Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 101 f.

Interessensphären (Hinterland) sind Gebiete, die beteiligte, sie nicht beherrschende Staaten einem von ihnen durch völkerrechtliches Abkommen zur Begründung der Staatsgewalt vorbehalten haben. In dem Abkommen verpflichtet sich der andere Teil, sich jeder zur Kolonialherrschaft führenden Handlung zu enthalten und den interessierten Staat nicht bei der Kolonisation des Gebiets zu behindern (pactum de exeludendo alterum, promesse de desinteressement). Der Vertrag bindet zunächst nur die Vertragsteile, wirkt aber nach einer Notifikation auch gegen sonstige Beteiligte. Die rechtliche Natur der I. ist bestritten. Nach einer Ansicht besitzt der interessierte Staat nur ein völkerrechtliches, absolutes Ausschlußund Aneignungsrecht auf die I., die somit bloß eine völkerrechtliche Vorstufe zur Kolonie oder zum Protektorat bildet (v. Liszt, v. Stengel, Laband, Hauschild, v. Bitter). Nach anderer Auffassung ist die I. grundsätzlich wie die Kolonie der Souveränität des interessierten Staates unterworfen und unterscheidet sich nur tatsächlich durch den geringeren Umfang ihrer Verwaltungs- und Rechtspflegeorganisation von jener (Zorn, Florack, Schlimm, Sassen, Geller, Weißmüller, Mallmann). - Für das deutsche Kolonialrecht hat der Begriff der Interessensphäre oder des Hinterlandes (im § 12 Abs. 2 SchGG. hat das Wort "Hinterland" nicht den Sinn von I.) seit dem Jahre 1894 m. E. nur noch eine verwaltungsrechtliche Bedeutung. Zuvor schlossen sich allerdings deutsche, durch Verträge mit Großbritannien, Frankreich und Portugal von deren Kolonien oder Protektoraten abgegrenzte I. an die Schutzgebiete, d. h. an Gebiete an, die durch Erteilung eines Ksl. Schutzbriefes oder durch einen Ksl. Erlaß unter den Schutz und damit unter die Schutzgewalt des Reichs gestellt worden waren. Aber die Ksl. V., betr. die Regelung der Verwaltung und Rechtspflege in den zu den Schutzgebieten nicht gehörenden Teilen der deutschen Interessensphären in Afrika, vom 2. Mai 1894 (RGBl. S. 461) ermächtigte den Reichskanzler, "für diejenigen innerhalb einer deutschen I. in Afrika gelegenen, zu dem Schutzgebiete bisher nicht gehörenden Gebietsteile, hinsichtlich deren der fortschreitende Einfluß der deutschen Verwaltung die Vereinigung mit dem Schutzgebiete angezeigt erscheinen läßt, die hierzu erforderlichen Anordnungen in betreff der Organisation der Verwaltung und Rechtspflege nach Maßgabe der für das Schutzgebiet geltenden Vorschriften zu treffen". Durch diesen Ksl. Akt wurden die damaligen afrikanischen I. - nach Absicht des Gesetzgebers, der von der Rechtsauffassung ausging, daß jede Verordnung des Reichskanzlers in den I. die Schutzgewalt des Reichs voraussetze - unter den Schutz des Reichs gestellt und zu Schutzgebieten gemacht, in denen allgemein für die Schutzgebiete erlassene Gesetze und Verordnungen, insbesondere das Schutzgebietsgesetz, Wirksamkeit haben. Diese Schutzgebiete sind indessen, solange Einverleibungsverordnungen des Reichskanzlers fehlen, noch nicht Teile der angrenzenden Hauptschutzgebiete; daher gelten die für diese allein gegebenen Vorschriften nicht in jenen, soweit nicht ausdrücklich oder sinngemäß ein anderes bestimmt ist. Vgl. ähnlich den Ksl. Erlaß, betr. die Erklärung des Schutzes über die in Äquatorial-Afrika neu erworbenen Gebiete, vom 3. Okt. 1912 und die Ksl. V., betr. die Vereinigung der in Äquatorial-Afrika neu erworbenen Gebiete mit Kamerun, vom 3. Okt. 1912 (RGBl. S. 511, 512). Zum weiteren Ausbau der Schutzgewalt auf den Gebieten der Verwaltung und Rechtspflege werden seinerzeit nach Bedürfnis Verordnungen des Reichskanzlers oder des von ihm ermächtigten Gouverneurs erforderlich werden. - Als Nebenschutzgebiete kommen zurzeit noch Ruanda und Urundi in Deutsch-Ostafrika, das Ovamboland und der Caprivizipfel in Deutsch-Südwestafrika und Landstriche im Norden und Osten von Kamerun in Betracht. S.a. Hinterland.

Literatur: Ph. Zorn, Das Staatsrecht d. Deutsch. Reichs. 1895. S. 567 ff. - v. Stengel, Die Rechtsverhältnisse d. deutsch. Schutzgeb. Tüb. 1900. S. 4 ff. - A. Zorn, Grundzüge des Völkerrechts. Leipz. 1903. S. 66 ff. - Florack, Die Schutzgebiete usw. Tüb. 1905. - Schlimm, Das Grundstücksrecht in d. deutsch. Kol. Leipz. 1905. S. 22. - v. Liszt, Völkerrecht. 1906. S. 82 ff., 100. Hauschild, Die Staatsangehörigkeit in d. Kol. in Zorn u. Stier-Somlo, Abhandl. aus dem Staatsrecht, 113. Tüb. 1906. - Samen, Die staatsrechtliche Natur d. deutsch. Schutzgeb. in ZKolR. 1906 S. 607 ff. - Derselbe, Gesetzgebungs- und Verordnungsrecht. Tüb. 1909. S. 61. -- Derselbe, Das Recht der Freizügigkeit in d. Kol. in ZKolR. 1911 S. 398 ff. - Derselbe, Interessensphäre, in v. Stengel-Fleischmanns Wörterbuch, 1913. S. 437ff. Köbner, Einführung in d. Kolonialpolitik. S. 14. -Weißmüller, Die Interessensphären. Würzb. 1908. - Geller, Die staatsrechtliche Natur der Interessensphären in ZKolR. 1909 S. 756 ff. - Gerstmeyer, Das Schutzgebietsgesetz. Berl. 1910. S. 15, 41. - v. Bitter, Handwörterbuch der preuß. Verwaltung. I S. 11 "Interessesphäre". - Laband, Das Staatsrecht d. deutsch. Reichs. II, 1911 S. 276. Reimer, Die Freizügigkeit in d. Schutzgeb. 1911. - Edler v. Hoffmann, Einführung in das deutsche Kolonialrecht. Leipz. 1911. S. 16 ff, 19 ff. - Mallmann, Die Staatsangehörigkeit in d. deutsch. Schutzgeb. Berl. 1912. S. 52 ff.

R. Fischer.