Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 36

Hanf. Der echte H., Cannabis sativa, ist, wenn auch jünger als der Flachs, eine der ältesten Faserpflanzen. Sein Anbau läßt sich in Indien bis in den Anfang des ersten Jahrtausends vor Christi zurückverfolgen. Er diente dort in erster Linie zur Gewinnung des als narkotisches Genußmittel oder Heilmittel bekannten Haschisch (s.d.), aber bereits im 8. Jahrh. v. Chr. werden Gewebe und Stricke aus H. erwähnt. Während die Kultur in Indien aber in erster Linie auf die Gewinnung des Genußmittels hinzielte und sich zu gleichem Zwecke in den tropischen Gebieten der alten Welt bis nach Afrika hin ausgebreitet hat, ist der H. in den gemäßigteren Gebieten, zunächst in Südeuropa, Frankreich und nach und nach in Mittel- - und Osteuropa, allein als Faserpflanze gebaut worden. Er kommt somit für die Tropen und Subtropen höchstens für die höheren Lagen als Faserpflanze in Betracht. - Der H. ist in der Regel zweihäusig. Die männlichen und weiblichen Pflanzen sind verschieden. Die ersteren sind zarter und liefern eine feinere Faser, den Sommer- oder Staub-H., die kräftigere weibliche den Winter-H. In unsern Breiten erreicht der H. etwa eine Höhe von 2 m, in den Tropen dagegen wird, er bis zu 4m hoch. Die gegenständigen Blätter sind tief fiederspaltig mit 4-9 schmalen Lappen. Die Blüten sind unscheinbar, die männlichen stehen in lockeren Rispen, die weiblichen in gedrängten Knäueln. Die länglich ovalen, grauen Früchte sind etwa erbsengroß und enthalten ca. 33 % eines vielgeschlagenen Öles. Sie dienen in umfangreichem Maße auch als Vogelfutter. - Als Faserpflanze wird der H. in den Tropen in belangreichem Umfänge nur in Vorderindien, im nordwestlichen Himalaja, in Höhenlagen über 1000 m gebaut. Der Boden wird gut vorbereitet und, wenn nötig, gedüngt. Die Aussaat erfolgt dort im Mai oder Juni. Die jungen Pflanzungen müssen während der Entwicklungszeit mehrmals bearbeitet und ev. ausgedünnt werden, aber nicht zu weit, damit nur kleine Zwischenräume entstehen. Die etwa 3m hohen Pflanzen sind vom September an erntereif. In wärmeren Lagen sät man etwas später. Der männliche H. wird meist früher geerntet, den weiblichen läßt man bis zur Fruchtreife stehen. Die Aufbereitung des H. ist ähnlich wie beim Flachs. Die Faser wird meist durch eine Wasserröste im Rindengewebe gelockert und dann durch Brechen, Schwingen und Hecheln vom Holzkörper getrennt und von der Schäbe befreit. Der Roh-H. ist länger als der Flachs und von grauer bis gelber Farbe. Er dient zur Herstellung von gröberen Geweben, Plantüchern, vor allem aber als Rohmaterial für die Seilerei. Man schätzt die Welternte auf rund 5 Mill. Doppelzentner. Davon kommt auf Rußland allein ein Drittel. In den Rest teilen sich Frankreich, Ungarn, Österreich und Deutschland. - Die Bezeichnung H. ist mit der Zeit auch auf andere, meist gröbere Fasern übertragen worden, z.B. Manila-H., Sisal-H ., Neuseeländischer H. usw. Diese Fasern stammen von ganz anderen Pflanzen und sind unter ihrem Namen besprochen.

Literatur: J. Wiesner, Die Rohstoffe des Pflanzenreichs. 2. Aufl.

Voigt.