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Gesundheitspflege. Wenn schon in den altzivilisierten Ländern der
gemäßigten
Breiten die allgemeine, öffentliche wie die persönliche
Gesundheitspflege
von der größten Bedeutung für das Volkswohl und für die Gesundheit und
Leistungsfähigkeit des einzelnen sind, so gilt das noch in viel höherem
Maße für die Kolonien und die Tropen, weil dort die durch die
zivilisatorische
Arbeit vieler Generationen gewonnenen Grundlagen für die Erfüllung
wichtiger,
uns aber hier vielfach wie von selbst erfüllt erscheinender Bedürfnisse
ganz oder zu beträchtlichen Teilen fehlen, und weil zu den Aufgaben der
heimischen G. in den Tropen neue von großer Bedeutung hinzutreten. Diese
neuen Aufgaben sind die Bekämpfung der tropischen Infektionskrankheiten und die
Abschwächung
der ungewohnten Klimawirkungen (s. Akklimatisation). Je mehr unsere Kenntnisse
über das Wesen der tropischen Gesundheitsschädigungen fortgeschritten
sind, desto mehr hat sich gezeigt, daß die Schädigungen durch tropische
Infektionskrankheiten von sehr viel größerer Bedeutung sind als die
Klimawirkungen
und daß jedenfalls noch auf lange Zeit hinaus die wichtigste Aufgabe der
tropischen G. in der Bekämpfung der Infektionskrankheiten besteht. Wir
haben aber auch gerade für diesen Kampf jetzt sehr viel bessere Waffen
und deshalb auch dort, wo man diese. Waffen mit Geschick und in dem
erforderlichen
Umfange anwendet, sehr viel bessere Erfolge als früher. - Als Zahlenmaß
für die Leistungen der G. dient die Höhe der Sterblichkeit der
Gesamtbevölkerung
und der einzelnen Altersklassen. In Deutschland ist die
Jahresdurchschnittssterblichkeit
der Gesamtbevölkerung jetzt bis auf 20 Promille, die der Erwachsenen bis
zum 30. Jahre bis auf fast 5 0/00, die der Armee bis auf fast 2 Promille
gesunken. Früher waren diese Zahlen beträchtlich höher. Die
Sterblichkeit
der preußischen Armee betrug z. B. in den Jahren 1829/38 noch das
Siebenfache
von der jetzigen. Der starke Rückgang ist allein der besseren G.,
insbesondere
der erfolgreicheren Bekämpfung der Infektionskrankheiten zu danken. In
den Tropen hat die Sterblichkeitsziffer früher erschreckend hohe Grade
erreicht. In Sierra Leone betrug die Jahressterblichkeit der weißen Truppen 1817/37 483 0/00, d. h. fast die Hälfte der
Truppen wurde in dieser Zeit jährlich durch den Tod hinweggerafft; die
Sterblichkeit der Zivilbevölkerung betrug 170 Promille. In der Armee von
Niederländisch - Indien starben in den Jahren 1819/28 von 1000
europäischen
Soldaten jährlich 170, von farbigen Soldaten
jährlich
138, in der englischindischen Armee 1800/30 jährlich 84 von 1000. Auch
jetzt ist die Sterblichkeit in den
Tropen wohl überall noch höher als bei uns zuhause. Daß es aber gelingt,
sie durch hygienische Arbeit erheblich und bis auf ein erträgliches Maß
herabzusetzen, zeigt sich jetzt. schon an vielen Stellen. Am größten
sind
zurzeit die Erfolge der tropischen G. am Panamakanal. Als die Amerikaner
dort das Erbe der Franzosen antraten, erkannten sie bald, daß der
Zusammenbruch
der Arbeiten hauptsächlich durch die schlechten Gesundheitsverhältnisse
verschuldet war. Durch energische, umsichtige und ohne Rücksicht auf die
Kosten durchgeführte Anwendung der Lehren der modernen tropischen G. ist
es gelungen, die vorher mörderische Sterblichkeit unter den Angestellten
und Arbeitern am Kanalbau bis auf die Durchschnittssterblichkeit von
Neuyork
zu erniedrigen. Das hat mehr als 20 Mill. M an Ausgaben
verursacht, aber auch zur Folge gehabt, daß für die Pläne der Ingenieure
immer die ausführenden, gesunden Arbeitskräfte vorhanden waren. Auch in
unseren tropischen Kolonien werden jetzt die Gesundheitsverhältnisse
entsprechend
der zunehmenden Erkenntnis von der Bedeutung einer guten G. und dem
wachsenden
Aufwand der dafür nötigen Mittel zunehmend besser, sind aber noch
nirgends
so günstig, daß sich nicht eine erhebliche Vergrößerung des bisherigen
Aufwandes dafür rechtfertigte. "Kolonisieren heißt sanieren." Bei der
Bekämpfung der tropischen Infektionskrankheiten handelt es sich in
erster
Linie um die Malaria, nur in einzelnen Gegenden sind andere
Krankheiten,
wie gelbes Fieber, Schlafkrankheit von
noch größerer Bedeutung. Dann kommen Ruhr,
Lepra, Rückfallfieber, Wurmkrankheit, Cholera, Pest u. a.
m. Über die Bekämpfung dieser Krankheiten s. die einzelnen Artikel. -
Die Gesundheitsverhältnisse der Europäer in den Tropen sind
hauptsächlich
von der Schwere und Häufigkeit der Malaria, der Ruhr, des gelben Fiebers
abhängig. Die Klimawirkungen kommen erst in zweiter Linie. Bei der Ernährung, Kleidung, Wohnung und Lebensweise
ist deshalb die Rücksicht auf diese Infektionskrankheiten voranzustellen
(s.a. Hausbau der
Europäer
und Bekleidung). Die Schutzmaßregeln
gegen die Infektionskrankheiten und
der Klimaschutz beeinträchtigen sich übrigens kaum irgendwo ernstlich
und stehen vielfach in engster Verbindung (s.a. Bekleidung und Hausbau
der Europäer). - Die Eingeborenenhygiene
ist für unsere Kolonien überall von mindestens ebenso großer, vielfach
als Aufgabe der öffentlichen amtlichen Gesundheitspflege von sehr viel
größerer Bedeutung als die Europäerhygiene. Die Eingeborenen sind das
kostbarste Gut der Kolonien. Es ist nun ein Irrtum, anzunehmen, daß die
Eingeborenen in den Tropen weniger unter Krankheiten litten als die
Europäer,
insbesondere von den endemischen Tropenkrankheiten, wie Malaria usw.,
verschont
blieben. In vielen Tropengegenden wird die große Kindersterblichkeit bei den
Eingeborenen
und der Rückgang der eingeborenen Bevölkerung hauptsächlich durch
Malaria
bedingt. Bekannter sind die Verheerungen der Schlafkrankheit, der Lepra, der Pocken und der Wurmkrankheit. Wir Europäer haben den
Eingeborenen die Tuberkulose, die Syphilis
und die anderen Geschlechtskrankheiten gebracht. Sie
haben an vielen Stellen unter den Eingeborenen fürchterlichen Schaden
angerichtet und erfordern überall weit größere Aufmerksamkeit, als man
ihnen bisher hat zuteil werden lassen. Dazu treten als wichtige Aufgaben
der Eingeborenenhygiene die Bekämpfung der Kindersterblichkeit aus
allgemeinen
Ursachen, die Bekämpfung unhygienischer Volkssitten, die Alkoholfrage
und vieles andere mehr. So umfaßt die tropische G. ein ungeheuer weites
Gebiet, ihre Förderung bringt die größten praktischen, wirtschaftlichen
Vorteile; ihre Vernachlässigung rächt sich unfehlbar auf allen Gebieten.
Jedes wirtschaftliche Unternehmen, jede Expedition, jede militärische
Aufgabe, jede Kulturaufgabe hat in den Tropen
zur Vorbedingung ihrer Durchführung die überlegte, nicht mit Geldmitteln
kargende, energische Anwendung der bewährten Lehren der modernen,
tropischen
G.
Literatur: Wissenschaftliche Lehrbücher über Tropenhygiene: Daniels,
Alcock und Wilkinson, Tropical Medicine and Hygiene. London 1909/12. -Mewes
Handbuch der
Tropenkrankheiten. Lpz. 1905/06. - Nocht, Vorlesungen für Schiffsärzte. Lpz.
1906. Prout, Lessons on elementary sanitation with spectal reference to the
tropics. London1905. Ruge und zur Verth,
Tropenkrankheiten und Tropenhygiene. Lpz. 1912. - Schilling, Tropenhygiene. Lpz.
1909. - Simpson, The principles of Hygiene a8 applied to tropical and
subtropical climates. London 1908. Populäre Schriften: Kohlstock, Ratgeber für
die Tropen (neu
bearbeitet von Mankiewitz). Stettin 1910. -
Mense, Tropische Gesundheitslehre und Heilkunde.
Berl. 1902. Nocht, Tropenhygiene (Göschensche Sammlung). Lpz.
1908. - Plehn, Tropenhygiene mit spezieller Berücksichtigung der deutschen
Kolonien. Jena 1906.
Nocht.
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