Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 730 f.

Gewerbesteuern. G. sind eine naheliegende Art der Besteuerung in Kolonien. Die Handelsunternehmungen, die in erster Linie Vorteil von der Einrichtung einer geordneten Staatsverwaltung haben, werden dadurch zur Tragung dieser Kosten herangezogen. Die Formen der G. können sehr verschiedenartig sein, grundsätzlich jeden Gewerbebetrieb nach seinem Ertrage oder nach einem Klassentarif heranziehen oder einzelne Arten der Gewerbe (Lizenzgebühren), indem für diese Lösung eines Gewerbescheines vorgeschrieben und mit der Erhebung einer Steuer verbunden wird. In dieser Form lassen sich mit der G. auch gewerbepolizeiliche Zwecke verknüpfen, welche auf eine Kontrollierung oder gar Verminderung solcher Gewerbebetriebe abzielen. In den deutschen Schutzgebieten finden sich die verschiedenartigsten G., wobei in Kiautschou und in Samoa angelsächsische Vorbilder kommunaler Besteuerung unverkennbar, in Ostafrika deutsche Steuerprinzipien befolgt sind. Nachdem durch V. vom 17. Febr. 1894 die Erteilung der Erlaubnisscheine zum Branntweinausschank mit der Erhebung einer Gebühr verbunden war, ist eine allgemeine G. (22. Febr. 1899) für Deutsch -Ostafrika eingeführt, zunächst für einen Teil des Schutzgebiets, allmählich weiter ausgedehnt, und durch V. vom 7. Dez. 1907 neugeordnet. An Stelle der anfänglich nach Klassen (anfangs 7, 1900: 14) abgestuften, ist eine Steuer vom Reinertrag in Höhe von 4% getreten. Ist ein Reingewinn nicht zu ermitteln, beträgt die Steuer 1 1/2 % des Umsatzes. Ist klein Reinertrag oder ein solcher von weniger als 1500 Rupien erzielt worden, wird vom Anlage- und Betriebskapital, wenn es 40 000 Rupien oder mehr beträgt, 1 vom 1000 des Kapitals erhoben, aber nicht mehr als 400 Rupien. Der Kreis der Steuerpflichtigen ist ziemlich eng gezogen. Wie in den deutschen G. bleiben die Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft, Viehzucht, Fischfang, Jagd, Gartenbau) und die liberalen Berufe frei, aber auch der Bergbau, der Eisenbahnbetrieb, die gewerbsmäßige Beförderung von Personen oder Waren, die Hausindustrie der Eingeborenen, das Handwerk, wenn die verarbeiteten Gegenstände nicht gewerbsmäßig verkauft werden. Nicht die G. sondern eine Lizenzgebühr zahlen die konzessionspflichtigen Gewerbe für ihren Gewerbeschein, nämlich Schank-, Gast- und Speisewirte, Viehhändler, Pfandleiher, Auktionatoren und Geschäftsvermittler und Personen, die ohne einen offenen Laden oder eine feste Handelsstelle zu besitzen, gewerbsmäßig Waren verkaufen oder ankaufen (also die Hausierer). Die jährlich zu zahlende Gewerbescheinsgebühr ist in 14 Klassen, von 6 -2000 Rupien abgestuft, beträgt aber für Wirte, welche alkoholische, Getränke europäischer Art ausschenken, nicht weniger als 100 Rupien. Kaufleute und Händler, die einen Laden eröffnen, haben eine einmalige Gebühr in 4 Klassen von 24 -240 Rupien zu zahlen. Die Einnahme aus der G. hat sich entsprechend ihrer örtlichen Ausdehnung und nach der neuerlichen Umgestaltung folgendermaßen entwickelt:

Allgemeiner Natur ist die G. auch in Deutsch-Neuguinea (V. vom 26. Jan. 1905, die an Stelle der V. der Neuguinea-Komp. vom 30. Juni 1888 trat), wonach Personen, die Handelsgeschäfte, Handwerksgewerbe oder das Gastwirts- und Schankgewerbe ausüben, jährlich eine Klassensteuer in den drei Abteilungen der Klein-, Mittel- und Großbetriebe in 6, 6 und 4 Stufen von 40 - 4000 M zu entrichten haben (vorher 6 Klassen mit 40 - 600 M). Auf den Marshallinseln wurde 1888 eine mehrfach veränderte G. von kaufmännischen Firmen und Handelsstationen, von handeltreibenden Schiffen wie Schank- und Gastwirtschaften, in den Karolinen und Marianen (1902 und 1905) für Firmen und Handelsstationen eingeführt. Die Einnahme im ganzen Schutzgebiet ist 1914 auf rund 81000 M geschätzt. In Samoa (V. vom 1. Juli 1901 und 12. Nov. 1909, anschließend an Art. VI der Generalakte der Samoakonferenz vom 14. Juni 1889) besteht eine G. nach der Bedeutung der Lagerräume, Läden usw. in 4 (früher 5) Klassen mit Steuersätzen von 300 - 1000 M, für Kopraschuppen 50 M. Daneben Lizenzen mit festen Sätzen (25 - 800 M) für eine Reihe von Gewerben: Gastwirte, Brauerei, Brennerei, Mineralwasser-, Eisfabrikation, Druckerei, Fleischerei, Bäckerei, andere Handwerke, und von Berufen (50 - 500 M): Anwälte, Ärzte, Landmesser, Auktionatoren, Photographen, Geschäftsreisende. Die hier mit aufgezählte Steuer der Beamten und Angestellten, in 5 Klassen mit 20 -400 M, ist wohl eher als eine Art Einkommensteuer zu bezeichnen. Durch V. vom 15. Dez. 1913 wurden die Gebühren für die Erlaubnisscheine für den Ausschank und Handel mit geistigen Getränken auf 400 - 800 M festgesetzt. Welcher Betrag von der allgemeinen Steuereinnahme auf die G. entfällt, läßt sich nicht angeben. Noch spezieller begrenzt ist die G. in Togo. Hier wurde 1890 (27. Okt.) eine Firmensteuer eingeführt, deren 1891 erhöhte Sätze, 1899 (4. Aug.) wieder ermäßigt wurden. Es wird unterschieden zwischen Firmen, die Aus- und Einfuhr, die nur Aus- oder Einfuhr betreiben und anderen. Die Steuer beträgt 800, 400 und 100 M und in den beiden ersten Kategorien für jede Zweigniederlassung 100 - 400 M. Hausierer haben für den Wandergewerbeschein jährlich 500 M zu zahlen. Der Marktverkehr ist von der Handelsabgabe frei. Ferner ist für die Erlaubnis zum Gummihandel ein Schein zu lösen, für den außerhalb der Schutzgebiete Ansässige oder im Dienste auswärtiger Firmen stehende Händler eine Gebühr von 1000 M jährlich zahlen müssen (V. vom 20. Febr. 1897). Endlich besteht eine Lizenzabgabe für den Kleinhandel und Ausschank von Branntwein, die halbjährlich 50 M beträgt (V. vom 28. März 1900, an Stelle der V. vom 10. Sept. 1894). Die Einnahme war 1914 veranschlagt:

Nur Schank- und Hausiersteuern besitzen Kamerun und Deutsch- Südwestafrika. In Kamerun bestehen Abgaben vom Handel mit Spirituosen schon seit V. vom 20. Juli 1885. Jedes Geschäftshaus, das mit Spirituosen handelt, hatte danach 2000 M jährlich zu entrichten. Vom Kleinhandel und Ausschank war (20. Dez. 1900) jährlich 100 M zu bezahlen. An die Stelle dieser Abgaben trat durch V. vom 27. März 1907 eine einheitliche Abgabe von 400 M für den Kleinhandel und Ausschank. Etatsansatz für 1914: 118 000 M. Wanderhändler müssen nach V. vom 4. März 1908 einen Erlaubnisschein besitzen, für den 25 M Gebühr zu zahlen sind. Ertrag 1912 und Etatsansatz für 1914: 500 000 M. - In Deutsch -Südwestafrika sind die Bestimmungen über die Schanksteuer seit 1893 vielfach geändert worden. Über die jetzt bestehende Ordnung von 1907 resp. 11. März 1911 s. Alkohol. Der Ertrag ist 1914 auf 250 000 M angesetzt und soll den Gemeinden und Bezirksverbänden überwiesen werden. Es kommen aber auch schon selbständige kommunale Zuschläge vor. Die Wandergewerbesteuer, eingeführt 1895, jetzt durch V. vom 14. Juni 1912 (KolBl. S. 792) geregelt, beträgt für je drei Monate: für Wandergewerbetreibende, je nachdem sie den Handel ohne oder mit Fuhrwerk betreiben, 50 oder 150.9, für jedes weitere Fuhrwerk 100 M Zuschlag; für Schausteller usw. 20 M; für Inhaber von Wanderlagern 150 oder 300 M; für Handlungsreisende von Firmen, die im Schutzgebiet keine Niederlassung haben, 200 oder 250 M. Im Etat für 1914 ist die Wander - G. mit 10 000 M eingesetzt. - In Kiautschou bestehen Lizenzgebühren für bestimmte Gewerbe (Tarif 1. Nov. 1904): Auktionatoren, Boote, Wagen, Opiumschenken, Gast- und Schankwirtschaft, Theater und Konzerthäuser, Pfandhäuser, Waffenhandel, Lotterien. Ansatz im Etat für 1914: 100 000 M.

Rathgen.