Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 45 f.

Hauptverfahren, in der Strafprozeßordnung derjenige Teil des Verfahrens, in welchem die Entscheidung ergeht (im Gegensatze zum Vorverfahren). Wegen der Eröffnung des H. s.d. Der wesentlichste Teil des H. ist die Hauptverhandlung, die, nachdem der Vorsitzende hierfür Termin angesetzt hat, mündlich und öffentlich in ununterbrochener Gegenwart der zur Urteilsfindung berufenen Personen, der Staatsanwaltschaft, des Gerichtsschreibers und regelmäßig auch des Angeklagten stattfindet. In der Hauptverhandlung ist der erschienene Angeklagte über seine persönlichen Verhältnisse und zur Sache zu vernehmen, und es sind die in Betracht kommenden Beweise zu erheben (durch Vernehmung der Zeugen und Sachverständigen, durch Augenscheinseinnahme, durch Verlesung von Urkunden, gegebenenfalls auch von Protokollen über eine frühere richterliche Vernehmung von Zeugen usw.). Nach den einzelnen Akten der Beweisaufnahme sowie nach der Vernehmung eines Mitangeklagten ist der Angeklagte zu hören. Am Schlusse der Hauptverhandlung erhalten die Staatsanwaltschaft und der Angeklagte, gegebenenfalls auch der Verteidiger zu ihren Ausführungen und Anträgen das Wort. Die Hauptverhandlung schließt mit der Erlassung eines Urteils. Das Gericht entscheidet über das Ergebnis der Beweisaufnahme nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung. Das Urteil kann auf Freisprechung, Verurteilung oder Einstellung des Verfahrens lauten. Über die Hauptverhandlung ist ein Protokoll aufzunehmen, welches Angaben über Ort und Tag der Verhandlung, die mitwirkenden Personen, Öffentlichkeit, Gang und Ergebnisse der Verhandlung, Beobachtung der Förmlichkeiten und die Entscheidung enthält. Die Bestimmungen der StPO. über das H. (§§ 212-337, 354 ff) finden gemäß § 3 SchGG., § 19 KonsGG. (wegen des Verfahrens in der zweiten Instanz vgl. § 8 Abs. 3 der Ksl. V. vom 9. Nov. 1900, RGBl. S. 1005) in den Schutzgebieten entsprechende Anwendung. Jedoch sind mit Rücksicht auf die einfacheren Verhältnisse der Schutzgebiete und die großen Entfernungen dort gewisse Abweichungen vorgesehen. Der Angeklagte kann wegen großer Entfernung seines Aufenthaltsorts vom Erscheinen in der Hauptverhandlung auch dann entbunden werden, wenn nach dem Ermessen des Gerichtes die zu erwartende Freiheitsstrafe nicht mehr als sechs Monate beträgt (§ 59 KonsGG.). Den Umfang der Beweisaufnahme bestimmt das Gericht (§ 60 das.). In das Protokoll sind die wesentlichen Ergebnisse der Verhandlung aufzunehmen (§ 61 das.). Liegen die Voraussetzungen des § 65 Abs. 2 StPO. vor, so können Zeugen, die zur Rechtfertigung der Berufung benannt sind, vom Bezirksrichter vernommen werden (§ 68 KonsGG.). In der H. vor dem Berufungsgericht kann der Angeklagte entweder selbst erscheinen oder sich durch einen Verteidiger, der mit schriftlicher Vollmacht versehen sein muß, vertreten lassen.- Befindet sich der Angeklagte nicht auf freiem Fuße, so hat er keinen Anspruch auf Anwesenheit. Soweit er selbst die Berufung eingelegt hat, ist über sie auch dann zu verhandeln, wenn weder er noch ein Vertreter für ihn erschienen ist (§ 69 KonsGG.). Zustellungen, Ladungen, die Vollstreckung von Beschlüssen und Verfügungen werden im Schutzgebiete durch den Richter auch insoweit veranlaßt, als sie nach der StPO. der Staatsanwaltschaft obliegen (§53 KonsGG.) Im übrigen wirkt die Staatsanwaltschaft, soweit es sich um Verbrechen oder Vergehen handelt, bei der Hauptverhandlung in erster Instanz, bei der Einlegung von Rechtsmitteln und bei dem Verfahren in zweiter Instanz nach Maßgabe der StPO. mit (§ 5 Ksl. V. vom 9. Nov. 1900, RGBl. S. 1005). Wegen der Zusammensetzung des Gerichtes, insbesondere der Zuziehung von Beisitzern in der Hauptverhandlung, s. Besetzung der Gerichte, wegen der Einlegung von Rechtsmitteln gegen die erstinstanzlichen Entscheidungen s. Berufung und Beschwerde.

Gerstmeyer.