Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 27

Handelsgebrauch. Unter Handelsgebräuchen versteht man die Verkehrssitte im Handel, die für die Auslegung der Handlungen und Unterlassungen unter Kaufleuten gemäß § 346 HGB. ebenso maßgebend ist, wie die allgemeine Verkehrssitte für die Rechtsgeschäfte im bürgerlichen Verkehr. Es gibt daher nicht nur Handelssitten, die zwischen Kaufleuten, sondern nach § 257 BGB. auch solche, die für den Verkehr zwischen Kaufmann und Nichtkaufmann gelten. Die Handelssitte unterscheidet sich vom Handelsgewohnheitsrecht, das vielfach auch als Handelsbrauch bezeichnet wird (so im alten Handelsgesetzbuch und damit noch jetzt in Österreich) dadurch, daß sie geübt wird, nicht weil man sie für rechtlich notwendig, sondern weil man sie für gut und anständig hält. Sie muß im Prozeß stets behauptet und bewiesen werden, während das Handelsgewohnheitsrecht des Beweises nur bedarf, insoweit es dem Gericht unbekannt ist (§ 293 ZPO.). In den Schutzgebieten besteht zwar für das Handelsgewohnheitsrecht die besondere Norm, daß es dem deutschen Handelsgewohnheitsrecht und sogar dem deutschen Handelsgesetz vorgeht (§ 40 KonsGG.). Für die kolonialen Handelsgebräuche aber erübrigt sich eine entsprechende Bestimmung. Denn ihrem Wesen nach gehen die Handelsgebräuche überall denjenigen Bestimmungen des HGB. und des BGB. über Eingehung, Erfüllung und Auflösung der Verträge, über Form und Auslegung der Rechtsgeschäfte vor, welche nicht zwingend sind. Als Beispiel eines kolonialen Handelsgebrauchs sei erwähnt, daß nach deutsch-ostafrikanischer Verkehrssitte die Handelsvollmacht gegen § 54 Abs. 2 HGB. ohne weiteres zur Prozeßführung mit Eingeborenen berechtigt. S.a. Handelsrecht.

Radlauer.