Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 726 f.

Gesundheitspflege. Wenn schon in den altzivilisierten Ländern der gemäßigten Breiten die allgemeine, öffentliche wie die persönliche Gesundheitspflege von der größten Bedeutung für das Volkswohl und für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des einzelnen sind, so gilt das noch in viel höherem Maße für die Kolonien und die Tropen, weil dort die durch die zivilisatorische Arbeit vieler Generationen gewonnenen Grundlagen für die Erfüllung wichtiger, uns aber hier vielfach wie von selbst erfüllt erscheinender Bedürfnisse ganz oder zu beträchtlichen Teilen fehlen, und weil zu den Aufgaben der heimischen G. in den Tropen neue von großer Bedeutung hinzutreten. Diese neuen Aufgaben sind die Bekämpfung der tropischen Infektionskrankheiten und die Abschwächung der ungewohnten Klimawirkungen (s. Akklimatisation). Je mehr unsere Kenntnisse über das Wesen der tropischen Gesundheitsschädigungen fortgeschritten sind, desto mehr hat sich gezeigt, daß die Schädigungen durch tropische Infektionskrankheiten von sehr viel größerer Bedeutung sind als die Klimawirkungen und daß jedenfalls noch auf lange Zeit hinaus die wichtigste Aufgabe der tropischen G. in der Bekämpfung der Infektionskrankheiten besteht. Wir haben aber auch gerade für diesen Kampf jetzt sehr viel bessere Waffen und deshalb auch dort, wo man diese. Waffen mit Geschick und in dem erforderlichen Umfange anwendet, sehr viel bessere Erfolge als früher. - Als Zahlenmaß für die Leistungen der G. dient die Höhe der Sterblichkeit der Gesamtbevölkerung und der einzelnen Altersklassen. In Deutschland ist die Jahresdurchschnittssterblichkeit der Gesamtbevölkerung jetzt bis auf 20 Promille, die der Erwachsenen bis zum 30. Jahre bis auf fast 5 0/00, die der Armee bis auf fast 2 Promille gesunken. Früher waren diese Zahlen beträchtlich höher. Die Sterblichkeit der preußischen Armee betrug z. B. in den Jahren 1829/38 noch das Siebenfache von der jetzigen. Der starke Rückgang ist allein der besseren G., insbesondere der erfolgreicheren Bekämpfung der Infektionskrankheiten zu danken. In den Tropen hat die Sterblichkeitsziffer früher erschreckend hohe Grade erreicht. In Sierra Leone betrug die Jahressterblichkeit der weißen Truppen 1817/37 483 0/00, d. h. fast die Hälfte der Truppen wurde in dieser Zeit jährlich durch den Tod hinweggerafft; die Sterblichkeit der Zivilbevölkerung betrug 170 Promille. In der Armee von Niederländisch - Indien starben in den Jahren 1819/28 von 1000 europäischen Soldaten jährlich 170, von farbigen Soldaten jährlich 138, in der englischindischen Armee 1800/30 jährlich 84 von 1000. Auch jetzt ist die Sterblichkeit in den Tropen wohl überall noch höher als bei uns zuhause. Daß es aber gelingt, sie durch hygienische Arbeit erheblich und bis auf ein erträgliches Maß herabzusetzen, zeigt sich jetzt. schon an vielen Stellen. Am größten sind zurzeit die Erfolge der tropischen G. am Panamakanal. Als die Amerikaner dort das Erbe der Franzosen antraten, erkannten sie bald, daß der Zusammenbruch der Arbeiten hauptsächlich durch die schlechten Gesundheitsverhältnisse verschuldet war. Durch energische, umsichtige und ohne Rücksicht auf die Kosten durchgeführte Anwendung der Lehren der modernen tropischen G. ist es gelungen, die vorher mörderische Sterblichkeit unter den Angestellten und Arbeitern am Kanalbau bis auf die Durchschnittssterblichkeit von Neuyork zu erniedrigen. Das hat mehr als 20 Mill. M an Ausgaben verursacht, aber auch zur Folge gehabt, daß für die Pläne der Ingenieure immer die ausführenden, gesunden Arbeitskräfte vorhanden waren. Auch in unseren tropischen Kolonien werden jetzt die Gesundheitsverhältnisse entsprechend der zunehmenden Erkenntnis von der Bedeutung einer guten G. und dem wachsenden Aufwand der dafür nötigen Mittel zunehmend besser, sind aber noch nirgends so günstig, daß sich nicht eine erhebliche Vergrößerung des bisherigen Aufwandes dafür rechtfertigte. "Kolonisieren heißt sanieren." Bei der Bekämpfung der tropischen Infektionskrankheiten handelt es sich in erster Linie um die Malaria, nur in einzelnen Gegenden sind andere Krankheiten, wie gelbes Fieber, Schlafkrankheit von noch größerer Bedeutung. Dann kommen Ruhr, Lepra, Rückfallfieber, Wurmkrankheit, Cholera, Pest u. a. m. Über die Bekämpfung dieser Krankheiten s. die einzelnen Artikel. - Die Gesundheitsverhältnisse der Europäer in den Tropen sind hauptsächlich von der Schwere und Häufigkeit der Malaria, der Ruhr, des gelben Fiebers abhängig. Die Klimawirkungen kommen erst in zweiter Linie. Bei der Ernährung, Kleidung, Wohnung und Lebensweise ist deshalb die Rücksicht auf diese Infektionskrankheiten voranzustellen (s.a. Hausbau der Europäer und Bekleidung). Die Schutzmaßregeln gegen die Infektionskrankheiten und der Klimaschutz beeinträchtigen sich übrigens kaum irgendwo ernstlich und stehen vielfach in engster Verbindung (s.a. Bekleidung und Hausbau der Europäer). - Die Eingeborenenhygiene ist für unsere Kolonien überall von mindestens ebenso großer, vielfach als Aufgabe der öffentlichen amtlichen Gesundheitspflege von sehr viel größerer Bedeutung als die Europäerhygiene. Die Eingeborenen sind das kostbarste Gut der Kolonien. Es ist nun ein Irrtum, anzunehmen, daß die Eingeborenen in den Tropen weniger unter Krankheiten litten als die Europäer, insbesondere von den endemischen Tropenkrankheiten, wie Malaria usw., verschont blieben. In vielen Tropengegenden wird die große Kindersterblichkeit bei den Eingeborenen und der Rückgang der eingeborenen Bevölkerung hauptsächlich durch Malaria bedingt. Bekannter sind die Verheerungen der Schlafkrankheit, der Lepra, der Pocken und der Wurmkrankheit. Wir Europäer haben den Eingeborenen die Tuberkulose, die Syphilis und die anderen Geschlechtskrankheiten gebracht. Sie haben an vielen Stellen unter den Eingeborenen fürchterlichen Schaden angerichtet und erfordern überall weit größere Aufmerksamkeit, als man ihnen bisher hat zuteil werden lassen. Dazu treten als wichtige Aufgaben der Eingeborenenhygiene die Bekämpfung der Kindersterblichkeit aus allgemeinen Ursachen, die Bekämpfung unhygienischer Volkssitten, die Alkoholfrage und vieles andere mehr. So umfaßt die tropische G. ein ungeheuer weites Gebiet, ihre Förderung bringt die größten praktischen, wirtschaftlichen Vorteile; ihre Vernachlässigung rächt sich unfehlbar auf allen Gebieten. Jedes wirtschaftliche Unternehmen, jede Expedition, jede militärische Aufgabe, jede Kulturaufgabe hat in den Tropen zur Vorbedingung ihrer Durchführung die überlegte, nicht mit Geldmitteln kargende, energische Anwendung der bewährten Lehren der modernen, tropischen G.

Literatur: Wissenschaftliche Lehrbücher über Tropenhygiene: Daniels, Alcock und Wilkinson, Tropical Medicine and Hygiene. London 1909/12. -Mewes Handbuch der Tropenkrankheiten. Lpz. 1905/06. - Nocht, Vorlesungen für Schiffsärzte. Lpz. 1906. Prout, Lessons on elementary sanitation with spectal reference to the tropics. London1905. Ruge und zur Verth, Tropenkrankheiten und Tropenhygiene. Lpz. 1912. - Schilling, Tropenhygiene. Lpz. 1909. - Simpson, The principles of Hygiene a8 applied to tropical and subtropical climates. London 1908. Populäre Schriften: Kohlstock, Ratgeber für die Tropen (neu bearbeitet von Mankiewitz). Stettin 1910. - Mense, Tropische Gesundheitslehre und Heilkunde. Berl. 1902. Nocht, Tropenhygiene (Göschensche Sammlung). Lpz. 1908. - Plehn, Tropenhygiene mit spezieller Berücksichtigung der deutschen Kolonien. Jena 1906.

Nocht.