Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 716 f.

Geschlechtskrankheiten. Unter G. faßt man drei Infektionskrankheiten zusammen, welche durch den Geschlechtsakt übertragen werden: die Syphilis (s.d.), den Tripper und den weichen Schanker. - Der Tripper ist ein eiteriger Katarrh, welcher durch den Gonokokkus hervorgerufen wird. Beim Manne ist dieser Katarrh im wesentlichen auf die Harnröhre beschränkt, von deren Mündung er, weiter nach innen fortschreitend, aufsteigt. Die Erscheinungen des männlichen Trippers sind folgende: 2 - 6 Tage nach Ausführung des infizierenden Beischlafes macht sich ein Gefühl des Kitzels, später des Brennens in der Harnröhrenmündung bemerkbar, das besonders bei der Harnentleerung auftritt. Gleichzeitig zeigt sich eine Schwellung und Rötung der Harnröhrenmündung und ihrer Umgebung sowie Ausfluß aus der Harnröhre. Dieser Ausfluß ist zunächst wasserhell glasig, wird aber bereits nach wenigen Tagen trübe und eitrig. Am meisten eitriges Sekret findet sich morgens vor dem ersten Harnlassen. Der Harn erscheint durch die Beimengung von Eiter aus der Harnröhre getrübt bzw. Fetzen und Fäden enthaltend. In vielen Fällen gehen die Krankheitserscheinungen, nachdem sie etwa 4 Wochen lang bestanden haben; spontan zurück, ohne Folgen zu hinterlassen. In einer Reihe -von Fällen jedoch kommt es zu Komplikationen, welche ernstere Erscheinungen machen. Die wichtigsten sind: der Übergang des eitrigen Katarrhs auf Prostata, auf die Blase, auf die Samenstränge und durch diese auf die Hoden; ferner die Fortsetzung des eiterentzündlichen Prozesses auf die benachbarten Lymphdrüsen und deren dadurch bedingte Vereiterung. Der Übergang auf die Blase macht sich durch gesteigerte Häufigkeit des U rinlassens und Schmerz vor, während und nach dem Harnlassen bemerkbar. Von der Blase kann in ungünstigen Fällen die Entzündung noch weiter nach oben steigen und auf die Harnleiter, die Nierenbecken und *schließlich die Nieren selbst übergehen. Der Übergang auf die Nierenbecken gibt sich durch Schmerz in der Nierengegend und Fieber, gewöhnlich von Schüttelfrost begleitet (Ähnlichkeit mit einem Malariaanfall!) Kund. Endlich kann die Infektion das Blut selbst ergreifen und so eine Sepsis herbeiführen. Die Eitererreger (Gonokokken) kreisen dann in der Blutbahn und können von dieser nach allen möglichen Stellen des Körpers verschleppt werden. Besonders wichtig ist die Lokalisation des Trippergiftes in den Gelenken (Tripperrheumatismus, s. Gelenkrheumatismus) und auf der Herzinnenhaut, durch welche das Bild einer schweren septischen Endokarditis (Herzinnenhautentzündung) mit bisweilen tödlichem Ausgang entstehen kann. - Ferner ist von großer praktischer Wichtigkeit der Übergang der Entzündung von der Harnröhre auf die Samenstränge und auf den Nebenhoden, wodurch es zu einer Samenstrangentzündung (Deferentitis) und Nebenhodenentzündung (Epididymitis gonorrhoica) kommt. Die Nebenhodenentzündung, welche, wenn sie sich überhaupt entwickelt, in der 2. - 4. Woche nach Beginn des Trippers einstellt, äußert sich in dem Auftreten einer schmerzhaften Hodenschwellung (eigentlich Nebenhodenschwellung; hier ist Hodenschwellung gesagt, weil für den Laien die Unterscheidung zwischen einer Anschwellung des Hodens und einer solchen des Nebenhodens sehr schwer ist). Diese Anschwellung kann einseitig und doppelseitig sein. Die doppelseitige hat eine besondere Wichtigkeit dadurch, daß sie häufig - durchaus nicht immer - zeugungsunfähig macht. Die Dauer der Nebenhodenentzündung, die gewöhnlich von einem Fieber von mäßiger Höhe begleitet ist, beträgt gewöhnlich ca. 10 - 14 Tage, nach denen ein allmähliches Zurückgehen der Schwellung und der Schmerzhaftigkeit beobachtet wird. - Die bei Tripper nicht selten eintretende Vereiterung der Leistenlymphdrüsen (Bubo inguinalis) führt zu einer schmerzhaften Schwellung und Rötung in einer oder beiden Leistenbeugen; die Drüsen kommen gewöhnlich zur eitrigen Einschmelzung, im Verlaufe deren sie spontan aufbrechen oder operativ eröffnet werden. Die Behandlung des Trippers verlangt zunächst Ruhe und Einhaltung einer milden Diät, ferner ist eine medikamentöse Einwirkung auf die Krankheitserreger anzustreben, und zwar einerseits lokal durch Einspritzung von desinfizierenden Lösungen in die Harnröhre und andererseits durch innerlich zu verabfolgende Medikamente. Sehr wichtig ist es, daß überall, wo es möglich ist, ärztliche Behandlung nachgesucht wird und ferner die Vorschrift der Bettruhe für alle Fälle, in denen die Entzündungserscheinungen der Harnröhre einen hohen Grad erreicht haben und wo eine der o ben geschilderten Komplikationen aufgetreten ist. Die Einspritzung von desinfizierenden Lösungen in die Harnröhre (Protargol 0,5: 200,0, Zinc. sulfocarbol. 1,0: 200,0, Kal. hypermangan. 0,5: 1000,0 u. a.) erfolgt mit einer besonders gestalteten Glasspritze mit konischem oder olivenförmigem Ansatz, welcher während der Injektion in die Harnröhrenmündung eingedrückt wird. Die Einspritzung darf stets nur nach einer unmittelbar vorangegangenen Harnentleerung vorgenommen werden. Nach Entfernung der Spritze wird die Harnröhrenmündung zwischen Daumen und Zeigefinger abgeklemmt für die Dauer von einigen Minuten, nach deren Ablauf die instillierte Flüssigkeit durch Öffnen der Klemme wieder zum Abfließen gebracht wird. Der Tripper, dessen akutes Stadium ca. 4 Wochen dauert, kann in chronischen Zustand übergehen und dann monate- ja jahrelang dauern. Der Übergang in chronischen Tripper findet namentlich dann statt, wenn gar keine oder unzweckmäßige Behandlung stattgefunden hat. Der Tripper des Weibes macht im Anfang nicht so stürmische Erscheinungen wie der des Mannes, ist aber dafür in seinen Folgezuständen noch weit bedeutungsvoller und gefährlicher als der des Mannes. Auch hier handelt es sich zunächst um eine Entzündung der Harnröhre und, durch Weiterschreiten der Entzündung nach oben, der Blase. Wichtiger noch als die Infektion der Harnwege durch den Tripper beim Weibe wird die Beteiligung der Scheide und der Gebärmutter an der Erkrankung. Besonders die letztere erkrankt häufig an Tripper, und man kann beim Weibe den unteren Teil der Gebärmutter (Cervix uteri) als den eigentlichen Sitz der Gonorrhoe bezeichnen. Von hier aus kann sich in ungünstigen Fällen die Erkrankung weiter nach innen ausdehnen auf die Anhangsorgane der Gebärmutter und durch Ausbreitung auf das Bauchfell und das Beckenbindegewebe eine direkt das Leben gefährdende Bedeutung gewinnen. Auch die Fähigkeit der Frauen, Kindern das Leben zu schenken, wird in sehr vielen Fällen durch Gonorrhoe in Frage gestellt. Bei den Eingeborenen unserer Kolonien ist der Tripper ganz außerordentlich verbreitet. Die Häufigkeit desselben ist so groß, daß er in vielen Gegenden als ein normaler Zustand angesehen wird. Natürlich wird die Erkrankung, wie jede Störung der Gesundheit, von den Eingeborenen vielfach durch Zauberei erklärt, gegen welche dann ein Gegenzauber, Amulette und ähnliches, in Anwendung kommt. Prophylaxe des Trippers. Es empfiehlt sich unmittelbar nach dem Beischlaf Ham zu lassen und das Geschlechtsglied gründlich mit Seife zu waschen. Ferner ist die Einspritzung einiger Tropfen einer desinfizierenden Lösung in die Harnröhrenmündung anzuraten, wie sie sich in den zur Gonorrhoeprophylaxe in den Handel gebrachten und in jeder Apotheke vorrätigen Tuben "Viro" oder "Samariter" finden. Noch besser ist der Gebrauch guter Condoms, welcher mit absoluter Sicherheit vor der Erkrankung schützt. Der weiche Schanker ulcus molle) ist eine Geschwürbildung an den Geschlechtsteilen, welche wenige Tage nach dem infizierenden Beischlaf beginnt und im allgemeinen nach mehrwöchigem Verlaufe spontan abheilt. Der weiche Schanker wird, wie neuere Forschungen sichergestellt haben, durch einen Bazillus (Streptobazillus) hervorgerufen. Diese Krankheit kommt bei den Eingeborenen unserer Kolonien gleichfalls nicht selten vor. Es bilden sich zunächst gewöhnlich mehrere eitrig belegte, kleine Geschwüre mit weichem Grunde und zackigen Rändern, welche während mehrerer Tage wachsen und dann sich reinigen und abheilen. Gleichzeitig mit den Geschwüren kommt es zu einer schmerzhaften Anschwellung einer oder beider Leistenbeugen, deren Lymphdrüsen Sitz einer eitrigen Entzündung werden (Bubo inguinalis). Diese Entzündung führt gewöhnlich zu eitriger Einschmelzung, welche entweder zu spontanem Durchbruch des Eiters Veranlassung gibt oder operative Eiterentleerung erforderlich macht. Der weiche Schanker geht nicht selten über in den harten Schanker (Primäraffekt der Syphilis, s. d.). Man spricht dann von einem gemischten Schanker (chancre mixte). - Die Behandlung des weichen Schankers besteht in peinlicher Sauberhaltung der Wundflächen und in Bepuderung derselben mit einem desinfizierenden Pulver, Jodoform, Xeroform, Dermatol u. ä. Stets sollte, wenn möglich, ärztlicher Rat eingeholt werden. S. a. Gesundheitspflege.

Werner.