Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 760

Groß - Namaland (s. Tafel 61), der Süden von Deutsch- Südwestafrika, das alte Hottentottengebiet, im Gegensatz zu dem britischen Klein - Namaland südl. vom Oranjeflusse. Das G. - N. reicht von 23° s. Br. bis zu dem genannten Grenzflusse und erstreckt sich von der Küste bis zum 20° ö. L., der zugleich die Grenze des Schutzgebietes gegen Britisch- Betschuanaland bildet. Das Gebiet, das auf diese Weise umgrenzt wird und das annähernd mit dem geographischen Begriffe des Namalandes zusammenfällt, umfaßt somit rund 300 000 qkm, allerdings unter Einbeziehung des in mancher Beziehung selbständigen Westens, mithin bildet es etwa die Hälfte des, vorläufig für die Besiedlung in Frage kommenden Teiles des Schutzgebietes. Da das Rehobother Bastardland sowohl orographisch wie hydrographisch kaum vom Namalande getrennt werden kann, zu dem es auch geschichtlich weit mehr Beziehungen besitzt als zu dem ehemaligen Hererolande, so ist die Abgrenzung des Namalandes nach Norden mit keinen sonderlichen Schwierigkeiten verknüpft. Wir können uns dabei einfach an die hydrographische Zugehörigkeit des mittleren Hochgebietes von Deutsch-Südwestafrika halten. Das gesamte Zuflußland des Weißen Nossob, der Südabhang der Auasberge (s.d.) und des Komashochlandes (s.d.) und endlich. der Rand der nach Norden zum tief eingeschnittenen Tale des Swakop absinkend-en Hochländer westlich von Otjimbingwe geben eine Naturgrenze, die zugleich mit der seit Jahrzehnten bestehenden Südgrenze der von den Herero dauernd oder zeitweilig beweideten Landschaften oder der e thnographisch selbständigen Gegenden gut übereinstimmt. Unter G. - N. im engeren Sinne kann man das Gebiet des Großen Fischflusses verstehen, d. h. wenn man von rein orographischen Gesichtspunkten aus eine Abgrenzung des Landes vornimmt. Der Bau dieses Gebiets ist sowohl in geologischer wie in orographischer Beziehung außerordentlich von demjenigen des angrenzenden Hererolandes verschieden. Als besonderes Kennzeichen mag hier angeführt werden, daß außer im Norden und im Süden das Urgestein völlig in den Hintergrund tritt und daß statt der Granit- und Gneismassen, die für das Hereroland (und auch für die Namib) so bezeichnend sind, geschichtete Gesteine in größtem Umfange im Fischflußgebiet verbreitet sind. Damit in Zusammenhang steht der Unterschied, den selbst der Laie zwischen den äußeren Formen der gebirgigen Landschaften im Namalande gegenüber denjenigen des Hererolandes festzustellen vermag. Während im Norden die schroffen, spitz und scharf aufragenden Umrisse der einzelnen Kuppen wie der Bergzüge und Hochlandränder charakteristische Bildungen aller Erhebungsgebiete sind, trifft man hier auf horizontalliegende Schichten großen Umfangs. Die Charakterform des Namalandes ist daher diejenige der Tafelländer und der Tafelberge mit ihren Steilrändern und den dazu in scharfem Gegensatze stehenden horizontalen Flächen an der Oberseite. Die Flußtäler, die streckenweise Grabenversenkungen ihre Entstehung verdanken dürften, stellen für uns rein orographisch den Sockel des Landes dar, von dem aus wir die Tafelländer und Berge sich erheben sehen. Von einer mittleren Höhe des Fischflußgebietes kann man daher nicht mit der Annäherung an die Wirklichkeit sprechen wie im Herero- oder gar im Ambolande. Wir müssen uns begnügen, einige der Höhen zu berücksichtigen, die das hier ganz an die Talzüge gebundene Hauptkulturland sowie einige der Berghöhen aufweisen. Zum Verständnis des Ganzen mag dabei die Angabe genügen, daß das ganze Gebiet von Norden nach Süden sich im Mittel erniedrigt. -Während noch der Norden, das Bastardland, bei Rehoboth 1400 m hoch liegt, ist schon unter dem 24° s. Br. die Höhe der Täler niedriger als 1300; bereits einen Breitengrad südlicher ist sie auf weniger als 1200 m herabgesunken, beträgt unter 26° nicht mehr 1100 und ist einen weiteren Grad südlicher schon stark unter die Grenze von 1000 m erniedrigt. Für das östliche Namaland, das von einem sehr allmählich nach der innern Kalahari (s.d.) absinkenden Hochlande gebildet wird, läßt sich dagegen mit vollem Recht von einer mittlern Seehöhe sprechen. Dies weite Gebiet unabsehbarer Ebenen senkt sich langsam von rund 1400 m im äußersten Nordwesten auf rund 1200 m in einer von Mariental - Rietmont über Aminuis ziehenden Zone. In einer dieser parallelen, von Keetmanshoop auf die Ostgrenze des Schutzgebiets unter 25° s. Br. streichenden Zone wird die 1000 - m - Linie erreicht und mit ihr jene Höhenstufe, die für den Rand des südlichen Kalaharibeckens charakteristisch ist. - Die Gebirge des Namalandes übersteigen nur in zwei Landschaften die Höhengrenze von 2000 m. Dies ist der Fall in dem wilden Hochgebiet zwischen dem 23. und 24. Grade s. Br. im Westen des Rehobother Landes, das aber eigentlich nur ein Teil des zentralen Hochlandes von Deutsch - Südwestafrika ist. Innerhalb des eigentlichen Namalandes erheben sich die Tafelländer zu beiden Seiten der unter 17° ö. L. verlaufenden Tallinie, die höher ist als die Senke des Fischflusses, zwar zu mehr als 1500 m, aber nur allein das Große Karasgebirge (s.d.) im Südosten von Keetmanshoop, das zudem eine ältere Gesteinsinsel innerhalb der umliegenden Schichten darstellt, bietet mit 2000 m absoluter und rund 1000 m relativer Höhe das Bild eines mächtigen und imposanten Massivs auch hinsichtlich der Erhebung über die umliegenden Landschaften. - Die Hauptwasseradern im Namalande, der Große Fischfluß (s.d.), der zu dessen System gehörende Koankip (s.d.) sowie die verschiedenen dem Nossob (s.d.) tributären Adern unterscheiden sich im Bau ihres Bettes sowohl wie hinsichtlich des Gefälles so sehr, daß dadurch auch eine starke Verschiedenheit ihres rein hydrographischen Charakters bedingt wird, die sich bei den Nossobzuflüssen in der viel größeren Seltenheit oberflächlichen Fließens und nicht zum wenigsten auch in der geringeren Häufigkeit ergiebiger Wasseransammlungen innerhalb der Trockenzeit zeigt. - Klimatisch ist das Namaland das vergleichsweise kühlste Gebiet von Deutsch-Südwestafrika. Bezeichnend für die Temperatur (s. hierfür und für die folgenden Angaben die Ausführungen in der allgemeinen Darstellung von Deutsch- Südwestafrika) ist die große Kontinentalität des Ganges, starke Hitze im Sommer und lebhafte Abkühlung während der Nacht. Die Sommertemperaturen sind in den heißesten Monaten durchaus nicht niedriger als im Hererolande, doch sind sie gerade hier infolge der Lufttrockenheit und der großen Tagesschwankung besonders leicht zu ertragen. Die Winter gleichen völlig jenen im Hererolande, kurz, das Klima erweist sich auf Grund seiner Temperaturlage als durchaus gesund auch für den körperlich angestrengt tätigen Europäer. Gesundheitlich zeigt sich diese Eigenart auch in der Seltenheit von schwereren Fällen von Malaria und Dysenterie im Innern des Namalandes. - Leider steht der auch für den Weißen so angenehmen Wärmeentwicklung eine ungewöhnliche Niederschlagsarmut gegenüber. Das Namaland gehört selbst im Innern zu den trockensten Gebieten von ganz Südafrika. Das gilt namentlich von den dem Oranjeflusse benachbarten Gebieten, aber in hohem Grade auch von den westlichen Hochländern südlich vom 24° s. Br. In diesem ganzen recht ausgedehnten Teile von G. Fallen im jährlichen Durchschnitt weniger als 20 cm. Mehr als 30 cm Regen im Jahre empfängt nur der äußerste Norden, also die Gehängelandschaft des zentralen Hochlandes und , das Land an den oberen Zuflüssen des Nossobsystems. Zudem, wird das Namaland nicht selten von schweren Dürreperioden heimgesucht. Auch dauert die normale Trockenzeit hier erheblich länger als in den mittleren Teilen unserer Kolonie. - Dieser klimatischen Eigenart entspricht im, Namalande eine Pflanzenwelt, die den Steppencharakter noch deutlicher zur Schau trägt als diejenige der übrigen Großlandschaften. Besondere Merkmale dafür sind die Ausdehnung der Wüstengewächse (Euphorbien usw.). bis weit in das Innere, so z.B. im Oranjeland, die Dürftigkeit des oft mit Halbsträuchern durchsetzten Graslandes und endlich die Seltenheit der Holzgewächse, von denen die Akazien selbst in ihrer buschförmigen Entwicklung sich außerhalb des Rehobother Gebiets nur noch in den Steppen im Nossoblande stärkerer Verbreitung erfreuen. Der Baumwuchs beschränkt sich auf die Umgebung der größeren Flüsse, dagegen gibt es in großem Umfange jene Weidegegenden, deren mit Halbsträuchern und sehr wenig oder gar keinem Grase bestandenen Flächen man namentlich im Innern der Kapkolonie, in der Karru, begegnet. Entsprechend dieser vergleichsweisen Armut an kräftigem Pflanzenwuchs gibt es hier auch kaum einheimische Nutzpflanzen, von den die sog. Feldkost (s.d.) liefernden Gewächsen etwa abgesehen. - Die Tierwelt des Namalandes unterscheidet sich von derjenigen der übrigen Schutzgebiete weder durch besondere Formen noch durch Reichhaltigkeit des Vorkommens. Hier waren die großen Arten einer früheren Zeit noch eher als innerhalb der nördlichen Steppen zurückgedrängt bzw. ganz ausgerottet, und augenblicklich kann das Namaland für den an großem Wilde ärmsten Teil des Schutzgebietes gelten. Von dessen Vertretern ist es in erster Linie das Zebra, der Strauß und einige Antilopen, welche die Ebenen des Westens wie der Kalahari bewohnen. Von großem Raubwilde kommt neben dem Leoparden ausnahmsweise auch der Löwe noch vor. Im allgemeinen ist die Zeit ergiebiger Jagden für diesen Teil des Schutzgebietes gänzlich dahin. - Die. Bevölkerung des G. - N. ist ziemlich einheitlich. Zum weitaus überwiegenden Teil besteht sie aus Hottentotten (s.d.), zu denen sich im äußersten Norden, im Gebiet von Rehoboth, sowie im Südosten die Bastards (s.d.) gesellen. Daneben finden sich sowohl in der Namib wie in der Nähe der Ostgrenze Buschmänner (s.d.). Neuerdings gibt es an anderen Farbigen auch einige Tausend Herero (s.d.), sowie im Bezirk Lüderitzbucht, wo sie als Arbeiter gebraucht werden, eine Anzahl Ovambo (s.d.), die aber beide sowenig zu den ursprünglich Eingesessenen gerechnet werden können wie die fremden Farbigen. Die Weißen sind im Namalande annähernd ebenso zahlreich wie im Hererolande, wozu aber wesentlich die starke Bevölkerung des Bezirks Lüderitzbucht beiträgt.

Literatur: K. Dove, Deutsch-Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1914. - Ders., Deutsch - Südwestafrika. (Göschemammlung). Berl. 1913. - L. Schultze, Aus Namaland und Kalahari. Jena 1907. - Ders., Deutsch - Südwestafrika in H. Meyer, Das deutsche Kolonialreich. Lpz. 1910.

Dove.