B. den genannten, niedrigen Gehalt, manche tropische Produkte erreichen dagegen 40 % und mehr. - Der erste, bedeutende Konkurrent erstand den heimischen G. in dem argentinischen Quebrachoholz, Schinopsis Lorentzii, das heute in den deutschen Gerbstoffabriken in jährlichen Mengen von 500 000 bis 1 Mill. dz verarbeitet wird. Es stammt wohl ausschließlich aus den natürlichen Beständen und wird außerhalb seiner Heimat nicht kultiviert. Im Norden Südamerikas, in erster Linie in Venezuela, werden die eigenartig gekrümmten Hülsen des Divi -Divi - Baumes (Caesalpinia coriacea) gesammelt und unter diesem Namen als wichtiger Rohstoff für Oberlederbereitung importiert. Die Einfuhr Hamburgs schwankt zwischen 100 000 und 200 000 dz und betrug 1913 etwa 7500 t. Auch hier ist die Produktion fast allein auf das Heimatland beschränkt. In Deutsch-Ostafrika bestehen kleine Versuchspflanzungen, die gerade in letzter Zeit ausgedehnt werden sollen. - Etwa in gleichen Mengen verwendet die deutsche Gerbstoff- und Lederindustrie die Myrobalanen genannten Früchte eines indischen Baumes Terminalia Chebula. Die harten Früchte haben etwa die Größe einer Pflaume und die Gestalt einer Zitrone. Sie kommen neuerdings auch gebrochen in den Handel. Der Gerbstoffgehalt schwankt ähnlich wie bei Divi - Divi zwischen 30 und 50 %. Von einer nennenswerten Kultur ist weder im Heimatlande, Vorderindien, noch außerhalb dieses Gebietes die Rede. - Die Hülsen mancher indischer und afrikanischer Akazienarten werden in ihrem Verbreitungsgebiet zum Gerben benutzt und in beschränkten Mengen für den Export gesammelt. Die bekannteste Sorte führt den Namen Bablah. -Im Mittelmeergebiet werden die Blätter des Gerbersumachs, Rhus coriaria, teils ganz, teils gemahlen als Gerbstoff verwendet und gehandelt. Der Strauch wird zu diesem Zwecke in manchen Gegenden auch angebaut. Der Gerbstoffgehalt der besten, aus Sizilien stammenden Ware beträgt 10 -20 %. Die Einfuhr Hamburgs jährlich beläuft sich auf etwa 10 000 dz. - Große Bedeutung unter den Gerbstoff liefernden Pflanzen haben in den letzten Jahrzehnten die Mangroven (s.d.) und die Gerberakazien (s.d.) gewonnen. Erstere stammen aus wilden Beständen, die letzteren haben wohl unter den Gerbpflanzen den ausgebreitetsten Anbau und die sorgfältigste Kultur gefunden. - Von den beiden großen Mangrovegebieten (s. Mangroven) liefert zurzeit nur das indische die Handelsware. Die Stammpflanze ist der Hauptvertreter der Uferwaldungen, der auch in engerem Sinne als Mangrove bezeichnet wird. Die Rinde der Rhizophora mucronata und einiger nahe Verwandter, Brugiera gymnorhiza und Ceriops candolleana, werden durch Schälen der in den wilden Beständen geschlagenen Stämme gewonnen. Die Rinde wird dann noch an der Sonne getrocknet und ohne weitere Behandlung verschickt. Nach Hamburg kamen im Jahre 1913 annähernd 30 000 t, davon 17 500 t von Madagaskar, 10 500 t aus dem nichtdeutschen Ostafrika und 1350 t aus Deutsch -Ostafrika. Der Wert dieser Einfuhr beläuft sich auf 5 - 6 Mill. M. Der Gerbstoffgehalt dieser Rinden schwankt zwischen 20 und 40 %. Der Einführung der Mangroverinden stellten sich im Anfang Schwierigkeiten entgegen, die darin bestanden, daß die Rinde außer dem Gerbstoff noch einen roten Farbstoff enthält, der dem Leder eine unerwünschte Farbe gibt. Diese Schwierigkeiten hat die Technik heute aber überwunden, zum Teil wird der Farbstoff durch ein besonderes Verfahren entfernt, zum Teil kann durch Mischen mit farbstofffreien Gerbstoffen die unerwünschte Nebenwirkung herabgesetzt werden, zum Teil gibt es heute Lederfette, die die Färbung mehr oder weniger aufheben. Der vor einigen Jahren gefaßte Plan, an der deutsch - ostafrikanischen Küste, ähnlich wie in Indien, eine Fabrik zu errichten, die an Ort und Stelle Gerbstoffextrakte (s.d.) aus den Mangroverinden herstellt, ist bis jetzt nicht zur Ausführung gekommen. - Über die für die deutschen Kolonien als Kulturpflanze wichtigen Gerberakazien s.d. Von den Farbstoffen (s.d.) gehören die Extrakte Gambir, Catechu und Kino ebenfalls zu den Gerbstoffen und ihre Stammpflanzen somit zum Teil zu den G. - Von den Kino liefernden Eukalyptusarten ist die Rinde von Eucalyptus occidentalis aus Westaustralien unter dem Namen Malettorindeals Gerbrinde im Handel. Hamburg importierte 1911 60 000 dz, 1912 20 000 dz und 1913 26 000 dz. Da diese Rinde einen hohen Gerbstoffgehalt (über 40 %) hat, so fehlt es nicht an Anregungen, die Kultur, ähnlich wie bei den Gerberakazien, in die Kolonien zu übertragen. Es ist aber bis jetzt bei diesen Anregungen geblieben. -Ferner hat man die Wurzel einer im nördlichen Mexiko heimischen Ampferart, Rumex hymenocepalus, Canaigre genannt, vielfach zum Anbau empfohlen. Der geringe Gerbstoffgehalt spricht aber dagegen. Ähnlich liegen die Verhältnisse für die vielen, bei den Eingeborenen im Gebrauch befindlichen, einheimischen G., deren Aufzählung hier zu weit führen würde.

Voigt.