Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 12

Hamburgisches Kolonialinstitut. Das Institut wurde vom Hamburgischen Staate durch G. vom 6. April 1908 begründet. Die bereits am 21. Jan. mit dem Reichs-Kolonialamt getroffene Vereinbarung über die Errichtung eines Kolonialinstituts, der bald darauf das Reichs-Marineamt für Kiautschou beitrat, bestimmt als Zweck: 1. die gemeinsame Vorbildung von Beamten, die vom Reichs-Kolonialamt an das Institut überwiesen werden, und von anderen Personen, die in die deutschen Schutzgebiete zu gehen beabsichtigen; 2. die Schaffung einer Zentralstelle, in der sich alle wissenschaftlichen und wirtschaftlichen kolonialen Bestrebungen konzentrieren können. Verwaltung: Das H. K. untersteht unmittelbar dem Senate, der ein Mitglied als Kommissar für die Leitung bestimmt. Die Interessen der beiden Reichsämter werden durch Kommissare wahrgenommen. Um dem H. K. die wünschenswerte ständige Fühlung mit der Kaufmannschaft zu sichern, wurde ein kaufmännischer Beirat aus drei von der Handelskammer delegierten Mitgliedern gebildet. Die Verwaltung aller mit der Lehrtätigkeit an der Hochschule zusammenhängenden Angelegenheiten liegt in den Händen des Professorenrats, dem die vom Senatskommissar berufenen dauernden Vertreter der Hauptfächer angehören. Die Zentralstelle, die dem Senatskommissar in der gleichen Weise unterstellt ist wie die Hochschule, wird von dem Generalsekretär geleitet. Lehrtätigkeit: Den Lehrkörper bildeten im 6. Studienjahre 20 Professoren (Geschichte, Nationalökonomie, Öffentliches Recht, Philosophie, Deutsche Sprachwissenschaft, engliche Sprache und Kultur, romanische Sprachen und Kultur, Sprachen und Geschichte Ostasiens, Geschichte und Sprachen des Orients, afrikan. Sprachen, Völkerkunde, Physik, Astronomie, Zoologie, allgemeine Botanik, angewandte Botanik, Geologie und Mineralogie, Geographie, Tropenmedizin) und 63 Dozenten; neu bewilligt wurden 1914 3 Professuren für Sprache und Kultur Japans, Geschichte und Kultur Indiens, Geschichte und Kultur Rußlands. Mit dem H. K. verbunden sind: das Naturhistorische (zoologische Museum), die Institute für allgemeine und für angewandte Botanik, das Mineralogisch - Geologische Institut, das Museum für Völkerkunde, das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, ferner 11 Seminare: Historisches; Öffentliches Recht und Kolonialrecht; Nationalökonomie und Kolonialpolitik; Geographie; Geschichte und Kultur des Orients; Kolonialsprachen mit Phonetischem Laboratorium; Ostasiatisches; Romanische Sprachen und Kultur; Englische Sprache und Kultur; Deutsches; Philosophie; vorhanden ist endlich eine reiche landwirtschaftliche Lehrsammlung. -Der zunächst auf die Bedürfnisse der deutschen Kolonien zugeschnittene Unterricht wurde sehr bald auf andere überseeische Gebiete ausgedehnt und wird ständig erweitert. Er umfaßte in dem Studienjahre 1912/13 folgende Gruppen: a) Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaften (WS 13, SS 14 Vorlesungen: Kolonialgeschichte, Kolonialrecht, Missionskunde, Verwaltungspraxis, Kolonialpolitik, Bilanzkunde); b) Kolonialwirtschaft und Naturwissenschaften (WS 29, SS 30-. Pflanzenbaulehre, Koloniale Nutzpflanzen, Botanik, Pflanzenkrankheiten, Viehzucht, Tierseuchen. Fischereilehre, Kolonialzoologie, Physik, Chemie, Maschinenlehre, Geologie, Mineralogie); c) Landes- und Völkerkunde (WS 7, SS 9: Landeskunde, Routenaufnahme, Islamkunde, Völkerkunde, Anthropologie); d) Hygiene (WS 3, SS 1: Tropenhygiene, Zubereitung der Nahrungsmittel, Samariterkurs); e) Sprachen (WS 47, SS 45: Phonetik; Suaheli, Duala, Ewe, Herero, Nama, Ndonga, Jaunde, Haussa, Ful, Arabisch, Türkisch, Persisch, Chinesisch, Japanisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Englisch, Niederländisch, Kapholländisch, Neugriechisch); f) Unterricht in technischen Hilfsfächern; g) Unterricht in körperlichen Übungen. Hinzu kommen ein- bis mehrstündige Vorlesungen aus der kolonialen Praxis, zu deren Abhaltung Kolonialbeamte und andere Personen, die über praktische Erfahrungen verfügen, berufen werden. - Zur Teilnahme am Unterricht werden zugelassen: als Hörer Abiturienten deutscher höherer Lehranstalten und andere Personen, die die Berechtigung zum Einjährig- Freiwilligendienst erworben haben, sofern ihre berufliche Ausbildung beendet ist; als Hospitanten unter gewissen Bedingungen Personen, die über 18 Jahre alt sind. Die Frequenz des H. K. betrug im ersten Studienjahre 1908/09 186, im WS. 1912/13 324. Der Besuch des H. K. kann durch eine Diplomprüfung abgeschlossen werden; die allgemeine setzt ein Studium von mindestens zwei Semestern voraus, die landwirtschaftliche außer der praktischen und theoretischen Vorbildung in der heimischen Landwirtschaft ein koloniallandwirtschaftliches Studium von 4 Semestern. - Die Zentralstelle löst ihre Aufgabe auf zwei Wegen: 1. Sie sammelt Informationsmaterial über alle wissenschaftlichen kolonialen Fragen, das jedem Interessenten zugänglich ist (Besuch des Lesezimmers X. 12.- IX. 13. 3697 Leser), und beschafft Material für den Unterricht und die Forschungstätigkeit der hamburgischen Dozenten. Diesen Zwecken dient ein Archiv von Ausschnitten aus Tageszeitungen und Zeitschriften über koloniale Angelegenheiten aller Länder (jährlicher Zuwachs 1912/13: 108801); ein zweites (Wirtschaftsarchiv) enthält fortlaufend durch Statuten, Jahresberichte usw. ergänzte Akten über koloniale Gesellschaften, Vereine, Schulen, Marktberichte, Kurse usw. (Bestand 1912/13: 4697 Akten). 2. Sie erteilt kostenlos Auskünfte über wissenschaftliche und wirtschaftliche Fragen; soweit sie diese nicht selbst erledigen kann, stehen ihr für Analysen, Bewertungen usw. die wissenschaftlichen Institute zur Seite; Fragen, die den Handel betreffen, leitet sie an den kaufmännischen Beirat weiter und ist überdies ständig an der Hamburger Börse vertreten.

Literatur: Bericht über das erste Studienjahr 1908/09 ff.

Thilenius.