Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 76

Hörige. Gegenüber dem Sklaven, der Eigentum seines Herrn ist, genießt der H. eine gewisse Selbständigkeit, jedoch sind diese beiden Bestandteile der untersten sozialen Schicht durch zahlreiche Übergänge verbunden, ebenso wie der H. durch eine Reihe von Stufen an den Freien geknüpft ist. Voraussetzung für die Entstehung der Sklaven und H. ist eine gewisse Wohlhabenheit und der Bedarf nach Arbeitskräften. Wenn daher auch die Sklaverei bei Jägern und Fischern oder Nomaden nicht völlig fehlt, so ist sie doch am verbreitetsten bei den Bauernvölkern. Aus gekauften oder erbeuteten Fremden besteht nur ein Teil der Sklaven, ein anderer setzt sich zusammen aus Schuldnern oder zur Tilgung von Schulden verkauften Angehörigen, aus Leuten, die sich etwa bei einer Hungersnot freiwillig in Knechtschaft begaben, endlich aus den Nachkommen von Sklaven. Nach ihrer Verwendung sind die Sklaven wesentlich Haussklaven oder Feldsklaven. Während die erste Gruppe von ihren Herren vollständig ernährt und gekleidet wird, arbeiten die Feldsklaven nur einen Teil der Woche für den Herrn, den andern Teil für sich. Feldsklaven, die eine teilweise wirtschaftliche Selbständigkeit erlangen, werden als H. zu bezeichnen sein, ebenso Haussklaven, die diese Selbständigkeit durch ein Gewerbe erlangen; solche H. halten zum Teil ihrerseits Sklaven. Der Übergang vom Sklaven zum H. scheint der Regel nach überhaupt kein förmlicher zu sein, sondern aus der Entwicklung zu folgen. - Sklaven, die sich eine größere oder geringere Selbständigkeit erarbeiten, aber auch solche, deren Überlegenheit es ihren ursprünglichen Herren unmöglich macht, sie als Sklaven zu behandeln, wie etwa an der Kamerunküste, sind dadurch tatsächlich H. Umgekehrt werden in Erobererstaaten die unterworfenen Stämme zu H., wenn die Sieger in wirtschaftlicher oder politischer Beziehung ihre Selbständigkeit wesentlich beschränken. S. a. Sklaverei.

Thilenius.