Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 733 f.

Gewohnheitsrecht entsteht auf Grund einer lang dauernden Übung, in welcher die allgemeine Überzeugung von dem Bestehen eines entsprechenden Rechtssatzes zum Ausdruck gelangt. Hierdurch unterscheidet sich das G. von der Volkssitte und dem Geschäftsgebrauch, die nur für die Auslegung von Willenserklärungen in Betracht kommen. G. ist Rechtsquelle, jedoch nur insoweit, als ihm der Gesetzgeber diese Bedeutung zukommen läßt (so daß z. B. wegen § 2 StGB. positives Strafrecht durch G. nicht entstehen kann). Unter der gedachten Voraussetzung kann sich G. auch gegen das Gesetz bilden. Der Beweis des Bestehens eines G.s ist gemäß § 293 ZPO. nur insofern nötig, als es dem Gericht unbekannt ist. Bei der Ermittlung von G. ist das Gericht auf die von den Parteien beigebrachten Nachweise, nicht beschränkt, kann vielmehr auch andere Erkenntnisquellen benutzen und zu diesem Zwecke das Erforderliche anordnen. -G. ist in den Schutzgebieten kraft ausdrücklicher Vorschrift des § 40 KonsGG. (§ 3 SchGG.) maßgebend in Handelssachen. Nur so weit, als das im Schutzgebiete geltende HG. nicht ein anderes bestimmt, finden dort die Vorschriften des HGB. (§ 19 KonsGG.) Anwendung (s. Handelsrecht). Die Frage, inwieweit sich sonst auf den durch § 3 SchGG., § 19 ff KonsGG. geregelten Rechtsgebieten G. bilden kann, erscheint zweifelhaft. Da die Regelung eine reichsgesetzliche ist, ist jedenfalls die Bildung partikularen G. entgegen den durch das SchGG. eingeführten Vorschriften des BGB. usw. (einschl. derjenigen des preußisehen ALR., die in den Schutzgebieten als gemeinrechtliche gelten) für ausgeschlossen und n ur in Übereinstimmung mit der für das Reichsgebiet herrschenden Auffassung die Bildung gemeinen G. für zulässig zu erachten, die indes wenig wahrscheinlich ist. Soweit es jedoch auf den in Rede stehenden Gebieten für die Schutzgebiete an Vorschriften fehlt oder soweit die durch § 3 SchGG., § 19 KonsGG. eingeführten Vorschriften in den Schutzgebieten gemäß § 20 KonsGG. mangels Vorhandenseins der darin vorausgesetzten Einrichtungen und Verhältnisse außer Anwendung bleiben oder auf Grund des § 21 KonsGG. vom Kaiser außer Kraft gesetzt sind (§ 2 Abs. 2 Ksl. V., betr. die Rechte an Grundstücken, v. 21. Nov. 1902, RGBl. S. 283), ist auch für die Bildung partikularen G. Raum. - Das G. spielt ferner im Verfassungs- und Verwaltungsrecht der Schutzgebiete eine große Rolle. Die Stellung der Gouverneure im Behördenorganismus, sowie auch diejenige der für die allgemeine Verwaltung zuständigen Lokalbehörden und die Abgrenzung ihrer Befugnisse bestimmen sich mangels ausdrücklicher Vorschriften in der Hauptsache nur nach G., ebenso z.B. der Begriff der Polizei. - G. kommt endlich in weitem Umfange auf dem Gebiete des Eingeborenenrechts (s.d.) in Betracht, teils als althergebrachtes, auf Stammessitten beruhendes Recht (Stammesrecht), teils als rezipiertes Recht (wie z.B. für die mohammedanische Bevölkerung in Ostafrika das Recht des Korans), teils als auf Neubildung beruhendes G. im engeren Sinne, welches unter dem Einfluß der Berührung mit der Kultur, insbesondere auch im Verkehr mit der weißen Bevölkerung (auf dem Gebiete des sog. gemischten Rechts) zu entstehen und das Stammesrecht allmählich zu verdrängen pflegt. Namentlich kann derartiges G. auch aus der Praxis der mit der Eingeborenenrechtspflege betrauten Behörden erwachsen (Erl. des AAKA. v. 15. Jan. 1907, KolGG. Bd. 11 S. 54). Entsprechend den auch sonst für die Anerkennung von G. geltenden Grundsätzen werden die Rechtsgewohnheiten der Eingeborenen in der Rechtsprechung nur insoweit berücksichtigt, als sie nicht - vom Standpunkt einer europäischen Kulturnation aus beurteilt - gegen die gesunde Vernunft und die guten Sitten verstoßen (vgl. den erwähnten Erl.).

Gerstmeyer.