Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 44 f.

Häuptlinge. Kleine auf Horden oder Dorfschaften beschränkte Gemeinschaften haben häufig keine H., sie bedürfen weder einer staatlichen Organisation noch ihres Vertreters, sondern erledigen ihre Angelegenheiten auf Grund des Herkommens und der Sitte durch Beschlüsse der Gesamtheit der Familienhäupter (zum Teil Turu in Ostafrika, vielfach in Westafrika) oder auch aller Männer. Indessen liegt die allgemeine Gleichheit nicht im Wesen der Natur, und so erheben sich auch in solchen Gemeinschaften einzelne Individuen über die anderen durch besondere Begabung auf religiösem, kriegerischem, erwerblichem, diplomatischem oder anderem Gebiete. Solchen überträgt man die Verteilung der Jagdbeute, gewährt demjenigen besonderes Ansehen, der sich durch Feste beliebt macht, oder fügt sich den Ansichten der Reichen oder Priester während man sonst ungefähr tut, was man will (Akposso). Erst wo das Sippenwesen (s. Sippen) und die Männergesellschaften (s. Männerbünde) in größeren Verbänden bestehen, die Volkszahl größer und ein gewisser Reichtum vorhanden ist, entwickelt sich das Häuptlingstum, das zunächst auf natürlichen Vorzügen erwächst und sich dann durch die Tradition erhält, aber auf der stets verheißenden und drohenden Macht des Reichtums oder dem Besitz zauberischer und religiöser Kräfte überhaupt beruhen kann. Typisch sind die Zustände an der Blanchebucht (Neupommern). Dort gibt es den agala, den Sippen- H. Er fordert die Arbeitsleistung der Sippenangehörigen, muß aber auch für ihren Unterhalt sorgen; er kauft die Mädchen zur Ehe und verkauft sie; er verwahrt den Besitz an Muschelgeld und repräsentiert das Grundvermögen; er hat das Recht der Züchtigung und Tötung. Seine Würde ist mutterrechtlich erblich, doch kann er wegen Unwürdigkeit abgesetzt werden. Ihm gegenüber steht der luluai, der gewählte Führer der Krieger (Junggesellen), der von ihnen Gehorsam fordern darf; i. a. überwiegt sein Ansehen, und zumal dem Fremden erscheint er als der eigentliche H. Zwischen beiden H. besteht wohl überall, wo sie nebeneinander vorkommen, ein scharfer Wettbewerb. Siegt der Kriegs-H., so reißt er auch die Befugnisse und Rechte des Sippen-H. an sich, der dann nur noch Familienoberhaupt mit religiösen Funktionen bleibt; siegt der letztere, so schwindet bald die Macht der Männergesellschaft, und der Kriegsführer wird von Fall zu Fall gewählt. Indessen kommt es durch die an ihre Sippe gebundenen H. nur selten zur Bildung größerer Verbände, die am häufigsten durch den zu erblicher Macht gelangten Kriegs-H. entstehen, der sich auf die aktive Männergesellschaft stützt. - Die H.macht bleibt indessen von der Gunst der Untertanen abhängig, und die "Staaten" beruhen auf der Persönlichkeit des Herrschers, dessen Stellung zwar Klugheit erfordert, aber auch eine wesentliche Stütze in der Verbindung mit der Religion und in einer dem ganzen Volke zugute kommenden Handelspolitik findet. Doch kann ihm gerade die Religion wieder verhängnisvoll werden, wenn die Heiligkeit seiner Person, Tabuvorschriften u.a. zwischen ihm und dem Volke eine feste Schranke aufrichten (s. Religionen der Eingeborenen). Die H.macht ist nie unbeschränkt, und zumal in Afrika finden sich Beispiele für eine seltsame Verbindung von Macht und Ohnmacht. Der H. ist an das Herkommen gebunden und zur Erhaltung der Sitte verpflichtet, sonst verliert er den Thron (Asante). Seine Entscheidungen werden durch den Gesamtwillen beschränkt, der in der Ratsversammlung der Sippenältesten oder der Krieger zum Ausdruck kommt und nicht immer frei von Intrigen ist. Endlich hat er mit dem Priester zu rechnen, dessen er nicht immer sicher ist. Ist endlich das Gebiet des H. so groß, daß er der Beamten zur Verwaltung bedarf, so wird er von seinem Hofe abhängig, am meisten, wenn neben ihm ein Feudalsystem besteht.

Literatur: H. Schurtz, Altersklassen und Männerbünde. Lpz. 1902. - Vierkandt, Die politischen Verhältnisse der Naturvölker, Zeitschr. /. Sozialwissensch., Bd. 4.

Thilenius.