Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 96

Infektionskrankheiten sind Krankheiten, welche durch lebende Krankheitserreger pflanzlicher oder tierischer Art erzeugt werden. Nicht von allen als I. bezeichneten Krankheiten ist der Erreger bisher bekannt, jedoch wird die Bezeichnung gebraucht, da nach dem Wesen der Krankheit auf die Existenz eines lebenden Krankheitserregers geschlossen werden kann. Die Krankheitskeime wirken schädigend teils dadurch, daß sie dem Körper durch ihre Nahrungsaufnahme wichtige Bestandteile entziehen, teils durch Bildung von Giften. Im Augenblick des ersten Eindringens von Krankheitskeimen in den Körper ist die damit einverleibte Giftmenge gewöhnlich zu gering, um irgendwelche klinisch bemerkbare Wirkungen hervorzurufen. Erst wenn die Krankheitskeime sich im Körper vermehren, erfährt das von ihnen produzierte Gift eine solche Vermehrung, daß es Krankheitserscheinungen, ev. den Tod veranlassen kann. Das Wesen der Infektion (im Gegensatz zu Vergiftungen anderer Art) besteht also darin, daß die Erzeuger des Giftes, die Krankheitskeime, im Körper eine Vermehrung durchmachen, welcher die Vermehrung der von ihnen erzeugten Giftmenge parallel geht. Zu den I. zählen Masern, Scharlach, Pocken (s.d.), Erysipel, Windpocken (s. Varicellen), Diphtherie, Keuchhusten, Mumps, Cholera (s.d.), Dysenterie (s.d.), epidemische Genickstarre (s. Genickstarre), Typhus (s.d.), Flecktyphus (s.d.), Influenza (s. Grippe), Tuberkulose (s.d.), Malaria (s.d.), Gelbfieber (s. d.), Rückfallfieber (s.d.), Kalaazar (s.d.), Schlafkrankheit (s.d.), Pest (s.d.), Lepra (s.d.), Syphilis (s.d.), Framboesie (s.d.), Milzbrand (s.d.), Tollwut u.a. (s. d. betr. Art.) Wenn man von Ausnahmen absieht, so kann man als unterscheidende Züge im Bilde der tropischen I. im Gegensatz zu den der I. der gemäßigten Zone bezeichnen: 1. Im allgemeinen spielen bei den I. der Tropen die tierischen Krankheitserreger (Protozoen [s.d.]) eine größere Rolle als bei denen der gemäßigten Zone. 2. Auffallend häufig ist bei den I. der Tropen im Gegensatz zu denen der gemäßigten Zone die Übertragung der Krankheitserreger durch stechende (blutsaugende) Insekten, an denen die Krankheitserreger neben dem infektionsfähigen Warmblüter (Mensch oder anderes Wirbeltier) einen zweiten Wirt haben, in welchem sie einen. besonderen, gewöhnlich mit Befruchtung verbundenen Entwicklungsgang durchmachen.

Werner.