Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 14

Hamitische Sprachen, die flektierenden Sprachen, die von mehr oder weniger hellfarbigen, zumeist lockenhaarigen Bewohnern Afrikas, den Hamiten (s.d.) gesprochen werden. (Die nachweislich in historischer Zeit in Afrika eingewanderten semitischen Sprachen gehören indes nicht dazu.) Sie haben das grammatische Geschlecht (Maskulinum und Femininum), das den übrigen afrikanischen Sprachen fehlt. Zumeist haben sie eine sehr mannigfaltige Art der Pluralbildung und Ablauterscheinungen (inneren Vokalwechsel), Vorgänge, die sie an die Seite der semitischen und indogermanischen Sprachen stellen, und durch die sie sich von den anderen afrikanischen Sprachen unterscheiden. Das Ful (s. Fulbesprache) stellt die einfachste Form dieser Sprachengruppe dar. Hier erscheint das grammatische Geschlecht noch als Unterschied von Person und Sache. Noch ursprünglicher ist das Bantu, das zwar Mannigfaltigkeit der Plural- bildung kennt, aber kein grammatisches Geschlecht und keinen eigentlichen Ablaut. Das Bantu ist deshalb nicht zu den h. S. zu rechnen, sondern eine selbständige Sprachgruppe, die mit den h. S. verwandt ist (s. Bantusprachen). Die Sprachen sind in drei großen Gruppen vorhanden. 1. In Nordostafrika: Vom unteren Nil bis nach Deutsch-Ostafrika und vom Osthorn bis Uganda findet man h. S., die allerdings von Sudansprachen und Semitensprachen durchsetzt und mannigfach verändert sind. Die wichtigsten Sprachen dieser Gruppe sind (außer dem Ägyptischen, das wahrscheinlich auch dazu gehört): Bedauye (Bisharin, Hadendoa), Bilin, Afar (Danakil), Saho, Chamir, Kwara, Galla, Somali, Bari, Nandi, Massai, Tatoga, Mbulunge. 2. In Nordwestafrika: Vom Mittelmeer bis nach Oberguinea, vom Atlantischen Ozean bis zum Tsadsee - auch hier stark durchsetzt mit Arabisch und Sudansprachen. Im Norden hat das Arabische vielfach die h. S. verdrängt, im Süden haben sich h. S. eingedrängt zwischen die Sprachen der Sudanneger. Die wichtigsten Sprachen sind hier: die Berberdialekte in Senegambien, Marokko, Algier und der Sahara, z.B. Schilh, Rif, Tuareg, dann das Haussa (s. Haussasprachen), das schon genannte Ful, Musgu. Außerdem sind eine Reihe von Mischsprachen stark hamitisch beeinflußt. 8. In Südafrika: Die früher sehr verbreiteten, heute aber zusammengeschmolzenen Sprachen der Hottentotten sind hamitischen Ursprungs, aber mit Buschmannsprachen durchsetzt.

Literatur: C. Meinhof, Die Sprachen der Hamiten. Hamb. 1912. Dort findet sich auch die wichtigste Literatur angegeben. - S.a. Haussa, Fulbesprache u. Hottentottensprachen.

Meinhof.