Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 28

Handelsgeschäfte. Die die Handelsgeschäfte betreffenden Vorschriften des deutschen HGB. (3.Buch) gelten für die Weißen in den Schutzgebieten ebenso wie das deutsche Handelsrecht überhaupt. Wie im Mutterlande sind daher auch in den Kolonien alle Geschäfte eines weißen Kaufmanns, die zum Betriebe seines Handelsgewerbes gehören (§ 343 HGB.), und im Zweifel überhaupt alle seine Geschäfte (§ 344 HGB.) Handelsgeschäfte, mögen es die in § 1 Abs. 2 HGB. erwähnten Handelsgrundgeschäfte (d.h. besonders Warenkauf, Warenverkauf, Warenverarbeitung), mögen es andere Geschäfte sein. lm einzelnen ist die Durchführung des 3. Buchs des HGB. durch entgegenstehende örtliche Handelsgewohnheiten (§ 40 KonsGG.) und durch eingehende Vorschriften des öffentlichen Rechts modifiziert. Durch solche Normen ist besonders der Handel mit den Farbigen geregelt (s. Handelsrecht). Ferner sind fast überall höhere Handelszinsen gebräuchlich als die in § 352 HGB. festgesetzten 5%. Die Schwierigkeit der Aufbewahrung der Waren und die ungünstigen klimatischen Verhältnisse machen beim kaufmännischen Pfandrecht, beim kaufmännischen Zurückbehaltungsrecht, beim Selbsthilfeverkauf zur Verfügung gestellter und beim Deckungsverkauf nicht abgenommener Waren vielfach die alsbaldige günstigste Verwertung, d.h. nicht immer öffentliche Versteigerung, erforderlich und ortsgebräuchlich, während andererseits die Vorschriften über Verzug und alle Vorschriften über Fristen nur unter weitgehendster Berücksichtigung der ungünstigen Verkehrsverhältnisse und des meist geringen weißen Personals der kolonialen Unternehmungen angewandt werden können. Die Frachtführung, soweit sie durch Karawanen erfolgt, entzieht sich naturgemäß fast vollständig der Beurteilung nach deutschem Recht, während die Beförderung von Personen und Gütern auf der Eisenbahn neuerdings den Bestimmungen der Kolonial-Eisenbahnverkehrsordnung (s. Eisenbahnverkehrsordnung) vom 26. Febr. 1913 (KolBl. 179 f) unterliegt.

Radlauer.