Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 771 ff.

Guineawurm. Der G., auch Medinawurm genannt (Filaria resp. Dracunculus medinensis), gleicht einer etwa 1/2 - 1 m langen Darmsaite und ist von weißer Farbe. So wenigstens präsentiert sich das erwachsene Weibchen, wenn es nach erlangter Reife die Haut durchbricht, und schon seit den Zeiten des Altertums hat es das abergläubische Staunen der Menschen erregt, wenn unter der Haut eines Gesunden so ein schlangenartiges Tier (daher der Name Dracunculus) sichtbar und fühlbar wurde und dann durch eine Hautöffnung zutage trat. Das kleine, unscheinbare Männchen des Wurmes durchbricht dagegen nie die Haut, sondern geht offenbar, wenn es seinen Lebenszweck, die Befruchtung des Weibchens, vollzogen hat, im Körper des Menschen zugrunde. Außer dem Menschen werden auch Hunde, Affen und andere Tiere von dem G. befallen. Das Verbreitungsgebiet des Parasiten ist vor allem die tropische und subtropische Zone des nördlich vom Äquator gelegenen Quadranten der östlichen Halbkugel; er kommt jedoch hier nicht an allen Orten, sondern nur stellenweise vor und pflegt schubweise zu bestimmten Monaten aufzutreten, was mit den Trinkwasserverhältnissen (s. weiter unten) zusammenhängt. Von unseren deutschen Kolonien hat er nur für das Kameruner Adamauagebiet und besonders für Togo Bedeutung, wo er recht häufig ist. Das durch den G. verursachte Leiden besteht in schmerzhaften, furunkelähnlichen Geschwüren, die einzeln oder zu mehreren auftreten, fast ausschließlich an den unteren Gliedmaßen ihren Sitz haben, und aus denen der Wurm seine Brut entleert. Es bildet sich zunächst im Verlauf einiger Tage unter Jucken und schmerzhaften Empfindungen (manchmal auch unter Fieber, Nesselausschlag und schweren Allgemeinerscheinungen) eine etwa taubeneigroße Geschwulst, und nicht, selten kann der Wurm direkt unter der Haut gefühlt werden. Dann hebt Ach von der Geschwulst eine etwa, 2 cm große Hautblase ab, die platzt und ein Geschwür hinterläßt; letzteres zeigt eine. etwa 2 mm große, kreisrunde Öffnung an seinem Boden, in der von Zeit zu Zeit das Vorderende des Wurmes sichtbar wird. In Intervallen streckt sich aus dem letzteren ein 1 - 2 cm langer zarter Schlauch hervor, der, an seiner Spitze berstend, seinen milchigen Inhalt - der massenhaft die mikroskopisch kleinen, beweglichen Larven enthält - über den Geschwürsgrund ergießt; dann fällt der Schlauch wieder zusammen. Es läßt sich diese Erscheinung besonders dann beobachten, wenn man etwas kaltes Wasser auf die Umgebung des Geschwürs auftropft. Im Laufe von 2 - 3 Wochen hat der Wurm seine Brut entleert, ein Prozeß, der durch häufige kalte Bäder des befallenen Körperabschnittes beschleunigt wird, und der leere Wurmschlauch kann dann leicht aus der Haut herausgezogen werden. Vordem setzt der Wurm seiner Entfernung aber Widerstand entgegen, und wenn man ihn nach der bei den Eingeborenen beliebten Methode gleich anfangs zwischen zwei Hölzchen klemmt und dann Tag für Tag ein Stückchen weiter herauswickelt, so reißt er recht häufig ab, seine Brut entleert sich in das Körpergewebe, und sehr gefährliche, ja tödliche Zellgewebsentzündungen sind eine leider nicht seltene Folge. Will man das nicht riskieren, so lasse man sich, wenn ärztliche Hilfe nicht zu haben ist, nicht zu diesem Vorgehen verleiten, sondern warte erst geduldig 2 - 3 Wochen ab und entferne den Wurm alsdann. Der Arzt ist imstande, den Parasiten schneller zu extrahieren, indem er ihn durch Sublimat, Kokain oder andere Mittel abtötet und ihn dann meist bald darauf ohne Schwierigkeiten herausholen kann. Die Entwicklung der Larven vollzieht sich in kleinen Krebschen; gelangen diese mit Trinkwasser in den Menschen, so treten nach ca. einem Jahre die Guineawurmgeschwüre auf. Die mikroskopisch kleinen Larven des G. gelangen, wenn sie aus dem Wurmgeschwür ins Wasser geraten sind, in den Körper bestimmter Cyclopsarten (s. Tafel 55) - winziger, mit bloßem Auge eben noch sichtbarer Krebschen, populär meist "Flohkrebse" genannt -(nach neueren Untersuchungen werden sie von den Cyclops gefressen) und reifen in ihnen in ca. 5 Wochen heran. Werden so infizierte Krebschen mit dem Trinkwasser verschluckt, so werden die Würmer im Magen frei und dringen in den Körper des Menschen ein. Etwa ein Jahr danach. brechen die vorher von den Männchen befruchteten Weibchen dann wieder durch die Haut hindurch. Daß die Brut aus dem Muttertier besonders infolge des durch kaltes Wasser hervorgerufenenen Reizes entleert wird, ist eine Anpassung an die im Wasser vor sich gehende Weiterentwicklung der Larven. Aus demselben Grunde brechen die Mutterwürmer gerade an den unteren Gliedmaßen - d.h. an denjenigen Körpersteilen, die bei Tieren und Naturvölkern ja besonders häufig mit Wasser in Berührung kommen durch die Haut hindurch (bei indischen Wasserträgern, welche ihre auch außen nassen Wasserschläuche auf dem Rücken tragen, sitzen die Wurmgeschwüre auf dem Rücken). Die Vorbeugungsmaßregeln gegen die Infektion mit dem G., der in manchen Gegenden eine recht üble Plage der Bevölkerung. bildet, sind verhältnismäßig leicht durchzusetzen. Europäer sollen ja, wo nicht absolut einwandfreies Trinkwasser zur Verfügung steht, dieses überhaupt stets abkochen, wenn sie gesund bleiben wollen; speziell gegen die die Larven des G. enthaltenden Krebschen genügt allerdings das sonst keineswegs in der Praxis des Tropenlebens zuverlässige Filtrieren, da die Krebschen im Verhältnis zu Bakterien wahre Riesen sind. Eingeborenen schaffe man einwandfreies Trinkwasser. Wo das nicht angängig ist, wird empfohlen, ihre Schöpfstellen in geeigneter Höhe mit einer Mauer zu umgeben oder durch andere Vorrichtungen dafür zu sorgen, daß sie nicht mit ihren Wurmgeschwüren direkt in das Wasser hineintreten und so die in den Wasserlöchern enthaltenen Cyclopse infizieren können; die Versuche, die Krebschen in den Wasserlöchern durch Hitze oder Chemikalien abzutöten, sind noch nicht abgeschlossen. Das Trinken aus strömenden Gewässern ist für die Infektion mit dem G. weniger gefährlich als das aus stagnierenden Tümpeln. Auf letztere sind die Eingeborenen zur Trockenzeit aber oft angewiesen. Hieraus erklärt sich auch das gehäufte Auftreten der Wurmgeschwüre zur Trockenzeit, da die Entwicklung des Parasiten ja ca. 1 Jahr dauert. Mit auf Verbesserung des Trinkwassers gerichteten Maßregeln sind in Westafrika bereits gute Resultate erzielt worden.

 

Fülleborn.