Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 83

Humboldt, Karl Wilhelm Freiherr v., geb. 22. Juni 1767 in Potsdam, gest. 8. April 1835 in Tegel bei Berlin. Das Hauptwerk des gefeierten Staatsmannes und Sprachphilosophen auf sprachlichem Gebiet: Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechtes (Abhandl. d. Kgl. Akad. d. Wiss. zu Berl. aus dem Jahre 1832, 3 Bde, Berl. 1836, 1838, 1839, nach seinem Tode herausgegeben von J. C. E. Buschmann), berührt zwar nicht unmittelbar jetziges deutsches Kolonialgebiet, aber er eröffnete damit in glänzender Weise die wissenschaftliche Behandlung der Südseesprachen (s.d.) überhaupt. Durch dieses Werk wurde zum erstenmal der umfassende wissenschaftliche Nachweis von der Zusammengehörigkeit der indonesischen Sprachen (s. Austronesische Sprachen) - von ihm unter der Bezeichnung "malaiisch" zusammengefaßt - mit den polynesischen (s.d.) dargetan und eine Sprachgruppe aufgestellt, die lange Zeit den Namen "malaiopolynesisch" trug, bis dieser durch die Bezeichnung "austronesisch" abgelöst wurde. Diesen Nachweis führte W. v. H. nicht nur durch Vergleichung von einzelnen Wörtern, sondern mehr noch durch eingehende Untersuchung der inneren grammatischen Struktur der Sprachen, auf deren Wichtigkeit er als einer der ersten nachdrücklich hinwies ("innere Sprachform") und dadurch überhaupt die Sprachforschung nachhaltig beeinflußte. Bei diesem Vergleich geht er von der poetisch- sakralen Sprache der alten Javaner, dem Kawi, aus und zieht außerdem von den indonesischen Sprachen besonders, das Bugis, das Tagalische und das Madegassische heran, während er von den polynesischen Sprachen das Tonganische, das Neuseeländische und das Tahitische untersuchte, denen Buschmann das Hawaiische hinzufügte. Auch entging schon ihm nicht die Verschiedenheit der melanesischen Sprachen sowohl von den polynesischen als von den indonesischen; aber die Spärlichkeit des damals vorhandenen Materials hinderte ihn, auch diesen Sprachen näherzutreten. Vielleicht würde ihn dies von der irrtümlichen Auffassung des Verhältnisses der polynesischen zu den indonesischen Sprachen bewahrt haben, daß nämlich die ersteren den noch einfachen und wenig gegliederten Anfang der ganzen Entwicklung darstellten und die letzteren die reicher ausgestalteten Stufen derselben bildeten.

Literatur: Gegenüber den teilweisen Bemängelungen W. v. Humboldts durch Steinthal, den späteren Veröffentlicher seiner Werke, s. A. F. Pott, Wilhelm v. Humboldt und die Sprachwissenschaft, Berl. 1876, 2 Bde, deren erster eine Würdigung W. v. Humboldts enthält, während der zweite eine Neuausgabe der Abhandlung Humboldts "Über die Verschiedenkeit des menschl. Sprachbaues" bildet, mit erläuternden Anmerkungen und Exkursen von Pott).