Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 718

Gesellschaft Nordwest - Kamerun. Unter dem 31. Juli 1899 wurde der "Gesellschaft Nordwest - Kamerun" auf Grund der Ksl. V. über die Schaffung, Besitzergreifung und Veräußerung von Grundstücken im Schutzgebiet von Kamerun vom 15. Juni 1896 unter gewissen Bedingungen das in den folgenden 50 Jahren zu schaffende Kronland in einem erheblichen Teile von Nordwest - Kamerun verliehen. Dieses Gebiet wird begrenzt im Süden vom Sannaga, im Osten durch eine Linie, die vom Schnittpunkt des Sannaga mit dem 12. Grad ö. L. nach Nordnordost läuft, Kontscha berührt und am 8. Breitengrade endigt, im Norden durch den 8. Breitengrad, im Nordwesten durch die deutschenglische Landesgrenze,: im Westen durch eine Linie, die von dem südlichsten Schnittpunkt des Kreuzflusses mit der Landesgrenze ausgehend in südöstlicher Richtung verläuft und den Sannaga an der Einmündung des Mbam trifft. Zur Zeit der Erteilung der Konzession war dieses Gebiet in seinem größeren Teile unerforscht, Handel bestand in ihm nicht. Die Regierung glaubte seine wirtschaftliche Ausnutzung nur dadurch möglich machen zu können, daß eine Gesellschaft mit erheblichen Mitteln sich dieser Aufgabe widmete. Innerhalb ihres etwa 90 000 qkm umfassenden Konzessionsgebietes wurde die Gesellschaft ermächtigt, solange die gesetzlich geregelten Landkommissionen dort noch nicht in Tätigkeit getreten seien, nach eingeholter Genehmigung des Gouverneurs selbst Land aufzusuchen, mit etwaigen Eigentümern und Beteiligten wegen Überlassung des Landes sich zu verständigen und es vorläufig in Besitz zu nehmen. Außerdem wurde der Gouverneur ermächtigt, innerhalb dieses Gebietes auf die Dauer von 20 Jahren alle Landankäufe der Gesellschaft vor jedem andem zu genehmigen. Abgesehen von der Verpflichtung, Land zu gewissen öffentlichen Zwecken abzugeben und die Freiheit des Handels zu achten, verpflichtete sich die Gesellschaft, das Gebiet zu erforschen, öffentliche Wege, Eisenbahnen, Kanäle, öffentliche Dampfschiffsverbindungen und andere Mittel für den inländischen und internationalen Verkehr selbst oder durch andere herzustellen und zu betreiben, in dem Maße, wie die Erschließung des Vertragsgebietes solches zweckmäßig erscheinen ließe. Daneben versprach sie, alle Arten von wirtschaftlichen Unternehmungen zu betreiben oder zu unterstützen, . das Gebiet nicht durch Raubbau auszuplündern, einen gewissen Teil des Reingewinns an den Fiskus abzugeben, jährlich wenigstens 100 000 M, binnen 10 Jahren aber 3 Mill. M aufzuwenden und zu der geplanten Expedition nach dem Tsadsee eine einmalige Beihilfe von 100 000 M zu leisten. Die Geltungsdauer der Konzession wurde auf 50 Jahre bestimmt, mit der Maßgabe, daß die von der Gesellschaft erworbenen Einzelrechte durch den Fortfall der Konzession nicht beeinträchtigt werden sollten. Falls die Gesellschaft nach dem Ablauf von 12 Jahren eine Eisenbahnverbindung zwischen der Küste von Kamerun und ihrem Konzessionsgebiete herstellen würde, sollte die Geltungsdauer der Konzession auf 60 Jahre verlängert sein. Die G. N. - K. begann alsbald nach der Konzessionserteilung mit der Erschließung ihres Gebietes. Neben Faktoreien in Duala gründete sie Niederlassungen in Rio del Rey und später in Old - Calabar in Süd - Nigerien. Letzteres geschah namentlich, um den Kreuzfluß für ihre Transporte zu benutzen. Auf diesem Flusse richtete sie einen Verkehr von Heckraddampfern ein. Im Konzessionsgebiete schuf sie zahlreiche Faktoreien. Sie ließ mehrere Forschungsexpeditionen ausführen, welche nicht unerhebliche wirtschaftliche und wissenschaftliche Ergebnisse hatten. Sie erbrachte den Nachweis, daß sie die ihr nach der Konzession obliegenden Aufwendungen auf ihr Gebiet gemacht habe. - Auf Grund der ersten Expedition beantragte sie im Jahre 1901 beim Gouverneur von Kamerun, ihr das durch die Expedition berührte Gebiet, das ganze Dreieck westlich der Balistraße so weit als Eigentum zu übertragen, als es Kronland sei. Die Reichsregierung entsprach diesem Antrage dadurch, daß sie unter dem 17. Aug. 1901 die Eigentumsübertragung genehmigte. Dabei wurde bestimmt, daß die Bedingungen, an welche nach § 12 der Ksl. V. vom 15. Juni 1896 die Übertragung des herrenlosen Landes geknüpft werden müsse, der Gouverneur festsetzen würde. Letzterer überwies das in dem bezeichneten Gebiete vorhandene herrenlose Land der Gesellschaft unter bestimmten aus der Verfügung ersichtlichen Bedingungen. In der Folge entstanden aber Zweifel darüber, ob diese Rechtsakte imstande gewesen seien, das Eigentum wirksam an die Gesellschaft zu übertragen. Um die Frage auszutragen, wurde ein Schiedsgericht bestellt. Dieses entschied unter dem 28. Mai 1906, daß die Gesellschaft kein Eigentum erworben habe, weil sie den zum Erwerb des Eigentums erforderlichen Besitz nicht erlangt habe. Die rechtliche Stellung der Gesellschaft erschien infolge des Schiedsspruchs als eine wenig gesicherte. - Die Gesellschaft machte zeitweise energische Versuche, ihr Konzessionsgebiet wirtschaftlich zu erschließen. Sie errichtete zwei Versuchspflanzungen in Abonando und Mundame, schuf mit erheblichen Kosten in Mamfe eine Ölfabrik, um die Früchte der Ölpalme auszunutzen, von einer Reihe von Faktoreien aus betrieb sie namentlich den Kautschuk-, Elfenbein-, Ebenholz-, Palmkern- und Palmölhandel. Diese Maßnahmen waren aber gleichwohl in keiner Weise ausreichend, um dauerndes wirtschaftliches Leben in das Konzessionsgebiet zu bringen. - Die Unternehmungen der Gesellschaft vermochten als Ganzes einen Gewinn über die Unkosten nicht zu erzielen, vielmehr wuchs der Verlust nach und nach zu solcher Höhe an, daß die ursprünglich energische Aufschließungsarbeit mehr und mehr eingestellt wurde. Zur Herstellung einer Eisenbahn von der Küste nach dem Konzessionsgebiete kam es nicht. Die Reichsregierung mußte deshalb die Herstellung einer Bahn von Duala nach den Manengubabergen (s. Eisenbahnen II a) dadurch selbst fördern, daß sie die gesetzgebenden Körperschaften zur Gewährung einer Reichsgarantie bestimmte. Im Zusammenhang mit diesem Bahnbau beabsichtigte die Regierung für den Ausbau eines Wegenetzes innerhalb des Konzessionsgebietes der Gesellschaft Fürsorge zu treffen. Unter Berufung auf die durch § 6 der Konzession geschaffene Verpflichtung, öffentliche Wege herzustellen, forderte die Regierung die Gesellschaft auf, sich über die Durchführung des Wegebaues und die dafür aufzuwendenden Mittel schlüssig zu machen. Die Gesellschaft erkannte aber eine Verpflichtung zum Bau der geforderten Wege nicht an. Nachdem Vergleichsverhandlungen gescheitert waren, zog die Regierung darauf durch V. vom 21. Sept. 1910 aus der Weigerung der Gesellschaft die Konsequenz und hob die der Gesellschaft erteilte Konzession auf. Gleichzeitig erklärte die Regierung sich aber bereit, soweit die Gesellschaft für die Vergangenheit Leistungen im öffentlichen Interesse nachzuweisen in der Lage sei, ihr entsprechende Flächen herrenlosen Landes zu übereignen. - Die Gesellschaft beruhigte sich bei dieser Entscheidung nicht, sondern, erhob Klage bei den deutschen Gerichten. Dieser Rechtsstreit, von dessen Ausgang die Existenz der Gesellschaft zu einem erheblichen Teile abhängen dürfte, hat sein Ende bislang noch nicht gefunden. Die G. N. - K. ist eine deutsche Kolonialgesellschaft mit einem Grundkapital von 4 000 000 M, welches später auf 4 360 000 M erhöht wurde. Die Anteile lauten auf 4000 M. Der Sitz der Gesellschaft ist Berlin.

Literatur: Schlußbericht der Kommission zur Prüfung der Rechte und Pflichten der in Kamerun tätigen Landgesellschaften (Reichstagsdrucksachen Nr. 196, 12. Legislaturperiode, II. Session 1909/10). - Jäckel, Die Landgesellschaften in den deutschen Schutzgebieten. Jena 1909, Gustav Fischer.

Meyer - Gerhard.