|
Hottentotten (s. Tafel 65, 66, 183). Die H. nennen
sich selbst Koikoin, was soviel wie Menschen bedeutet. Als Naman
faßt man dagegen jetzt am besten alle H.Stämme
von Deutsch-Südwestafrika zusammen, obwohl diese Bezeichnung
ursprünglich
wohl nur für die vor 1800 dort vorhandenen Hottentotten galt. Das
sonderbare
Wort "Hottentott" hat man meist als einen holländischen Spottnamen
bezeichnen
wollen, doch finden sich auch Erklärungen, nach denen es fremden, selbst
nordafrikanischen Ursprunges (Hadendoa!) sein sollte. - Über die
Herkunft
der H. gehen die Ansichten ebensosehr auseinander wie über diejenige der
Buschmänner (s.d.). In einem freilich stimmen
alle Forscher überein, in der Auffassung, daß wir das Volk, wie es sich
uns in seiner Stellung unter den südafrikanischen Einwohnern darstellt,
heute durchaus als eigene Rasse ansehen müssen. Dem Bantu, ja dem Neger
überhaupt,
steht es jedenfalls ebenso fern wie dem Europäer. Immerhin ist es von
Interesse, die Ansichten über seine Herkunft zu kennen, wie es ja selbst
zu den interessantesten Resten einer sich auflösenden Menschenwelt
gehört.
Während einige aus dem mongolenähnlichen Aussehen der gelben Rasse
Südafrikas
auf eine Verwandtschaft mit den
Malaio-Mongolen Südostasiens schließen wollen, sehen andere in ihnen
eine
im Süden des Weltteils selbst herangebildete Urbevölkerung, wieder
andere
das Erzeugnis der Mischung einer höherstehenden hellfarbigen Rasse mit
den als Urbewohnern betrachteten Buschmännern. Neuerdings dagegen bricht
sich abermals die Ansicht Bahn, die gerade von den älteren Forschern
vertreten
wurde und nach der die H. eine nahe, wenn auch durch äußerliche
Veränderungen
verdunkelte Verwandtschaft mit den Hamiten
(s.d.) Nordafrikas besitzen würden. - Von geschichtlichen Tatsachen sind
wir erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit unterrichtet. So viel steht
fest, daß die Naman bereits im 17. Jahrh. den Nordwesten des
südafrikanischen
Hottentottengebiets bewohnen, und da wir sie bereits um die Mitte des
16. Jahrh. im Norden des Schutzgebiets im Kampfe mit den eindringenden
Bantu finden, so ist in der Tat anzunehmen, daß sie die, historisch
gesprochen,
ursprünglichen Herren des Hauptteiles von Südwestafrika sind. - Die
heutigen
Naman sind indessen kein Volk von einheitlicher Zusammensetzung. Sie
sind
vielmehr aus der Vereinigung zweier verschiedener Zweige der
hottentottischen
Rasse hervorgegangen. Die echten Naman, die man als die im Schutzgebiet
ansässigen Urstämme bezeichnen kann, und auf die die Bezeichnung Naman
(s.d.) im engeren Sinne angewandt wird, wurden indessen in der ersten
Hälfte des 19. Jahrh. von Einwanderern aus dem Kaplande, den sog.
Orlamstämmen,
überflutet und teilweise aus ihren früheren Sitzen verdrängt. Diese sind
es weiterhin gewesen, die die Macht im Lande an sich rissen und so lange
behaupteten, bis ihrer Selbständigkeit durch die kriegerischen
Ereignisse
der letzten Jahrzehnte nach und nach ein Ende gemacht wurde. - Die
äußere
Erscheinung des H. wird von der Häßlichkeit des Gesichts beherrscht.
Platte
Nasen von großer Breite, zwinkernde Augen mit oft, schiefgestellter
Lidspalte,
bei den älteren Leuten Falten in der Haut und ein durch Wulstlippen
verunzierter
Mund vereinigen sich zu einem nicht gerade anziehenden Bilde, das bei
alten Frauen bisweilen förmlich an einen Totenkopf erinnert (s. Tafel
65). Merkwürdige Bildungen bei den Frauen treten hinzu, das Äußere noch
fremdartiger erscheinen zu lassen, besonders die Steatopygie
(s.d. u. Tafel 183),
jene sonderbare Entwicklung des Gesäßes zu einer
überwuchernden Größe und die sog. Hottentottenschürze (s.d.). Dem
gegenüber
steht die Zierlichkeit der Hände und Füße selbst bei den Männern. Die
Behaarung ist ebenfalls recht eigentümlich; sie ist am Körper sehr
spärlich,
auf dem Kopf ebenfalls nur kurz und zu kleinen Büscheln verfilzt, die
dann den Eindruck einzeln stehender Büschel machen. Daher die
Bezeichnung
"Pepperkopp" (mit Pfefferkörnern bestreuter Kopf), wie sie die Buren
auf viele H. anwandten. Die Hautfarbe wechselt zwischen einem fahlen
Gelb und einem rötlichen Gelb, sticht also in auffallender Weise gegen
die Hautfarbe der Bantu sowohl wie der Bergdamara
(s.d.) ab. Die Bezeichnung der H. als "Schwarze", der man bisweilen
selbst im Lande begegnen kann, ist deshalb falsch und durchaus
irreführend.
- Ein Merkmal fast aller H. ist die geringe Körpergröße, die auch bei
den Männern nur selten über 165 cm hinausgeht. Fehlt ihnen einerseits
die Kraft des hochgewachsenen Kaffern,
so übertreffen sie diesen noch durch Zähigkeit und Ausdauer. Wohl von
niemandem mehr wird die geistige Höhe der H. bestritten, die ihnen einen
weit über dem Herero (s.d.) befindlichen
ethnologischen Rang gewährleistet. Schon
die höchst eigenartige, durch den Besitz von vier merkwürdigen
Schnalzlauten
ausgezeichnete Sprache (s. Hottentottensprachen) beweist in ihrer
Entwicklung die außerordentliche Begabung dieser Rasse. Dazu kommt aber
noch eine ganze Reihe von Beweisen für diese. Nicht nur, daß der H. sich
dem bisweilen abstrakten Gedankengang des Europäers leichter anzupassen
vermag als der Schwarze, sondern die Erzeugnisse seines eigenen
Innenlebens
beweisen, daß er zu den höchststehenden Eingeborenen von ganz Afrika zu
zählen ist. Die geistige Befähigung des H. zeigt sich nicht etwa nur in
der Aneignung, obwohl er auch in dieser Beziehung sich vor den Bantu
auszeichnet.
Die bilderreiche Sprache der Bibel erkennt man in manchen Ausführungen
wieder, so in Kriegsansagen der Witboikapitäne und Briefen regsamer
Naman.
Aber auch die völlig selbständigen Leistungen sind hervorragend,
namentlich
in der Behandlung der Fabel. Selbst in unserem Sinne sind ferner manche
Erzeugnisse des hottentottischen Geistes als in hohem Grade poetisch zu
bezeichnen. Wiederum hängt die Entwicklung des Spürsinnes mit der
Fähigkeit
zusammen, sich in die eigenartige Natur des Landes völlig einzuleben.
Die Sagenwelt des Volkes - von einer solchen kann man mit gutem Recht
sprechen -erinnerte schon einen Peschel in manchen Anklängen an die
entsprechende
Mythologie der Mittelmeervölker. Den Charakter der H. lediglich nach dem
Verhalten der heruntergekommenen Stämme in den letzten Jahrzehnten
beurteilen
zu wollen, wäre durchaus verkehrt. Wankelmut, Unzuverlässigkeit,
Verlogenheit
waren wohl von je üble Eigenschaften der Rasse. Diesen und anderen
Schattenseiten
standen und stehen indessen in vielen Fällen auch noch heute
Charakterseiten
gegenüber, die wir beim Herero nicht finden. Zwar die sittlichen
Anschauungen
einer früheren Zeit haben durch gewisse verderbliche Einflüsse der
Kultur
gelitten, aber immer noch nimmt die Frau eine höhere Stellung ein als
beim Bantu, und immer noch ist die Achtung vor den Eltern und Großeltern
eine schöne Seite des hottentottischen Familienlebens. Freude am Krieg
um seiner selbst willen, ja selbst die sich in Raubzügen entladende Lust
a n einem abenteuerlichen Leben sind zwar eher mit gleichartigen
Auffassungen
des europäischen Mittelalters als mit unseren heutigen Anschauungen in
Einklang zu bringen, sie berechtigen aber darum ebensowenig zu einem
Verdammungsurteil
einem Volke gegenüber, dem diese neuzeitigen Anschauungen eben noch
fremd
geblieben sind. Vielmehr muß den Naman zugebilligt werden, daß eine
gewisse
Ritterlichkeit der Anschauung, ja daß ein ganz modernes soldatisches
Denken
ihnen in vielen Fällen noch bis in die letzten Jahrzehnte nachgerühmt
werden konnte, und daß wirklicher Mut und persönliche Tapferkeit dies
Volk auf das vorteilhafteste von dem Herero unterscheiden, dem diese
Eigenschaften
keineswegs angeboren sind. -Andererseits erliegt der H. den
Versuchungen,
mit denen ihn die so überraschend über ihn gekommene Kultur der weißen
Rasse bedroht, schneller und nachhaltiger als der Bantu, die Lebenskraft
der gelben Rasse wird auf diese Weise schnell untergraben, und wie sie
schon ihre politische, Selbständigkeit verloren haben, so werden sie
auch
ihre wirtschaftliche nach und nach einbüßen. Mit der äußeren Umwandlung,
die sich in Kleidung und Sitten vollzog, wird auch die innere aus einer
ehemals herrschenden zu einer dienenden Klasse sich in absehbarer Zeit
an allen Naman vollziehen. -Die ursprüngliche Kultur war in
Äußerlichkeiten
wie etwa in der Kleidung, in Bewaffnung
usw. schon zur Zeit der Besitzergreifung in größerem Umfange als bei den
Herero europäischem Einflusse gewichen. Doch hat das Volk sich in
Einzelheiten
eine beachtenswerte Geschicklichkeit gewahrt, wie sie sich in manchen
Arbeiten, z. B. in der Herstellung von kunstvoll genähten Felldecken,
sog. Karossen (s.d.), noch heute bekundet. Unter dem Einflusse der
Europäerkultur
neu hinzuerworbene Fähigkeiten zeigen abermals die Begabung der Naman
auch für die äußerlichen Angelegenheiten des Lebens. Denn wie sie es auf
der einen Seite in der Handhabung des südafrikanischen Ochsenwagens und
in der Behandlung der Gespanne zu großer Geschicklichkeit gebracht
haben,
so waren sie gewandte Reiter und Meister in der Behandlung der Feuerwaffen geworden. - Der hier geschilderten
Veranlagung der gelbhäutigen Bevölkerung von Südwestafrika ist es auch wohl zu danken,
daß die unter ihr tätige Mission
leichtere
Arbeit hatte als unter den Herero. Ein nicht geringer Prozentsatz der
Naman war schon zur Zeit der Besitzergreifung getauft, und wenn es auch
mehr die Äußerlichkeiten der christlichen Weltanschauung als deren
innerer
Gehalt war, was sie sich aneigneten, so war selbst
dies Wenige als ein Kulturfaktor wirksam. Auch der von den Missionaren
eingeführte Schulunterricht hat unter den H. von jeher größere Erfolge
gezeitigt als unter den Herero. Die ursprüngliche Wirtschaftsform der
H. beruht auf dem Sammeln, dem Jagen und der Viehwirtschaft. Während den
Küstenhottentotten das Fleisch der Robben,
Pinguine, Delphine und Seevögel, Muscheln und Schnecken als Grundlage der Nahrung diente (und
zum Teil noch dient), sucht der verarmte Binnenlandhottentott sich alles
dessen zu versichern, was da kreucht und fleucht; er verschmäht weder
Mäuse und Eidechsen,
noch Insekten, Käfer,
Larven, Termiten usw. Unter den
Vierfüßern
liefern die verschiedenen Antilopen und das Schlachtvieh die Hauptnahrung.
Jedoch erfreut sich der höchsten Schätzung die Milch, die er kuhwarm oder abgekühlt mit
verschiedenen
Vegetabilien versetzt und eben nur angesäuert oder dick und sauer
geworden
genießt. Das Buttern geschieht in der Weise, daß die sauere Milch aus
einem Holzeimer in eine Kalebasse gegossen wird. Diese Kürbisflasche,
deren enge Öffnung mit einem Holzpfropfen verschlossen wird (s. Tafel
66 Abb. 3), rollt man dann in schräger Stellung auf einer weichen, meist
aus Fellen hergestellten Unterlage. Das geschieht nach L. Schultze in
greller Sonne oder in der Nähe des Feuers. Nach etwa dreistündigem
Rollen
wird die Kalebasse zum Schluß so langsam bewegt, daß die Butter sich langsam oben sammeln kann. Dann wird die
Flüssigkeit abgegossen und getrunken, während die Butter in einem
Holzeimer
aufgehäuft wird. Sie wird frisch oder ausgebraten genossen. - Innerhalb
der pflanzlichen Nahrung stehen Knollen und Feldzwiebeln an erster
Stelle;
sodann des Wasserreichtums ihres Fleisches wegen und ob des Nährgehalts
der Kerne die Früchte der Nara, des
Rasenkibusches
und des Schwarzebenholzbaumes. Die Topnaars im Gebiet der Walfischbai
leben direkt einen großen Teil des Jahres von der Nara (Acanthosycios
horrida Welw.), nach der sie auch ihren Stammesnamen naranin erhalten
haben. Mit Knochenmessern von der Art des in Tafel 66 Abb. 2 wiedergegebenen
halbiert man die kindskopfgroße Frucht, die man in Zeiten des
Überflusses
roh verspeist, während man sie für gewöhnlich als Konserve zubereitet.
Man schneidet zu dem Zwecke die ausgeschälte Frucht in walnußgroße
Stücke
und kocht diese, bei nicht völliger Reife mit Wasserzusatz, sonst nur
mit etwas Fett, zu Mus. Dann gießt man die heiße Masse auf ein Sieb, das
Binsenkörbchen (s. Tafel 66 Abb. 4), das so lange am
starken Henkel auf
und niedergeschüttelt wird, bis der schwefel- oder braungelbe Brei
durchgegangen
ist. Der Brei wird auf eine Düne gegossen, nachdem ihm zuvor im Sand ein
schwach geneigtes Lager geglättet worden ist. - Genußmittel sind in erster Linie der Tabak, sodann der Hanf.
Auch der Alkohol war den H. von Haus aus
in der Form des Honigbieres bekannt. Den Honig
der wilden afrikanischen Honigbiene
holt sich der Hottentotte mit Hilfe eines langen fingerdicken Stäbchens,
mit dem er die Felsenhöhlen und hohlen Bäume sondiert, und eines
Hakenstockes
von der Form des in Tafel 66 Abb. 1 wiedergegebenen
aus dem Bienenbau
heraus. - Die Jagd der H. hat mit der Einführung der Feuerwaffen und des
Pferdes europäischen Anstrich angenommen. Trotzdem bestehen noch Reste
der alten Methoden genug, vor allem der Fang mit Hilfe von Fallgruben und Fallen. Jene werden gern für Zebras angewendet. Schwere, aus Steinen errichtete
Fallen stellt man für Schakale und Hyänen her. Schwippgalgen, wie L. Schultze diese
Fallenart nennt, stellt man zum Fang
kleiner
Antilopen und Klippschliefer auf.
Noch feiner konstruiert sind schließlich die für den Fang des
Stachelschweins
und kleinerer Säugetiere, wie der
Mäuse, bestimmten Schlagfallen, wie Tafel 66 Abb. 5 eine darstellt.
Der
Mechanismus ist ohne weiteres verständlich, sobald man weiß, daß es
genügt,
wenn das betreffende Tier durch seine Suche nach dem Köder
den Horizontalstab aus seiner Lage bringt. Dann wird das kleine
vertikale
Spannstäbchen entspannt; es schlägt herum und macht damit auch das
oberste,
zwischen Steinplatte und Stützstab eingeklemmte Stäbchen frei. Der Stein
schlägt mit Wucht hernieder und begräbt das Tier unter seinem Gewicht.
- In der Medizin der H. bietet der Aderlaß mit nachfolgendem Schröpfen
das Universalmittel gegen jede auch nur einigermaßen lokalisierte Beschwerde.
Als Schröpfkopf dient ein Kalb- oder Ziegenhorn, das durch Kappen der
Spitze auch am freien Ende eine Öffnung erhält, die Saugöffnung, die der
Schröpfende in den Mund nimmt (s. Tafel 66 Abb. 7). Die
entgegengesetzte,
ebenfalls glatt gefeilte, weitere Öffnung wird über den blutenden
Einschnitt
der Haut fest angedrückt, worauf der Saugakt mit dem Munde beginnt. Das
blutgefüllte Horn entleert man in einen nassen Kuhmistfladen. -Die
Zeiteinteilung
der H. ist auf den Wechsel der Jahreszeiten,
der Mondphasen und des täglichen Sonnenstandes begründet, doch schwindet
die Erinnerung an diesen alten Kalender unter der Einwirkung der
Europäer
immer mehr zugunsten eines an die christliche Zeitrechnung
angepaßten Kalenders. Dessen sichtbarer Vertreter ist das Brettchen (s.
Tafel 66 Abb. 8), das
etwa 10 cm lang und mit Löchern für die Wochen und
die Monatsrechnung versehen ist. Jene findet sich mit 7 Löchern in der
Mittellinie, während die 12 Monate auf den beiden Seiten angedeutet
sind.
Die Wochentage bezeichnet man durch ein Durchziehen des Riemens durch
eines der Löcher, die Monate durch eingesteckte Pflöcke. Mit dem oberen
Ende des Riemens befestigen die Weiber das Kalenderholz an der
Halskette;
die Männer tragen es gern auf dem Hute neben der flatternden
Straußenfeder.
Über die Sprache der H. s. Hottentottensprachen.
Literatur:. O. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas. Breslau 1872.
- J.
Olpp, Angra Pequena und Groß-Nama-Land.
Elberfeld 1884. - H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891.
- H. v. François, Nama und Damara.
- L. Schultze, Am
Namaland und
Kalahari. Jena 1907.
Dove. |