Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 741

Gnadengesuche, in erster Linie Gesuche um Erlaß oder Milderung gerichtlich erkannter Strafen im Wege der Gnade des Staatsoberhaupts, in den Schutzgebieten des Kaisers §§ 3 SchGG., 72 KonsGG.). Die G. werden durch die Zentralbehörden (RKA. bzw. für Kiautschou RMA.) bearbeitet, welche sie nach den Anweisungen des Kaisers prüfen und gegebenenfalls Bericht erstatten, nachdem die beteiligten Gouverneure und Gerichte gehört worden sind. Um bei den weiten Entfernungen den Erfolg eines G. nicht in Frage zu stellen, kann Strafaufschub gewährt werden (s.d.). Kraft seiner Schutzgewalt ist der Kaiser auch zu sonstigen Gnadenakten zuständig, z.B. zum Erlaß von Forderungen des Fiskus. Zur Entscheidung über G., welche die Niederschlagung von Zöllen, Steuern und sonstigen Abgaben sowie der durch Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften der Zoll-, Steuer- und Abgabengesetzgebung verwirkten Strafen betreffen, sind für die afrikanischen und Südsee-Schutzgebiete, soweit es sich um Beträge bis zu 500 M (400 Rupien) oder um Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten handelt, die Gouverneure, bei höheren Beträgen bis zu 5000 M - bei Strafen ohne Begrenzung- der Staatssekretär des RKA. ermächtigt (Allerh. Erl. vom 1. Juli 1902, KolGG. S. 482 und RErl. vom 27. Juni 1904, KolGG. S. 139).

Gerstmeyer.