Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 97

Ingiet, Geheimbund (s.d.) im Bismarckarchipel (Deutsch-Neuguinea), der von der Nordküste und dem Weberhafen der Gazellehalbinsel ausgehend sich bis zur Blanchebucht und weiterhin nach Neumecklenburg verbreitete. Der I.bund bestand zuerst aus wenigen Eingeborenen, die Steinbilder zu schnitzen und Feuer zu reiben verstanden. Während die Kunst des Feuerreibens den übrigen Eingeborenen durch einen Hund verraten wurde, blieb die Bildhauerei Eigentum des Bundes. Die Bilder stellen ursprünglich Denkmäler aus Kalkstein, Tuff , Lehm, Holz usw. für die verstorbenen Mitglieder des Bundes dar, deren Andenken man durch Enthaltung von Schweine-, Känguruh- und Waranfleisch wach hielt. Die heutige Form des Bundes, der nur Männer aufnimmt, beruht auf der Verknüpfung der Steinbilder mit dem Ahnenkult. Sie gelten als Sitz der Seele des Verstorbenen, worden an besonderer Stätte aufbewahrt, dürfen von keinem Uneingeweihten gesehn oder berührt werden und genießen Verehrung. Die I.Zauberer haben auch bei Lebzeiten die Fähigkeit, ihre Seele in bestimmte Tiere oder Gegenstände übergehn zu lassen und sogar in Frauen. Daher finden sich unter den Steinbildern neben Männern auch Frauen und Tiere wie Kasuar, Krähe, Kakadu, Leguan, Fuchskusu, Schwein, Hund und leblose Gegenstände, so die Schlitztrommel oder das Wassergefäß. Nur die Männerfiguren mit am Körper anliegenden Armen sind eigentliche Ahnenbilder, alle übrigen sind Sitze der Seelen der ev. noch lebenden Verfertiger. Da die Seelen den Uneingeweihten und persönlichen Feinden (durch Krankheit usw.) schaden wollen, so kann schon ein wenig Staub von dem Steinbilde Erkrankung bringen, und auch die Eingeweihten berühren die Steinbilder nur unter Vorsichtsmaßregeln. Umgekehrt ist Krankheit ein häufiges Motiv für den Eintritt in den Bund. Hierbei werden die Kandidaten zunächst abgesondert, mit neuen, auf den I. bezüglichen Namen versehen und durch Vorzeigen der Bilder aufgenommen. Nachdem sie Ingwerpulver erhalten und ihr Haar rot gefärbt haben, kehren sie zu den Uneingeweihten und Frauen zurück und dürfen nun kein Schweinefleisch mehr essen. Die Aufnahme findet auf einem besonderen Platze (Marowot) statt, auf dem auch die I.leute ihre Versammlungen abhalten. Diese bestehen in der Aufführung von Tänzen und Gesängen; manche Häuptlinge benutzen sie gelegentlich, um die Erhaltung alter Sitten, die Vertreibung der Weißen und andere politische Zwecke zu verfolgen, aber auch persönliche. Öffentliche Veranstaltungen des Bundes, bei denen Gottesfriede herrscht, sind die Vorzeigung des I.schmuckes (eines Halsbandes) und die meist von reichen Häuptlingen veranstalteten Feste, bei denen Mitglieder des Bundes auf einem hohen Klettergerüst tanzen. Die Kosten tragen, meist unfreiwillig, die Uneingeweihten, die überhaupt von dem I. terrorisiert werden, ferner die Neuaufgenommenen. An diesen Festen nehmen auch viele stammesfremde I.leute teil, so daß dem Bunde selbst eine wichtige Rolle für den Verkehr der Stämme untereinander zukommt.

Literatur: J. Meier, M. S. C., Steinbilder des Ingie-tGeheimbundes. Anthropos 1911.

Thilenius.