Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 54

Heldensagen der Eingeborenen. Bei schriftlosen Völkern wird die Geschichte des Stammes mündlich überliefert. Die naive Darstellung knüpft dabei an Personen an, deren Erlebnisse und Taten geschildert werden und die anderseits der chronologischen Einteilung der Überlieferung dienen. Das Studium der H. ergibt daher neben einem Überblick über geschichtliche, wirtschaftliche u. a. Ereignisse, über Sitten und Bräuche in früheren Zeiten, auch einen Einblick in die Wanderungen, Überlagerungen usw. des Volkes sowie Stammbäume der Herrscher oder hervorragenden Persönlichkeiten, woraus wiederum eine gewisse Datierung der Ereignisse möglich wird. Der stets vorhandene geschichtliche Kern, der meist auch Personen- und Ortsnamen getreu wiedergibt, wird infolge der Überlieferungsart mehr oder weniger verändert durch Ausschmückung mit Anekdoten, durch die Häufung und den übermenschlichen Maßstab der Taten und Verrichtungen. Trotzdem ist die H. eine der wertvollsten Quellen für die Geschichte; unsere Erkenntnis der polynesischen und mikronesischen Wanderungen beruht ebenso darauf wie etwa z.T. der des Sudans.

Thilenius.