Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 14

Hamiten. Diese den ganzen Norden Afrikas bewohnende Rasse reicht mit ihren südlichsten Vertretern bis in den Norden von Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika. In Togo und Kamerun sind diese Vertreter die Fulbe (s.d.). In Deutsch-Ostafrika sind H. auf zwei Bahnen von Nordosten her eingedrungen: westlich vom Victoria Njansa in Gestalt der Watussi (s.d.), Wahinda (s.d.) und Wahuma (s.d.), östlich von ihm in Gestalt der Massai (s.d.) und ihrer Verwandten (Wandorobbo, Wakuafi, Wambugu, Wataturu), und der den Somal nahestehenden Wafiome und Wamburru (s.d.). Metamorphische Bildungen, d.h. das Ergebnis einer hamitischen Beeinflussung auf negroider Grundlage, sind die Mehrzahl aller Völkerschaften in dem ganzen breiten Gebiet zwischen Usambara und dem Kiwusee. Bezeichnend für die Physis der reinen H. Ostafrikas ist der vom Bantutypus durchaus abweichende hohe, schlanke Wuchs, die helle Haut, das schmale Gesicht mit der scharf geschnittenen Nase (Tafel 118 und 199) und das seidenartig lockige, nicht Krause Haar. Besonders die Wahuma und die Massai stellen diesen Typus in großer Reinheit dar, im Gegensatz zu den vom Negerblut mehr oder minder stark durchsetzten übrigen Völkern des ganzen Nordens der Kolonie, den metamorphischen Bantu oder Bantu-H. Sprachlich liegt die Sache nahezu umgekehrt, indem die beiden nördlicheren Gruppen der Wahuma im weiteren Sinne, die Wahinda und Wahuma, Kinjoro, diejenigen am Westufer des Victoria jedoch Kiheia sprechen, während sich die Massaigruppe eines nilotischen Idioms bedient (Hamito-Niloten). Die Bantu-H. haben dagegen ihre alten Idiome beibehalten. Auch die Wamburru, und Wafiome sind ihrer angestammten Sprache treu geblieben. Erst an ihr hat man ihre Rassenzugehörigkeit feststellen können. - Der Beschäftigung nach sind alle H. von Haus aus Viehzüchter; nur wo der Viehstand aus irgendwelchen Ursachen zurückgegangen ist, haben auch sie zum Ackerbau übergehen müssen. Andere verarmte Vertreter der Rasse, wie die Wandorobbo (s.d.), sind zu unsteten Jägern und Sammlern herabgesunken. - Alle H. sind in Deutsch-Ostafrika zunächst als Eroberer aufgetreten. Die Wahuma sind noch heute die Herrscher über das ganze Zwischenseengebiet; die Massai waren der Schrecken des ganzen Nordostens bis in die 1890er Jahre hinein. - Der politischen Oberherrschaft entsprechen bis zu einem gewissen Grad auch Taktik und Bewaffnung: alle H. bevorzugen den Stoßspeer als Angriffswaffe und den geschlossenen Sturm als Angriffsform. Bogen und Pfeil kommen nur als Jagdwaffe in Frage. Über die Zeitlage des Eindringens der H. in Äquatorial-Ostafrika haben wir nur Vermutungen. Merker läßt die Massaigruppe bereits viele Jahrtausende v. Chr. Geburt von Norden her eindringen. Viel wahrscheinlicher ist eine Einwanderung erst im Verlauf des letzten halben Jahrtausends, vielleicht gar erst im Gefolge der durch den Usurpator Mohammed Achmed Granj im 16. Jahrh. im Osthorn heraufbeschworenen Unruhen. Als sicher kann man nur den Nordosten, das Gebiet südlich von Abessinien, als Auswanderungsgebiet annehmen. Über die Sprachen der H. s. Hamitische Sprachen.

Literatur: Außer der bei Wahuma, Massai, Wakuafi, Wandorobbo usw. angegebenen Literatur besonders: Stuhlmann, Beiträge zur Kulturgeschichte von Ostafrika. Berl. 1909. - Derselbe, Handwerk und Industrie in 0stafrika Hamb.1910.

Weule.