Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 68

Hinterland. Dieser zuerst in der Periode der deutschen Kolonialerwerbungen und der Berliner Kongokonferenz (s.d.) in der Diplomatie und politischen Geographie in Gebrauch gekommene Ausdruck bezeichnet dasjenige landeinwärts von einer bestimmten Küstenstrecke gelegene Gebiet, das in erster Linie in verkehrspolitischer Hinsicht, dann aber auch aus ethnographischen, orographischen, hydrographischen oder allgemeinen geographischen Gründen zu eben dieser Küstenstrecke gravitiert. Deshalb kann die Längenerstreckung der betreffenden Küste bei der Theorie des H. nicht allein für die entsprechende Längenentfaltung des politisch zugehörigen Binnenlandes maßgebend sein, wie wir an Deutsch-Ostafrika mit seiner schräg zum Victoriasee ansteigenden Nordgrenze gegen Britisch-Ostafrika sehen. Bei den deutsch-französischen Verhandlungen über die Abgrenzung von Kamerun im Jahre 1893/94 argumentierten die französischen Unterhändler vergeblich dahin, daß, weil die Westgrenze von Kamerun im Jahre 1885 nur bis zu den Croßschnellen gereicht habe, der Breitenparallel dieser Schnellen (etwa 6° n. Br.) auch im Hinterland maßgebend für Erstreckung der durch den 15° ö. Gr. gebildeten Ostgrenze von Kamerun nach Norden hin sein müsse. Nach dieser, die allgemeinen geographischen Verhältnisse Kameruns außer acht lassenden Theorie des H. wäre der in dem deutsch- französischen Vertrag vom 24. Dez. 1885 als Ostgrenze von Kamerun festgesetzte 15. Meridian über seinen Schnittpunkt mit dem 6° n. Br. nordwärts hinaus als Grenzlinie nicht mehr in Betracht gekommen. Ohne den gleichzeitigen Besitz des H. ist die politische Okkupation einer Küstenstrecke für den betreffenden Staat häufig fast wertlos, weil die Küste allein sich wirtschaftlich nicht entwickeln und der Handel sich nicht entfalten kann. So ist z. B. das englische Walfischbai- Territorium politisch ein hinterlandsloses Gebiet, das, wirtschaftlich stagnierend, sich selbst nicht erhalten kann und das nur als Kohlenstation, Kabelstützpunkt und als ev. Kompensationsobjekt einen gewissen Wert hat. Ebenso wie das Wort "Talweg" (s.d.) ist auch das Wort "Hinterland" als ein knapper Ausdruck für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen von Küste und Binnenland in den Wortschatz vieler Kultursprachen neuerdings aufgenommen worden. S. a. Interessensphären.

Danckelman.