Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 46 f.

Hausbau der Eingeborenen (s. Tafel 29). Schutz gegen die Witterung gewährt neben der Erdhöhle, dem hohlen Baum usw. das Obdach, das der Mensch künstlich errichtet. Als Material dient vor allem Holz in den verschiedensten Formen zur Herstellung der tragenden Teile, nächst dem Lehm und Stein; die deckenden Teile werden vorzugsweise aus Blättern und Gräsern, aber auch aus Lehm und Rindermist hergestellt. Der Form nach stellt das Haus den vollkommensten Bau dar, das aus dem Dach (Schutz gegen Regen), der Wand (Schutz gegen Wind) und dem Fußboden (Schutz gegen Erdfeuchtigkeit) besteht. In der Hütte fehlt der Fußboden (an dessen Stelle auf der Erde ruhende Matten, Felle, Pritschen usw. treten), gelegentlich auch die feste Wand. Doch steht manche Hütte weder an Größe noch an technischer Vollkommenheit dem Hause nach. Neben diesen beiden Wohnbauten, die im wesentlichen als Obdach für die Nacht bestimmt sind, werden Bauten für besondere Zwecke errichtet: getrennte Schlafhütten für Männer und Frauen, Knaben und Mädchen; Wohn- und Versammlungshäuser der Männer; Kultbauten; Kochhütten, Bootshütten, Ställe, Speicher. Zu diesen dauernden Bauten kommen vorübergehend errichtete, wie die Hütten, in denen die Knaben oder Mädchen vor den Mannbarkeitsfesten einige Zeit zubringen, die kleinen Zufluchtshütten in großen Bäumen oder die rasch errichteten Schirme und Hütten, die während eines Unwetters oder für eine Nacht entstehen. Daher finden sich bei den Naturvölkern vollkommene neben primitiven Bauten, die aber stets einen charakteristischen Stil aufweisen, da jedes Volk seine eigene Baukunst besitzt. Sie zeigt sich in kleinen Einzelheiten, so in der Art, wie die Blattbedeckung auf den Dachsparren befestigt wird, der Flechtart der Wände, aber auch in der Anordnung der tragenden Teile, der Verwendung der Wand oder besonderer Konstruktionen als Träger des Daches, vor allem in der Form des Grundrisses und dem Dachbau. Das einfachste Obdach bildet der Windschirm, der aus nebeneinander in den Boden gesteckten Zweigen besteht (Buschmänner u.a.). Stehen sie im Kreise oder Halbkreise, verflicht man ihre freien Enden und bedeckt die Außenseite etwa mit Laub, so ist der Übergang zur runden oder elliptischen Kugelhütte gegeben. Ihr Gerüst ist aus Ruten gebildet, die zum Halbkreis gebogen mit beiden Enden in der Erde stecken und ineinander kreuzen. Zur Bedeckung dient Laub (afrikanische Pygmäen) oder Buschwerk, das außen mit Lehm und Rindermist verklebt wird (Pontok der Herero usw., Massai). Ist der Windschirm durch Verflechten der Zweige zu einer Tafel ausgebildet, so muß sie durch Stäbe gestützt werden (Ozeanien); stellt man zwei solcher Tafeln gegeneinander, so entsteht das Satteldach mit einem offenen Giebel an jedem Ende, der durch Stäbe und Blattwerk oder durch Bretter geschlossen werden kann. Dort, wo das Dach auf der Erde ruht, entsteht ein Winkel, der wenig nutzbar ist. Er wird dadurch vermieden, daß man das Dach auf Stützen stellt, die es in seiner Mitte und an seinem Rande tragen. Zwischen den Stützen an der Traufe können Tafeln aus Flechtwerk oder Bretter als Anfang der Wand aufgestellt (Mikronesien) oder Jalousien aus Matten (Samoa) angebracht werden. Doch verlangt die Wand bald eigne Träger und Stützen (Westafrika) oder wird zur Trägerin des Daches (Ostafrika, Sudan). Dabei ist das Giebeldach mit geraden Wänden auf viereckigem Grundriß verbunden (Südsee, Westafrika), während die zylindrische Wand ein Kegeldach trägt (Ostafrika, Westsudan, zum Teil Ozeanien). Äußerlich ist der Anteil der Wand nicht immer erkennbar, da die Dachbedeckung über die Wand zur Erde herabgezogen sein kann, so daß die Konstruktion der Wand erst im Innern des Baues sichtbar wird. Tritt das Dach weit über die Wand nach außen hervor, so entstehen Veranden als schattige und zugleich luftige Sitzplätze. Einen Fußboden aus Stangen erhält der Bau, wenn man das ganze Haus auf Pfähle stellt (Neuguinea, Bismarckarchipel, Marshallinseln, Süden von Ostafrika). Funktionell entspricht ihm der Unterbau des Hauses aus Korallenplatten (Westkarolinen), Aufschüttungen von Rollsteinen (Samoa) usw. Der großen Mehrzahl nach sind alle Häuser einstöckig gebaut, wenn man nicht die Gestelle, Plattformen usw., die innen etwa an der Grenze zwischen Dach und Wand angebracht sind, als Andeutung eines zweiten Geschosses ansehen will. Wo es das Material gestattet und ein Bedürfnis vorliegt, so in Westkamerun und Togo, kommen auch zwei- und mehrstöckige (Tambermaburgen) Bauten vor; die Teilung des Innenraums durch feste Wände, die etwa den Schlafraum abtrennen, ist in dem afrikanischen Hause verbreitet, im ozeanischen meist nur angedeutet.

Literatur: H. Frobenius, Afrikanische Bautypen. Dachau 1894. - Ders., Ozeanische Bautypen. Berl. 1899. - A. Schachtzabel, Die Siedelungsverhältnisse der Bantu-Neger, Intern. Arch. f. Ethnogr., Bd. XX, Suppl. 1911.

Thilenius.