Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 94 ff.

Industrie und Gewerbe (s. Tafel 30). Die Entwicklung von I. u. G. in den deutschen Schutzgebieten hat mit dem Aufschwunge, den diese auf vielen Gebieten genommen haben, in den durch natürliche und sonstige Verhältnisse eng gesteckten Grenzen im allgemeinen gleichen Schritt gehalten. Die große Entfernung unsrer Kolonien vom Mutterlande und die hierdurch bedingte Verteuerung aller Lebensbedürfnisse bes. der stetig zunehmenden weißen Bevölkerung infolge des weiten Transports und der Zölle hat zur Ansiedlung von Handwerk und Gewerbe, in einzelnen Fällen auch von Industriebetrieben geführt. In Deutsch-Ostafrika finden sich europäische Betriebe des Baugewerbes sowie des Schlosser-, Zimmer- und Tischlergewerbes. Ferner sind im Schutzgebiet eine Brauerei, eine Druckerei nebst Zeitungsverlag und mehrere Apotheken vorhanden. Die Sägewerke, die das gefällte Holz zum Export herrichten und bearbeiten, sind in stetem Gange. Im übrigen befindet sich das Handwerk und das Kleingewerbe in Deutsch-Ostafrika fast ausschließlich in den Händen von Indern und Goanesen. Die Eingeborenen verfertigen Korbflechtereien, Matten, Stricke, Holzschnitzereien, eiserne Speere, Hacken und Schmucksachen, Kupfer- und Messingdraht, Töpferwaren, Ledersandalen, Stickereien, sie weben bunte Bordüren und produzieren Öl, Seife und Salz. - In Kamerun findet man an größeren gewerblichen Unternehmungen Seifensiedereien, Baugeschäfte mit Zementwarenfabrikation und Ziegeleien, Bäckereien, Schlächtereien und Ledergewerbe, und vor allem eine ganze Reihe von Fabriken zur Aufbereitung von Palmfrüchten. Ölfabriken bestehen in Maka, Mpundo, Rio del Rey, Edea, Jabassi. - In Duala ist eine Druckerei gegründet worden, welche die erste private Zeitung erscheinen läßt. - Auch in diesem Schutzgebiet sind im Laufe der Jahre einige Sägewerke entstanden, die nicht allein die zum Bau von Häusern und der Mittellandbahn erforderlichen Balken, Bohlen und Bretter produzieren, sondern auch die Waldbestände an Nutz- und Edelhölzern zum Zwecke des Exports auszu nutzen beginnen. - In Togo sind zu erwähnen die dort errichteten Baumwollentkernereien, die Seifenfabrik in Lome und der durch die Katholische Mission eingerichtete maschinelle Sisalentfaserungsbetrieb. Zu den bereits bestehenden Ölfabriken ist im letzten Jahre noch eine neue aussichtsreiche Anlage zur Aufbereitung von Ölpalmfrüchten gekommen. Die bestehenden Ziegeleien und der Kalkofen in Tokpli versorgen das umliegende Land mit Kalk und Ziegeln. Die Werkstätten der katholischen Mission beschäftigen etwa 80 Farbige Handwerker, ein größeres Baugeschäft fast 90. Die Zahl der Schlachtungen auf dem Schlachthofe in Lome ist stets eine erhebliche. Handwerk und Hausindustrie haben im Schutzgebiet Togo besonders an Verbreitung zugenommen. Mehrere von Eingeborenen betriebene Bäckereien und Schlächtereien sorgen für die Befriedigung des Brot- und Fleischbedarfs. Zu nennen sind an weiteren Handwerken: Tischler, Zimmerleute, Schlosser und Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Köche, Goldschmiede, Bootsleute, Wäscher, Fischer, Küfer, Weber, Holzschnitzer und Korbmacher. Die Lederverarbeitung wird von Haussaleuten ausgeübt. In Pui am Togosee und in Wohagu werden auch nach Haussaart gefällig ausgeführte Taschen und Lederbezüge für Dolchscheiden, Geldbeutel u. dgl. hergestellt. Auf verhältnismäßig hoher Stufe steht die Töpferei, insbesondere blüht sie in den Monu-Dörfern, die halb Dahome mit den Erzeugnissen ihres Gewerbes versorgen. Es finden sich ferner im Schutzgebiet Spinner und Weber, außerdem beschäftigen sich die Frauen in den Waldorten mit Spinnerei und Weberei. Gleichzeitig mit der Weberei wird auch die Färberei betrieben. - Industrie, Gewerbe und Handwerk haben sich in keinem Schutzgebiet so schnell entwickelt wie in Deutsch- Südwestafrika. Der Aufschwung, den das Schutzgebiet nach Niederwerfung des Aufstandes und infolge der Diamantenfunde genommen hat, wirkte günstig auf die Gründung und Ausdehnung gewerblicher Betriebe aller Art. Obenan ist zu erwähnen die Bautätigkeit. Das Bestreben, alte, primitive Bauten durch massive zu ersetzen, hat eine rege Entfaltung dieser Tätigkeit verursacht, besonders auf den Diamantenfeldern. Weinkeltereien und Branntweinbrennereien haben eine größere Entwicklung erfahren. Brauereien bestehen in Windhuk, Klein-Windhuk, Swakopmund, Keetmanshoop und Otavi. Das einheimische Bier verdrängt an dem Sitze der Brauereien und in deren Umgebung das importierte Bier fast ganz. Eine Reihe von Sodafabriken sind in den letzten Jahren errichtet worden. Erwähnenswert ist ferner der Bau und Betrieb einer Maschinenfabrik in Lüderitzbucht zur Befriedigung der Bedürfnisse der Diamantenindustrie. In Windhuk bestehen zwei Druckereien, die sich neben dem Buch- und Zeitungsdruck mit der Herstellung geschäftlicher Drucksachen befassen. Eine ganze Reihe von Kalkwerken und Kalkbrennereien sind entstanden, so in Okokango, Okahandja, im Bezirk Omaruru, an der Guribbrücke (Sandverhaar), auf der Farm Dumisib, in Urikos und Sandhof (letztere drei im Bezirk Maltahöhe). Eine Wagenbauerei, ausgestattet mit den neuesten Holzbearbeitungsmaschinen, sorgt auch für Fabrikation von Möbeln. Zur Nutzbarmachung des Reichtums des Meeres sind tätig das Walfangunternehmen in der Sturmvogelbucht und eine Robbenfang- Gesellschaft in Lüderitzbucht. Erstere hat innerhalb 8 ½ Monaten etwa 700 Wale gefangen. Von letzterer wurden an Robbenfellen im letzten Jahre 1769 Stück (41569 M) ausgeführt. Erwähnenswert sind ferner: eine Eisfabrik in Keetmanshoop und die Elektrizitätswerke in Swakopmund und Lüderitzbucht. In der letzten Zeit sind noch einige bedeutendere industrielle Unternehmungen entstanden. Zunächst zu nennen ist die Erkrathsche Schmalzsiederei, in der Fette ausgesotten werden. Während früher diese Fette aus dem Ausland, insbesondere aus Amerika bezogen werden mußten, wird nun durch die Siederei des Schmalzes im Schutzgebiet selbst die Einfuhr fremder Fette für die Eingeborenen verdrängt. Eine maschinelle Neuerung dieses Unternehmens ist, daß durch besondere in der Fabrik aufgestellte Maschinen je nach Bedarf die erforderliche Anzahl von Blechbüchsen in den verschiedensten Größen selbst angefertigt werden können. Auf diese Weise werden an Transport-, Emballage- und Platzspesen erhebliche Beträge erspart. Hervorzuheben ist auch die Einrichtung der Behnckeschen Branntweinbrennerei und Großdestillation, die mit den neuesten Apparaten ausgestattet ist. Im übrigen sind in Deutsch-Südwestafrika wohl fast sämtliche wichtigeren europäischen Handwerke und Gewerbebetriebe mehrfach vertreten. - Wie in Deutsch-Ostafrika das Handwerk zumeist von Farbigen (Indern und Goanesen) ausgeübt wird, so befinden sich in Deutsch-Neuguinea die Handwerksbetriebe in den Händen von Chinesen und Japanern. 14 solcher Betriebe werden in Rabaul gezählt. Fünf Sägewerke sind Nebenbetriebe von Pflanzungen; an Gastwirtschaften bestehen im Schutzgebiet sieben. Von sieben Fischereien befassen sich fünf mit dem Einsammeln von Muscheln und Trepang. Zwei betreiben den Fischfang als Nebenbetrieb. In den Eingeborenenschulen werden die Schüler der oberen Klassen zu Buchbindern, Tischlern und Schlossern ausgebildet. Die Schüler lernen auch das Druckereigewerbe, denn die Schule gibt das Amtsblatt heraus und hat auch die Gesetzessammlung gedruckt. Druckarbeiten für amtliche und private Zwecke werden in dieser Schule besorgt. Um die Ausbildung der Eingeborenen zu Handwerkern machen sich auch die Missionen in besonderem Maße verdient. Die katholische Mission hat eine mechanische Werkstätte mit Motorbetrieb eingerichtet und hierzu Maschinen für Tischler-, Zimmermanns-, Schmiede-, Schlosser- und sonstige Maschinenarbeiten aufgestellt. - Auch in Samoa hat die Handwerkerschule für die Förderung von Handwerk und Gewerbe durch entsprechende Vorbildung der Schüler praktische Ergebnisse gezeitigt. Zahlreiche Einrichtungsgegenstände für Gouvernementsbureaus und Beamtenwohnhäuser wurden dortselbst hergestellt. Von wichtigeren europäischen Handwerken, die in Samoa vertreten sind, mögen genannt werden: Tischler- und Zimmerleute, Schlosser und Schmiede, Bäcker, Fleischer, Sattler, Anstreicher und Fuhrleute. -Gewerbe der Eingeborenen s. Gewerbetätigkeit. Über die Einwirkung der industriellen Entwicklung in den Schutzgebieten auf deren Handel mit dem Mutterlande überhaupt vergleiche "Die Entwicklung und Aussichten des Handels der Kolonien" von Prof. Dr. Zoepfl in den Verhandlungen des Deutschen Kolonialkongresses 1910, Berlin 1910, bei Dietrich Reimer, S. 760ff.

Zoepfl.