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Herero (s. Tafel
64, 66). Die H., auch Ovaherero (s.d.) genannt, bildeten noch im
Anfange
des laufenden Jahrhunderts die Hauptbevölkerung des außertropischen
Teiles
von Deutsch-Südwestafrika. Während wir
über die Herkunft mancher Völker innerhalb unseres Schutzgebietes so gut
wie nichts wissen, ist es leicht, den H. die ihnen zukommende
ethnographische
Stellung zuzuweisen. Sie sind unzweifelhaft ein Glied der großen, das
große afrikanische Süddreieck bewohnenden Banturasse, und diejenigen
Forscher,
welche auch den Osten Südafrikas kennen, werden nicht anstehen, eine
nahe
Verwandtschaft dieses Volkes mit den
eigentlichen
Kaffernvölkern anzunehmen. Die Einwanderung der H. in die zuletzt von ihnen
besetzten Landschaften hat nach allgemeiner Annahme erst verhältnismäßig
spät stattgefunden. Jedenfalls dürfte sie nicht vor der Mitte des 18.
Jahrhunderts erfolgt sein, und man kann sie vielleicht als eine Folge
des Rückstaues auffassen, den die vorwärtsdrängenden Bantustämme von
Südostatrika
durch das Zusammentreffen mit den Europäern der Kapkolonie erfuhren.
Schließlich
ist der Zeitpunkt dieses Vorrückens weniger wichtig als die Tatsache des
Zusammentreffens mit der völlig andersgearteten hottentottischen Rasse,
eine unmittelbare Folge jener H.wanderung. Die zuletzt, d.h. im Beginn
der deutschen Herrschaft von den H. bewohnten bzw. gelegentlich als
Weideland
benutzten Gebiete sind nicht mit dem Lande identisch, wie sie es durch
längere Besetzung als ihr Eigentum immerhin beanspruchen durften. Noch um
die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Swakop unterhalb Otjikango nicht in den Händen dieses Volkes,
ebensowenig
das Gebiet oberhalb Otjiseva, das sie auch vordem wohl nur zeitweilig
aufgesucht hatten. Die hier und anderwärts vorhandenen hottentottischen
Ortsnamen beweisen jedenfalls, daß die H. nur vorübergehend hier
aufgetreten
sein können. - Körperlich nähert sich der H. in vieler Hinsicht den Kaffern
Südostafrikas. Groß, oft herkulisch gebaut, zeichnet er sich wie jene
durch eine mehr schokoladenbraune als tiefschwarze Hautfarbe und durch
nicht übermäßig negerhafte Gesichtszüge aus. Wie für den südöstlichen
Bantu ist auch für den H. die Häufigkeit
schärfer geschnittener Gesichtszüge bezeichnend, die auf einen weit
zurückliegenden
Zusammenhang mit hamitischen Elementen deuten könnten. Auch ein ziemlich
helles Braun kommt nicht selten zur Beobachtung. Bei den Owambandjeru,
dem östlichen Zweige der H., soll diese Farbe etwas häufiger vorkommen.
Die geistige Befähigung des H. ist durchaus nicht gering. Auch in dieser
Hinsicht gehören sie zu den hochstehenden Bantu. Weniger lobenswert ist
ihr Charakter. Hochmut, Geiz und eine bis zur Frechheit gehende Anmaßung
ist den Leuten von Natur eigen gewesen, solange sie noch als
selbständiges
Volk gelten konnten. Schlimmer als diese Eigenschaften und als die
Habgier
und der Hang zur Unwahrhaftigkeit sind die grausamen Instinkte, die dem
Volke in fast all seinen Vertretern innewohnten. Wie der H. einen Hund
in abscheulichster Weise zu quälen vermochte, so wurde er dem gefangenen
Feinde gegenüber zur blutdürstigen Bestie. Die Martern, welchen selbst
Frauen und Kinder während der Hottentottenkriege ausgesetzt wurden,
suchten
ihresgleichen, und der Haß, mit dem der H. seines Feindes gedachte, kam
sowohl dem gelben Volke wie den Weißen gegenüber in teuflischer
Verräterei
zum Ausbruch. Es ist dem entschiedensten Verteidiger des Volkes nicht
möglich, diese Blutgier und die wilde Grausamkeit zu bestreiten, deren
es sich so oft schuldig gemacht hat. Sie hat überall Ausschreitungen
schlimmster
Art zur Folge gehabt, wo sich Bantu und fremde Rassen im Kampfe
begegneten.
- Bei den vielen schlechten Eigenschaften der H. war die Arbeit der Mission
unter ihnen besonders schwer, und wenn man bedenkt, daß ihr doch manche
Besserung früherer Zustände gelungen ist, so muß man dies um so mehr
anerkennen
als selbst manche Missionare der älteren Zeit an dem Erfolge der
Arbeit unter diesem Volke fast verzweifelten. Den erwähnten schlechten
Eigenschaften stehen indessen auch einige gute gegenüber. Dahin gehört
eine gewisse Gastfreiheit, vor allem aber die Sorgfalt, mit der das Volk
für seine Herden sorgte. Für die Rinder arbeitete der H., wenn es sein mußte, Tag und
Nacht, an seinen Tieren hing er mit einer Art von persönlicher
Anhänglichkeit,
und um einen verloren gegangenen Ochsen wieder zu erlangen, nahm er ohne
Murren die größten Strapazen auf sich. Für den Europäer zu arbeiten,
ließ
sich freilich auch der ärmere H. nur in Ausnahmefällen bewegen. - In
ihrem
Äußeren hatten sich die im Süden ihres Landes wohnenden H. wenigstens
in den größeren Orten längst den Weißen angepaßt, als die Besiedelung
einsetzte. Im Felde war indessen ihre alte Kleidung noch oft zu
erblicken,
bei den Männern vornehmlich aus einem Schurz aus Lederriemen, bei den
Frauen neben dem Schurz hauptsächlich aus einem mit einer merkwürdigen,
dreispitzigen Lederhaube verbundenen Überwurf bestehend (s. Tafel 66 Abb.
9), zu dem sich bei vielen Leibchen aus Straußeneierschalen (s. Tafel
66 Abb. 10) und schwere Bein- und Armringe
(s. Tafel 66 Abb. 11)
gesellten. Wichtiger war, daß die alte Wehr, aus
Lanzen, Wurfspeeren (s. Tafel 66 Abb. 13)
und dem Kirri, der kurzen, aber
gefährlichen
Wurfkeule bestehend, in immer stärkerem Maße den, teilweise ganz
modernen,
Feuerwaffen gewichen war, ehe die Regierung die
Macht besaß, eine Entwaffnung oder auch nur eine wirksame Sperre
weiterer
Waffen- und Munitionseinfuhr durchzuführen. Diese Veränderung in dem
Kulturbesitz
des Volkes hat sich später bitter an uns gerächt. Daß die alte Kleidung
fast ganz aus Leder bestand, nimmt bei einem so begeisterten Volk von
Viehzüchtern und der ganzen Landesausstattung nicht wunder. Auch das
Beschmieren
und Tränken aller dieser Lederteile mit Ocker und Fett findet seine
Erklärung
sehr wohl im Klima. Die Haut bleibt
dadurch
fortwährend geschmeidig und wird zudem vom Staube nicht gereizt, was
sonst
leicht häßliche und nicht ungefährliche Hautkrankheiten,
Ausschläge u. dgl. nach sich ziehen würde. Der seltsame Kopfschmuck mit
den drei "Eselsohren" wird vom weiblichen Geschlecht von der
Verheiratung
an getragen. Zu den Scheibchen aus Straußeneischalen treten oft und gern
Schnüre aus polyedrischen Eisenperlen verschiedener Größe, so daß das
Gewicht eines solchen Mieders auf 20 Pfd. und mehr steigen kann. Die
Ringsätze
aus Eisenperlen für Unterarm und Unterschenkel nahmen früher oft eine
Ausdehnung an, daß sie jene Gliedmaßen fast ganz umhüllten. - Der Speer
ist in seinen schönsten Typen aus Eisen
hergestellt, wobei der Schaft mit einem buschigen Rinderschweif
überzogen
ist. Ihrer Unhandlichkeit und Schwere wegen kann eine solche Waffe kaum
je bei Kampf und Jagd verwendet worden sein, wird vielmehr als Schau-
und Prunkwaffe gedient haben. -Das Inventar der bienenkorbförmigen Hütten ist im allgemeinen nicht reichhaltig; am
mannigfaltigsten erscheint noch der Hausrat, soweit er auf die
Gewinnung,
Aufbewahrung und Verwendung der Milch
Bezug
hat. Die großen und kleinen Holzgefäße, die einen besonderen Stil
offenbarenden
Löffel (s. Tafel 66
Abb. 15), die Trichter, kurz alles wird von den Leuten
selbst mit Hilfe gebogener Messer aus dem
Vollen geschnitzt. Die Flechtkunst liefert dahingegen nichts
Hervorragendes;
neben sehr geräumigen Tragkörben primitivster Technik (s. Tafel 66 Abb.
12), die zur Aufnahme der Wassergefäße und sonstiger Kleinigkeiten
bestimmt
sind, finden sich jedoch auch besser und feiner geflochtene Gefäße,
neben
denen sehr große Kochtöpfe aus Ton, Lederbeutel mit Fett, andere Behälter mit
Schmucksachen,
die erwähnten Schnitzmesser, Buchubehälter und einiges andere mehr das
gesamte Inventar bilden. Buchu ist das für ganz Südafrika
charakteristische,
aus stark aromatisch riechenden Kräutern zusammengesetzte kosmetische
Pulver, ohne das kein Volksgenoß
auskommt,
das auf alle Körperteile gestreut wird und das die Hottentottenfrauen
nach L. Schultze selbst in die Vulva einführen. Tafel 66 Abb. 18 stellt
ein solches Buchubüchschen aus Schildkrötenschale dar. Sie ist mit Harz
abgedichtet und mit Schnurbehang versehen. - Eigentümliche Anschauungen
über das Eigentumsrecht an Grund und Boden, die nach Ansicht der H.
Besitz
des Stammes waren, haben sicherlich viel zu der Entstehung der späteren
Konflikte beigetragen. Der H. begriff nicht, daß ein Gebiet, in das er
seine Rinder zur Weide trieb, ihm nun mit einem Male verschlossen sein
sollte. Aus solcher Regung heraus, die ihm schließlich der infolge
seiner
Erziehung anders denkende Europäer nicht verübeln kann und aus der
wachsenden
Erkenntnis heraus, daß es eines Tages mit der gewohnten Freiheit der
ungeschmälerten
Weidenutzung für seine über alles geliebten Rinderherden vorbei sein
werde,
mag sich ein gut Teil des Hasses gegen die Weißen erklären. Hier standen
sich eben nicht nur zwei Rassen, sondern,
was man in Europa gar nicht beachtet hat, zwei Weltanschauungen
gegenüber,
diejenige des fortgeschrittenen Kulturmenschen mit seinem ausgeprägten
Individualismus und die naivsozialistische des Hirtenvolkes. Diese mußte
im Interesse des Landes unterliegen, daran darf auch derjenige nicht
Kritik
üben, der sich voll auf die Seite der Eingeborenenrechte stellt. Eine
gewisse Tragik in dem Untergange des Hererovolkes als solchem wird man
gleichwohl zugeben müssen; sie ist eben in jenem Gegensatze der
Anschauungen
begründet. - Zum Verständnis der früheren Zeiten mag noch einer
Charaktereigenschaft
oder besser eines Mangels gedacht werden, dessen man sich, unter dem
Eindruck
des Niederringens des großen Aufstandes (s. Hereroaufstand), in Deutschland nicht recht
bewußt ist. Der H. ist von Haus aus trotz der oben gestreiften
Eigenschaften
weder eine kriegerische Natur noch überhaupt von besonderem Mute
beseelt.
Die von der Verzweiflung eingegebenen Taten während jener schweren Tage
dürfen nicht als Beweis für das Gegenteil angezogen werden; die früheren
Zeiten haben die unkriegerische Art dieses Hirtenvolkes zur Genüge
erkennen
lassen, und jetzt, nachdem ihre Selbständigkeit aufgehört hat, darf man
gerade um dieser Eigenschaft willen annehmen, daß sich die Herero mit
der Zeit zu einer guten und die Entwicklung des Landes in ihrer Art
fördernden
Arbeiterbevölkerung werden erziehen lassen, was beim Hottentotten schon wegen der entgegengesetzten
Veranlagung, die sich in der viel zäheren Art des kriegerischen
Widerstandes
offenbarte, ziemlich ausgeschlossen erscheint. - Die H. scheinen
ursprünglich
aus zwei Stämmen hervorgegangen zu sein, dem eigentlichen Stammvolke und
den im Osten ihres früheren Landes wohnenden Ovambandjeru (s.d.). Die sog. Owatjimba
dagegen, die sich in einigen Gegenden des Schutzgebietes fanden, werden
von manchen lediglich als eine verarmte Klasse der wirklichen H.
angesehen.
Über die Sprache der H. s. Hererosprache.
S. a. Hereroaufstand.
Literatur: H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika.
Lpz. 1891. - H. v. François, Nama und Damara. Magdebg. - K. Schwabe,
Im deutschen Diamantenlande. Berl. 1910. - Mehr vom Missionsstandpunkte
aus: I. Irle, Die Herero. Gütersloh 1906.
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