Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 60 ff.

Hereroland (s. Tafel 64). Unter dem, was wir nach historischem Recht als H. bezeichnen, sind eigentlich recht verschiedene Gebiete zu verstehen. Denn in dieser Großlandschaft nimmt sowohl das zur Kalahari (s.d.) entwässernde Land wie auch der Süden und der Norden jedes mal eine Sonderstellung ein. L.Schultze rechnet deshalb nicht mit Unrecht den Osten zur Kalahari selbst. Wir können indessen dieser Einteilung nicht folgen, da es sich wenigstens im Oberlauf der dieser zuströmenden Regenflüsse um ein ehedem von den Herero beweidetes Feld handelt. - Der Aufbau des H. ist nicht so einfach wie derjenige des Groß-Namalandes (s.d.) zu charakterisieren. Der Süden wird völlig von dem zentralen Erhebungsgebiet beherrscht, in dem wir die gewaltigste Massenerhebung des Schutzgebietes zu sehen haben. Zwischen dem 22. und 24. Grad s. Br. und 18° ö. L. erhebt sich das Hochland von Südwestafrika zu einer Meereshöhe, die im Mittel auf reichlich 1600-1700 m angesetzt werden kann. Dies Kernland der Massenerhebungen, dessen östliche und nördliche Ausläufer bereits um 100-200 m niedrigere Durchschnittshöhen aufweisen, nimmt mindestens 30000 qkm ein, die doppelte Fläche wie das Königreich Sachsen, und trägt gleichzeitig die meisten über 2000 m emporsteigenden Bergmassen der Kolonie, die sich namentlich im Südwesten, in dem westlich von Rehoboth liegenden Hochgebiet, ferner in dem Auasgebirge (s.d.) bei Windhuk und endlich in den südöstlich von Okahandja aufsteigenden Höhen zu ausgedehnten Landschaften mit echtem Gebirgscharakter entwickeln. Hier, in dem südlichen H., reicht die niedrigere Fortsetzung des zentralen Hochlandes in Gestalt langer Bodenwellen bis zum 19° ö. L. - Eine ziemlich scharfe Trennung von den nördlichen Landschaften bildet namentlich die Folge viel niedrigerer Hochflächen von mehr ebenem Charakter, welche vom 17° ö. L. an das Tal des Swakop begleiten und denen im Osten das Tal des Oberlaufes des Schwarzen Nossob entspricht. Jenseits dieser Einschnürung wird das zentrale Hochland nicht allein niedriger als im Süden, sondern es löst sich auch bald in einzelne, zumeist durch Flußtäler voneinander getrennte Plateaus auf, zu deren bekanntesten das des Erongogebirges (s.d.) in der Nähe von Omaruru gehört. Hier, im mittleren H. findet sich zwar die höchste Erhebung des Schutzgebiets, der Omatako, aber seine landschaftliche Wirkung ist trotz seiner Seehöhe (2700 m) bei weitem nicht mit derjenigen des Auasgebirges zu vergleichen. - Wieder anders als dies immerhin noch mannigfaltig gestaltete Land erscheint der Norden des H. Sobald wir die Zone des 21° s. Br. überschritten haben, beginnt die Ebene vorzuherrschen. Die Hochländer, die sich auch hier noch über das Sockelland erheben, erscheinen dadurch noch mehr von einander gesondert. Das flache Land ist zwar noch 1200-1300 m hoch über dem Meere gelegen, aber es gleicht, zumal am oberen Omurambo-Omatako bereits durchaus den ungeheuren Flächen in der Umgebung der Kalahariflüsse in der Omaheke (s. Sandfeld). Unter den das ebene Land überragenden Massiven ist das bekannteste der Waterberg (s.d.), das nördlichste das in dem Dreieck zwischen Otavi, Grootfontein und Tsumeb gelegene Hochland, das aber nicht die imposante landschaftliche Wirkung der zuerst genannten Erhebung erreicht. - Zeigt das südliche und mittlere H. geognostisch eine enge, vor allem in dem Vorwiegen des Urgesteins begründete Verwandtschaft, so bildet der Norden auch in dieser Beziehung eine von der andern abweichende Landschaft. Hier sind es die Sandsteine und Kalksteine der Waterberg- und der Otavilandschaften, die uns ein wesentlich anderes Bild geben, als die eigenartigen Formen der Berglandschaften des mittleren und besonders des südlichen H. Im Einklange mit dem orographischen Bau steht endlich im Osten aller drei Landschaften das Übergewicht, das die tiefe, durch vereinzeltes Kalkauftreten unterbrochene Sandbedeckung über alle anderen Formationen erlangt und das in diesen endlosen Ebenen uns in der Tat einen Teil der Kalahari erkennen lehrt. - Die Hydrographie des H. wird im wesentlichen wieder durch die Lage des zentralen Hochlandes und seiner Ausläufer bestimmt. Die Wasserscheide zwischen der Kalahari und dem Atlantischen Ozean verläuft daher ungefähr von Süden nach Norden, und zwar wird die sie bestimmende Länge von 17° Ost nur im Oberlauf des Großen Omuramba (s.d.) etwas weiter nach Westen verschoben. - So beruht der grundlegende Unterschied zwischen den Flüssen des H. ganz vorwiegend auf ihrem Gefälle. Während wir die Gewässer der Regenzeit in den nach der Kalahari zu ablaufenden Gerinnen gleich nach ihrem Austritt in die Ebenen des Ostens versiegen sehen, ohne daß tief eingeschnittene Täler von ihnen in das Umland eingearbeitet sind, ist an den Rivieren des Westens gerade im Mittellauf, ja bis in die Namib (s.d.) hinein, das tiefe, schluchtartig entwickelte Tal ein besonderes Merkmal. Die Erscheinungen des Abkommens, d.h. des oberflächlichen Fließens, wiederholen sich hier, wie ja auch im Namalande, viel häufiger als in den ein regenreicheres Gebiet durchströmenden Kalahariflüssen innerhalb des mittleren und nördlichen H. - Klimatisch (s. den allgemeinen Teil in dem Artikel Deutsch-Südwestafrika) gehört das H. noch zum außertropischen Südwestafrika. Selbst im äußersten Norden sind die Temperaturen noch erträglich, und die Hitze wird noch durch die erfrischende Kühle der Nächte ausgeglichen. Andrerseits zeichnen sich die Hochgebiete im Süden durch frische, gesunde und auch im Hochsommer keineswegs übermäßig warme Luft aus. Im Winter kommen bis weit in den Norden gelegentliche Fröste vor. Sehr vorteilhaft unterscheidet sich das Land vom Süden des Schutzgebiets durch seine reicheren Niederschläge, die nur in den südwestlichsten Strichen von weniger als 1400 m Seehöhe unter 30 cm Jahresmenge herabsinken, die dagegen im Nordosten sogar in der Ebene 50 cm erreichen und übersteigen. Auch ist die Trockenzeit im größten Teile des H. kürzer, die ungewöhnlich regenarmen Jahre, die auch hier vorkommen, weniger arm an Regen als im Groß-Namalande. Die günstigen Wirkungen der Dampfarmut der Luft auf die Gesundheit sind auch hier überall deutlich bemerkbar. Dagegen macht sich die Nähe der Tropen namentlich im Norden wieder in der größeren Häufigkeit der Malaria unter den Weißen geltend. - Die Pflanzenwelt des H. weicht in ihrer Zusammensetzung nur im äußersten Norden von der der außertropischen Teile des Schutzgebietes ab. Die Grenze der Palmen (Hyphaene) verläuft über Grootfontein; ebendort finden sich auch die südlichsten Vertreter der Affenbrotbäume (Adansonien). Südlich von Otavi verschwinden auch die hochstämmigen Bäume, die hier wie im Ambolande auf freier Fläche, d.h. ohne auf das Grundwasser angewiesen zu sein, geschlossene Bestände bilden. - Das ganze übrige H. zeichnet sich durch die gleichen Formen aus, die wir auch in den besser bestandenen Teilen des Namalandes finden. Vor allem sind es die verschiedenen Akazien des außertropischen Südafrika, die den Grundbestand des Holzwuchses bilden. Die freie Fläche weist dagegen namentlich Grasbestand auf, während die Halbsträucher sich im Weidelande auf einzelne Gebiete im zentralen Hochlande beschränken. - Der wesentliche und sofort in die Augen fallende Unterschied des H. gegen das Namaland beruht somit nicht sowohl auf den Einzelformen der Pflanzenwelt als vielmehr in der Art ihres Massenauftretens. Unter gleicher geographischer Länge ist das Pflanzenkleid des Bodens viel dichter und kräftiger entwickelt als im Süden. Der dornige Buschwald bedeckt nicht nur die Ebenen, sondern vielfach auch die Gehänge der höheren Landschaften, die baumartig entwickelten Akazien in der Umgebung der Riviere und in Grundwassergebieten sind höher und bilden oft parkartige, an den Regenflüssen auch waldähnliche Bestände. Das Gras steht dichter als im Süden und ist auch in den Ebenen des Ostens in reicher Fülle anzutreffen. Heimische Kulturgewächse kennt das H. nicht, und von wildwachsenden Nutzpflanzen kann außer den die Feldkost (s.d.) liefernden Gewächsen höchstens in dem Sinne gesprochen werden, als einige Wurzeln (Gerbstoffe) und das von den Akazien ausgeschwitzte Gummi (Gummi arabicum) vielleicht einmal eine industrielle Verwertung gestatten werden. Auch die Tierwelt des Landes entspricht genau wie im Namalande durchaus dem Steppencharakter. Nur wenige im Süden nicht vorhandene Tiere begegnen uns hier, so das Warzenschwein im nördlichen H., ebenso wie auch einige Antilopen, wie das Kudu und das Hartebeest (Kaamaantilope) hier häufiger sind als im Groß-Namaland. Der Reichtum namentlich an Großwild hat in den letzten Jahrzehnten beträchtlich abgenommen. Die noch 1893 im Gebiet von Gobabis vorhandene Giraffe ist verschwunden, die Löwen, damals noch im nördlichen und östlichen H. häufig, haben sich ebenfalls stark verringert. Die Bevölkerung wurde ehemals nur im Süden in den mittleren und nördlichen Teilen des Landes bis in das Waterberggebiet von den Herero (s.d.) gebildet, während in den einsamen Hochgebieten die schwarze Urbevölkerung, die Bergdamara (s.d.), das Land besetzt hielten. Die hottentottische Bevölkerung saß in geschlossenen Massen im äußersten Süden des hier geographisch abgegrenzten Gebiets, und auch der hellfarbige Teil der Urbevölkerung, die Buschmänner (s.d.) beschränkten sich auf die östlichsten, bereits zum Kalaharigebiet gehörenden Teile der Ebenen. Nur im Norden, im Otavigebiet, finden wir sie in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemals von den Herero bewohnten Gebiete.

Literatur: H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891. - K. Dove, DeutschSüdwestafrika, Ergebnisse e. wissensch. Reise im südl. Damaralande. Gotha 1896. - Ders., DeutschSüdwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1914. - L. Schultze, Deutsch-Südwestafrika in H. Meyer, Das deutsche Kolonialreich. Lpz. 1910.

Dove.