Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 750

Gräser, eine der artenreichsten Familien aus der Klasse der Monokotyledonen oder einkeimblättrigen Gewächse, in der Mehrzahl einjährige oder ausdauernde Kräuter mit zweizeilig gestellten, parallelnervigen, schmalen, am Grunde in eine gespaltene Scheide übergehenden Blättern und halmartigen, hohlen, durch Knoten gegliederten Stengeln. Die Blüten bestehen aus Hochblättern (Spelzen), gewöhnlich 3 Staubblättern und einem Fruchtknoten und sind zu Ährchen vereint, die wieder Ähren oder Rispen zusammensetzen. Die Frucht ist eine Karyopse mit mehl- und eiweißreichem, den Embryo seitlich bergenden Samen. Die G. sind über die ganze Erde verbreitet und bilden fast überall durch ihr geselliges Vorkommen einen vorwiegenden Bestandteil der Krautvegetation. Sie gehören zu den wichtigsten Getreide- und Futterpflanzen und werden darum in umfassender Weise angebaut. Die höchste Bedeutung als Futterpflanzen haben sie da, wo es an anderen Weidegewächsen für das Vieh fehlt, so namentlich in Hochgebirgen und Steppengebieten. Wo sie in der gemäßigten Zone einen dichten Bestand bilden, läßt sich ein Reservefutter, das Heu, aus ihnen gewinnen, anderwärts, wie in Deutsch-Südwestafrika, läßt man sie zu dem Zweck "auf dem Halm" trocknen. Keineswegs alle G. werden vom Vieh angenommen, teilweise darum nicht, weil ihre Blätter und Halme im Alter stark verkieseln. Diesem Übelstande begegnen die auf Viehzucht angewiesenen Eingeborenen dadurch, daß sie in der Trockenzeit Grasbrände (s.d.) hervorrufen. Die nach solchen mit Eintritt der Regen neu hervorbrechenden Triebe werden dann wieder gefressen. Über den Nährwert der heimatlichen Gräser sind wir im allgemeinen unterrichtet, -der der tropischen und subtropischen ist nur zum allergeringsten Teile bekannt, wenngleich Eingeborene, wie die Massai (s.d.), die Herero (s.d.) und Hottentotten (s.d.), durch Erfahrung belehrt, manches darüber wissen. Die Blätter und Halme vieler G. werden für Flechtwerk, zur Herstellung von Taschen, Körbchen, Hüten und Matten benutzt, das Wurzelwerk anderer liefert grobe Bürsten. Die Papierindustrie Englands insbesondere hat sich des Halfa- und Espartograses (Aristida tenacissima und Lygeum spartum) bemächtigt, die Technik der Dünenbefestigung bedient sich einer Reihe von G. zur Bindung des Sandes. Siehe auch Zuckerrohr und Bambus. - Die einjährigen G. sterben nach der Fruchtzeit ab, die ausdauernden sind mit unterirdischen Wurzelstöcken oder mit oberirdisch kriechenden Ausläufern ausgerüstet. Zu letzteren gehören die rasenbildenden G., zu ersteren die Bülteng., die in Steppen und Savannen eine Hauptrolle spielen und sich dem Ackerbau feindlich erweisen, da sie schwer auszurotten sind. In Afrika ist das Elefanteng. (Pennisetum purpureum) in dieser Hinsicht bemerkenswert, in den Schutzgebieten der Südsee das Alang- Alang (s.d.).

Literatur: Hackel in Engler- Prantls Natürl. Pflanzenfamilien. Lpz. 1887.

Volkens.