Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 77 ff.

Hottentotten (s. Tafel 65, 66, 183). Die H. nennen sich selbst Koikoin, was soviel wie Menschen bedeutet. Als Naman faßt man dagegen jetzt am besten alle H.Stämme von Deutsch-Südwestafrika zusammen, obwohl diese Bezeichnung ursprünglich wohl nur für die vor 1800 dort vorhandenen Hottentotten galt. Das sonderbare Wort "Hottentott" hat man meist als einen holländischen Spottnamen bezeichnen wollen, doch finden sich auch Erklärungen, nach denen es fremden, selbst nordafrikanischen Ursprunges (Hadendoa!) sein sollte. - Über die Herkunft der H. gehen die Ansichten ebensosehr auseinander wie über diejenige der Buschmänner (s.d.). In einem freilich stimmen alle Forscher überein, in der Auffassung, daß wir das Volk, wie es sich uns in seiner Stellung unter den südafrikanischen Einwohnern darstellt, heute durchaus als eigene Rasse ansehen müssen. Dem Bantu, ja dem Neger überhaupt, steht es jedenfalls ebenso fern wie dem Europäer. Immerhin ist es von Interesse, die Ansichten über seine Herkunft zu kennen, wie es ja selbst zu den interessantesten Resten einer sich auflösenden Menschenwelt gehört. Während einige aus dem mongolenähnlichen Aussehen der gelben Rasse Südafrikas auf eine Verwandtschaft mit den Malaio-Mongolen Südostasiens schließen wollen, sehen andere in ihnen eine im Süden des Weltteils selbst herangebildete Urbevölkerung, wieder andere das Erzeugnis der Mischung einer höherstehenden hellfarbigen Rasse mit den als Urbewohnern betrachteten Buschmännern. Neuerdings dagegen bricht sich abermals die Ansicht Bahn, die gerade von den älteren Forschern vertreten wurde und nach der die H. eine nahe, wenn auch durch äußerliche Veränderungen verdunkelte Verwandtschaft mit den Hamiten (s.d.) Nordafrikas besitzen würden. - Von geschichtlichen Tatsachen sind wir erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit unterrichtet. So viel steht fest, daß die Naman bereits im 17. Jahrh. den Nordwesten des südafrikanischen Hottentottengebiets bewohnen, und da wir sie bereits um die Mitte des 16. Jahrh. im Norden des Schutzgebiets im Kampfe mit den eindringenden Bantu finden, so ist in der Tat anzunehmen, daß sie die, historisch gesprochen, ursprünglichen Herren des Hauptteiles von Südwestafrika sind. - Die heutigen Naman sind indessen kein Volk von einheitlicher Zusammensetzung. Sie sind vielmehr aus der Vereinigung zweier verschiedener Zweige der hottentottischen Rasse hervorgegangen. Die echten Naman, die man als die im Schutzgebiet ansässigen Urstämme bezeichnen kann, und auf die die Bezeichnung Naman (s.d.) im engeren Sinne angewandt wird, wurden indessen in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. von Einwanderern aus dem Kaplande, den sog. Orlamstämmen, überflutet und teilweise aus ihren früheren Sitzen verdrängt. Diese sind es weiterhin gewesen, die die Macht im Lande an sich rissen und so lange behaupteten, bis ihrer Selbständigkeit durch die kriegerischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte nach und nach ein Ende gemacht wurde. - Die äußere Erscheinung des H. wird von der Häßlichkeit des Gesichts beherrscht. Platte Nasen von großer Breite, zwinkernde Augen mit oft, schiefgestellter Lidspalte, bei den älteren Leuten Falten in der Haut und ein durch Wulstlippen verunzierter Mund vereinigen sich zu einem nicht gerade anziehenden Bilde, das bei alten Frauen bisweilen förmlich an einen Totenkopf erinnert (s. Tafel 65). Merkwürdige Bildungen bei den Frauen treten hinzu, das Äußere noch fremdartiger erscheinen zu lassen, besonders die Steatopygie (s.d. u. Tafel 183), jene sonderbare Entwicklung des Gesäßes zu einer überwuchernden Größe und die sog. Hottentottenschürze (s.d.). Dem gegenüber steht die Zierlichkeit der Hände und Füße selbst bei den Männern. Die Behaarung ist ebenfalls recht eigentümlich; sie ist am Körper sehr spärlich, auf dem Kopf ebenfalls nur kurz und zu kleinen Büscheln verfilzt, die dann den Eindruck einzeln stehender Büschel machen. Daher die Bezeichnung "Pepperkopp" (mit Pfefferkörnern bestreuter Kopf), wie sie die Buren auf viele H. anwandten. Die Hautfarbe wechselt zwischen einem fahlen Gelb und einem rötlichen Gelb, sticht also in auffallender Weise gegen die Hautfarbe der Bantu sowohl wie der Bergdamara (s.d.) ab. Die Bezeichnung der H. als "Schwarze", der man bisweilen selbst im Lande begegnen kann, ist deshalb falsch und durchaus irreführend. - Ein Merkmal fast aller H. ist die geringe Körpergröße, die auch bei den Männern nur selten über 165 cm hinausgeht. Fehlt ihnen einerseits die Kraft des hochgewachsenen Kaffern, so übertreffen sie diesen noch durch Zähigkeit und Ausdauer. Wohl von niemandem mehr wird die geistige Höhe der H. bestritten, die ihnen einen weit über dem Herero (s.d.) befindlichen ethnologischen Rang gewährleistet. Schon die höchst eigenartige, durch den Besitz von vier merkwürdigen Schnalzlauten ausgezeichnete Sprache (s. Hottentottensprachen) beweist in ihrer Entwicklung die außerordentliche Begabung dieser Rasse. Dazu kommt aber noch eine ganze Reihe von Beweisen für diese. Nicht nur, daß der H. sich dem bisweilen abstrakten Gedankengang des Europäers leichter anzupassen vermag als der Schwarze, sondern die Erzeugnisse seines eigenen Innenlebens beweisen, daß er zu den höchststehenden Eingeborenen von ganz Afrika zu zählen ist. Die geistige Befähigung des H. zeigt sich nicht etwa nur in der Aneignung, obwohl er auch in dieser Beziehung sich vor den Bantu auszeichnet. Die bilderreiche Sprache der Bibel erkennt man in manchen Ausführungen wieder, so in Kriegsansagen der Witboikapitäne und Briefen regsamer Naman. Aber auch die völlig selbständigen Leistungen sind hervorragend, namentlich in der Behandlung der Fabel. Selbst in unserem Sinne sind ferner manche Erzeugnisse des hottentottischen Geistes als in hohem Grade poetisch zu bezeichnen. Wiederum hängt die Entwicklung des Spürsinnes mit der Fähigkeit zusammen, sich in die eigenartige Natur des Landes völlig einzuleben. Die Sagenwelt des Volkes - von einer solchen kann man mit gutem Recht sprechen -erinnerte schon einen Peschel in manchen Anklängen an die entsprechende Mythologie der Mittelmeervölker. Den Charakter der H. lediglich nach dem Verhalten der heruntergekommenen Stämme in den letzten Jahrzehnten beurteilen zu wollen, wäre durchaus verkehrt. Wankelmut, Unzuverlässigkeit, Verlogenheit waren wohl von je üble Eigenschaften der Rasse. Diesen und anderen Schattenseiten standen und stehen indessen in vielen Fällen auch noch heute Charakterseiten gegenüber, die wir beim Herero nicht finden. Zwar die sittlichen Anschauungen einer früheren Zeit haben durch gewisse verderbliche Einflüsse der Kultur gelitten, aber immer noch nimmt die Frau eine höhere Stellung ein als beim Bantu, und immer noch ist die Achtung vor den Eltern und Großeltern eine schöne Seite des hottentottischen Familienlebens. Freude am Krieg um seiner selbst willen, ja selbst die sich in Raubzügen entladende Lust a n einem abenteuerlichen Leben sind zwar eher mit gleichartigen Auffassungen des europäischen Mittelalters als mit unseren heutigen Anschauungen in Einklang zu bringen, sie berechtigen aber darum ebensowenig zu einem Verdammungsurteil einem Volke gegenüber, dem diese neuzeitigen Anschauungen eben noch fremd geblieben sind. Vielmehr muß den Naman zugebilligt werden, daß eine gewisse Ritterlichkeit der Anschauung, ja daß ein ganz modernes soldatisches Denken ihnen in vielen Fällen noch bis in die letzten Jahrzehnte nachgerühmt werden konnte, und daß wirklicher Mut und persönliche Tapferkeit dies Volk auf das vorteilhafteste von dem Herero unterscheiden, dem diese Eigenschaften keineswegs angeboren sind. -Andererseits erliegt der H. den Versuchungen, mit denen ihn die so überraschend über ihn gekommene Kultur der weißen Rasse bedroht, schneller und nachhaltiger als der Bantu, die Lebenskraft der gelben Rasse wird auf diese Weise schnell untergraben, und wie sie schon ihre politische, Selbständigkeit verloren haben, so werden sie auch ihre wirtschaftliche nach und nach einbüßen. Mit der äußeren Umwandlung, die sich in Kleidung und Sitten vollzog, wird auch die innere aus einer ehemals herrschenden zu einer dienenden Klasse sich in absehbarer Zeit an allen Naman vollziehen. -Die ursprüngliche Kultur war in Äußerlichkeiten wie etwa in der Kleidung, in Bewaffnung usw. schon zur Zeit der Besitzergreifung in größerem Umfange als bei den Herero europäischem Einflusse gewichen. Doch hat das Volk sich in Einzelheiten eine beachtenswerte Geschicklichkeit gewahrt, wie sie sich in manchen Arbeiten, z. B. in der Herstellung von kunstvoll genähten Felldecken, sog. Karossen (s.d.), noch heute bekundet. Unter dem Einflusse der Europäerkultur neu hinzuerworbene Fähigkeiten zeigen abermals die Begabung der Naman auch für die äußerlichen Angelegenheiten des Lebens. Denn wie sie es auf der einen Seite in der Handhabung des südafrikanischen Ochsenwagens und in der Behandlung der Gespanne zu großer Geschicklichkeit gebracht haben, so waren sie gewandte Reiter und Meister in der Behandlung der Feuerwaffen geworden. - Der hier geschilderten Veranlagung der gelbhäutigen Bevölkerung von Südwestafrika ist es auch wohl zu danken, daß die unter ihr tätige Mission leichtere Arbeit hatte als unter den Herero. Ein nicht geringer Prozentsatz der Naman war schon zur Zeit der Besitzergreifung getauft, und wenn es auch mehr die Äußerlichkeiten der christlichen Weltanschauung als deren innerer Gehalt war, was sie sich aneigneten, so war selbst dies Wenige als ein Kulturfaktor wirksam. Auch der von den Missionaren eingeführte Schulunterricht hat unter den H. von jeher größere Erfolge gezeitigt als unter den Herero. Die ursprüngliche Wirtschaftsform der H. beruht auf dem Sammeln, dem Jagen und der Viehwirtschaft. Während den Küstenhottentotten das Fleisch der Robben, Pinguine, Delphine und Seevögel, Muscheln und Schnecken als Grundlage der Nahrung diente (und zum Teil noch dient), sucht der verarmte Binnenlandhottentott sich alles dessen zu versichern, was da kreucht und fleucht; er verschmäht weder Mäuse und Eidechsen, noch Insekten, Käfer, Larven, Termiten usw. Unter den Vierfüßern liefern die verschiedenen Antilopen und das Schlachtvieh die Hauptnahrung. Jedoch erfreut sich der höchsten Schätzung die Milch, die er kuhwarm oder abgekühlt mit verschiedenen Vegetabilien versetzt und eben nur angesäuert oder dick und sauer geworden genießt. Das Buttern geschieht in der Weise, daß die sauere Milch aus einem Holzeimer in eine Kalebasse gegossen wird. Diese Kürbisflasche, deren enge Öffnung mit einem Holzpfropfen verschlossen wird (s. Tafel 66 Abb. 3), rollt man dann in schräger Stellung auf einer weichen, meist aus Fellen hergestellten Unterlage. Das geschieht nach L. Schultze in greller Sonne oder in der Nähe des Feuers. Nach etwa dreistündigem Rollen wird die Kalebasse zum Schluß so langsam bewegt, daß die Butter sich langsam oben sammeln kann. Dann wird die Flüssigkeit abgegossen und getrunken, während die Butter in einem Holzeimer aufgehäuft wird. Sie wird frisch oder ausgebraten genossen. - Innerhalb der pflanzlichen Nahrung stehen Knollen und Feldzwiebeln an erster Stelle; sodann des Wasserreichtums ihres Fleisches wegen und ob des Nährgehalts der Kerne die Früchte der Nara, des Rasenkibusches und des Schwarzebenholzbaumes. Die Topnaars im Gebiet der Walfischbai leben direkt einen großen Teil des Jahres von der Nara (Acanthosycios horrida Welw.), nach der sie auch ihren Stammesnamen naranin erhalten haben. Mit Knochenmessern von der Art des in Tafel 66 Abb. 2 wiedergegebenen halbiert man die kindskopfgroße Frucht, die man in Zeiten des Überflusses roh verspeist, während man sie für gewöhnlich als Konserve zubereitet. Man schneidet zu dem Zwecke die ausgeschälte Frucht in walnußgroße Stücke und kocht diese, bei nicht völliger Reife mit Wasserzusatz, sonst nur mit etwas Fett, zu Mus. Dann gießt man die heiße Masse auf ein Sieb, das Binsenkörbchen (s. Tafel 66 Abb. 4), das so lange am starken Henkel auf und niedergeschüttelt wird, bis der schwefel- oder braungelbe Brei durchgegangen ist. Der Brei wird auf eine Düne gegossen, nachdem ihm zuvor im Sand ein schwach geneigtes Lager geglättet worden ist. - Genußmittel sind in erster Linie der Tabak, sodann der Hanf. Auch der Alkohol war den H. von Haus aus in der Form des Honigbieres bekannt. Den Honig der wilden afrikanischen Honigbiene holt sich der Hottentotte mit Hilfe eines langen fingerdicken Stäbchens, mit dem er die Felsenhöhlen und hohlen Bäume sondiert, und eines Hakenstockes von der Form des in Tafel 66 Abb. 1 wiedergegebenen aus dem Bienenbau heraus. - Die Jagd der H. hat mit der Einführung der Feuerwaffen und des Pferdes europäischen Anstrich angenommen. Trotzdem bestehen noch Reste der alten Methoden genug, vor allem der Fang mit Hilfe von Fallgruben und Fallen. Jene werden gern für Zebras angewendet. Schwere, aus Steinen errichtete Fallen stellt man für Schakale und Hyänen her. Schwippgalgen, wie L. Schultze diese Fallenart nennt, stellt man zum Fang kleiner Antilopen und Klippschliefer auf. Noch feiner konstruiert sind schließlich die für den Fang des Stachelschweins und kleinerer Säugetiere, wie der Mäuse, bestimmten Schlagfallen, wie Tafel 66 Abb. 5 eine darstellt. Der Mechanismus ist ohne weiteres verständlich, sobald man weiß, daß es genügt, wenn das betreffende Tier durch seine Suche nach dem Köder den Horizontalstab aus seiner Lage bringt. Dann wird das kleine vertikale Spannstäbchen entspannt; es schlägt herum und macht damit auch das oberste, zwischen Steinplatte und Stützstab eingeklemmte Stäbchen frei. Der Stein schlägt mit Wucht hernieder und begräbt das Tier unter seinem Gewicht. - In der Medizin der H. bietet der Aderlaß mit nachfolgendem Schröpfen das Universalmittel gegen jede auch nur einigermaßen lokalisierte Beschwerde. Als Schröpfkopf dient ein Kalb- oder Ziegenhorn, das durch Kappen der Spitze auch am freien Ende eine Öffnung erhält, die Saugöffnung, die der Schröpfende in den Mund nimmt (s. Tafel 66 Abb. 7). Die entgegengesetzte, ebenfalls glatt gefeilte, weitere Öffnung wird über den blutenden Einschnitt der Haut fest angedrückt, worauf der Saugakt mit dem Munde beginnt. Das blutgefüllte Horn entleert man in einen nassen Kuhmistfladen. -Die Zeiteinteilung der H. ist auf den Wechsel der Jahreszeiten, der Mondphasen und des täglichen Sonnenstandes begründet, doch schwindet die Erinnerung an diesen alten Kalender unter der Einwirkung der Europäer immer mehr zugunsten eines an die christliche Zeitrechnung angepaßten Kalenders. Dessen sichtbarer Vertreter ist das Brettchen (s. Tafel 66 Abb. 8), das etwa 10 cm lang und mit Löchern für die Wochen und die Monatsrechnung versehen ist. Jene findet sich mit 7 Löchern in der Mittellinie, während die 12 Monate auf den beiden Seiten angedeutet sind. Die Wochentage bezeichnet man durch ein Durchziehen des Riemens durch eines der Löcher, die Monate durch eingesteckte Pflöcke. Mit dem oberen Ende des Riemens befestigen die Weiber das Kalenderholz an der Halskette; die Männer tragen es gern auf dem Hute neben der flatternden Straußenfeder. Über die Sprache der H. s. Hottentottensprachen.

Literatur:. O. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas. Breslau 1872. - J. Olpp, Angra Pequena und Groß-Nama-Land. Elberfeld 1884. - H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891. - H. v. François, Nama und Damara. - L. Schultze, Am Namaland und Kalahari. Jena 1907.

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