Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 774 ff.

Guttapercha (s. Tafel 63). 1. Allgemeines. 2. Kultur der G.bäume, 3. Gewinnung in den deutschen Kolonien. 4.Verwertung. 5. Eigenschaften.

1. Allgemeines. G. nennt man den eingetrockneten Milchsaft der Rinde und Blätter verschiedener Pflanzen aus der Familie der. Sapotaceen, insbesondere von Palaquiumarten. Die beste G. liefern P. oblongifolium, P. borneense und P. Gutta, geringerwertige Sorten P. Treubii, P. Supfianum und Payena Leerii. Das natürliche Verbreitungsgebiet der vier erstgenannten Palaquiumarten und der Payena Leerii liegt zwischen 6° n. Br. und 6° s. Br. und 99° und 119° ö. L. und umfaßt nur Sumatra, Süd - Malakka, Borneo und einige kleinere Inseln. P. Supfianum ist bisher nur in Deutsch - Neuguinea gefunden worden. Alle Guttaperchabäume sind Bürger des dichten Urwalds. Sie erreichen eine Höhe von über 40 m (Abb. der Pflanzen und ihrer Teile bei Obach, v. Romburgh, Tromp de Haas und Schlechter). Die guten Arten werden infolge des seit 70 Jahren betriebenen Raubbaues fortdauernd stark dezimiert. Denn die Gewinnung der G. in der Wildnis ist allgemein an die Vernichtung der Bäume gebunden. Da die Milchsaftröhren der Rinde nicht wie bei den meisten Kautschukpflanzen (s. Kautschuk) miteinander kommunizieren, und der Milchsäft der G.bäume überdies schnell erhärtet, kann durch Anzapfen lebender Bäume nur eine bescheidene Ausbeute (s.u.) erzielt werden. Deshalb wer en die Bäume gefällt. Um den Milchsaft austreten zu lassen, werden alsdann in Abständen von 30 - 40 cm ringförmige Einschnitte in die Rinde bis auf das Holz vorgenommen (s. Tafel 63). Der ausfließende Milchsaft wird in Gefäßen aufgefangen, über Feuer zum Erhärten gebracht und endlich durch Kneten in warmem Wasser gereinigt und zu Klumpen geformt (rohe G.). Der Gehalt der Rinde an roher G. beträgt - auf Trockensubstanz bezogen - etwa 5 %; die rohe G. enthält, je nach Qualität der Stammpflanze, 60 - 85 % reine "Gutta"; der Rest besteht vorwiegend aus harzigen Substanzen und daneben auch anderen Stoffen. Frische Blätter der höherwertigen Palaquiumarten enthalten (in der Trockensubstanz) ungefähr 10 % Roh - G., davon die Hälfte an reiner Gutta. Verschiedene Verfahren zur Gewinnung von G. aus Blättern (durch Extraktion mit Lösungsmitteln [Obach] oder durch Behandlung mit kochendem Wasser [Arnaud - Ledeboer]) haben in der Praxis nicht allgemein Aufnahme gefunden. Besser scheint sieh ein neueres, noch nicht veröffentlichtes Verfahren von Tromp de Haas zu bewähren, das sowohl bei frischen wie bei getrockneten Blättern und auch bei jungen Zweigen angewandt werden kann.

2. Kultur der G.bäume. Abgesehen von kleineren Versuchen verschiedener botanischer Gärten in den Tropen ist die Kultur in großem Maßstabe nur auf der Regierungs - G.plantage Tjipetir in Westjava aufgenommen worden, und zwar in wahrhaft vorbildlichen forstlichen Anlagen. Die nachstehenden Angaben beruhen auf den dortigen Erfahrungen (vgl. Tromp de Haas). - Die Plantage liegt an den Abhängen des Vulkans Salak (Preanger - Residentschaft) bei nahezu 600 m Mh. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt im Mittel rund 31 001 mm, bei einer - nicht einmal absoluten - Trockenperiode von zwei Monaten. Boden nicht gerade reich, aber von guter Qualität, hoher, wasserhaltender Kraft und mit durchlässigem Untergrund. Nach Beseitigung des minderwertigen Palaquium Treubii werden nur noch die oben an erster Stelle genannten drei Palaquiumarten kultiviert. Die Anzucht erfolgt lediglich aus Samen; mit Senkern und Stecklingen ist sie zwar möglich, aber schwieriger. Vor dem 10. Jahre ist die Fruchterzeugung der Bäume geringfügig; aber auch dann kommen viele G.bäume - wenigstens in Kultur - noch nicht zur Blüte. In manchen Jahren fällt die Fruchtbildung überhaupt aus. Die Keimkraft der Samen geht meist schon innerhalb vier Wochen verloren. Frisch in bedeckten Saatbeeten ausgelegt, keimen sie in etwa 14 Tagen. Aussetzen der Pflänzlinge frühestens nach neun Monaten, besser erst im Alter von einem Jahr. Schattenbäume nicht notwendig; in exponierten Lagen gewährt man den jungen Pflänzlingen durch gleichzeitige Kultur von Gründungspflanzen (Leguminosen) anfänglich einen gewissen Schutz. Ein enger Pflanzenabstand von 1,30 - 2 m (im Vierecksverband) ist für die Blättergewinnung vorteilhaft. Man erhält dann im dritten Jahr einen geschlossenen Bestand und kann mit dem Auslichten beginnen. Da der Baum nicht vor dem 15. Jahr gezapft werden kann, ist diese Betriebsmethode vorteilhaft. Von den auszulichtenden Bäumen werden auch die jungen Zweige für die G.gewinnung benutzt. Die bestentwickelten Pflanzen bleiben in entsprechenden Abständen stehen. Erträge (in Tjipetir). Eine Parzelle von 35 a lieferte bei der Ausdünnung im dritten Jahre 890, im folgenden 2700 kg frische Blätter; der natürliche Laubfall von 55 ausgewachsenen Bäumen betrug durchschnittlich 25 kg Blätter pro Baum und Jahr. Anzapfung von acht 20jährigen gefällten Bäumen ergab durchschnittlich 228 g, von 363 ebenso alten lebenden Bäumen nach der Fischgrätenmethode (s. Kautschuk) durchschnittlich 80 g G. pro Baum, also nur etwas mehr als ein Viertel. Bei 25 19jährigen Bäumen betrug die Ausbeute nach letzterer Methode nur 73 g pro Baum. - Es gewinnt den Anschein, als ob die G. - Kultur in Zukunft allein auf die Blattgewinnung gerichtet sein werde. Damit würde sie technisch der Teekultur (s. Tee) nahetreten.

3. Gewinnung in den deutschen Kolonien. Angesichts der rapiden Abnahme der natürlichen G.bestände - bei steigender Nachfrage nach dem Produkt ist die Kultur der Bäume in geeigneten Gebieten der deutschen Kolonien seitens der Regierung dringend wünschenswert. Privatunternehmungen können - der späten Rente wegen - sich vorläufig kaum damit befassen. In erster Linie kommen Deutsch-Neuguinea und Kamerun dafür in Betracht, vielleicht auch noch Ostusambara. Für die Kultur dürfen nur die 3 hochwertigen Arten (s.o.) verwendet werden. Die Ausfuhr von G. (von wildem Palaquium Supfianum) aus Neuguinea betrug im Jahre 1912 nur rund 2500 kg im Werte von 7150 M. (Die in der Ausfuhrstatistik von Kamerun als G. aufgeführten Stoffe haben mit echter G. nichts zu tun.)

4. Verwertung der G.: in erster Linie zur Isolierung unterirdischer und submariner elektrischer Kabel; hierfür ist G. das einzige brauchbare Material, da sie die Elektrizität nicht leitet und - bei Luft- und Lichtabschluß - auch gegen Seewasser sehr widerstandsfähig ist. Weitere Verwendung für verschiedene technische und medizinische Zwecke.

5. Eigenschaften. G. stellt eine weißliche bis graue, bisweilen auch rötliche, faserige, zähe und wenig elastische Masse dar; im Gegensatz zum Kautschuk erweicht sie schon bei ca. 500 und ist, in Wasser von 55 - 600 gebracht, außerordentlich plastisch. Man kann sie dann selbst zu dünnen Blättchen auswalzen. G. ist unlöslich in Wasser, Alkohol, Äther und fetten Ölen, gegen die meisten Säuren und gegen Alkalien sehr widerstandsfähig, leicht löslich in Schwefelkohlenstoff und Chloroform, dagegen in Benzin, Benzol, Petroläther u. a. m. nur in der Siedehitze.

Literatur: E. Obach, Cantor Lectures on Gutta Percha, London 1898 (in deutscher Übersetzung "Die Guttapercha", Dresden 1899, erschienen). - van Romburgh und Tromp de Haas, Importance de l'analyse chimique pour la culture des arbres à Gutta - percha. Bull. de l'Instit. Botanique de Buitenzorg XV., Buitenzorg 1902. - van Romburgh, Le8 plantes à Caoutchouc et à Gutta - percha cultivées aux Indes néerlandaises, Batavia 1903. - R. Schlechter, Über die neue Guttapercha von NeuGuinea. - Fesca , Der Pflanzenbau in den Tropen und Subtropen, Bd. III, Berl. 1911. -Tromp, de Haas, Netherlands India Government Guttapercha Plantations Tjipetir - Java 1911. - S. außerdem zahlreiche Aufsätze im "Tropenpflanzer" und Verhandlungen des Vorstandes des KWK.

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