Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 87

Ibaditen, islamische Sekte. Die I., in Nordafrika Abaditen genannt, sind der letzte heute noch existierende Rest der Charedjiten oder Chawäridj, der ältesten Sektierer des Islam. Sie gehören weder zur Sunna (s. Islam) noch zur Schia (s. Schiiten), sondern bilden eine dritte Islamgruppe für sich. Als im Jahre 657 die Schlacht von Siffin, in der sich die Kalifen Ah und Muawija bekämpften, auf das Drängen der Eifeier, die den Koran als Schiedsrichter ausriefen, abgebrochen worden war, empörten sich die gleichen Eiferer gegen Ali, weil er die Entscheidung nicht dem Schwert und damit Gott, sondern dem Koran und damit menschlichen Schiedsrichtern überlassen habe. Die Empörer trennten sich vom Heere Alis und bezogen ein eigenes Lager. Deshalb wurden sie die Herausgehenden, d.h. Charedjiten genannt. Es kam zum Kampf, und sie wurden geschlagen. Die zersprengte Sekte zerspaltete sich dann in zahlreiche Untersekten, die während der ganzen Omajjadenzeit ununterbrochen lokale Aufstände gegen die Regierung erregten. Unbotmäßigkeiten gegen die arabische Herrschaft nahmen häufig charedjitische Färbung an, so der große Aufstand der Berber in Nordafrika in der Mitte des 8. Jahrh. Aus dieser Zeit haben sich in Nordafrika zersprengte Charedjitengemeinden erhalten, so in Tripolis, im Mzab und auf der Insel Djerbai. Die Franzosen gewähren ihnen eigene Gerichtsbarkeit. Andere Gemeindeglieder fanden Unterschlupf in Südarabien (Oman), während die Sekte in den Hauptprovinzen des Kalifenreiches nicht bestehen konnte. Aber auch in der Diaspora erhielt s ich nur die gemäßigte Sekte der I., die sich nach einem gewissen Abdallah b. Ibad benannte und von Basra ihren Ausgang nahm. Das ist die Sekte, die sich in Nordafrika und Oman bis heute gehalten hat. Von Oman (Maskat) ist sie dann auch nach Sansibar und der Ostküste Afrikas gekommen, besonders seit der Portugiesenzeit, als die Dynastie von Maskat ihre Herrschaft auch über Ostafrika ausdehnte. Die geistigen Chefs dieser Sekte sind heute die Sultane von Sansibar aus dem Hause der Abu Saidis. Seit 1900 bestehen auch wieder Beziehungen zwischen diesen und den Glaubensbrüdern im fernen Nordafrika. Die I. unterscheiden sich im Glauben nur wenig von der Orthodoxie, weshalb sie auch stets mit den Sunniten gut ausgekommen sind, obwohl sie offiziell als Ketzer angesehen werden. Sie haben ein von dem der Orthodoxie sich kaum unterscheidendes religiöses Recht (s. Scheria), deshalb nennt man sie auch Chawamis, d.h. die Fünften, wobei als Nr. 1-4 die vier orthodoxen Rechtsriten gelten. Ihr grundlegendes Rechtsbuch ist das Kitab an-Nil. Die Hauptunterschiede sind die folgenden: 1. Die Stellung zu den 4 ersten Kalifen Abu Bekr, Omar, Othman und Ali, die von den Sunniten als "rechtgeleitete" Kalifen verehrt werden. Die I. erkennen, treu ihrer historischen Vergangenheit, nur Abu Bekr und Omar an, während sie die beiden anderen verketzern. 2. Während der Imam, d.h. der Kalife nach der Orthodoxie aus dem arab. Stamme Kuraisch genommen werden muß, kann nach ibaditischer Lehre jeder von der Gemeinde Gewählte Imam sein, auch ein äthiopischer Sklave. 3. Als puritanische Sekte wollen sie nicht anerkennen, daß, wie die Sunna lehrt, ein schwerer Sünder aus dem Höllenfeuer errettet werden kann. Er ist nach ihrer Lehre auf ewig dazu verdammt. 4. In der Ethik stehen sie höher als die Orthodoxie, da bei ihnen der Zustand ritueller Unreinheit nicht nur an Äußerlichkeiten geknüpft ist, sondern auch durch Lüge, üble Nachrede, Flüche usw. eintritt. 5. In der Dogmatik stehen sie der rationalistischen Spekulation der Mu'tasila (s. Islam) näher als die Orthodoxie. Die übrigen Unterschiede sind unbedeutend.

Literatur: Sachau Über die relig. Anchauungen der Ibaditischen Mohammedaner in Oman und 0stafrika, Mitt. d. Orient. Sem.II (1899), 2.Abt., 47 ff. - Derselbe ib. I (1898), 2. Abt., 1 ff. Derselbe ib. I (1898), 1. Abt., 1 ff. - Derselbe, Mohammed. Erbrecht nach der Lehre der ibadit. Araber von Zanzibar und Ostafrika, Sitz. -Ber. d. Preuß. Akad. Berl. 1894, VIII. - Die französische Literatur über die Abaditen zusammengestellt in Der Islam 11, 4 Anm. 1. C. H. Becker.