Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 106 ff.

Islam. 1. Verbreitung des I. bes. in den deutschen Kolonien. 2. Geschichtliche Entwicklung. 3. Lehrinhalt. 4. Sektengliederung.

1. Verbreitung des I. besonders in den deutschen Kolonien. Der I., die jüngste der großen Weltreligionen, hat seinen Hauptsitz in Vorderasien und in Nordafrika. Von diesen seinen Stammländern hat er im Laufe der Jahrhunderte auch auf Zentral-, ja Ostasien und die malaiischen Inseln, auf Osteuropa, vorübergehend auch auf West- und Südeuropa, und auf das mittlere Afrika übergegriffen. Eine Abschätzung seiner Bekennerzahl ist ungemein schwierig, da noch nicht einmal aus allen europäischen Kolonien, geschweige denn aus den selbständigen orientalischen Staaten genügende statistische Angaben vorliegen. Die Gesamtzahl der Mohammedaner dürfte etwa zwischen 200 und 300 Millionen zu suchen sein. Davon kommen etwa 11-12 Millionen auf Europa (Türkei, Balkanstaaten, Rußland), 16-17 auf die asiatische Türkei, 9 auf Persien, 61 auf Vorderindien, 31 auf den Malaiischen Archipel, 510 auf China, 11 auf Ägypten, 6 auf Algerien und Tunesien, etwa 10 auf Marokko; für die anderen islamischen Länder haben wir nur unbestimmte Schätzungen. Mit am unsichersten ist die Ansetzung der Zahl der Mohammedaner in den deutschen Kolonien. In Betracht kommen nur Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. Nach vorsichtiger Schätzung gibt es in Deutsch-Ostafrika rund 3-500000, in Kamerun etwa 1-1 1/2 Millionen und in Togo etwa 30-50000 Moslems. Diese Zahlen scheinen im Verhältnis zu den riesigen Zahlen anderer islamischer Länder gering. Wenn man aber bedenkt, daß die Bekenner des I. in unseren Schutzgebieten teils höheren Rassen (Haussa, Fulbe, Araber, Inder), teils der zivilisierteren Bevölkerung der einzelnen Schutzgebiete (z. B. Suaheli, Kanuri) angehören, wird man ihre Bedeutung doch nach anderen Gesichtspunkten als dem der numerischen Stärke beurteilen müssen. - Die Ausbreitung des I. in unseren Schutzgebieten ist nur verständlich, wenn man sich die Islamisierung Afrikas überhaupt klar macht. Nach der Eroberung Syriens wurde 639/40 auch Ägypten von den Arabern besetzt. Es dauerte jedoch 2-3 Jahrhunderte, ehe Ägypten auch wirklich arabisiert und islamisiert war. Nach der Einnahme Alexandrias war eine Besetzung der Kyrenaika unvermeidlich, und so stieß der I. am Ende des 7. Jahrh. in Nordafrika bis an den Atlantischen Ozean vor. Nach langen Kämpfen fanden sich Araber und Berber in dem gemeinsamen Bekenntnis des I. Schon von den ersten Razzien unter Okba, dem jetzt als Sidi Okba bekannten Nationalheiligen Nordafrikas, wird berichtet, daß sie in die Oasen der Sahara vorgestoßen seien, jedenfalls darf man annehmen, daß schon im 10. oder 11. Jahrh. islamisierte Stämme oder Kaufleute durch die vom Mittelmeer ausgehenden Karawanenstraßen bis an den Tsadsee gekommen sind, wo jedenfalls schon im 11. Jahrh. ein islamisches Fürstenhaus regiert (die Seifiden oder Sefua in Kanem-Bornu). Diese wohl meist von Tripolis ausgehenden Einflüsse v erbinden sich mit einer von Oberägypten kommenden langsamen Einwanderung islamisierter meist arabischer Individuen und Volksgruppen (s. Araber), die östlich oder westlich das christliche Nubierreich umgehen und nach dem Süden wandern. Als im 14. Jahrh. das Nubierreich dem Ansturm dieser Beduinen nicht mehr standzuhalten vermag, gewinnt der Vorstoß der Araber nach dem Süden größere Kraft, und seit jener Zeit werden die oberen Nilländer, Darfur, Wadai und Bornu von unreinen Araberstämmen überflutet, die sich formell zum I. bekennen. Es erfolgen Reichsgründungen oder Umgestaltungen heidnischer Herrschaften auf islamischer Basis. Natürlich bleiben überall neben den Moslems auch noch heidnische Volksgruppen bestehen. In das Bahr el Ghazal, Dar Kuti, Dar Banda dringt der I. vorerst noch nicht, erst im 19. Jahrh. ist durch die Sklavenjäger und dann durch die Propaganda des Mahdi von Khartum der I. auch dort bekannt geworden. Jedenfalls ist der I. am Obernil noch nicht so weit vorgestoßen, daß er von hier aus unser deutsch-ostafrikanisches Schutzgebiet hätte berühren können. - Wichtiger als die von Ägypten und Tripolis ausgehende Islamisierungsbewegung ist die vom westlichen Algerien und von Marokko kommende. Vom 8. bis ins 11. Jahrhundert ist es das friedliche Vordringen von Kaufleuten, das den I. bis an den oberen Niger bringt; auch hier hören wir von Staatengründungen und Umgestaltungen. Im Laufe des 11. Jahrh. tritt dann durch die Auswanderung der Hilal- und Sulaimaraber aus Ägypten eine stärkere, dem I. günstige Völkerbewegung in Nordwestafrika ein. Diese Araber kommen als Nomaden, während bisher die arabischen Einwanderer Stadtbewohner waren. Sie drücken auf die zum Teil schon islamisierten Berber der Sahara, wodurch die in der südlichen Sahara sitzenden Haussa (s.d.) in die jetzt nach ihnen benannten Länder (Britisch-Nigerien) vorgeschoben werden. Sie sind damals noch Heiden und sitzen nun wie ein Keil zwischen der wenigstens in ihrer Oberschicht islamisierten Bevölkerung des oberen Niger und der des Tsadseebeckens. Unter diesen Umständen war ihre Islamisierung auf die Dauer unausbleiblich. Vermutlich von beiden Seiten, mehr aber von Norden aus, beeinflußt, nahmen die Haussa von der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. ab den I. an, so daß ungefähr von 1400 an ganz Ost-, Nord- und Innerafrika bis zum Tsadsee mit Ausnahme der Westküste von einer dünnen Islamschicht überzogen ist. Im Innern besteht überall noch das alte Heidentum, dem sich auch der I. in der Praxis anpaßt. Diese Verhältnisse haben sich dann jahrhundertelang nur wenig verändert. In den großen Städten des Nigergebietes, wie in Timbuktu, Kano, Ghano, aber auch in Bornu entwickelt sich ein reicheres religiöses Leben, ja sogar Zentren religiöser Bildung. Eine starke Propaganda scheint nicht zu bestehen. Diese setzt erst im Anfang des 19. Jahrh. ein, als die über ganz Westafrika zerstreute helle Rasse der Fulbe (s.d.) sich ihrer nationalen Zusammengehörigkeit bewußt wird und sich unter dem Schlagwort einer Reinigung und Ausbreitung des I. zusammenschließt. An der Spitze der Bewegung steht Othman dan Fodio und nach ihm sein Sohn Mohammed Bello. Sie gründen auf den Trümmern der zahlreichen kleinen Haussastaaten das große Fulbereich von Sokoto, das nun zum Stützpunkt eines Vorstoßes des I. nach Südwesten wird. Um 1805 erobert der Fulbescheich Adama das nach ihm benannte, damals noch heidnische Adamaua (s.d.). In ganz Westafrika gewinnt der I. eine schärfere Ausprägung, aber begreiflicherweise nur für kurze Zeit. Auch erst im gleichen Jahrhundert dringt der I. aus Baghirmi, wo er etwa seit dem 16. Jahrh. nachweisbar ist, Schari aufwärts weiter nach Süden. Seine südliche Grenze liegt heute etwa bei Fort Archambault. - Was ergibt nun dieses Gesamtbild für die Verbreitung des I. in unseren westafrikanischen Kolonien? In Togo und Kamerun sitzt der I. im Innern und drängt langsam nach der Küste vor, während wir in Deutsch-Ostafrika die umgekehrte Wirkungsweise kennen lernen werden. In Togo ist aber das Hinterland nicht etwa rein mohammedanisch, sondern Heidentum mischt sich ort- und landschaftsweise mit dem I., wie im ganzen westafrikanischen Küstenhinterland. Die meisten Mohammedaner begegnen uns in den Bezirken Kete Kratschi, Sansane Mangu und Sokode Bassari. Ein Hauptzentrum, an dem sich ein Teil der bodenständigen Bevölkerung und ihr angestammter Herrscher zum I. bekennen, ist Tschaudjo, aber auch im Dakombeland bekennt ein erheblicher Teil der Eingeborenen die Religion des Propheten. In Kete Kratschi sind es dagegen weniger Eingeborene, als zugewanderte Haussa, die eine starke Kolonie bilden. Überhaupt sind die ganzen Mittel- und Nordafrika durchwandernden Haussa Hauptträger des I., wenn sie auch selten direkt Propaganda. machen. In allen größeren Städten und Handelszentren des Südens von Togo, in Lome, Anecho, Palime, Atakpame usw. haben die Haussa ihre Handelsniederlassungen und ihre Moscheen. Ihr Vordringen an die Küste ist erst unter deutscher Herrschaft erfolgt. Wie in ganz Afrika, hat auch hier der durch die europäischen Mächte aufgezwungene Friede, die Erschließung uneröffneter Gebiete und die Begünstigung des ausschließlich von mohammedanischen Völkern getragenen Handels der Ausbreitung des I. unwissentlich Vorschub geleistet. - Das gleiche gilt für den Süden von Kamerun. Vor der deutschen Herrschaft hat kein Haussa und damit kein Moslem von Norden her die Urwaldzone zu überschreiten vermocht. Wenn sie jetzt auch vereinzelt im Süden Kameruns vorkommen, so haben sie doch den I. hier nicht verbreitet. Dieser sitzt vielmehr in Adamaua und in Bornu. Hier ist er bodenständig. In Adamaua sind alle die kleinen Fürstenhöfe der Fulbe wie Tibati, Bubandjidda (Rei), Binder, Mendiff, Garua, Marua usw. islamisch, wenn es auch natürlich noch heidnische Volksgruppen gibt. Anders in Bornu, in dem das Kanurielement und damit der Islam fast ausschließlich herrscht. Die fünf Sultanate von Dikoa, Gulfei, Kusseri, Logone und Mandara sind alle mohammedanisch. Nur in den Mandarabergen haben sich noch Heiden erhalten. Der I. der Kanuri (s. d.) ist friedlichen Charakters, die Fulbe dagegen zeigen in ihrem Volkscharakter und entsprechend in ihrer religiösen Betätigung fanatische Züge. - Neben diesen von Nordafrika ausgehenden islamischen Einflüssen standen - das ergibt schon die geographische Lage - solche, die von Osten über das Rote Meer übergriffen. Noch wichtiger aber als Träger des Islams waren die durch die Monsumwinde ermöglichten Handelsbeziehungen, die Südarabien und Indien mit der Ostküste des mittleren Afrika von Kap Gardafui bis nach Mozambique herab verbanden. Es scheint, als ob der I. dorthin zuerst durch Bekenner der zaiditischen Sekte (s. Schiiten) getragen worden sei. Jedenfalls reden portugiesische Quellen von den Emozadij, d. h. Umma Zaidijja = zaiditische Gemeinde, als der ältesten islamitischen Bevölkerung Ostafrikas. Uralte Beziehungen verknüpfen diese Küsten auch mit dem Persischen Golf. Von dort sollen nach Überlieferung die sog. Schirazi gekommen sein, die vom 9. Jahrh. ab in Makdischu, Mombassa, Kilwa eine eigentümliche arabisch-persische Städtekultur begründen, mit der zusammen auch der I. auftritt. Nähere Nachrichten über diese Zustände bietet uns für das 14. Jahrh. die berühmte Reisebeschreibung des Ibn Battuta, der gleiche Mann, der uns auch über die islamischheidnische Kultur des 14. Jahrh. im Hinterland von Togo einen sehr merkwürdigen Bericht geschenkt hat. Wenn die Schirazikultur (s. d.) auch auf den Persischen Golf hinweist, so ist doch nach dem Charakter des I. im 14. Jahrh. wie in der Gegenwart zu schließen, daß die stärksten Einflüsse von Hadramaut gekommen sind (s. Araber). Dazu kam nach der Portugiesenzeit, vom Ende des 17. Jahrh. ab, ein anderer südarabisch-islamischer Einfluß, der allerdings mehr politischer Art war. Damals dehnten die Sultane von Maskat ihre Herrschaft auch über Sansibar und die Küste aus. Sie waren Vertreter eines heterodoxen Bekenntnisses, nämlich Ibaditen (s.d.), haben sich aber mit den orthodoxen Hadramautarabern und den von diesen bekehrten Suaheli (s.d.) stets gut vertragen. Ihrem Glauben haben sich nur vereinzelte Suaheli angeschlossen, dafür waren sie die politischen Herren der Küste (s. Araber). - Von der Küste ist der I. erst im 19. Jahrh. weiter ins Innere vorgedrungen. Die Einführung der Gewürznelkenkultur auf den Inseln hatte eine lebhafte Nachfrage nach Arbeitern, d. h. Sklaven, zur Folge. Dies Bedürfnis veranlaßte die an der Küste seit alters ansässigen Araber zu Sklavenjagden ins Innere (s. Sklavenhandel). Tippu Tip (s. d.) und später Buschiri (s.d.) sind wohl die bekanntesten Typen dieser Art. Die alten Negerpfade wurden zu Verkehrswegen ins Innere (s. Karawanenverkehr). Etwa 1820 wurde Tabora (Kazeh) von den Arabern begründet, ja diese stießen sogar über den Tanganjika hinaus ins Kongogebiet vor, wo sie eine Reihe von Niederlassungen schufen. Erst mit der Erstarkung des Kongostaates und mit der deutschen Besetzung haben diese Verhältnisse aufgehört. Seitdem hat sich aber der I. noch viel intensiver ausgebreitet. Die arabischen Sklavenjäger hatten keinerlei Bekehrungsinteressen. Die gleichen Gründe, die dem I. in Westafrika den Weg unter europäischer Herrschaft bereiteten, waren auch in Ostafrika wirksam. Dazu kam noch, daß die deutsche Besetzung von der fast völlig islamisierten Küste aus vordrang und sich dabei mohammedanischer Askaris (Soldaten), Bois u nd eingeborener Beamten bedienen mußte, die man naturgemäß der kulturell höher stehenden Küstenbevölkerung entnahm. Auch hatte die deutsche Herrschaft widerstehende staatliche Bildungen sprengen müssen und so den Heiden den inneren Halt genommen, der sie sich bisher dem I. gegenüber refraktär verhalten ließ. Ferner ist durch den Plantagenbau und die Bahnarbeit eine fluktuierende Bevölkerung entstanden, die der islamischen Propaganda ein dankbares Feld bot. Diese Propaganda verdient allerdings kaum diesen Namen, es war einfach die ansteckende Wirkung der moslemisehen Küstenbevölkerung, von der zahlreiche Händler in das jetzt eröffnete Innere zogen. In diesem Prozeß spielen die schiitischen Inder (s. Schiiten) nur eine sehr untergeordnete Rolle. - So ergibt die Verbreitung des I. in DeutschOstafrika heute etwa folgendes Bild. Die Küste ist fast ganz islamisiert, besonders stark der Süden, wo in Lindi und Hinterland islamische Hetzer leider willige Ohren finden. Auch der an der portugiesischen Grenze bis an den Njassa hin sitzende Volksstamm der Jao hat in den letzten Jahrzehnten dem I. an vielen Orten Aufnahme gewährt. Nicht viel schwächer als in Lindi ist der I. in Bagamojo und Daressalam (hier gibt es 8 Moscheen), wie überhaupt in Usaramo. Vom Rufiji aus ist der I. auch nach Kisserawe gekommen. Wie in Usaxamo soll sieh der I. auch bereits an manchen Orten in Usagara, Uhehe und Upogoro eingenistet haben. In Usambara sitzt der I. bereits seit längerer Zeit, und auch hier ist er von der Küste ins Innere vorgedrungen. Die Wadigo (s.d.) bekennen sich größtenteils zur Lehre des Propheten. Auch in Usambara ist der Bahnbau ein Beförderer ihrer Ausbreitung geworden. Vereinzelt kommt sonst noch der I. an der Küste des Tanganjika vor, in neuerer Zeit auch unter den Wanjamwesi (s.d.); in Ruanda gibt es jetzt auch mohammedanische Händler, doch sind Spuren einer Propaganda vorerst nicht zu bemerken. Aus den oben skizzierten Gründen beherbergt auch jede Regierungsstation eine Reihe von Mohammedanern. Da ersteht dann auch wohl in heidnischem Gebiet eine Moschee, die aber mit Verlegung des Postens auch wieder verschwindet. Trotz seiner starken Verbreitung im letzten halben Jahrhundert beherrscht der I. doch erst einen Bruchteil der Bevölkerung unseres Schutzgebietes, alles in allem genommen höchstens 10 %. Im allgemeinen ist der I. der Suaheli unfanatisch und unbedenklich. Es muß nur dafür Sorge getragen werden, daß ausländische, meist arabische Hetzer ferngehalten werden. Der große Aufstand von 1905 hat, obwohl er rein heidnisch war, seinen Wasserzauber doch schon der Rüstkammer des islamischen Zauberwesens (s. Abjed) entlehnt oder letzterem wenigstens angepaßt. Seitdem haben auch schon wieder Hetzversuche stattgefunden (z. B. Mekkabriefaffäre [s. Mahdi]); dank der scharfen Aufsicht der Regierung und der Loyalität der islamischen Askaris hat man aber diese Bewegungen im Keime zu ersticken vermocht. -Überall in unseren Kolonien ist der I. in einem zwar oft übertriebenen, aber doch unleugbaren Vordringen begriffen, so daß eine gewisse Kenntnis seiner Geschichte und seines Lehrinhalts geradezu zur kolonialpolitischen Bildung gehört.

2. Geschichtliche Entwicklung. Der I., d.h. "Hingebung" in Gottes Willen, ist die Gründung des Arabers Mohammed, des Sohnes des Mekkaners Abdallah. Er war zwischen 570 und 580, vielleicht später, in Mekka geboren, lebte bis zum Jahre 622 in seiner Vaterstadt und wanderte, als er dort keinen Anklang fand, in diesem Jahre nach Medina aus. Das ist die Hedschra, d. h. Auswanderung (nicht Flucht), von der die Mohammedaner ihre Zeitrechnung datieren. Als konventionelles Datum gilt der 16. Juli 622. Die alten Araber waren religiös indifferent, es gab christliche Stämme, jüdische Volksgruppen, die große Mehrheit aber hatte einen animistischen Kult (Baum-, Steinverehrung), vereinzelt kamen Götterbilder vor. Mekka genoß den Ruf besonderer Heiligkeit. In seinem Mittelpunkt lag die Ka'ba, "der Würfel", ein steinernes Haus, in dessen SSO-Ecke der "schwarze Stein" eingemauert war. In unmittelbarer Nähe befanden sich zwei heilige Steine Safa und Marwa, die schon früh mit dem Ka'bakult verbunden waren. Einige Stunden entfernt lagen 3 heilige Stätten, Arafa, Muna und Muzdalifa, die durch einen heiligen Lauf, Hadjdj (sprich Hadsch), miteinander verbunden waren. Der Sinn der bei diesen Heiligtümern vollzogenen Riten, war wohl schon zur Geburtszeit Mohammeds nicht mehr bekannt, sie genossen aber ein großes Ansehen, reiche Märkte waren mit ihnen während der Festtage verbunden, und die mekkanische Kaufmannsaristokratie legte großes Gewicht auf sie. Als nun Mohammed mit religiösen Neuerungen auftrat, die diese Einnahmequellen zu gefährden schienen, wandte sich die allgemeine Opposition gegen ihn und seine Getreuen. Eine Versöhnung erfolgte erst viel später, als sich Mohammed entschloß, die genannten Riten mit einem neuen Sinn seiner Religion einzuverleiben. Das geschah aber erst, als er in Medina festen Fuß gefaßt hatte. Hier bestand ein jüdisch durchsetztes Gemeinwesen, das durch Parteiungen zerfallen war und einen stammesfremden Friedensrichter auf einer dem Judentum verwandten religiösen Basis gut gebrauchen konnte. Mit großem diplomatischen Geschick wußte sich Mohammed hier bald eine Position zu schaffen. Er ersetzte die in ganz Arabien als Gesellungsgrundlage dienende Idee der Stammeszugehörigkeit durch das religiöse Band. An Stelle des Stammes trat die Gemeinde. Ein Krieg mit der alten Heimat war unvermeidlich. In einem ersten Treffen bei Badr siegte der Prophet, später war das Schicksal wechselnd, aber nach achtjährigem kriegerischen und diplomatischen Ringen zog Mohammed fast ohne Schwertstreich in Mekka ein. Seine Residenz blieb aber Medina. Im weiten Umkreis schlossen sich die Araber seiner Herrschaft an. Noch aber hatte er die Grenzen Arabiens nicht überschritten, als ihn im Jahre 632 der Tod dahinraffte. Sein Reich drohte auseinanderzufallen, aber seine tatkräftigen Genossen, die ersten Kalifen Abu Bekr und Omar, stellten die Autorität wieder her. Aus diesen Kämpfen entwickelten sich die ersten Beutezüge in die benachbarten Kulturländer, und bald brach das alte Perserreich zusammen, und Byzanz verlor seine besten Provinzen. Die Araberherrschaft begann, und unter ihr setzte sich der junge I. mit den alten vorgefundenen Religionen auseinander, er übernahm ihre Methoden und erwuchs zu einem großartigen System. - Mohammed selber hatte anfänglich sehr einfache religiöse Begriffe. Der Ausgangspunkt seiner Predigt war der Gedanke des jüngsten Gerichts. Der Monotheismus war erst die Folge des Gerichtsgedankens. Die Idee der Auferstehung mit Himmel und Hölle, wegen der man ihn viel verlachte, hatte er von Juden und Christen übernommen, deren Religion er zunächst als identisch mit seiner Religion ansah. Er brachte den Arabern, was Jesus den Christen gebracht hatte. Erst allmählich sah er seinen Irrtum ein, und so erwuchs sein System einer Reihenfolge von Offenbarungen. Schon Adam, als erster Prophet, hat den I. der Menschheit gebracht, später Noah, dann vor allem Abraham, Moses und schließlich als letzter und größter Prophet vor Mohammed, Jesus, der Messias. Abraham, der durch Ismail der Stammvater der Araber ist, wie durch Isaak der der Juden, hat die Ka'ba erbaut, die in Parallele mit dem jerusalemischen Tempel gesetzt wird. Sie galt vielleicht schon vor dem I. als Haus Allahs - ein vager Monotheismus war schon vor Mohammed bekannt -, aber jetzt bekommt dieser Allah ein neues Leben, und die alte Ka'ba und ihre Riten werden abrahamistisch umgedeutet. Die letzte Etappe in der göttlichen Heilsordnung ist das Auftreten Mohammeds. War so der Islam in seinen Grundgedanken eine christlich- jüdische Häresie, so zeigte er auch in seinen äußeren Formen allerlei Ähnlichkeiten. Sein heiliges Buch war der Koran, der dem Propheten stückweise offenbart und schon früh zu liturgischen Zwecken gebraucht wurde. Auch führte Mohammed rituelle Übungen ein, Koranrezitationen mit bestimmten Körperbewegungen verbunden, sog. Salats, die dann später zur fünfmaligen täglichen Verpflichtung wurden. Dazu kamen eine Almosensteuer (Zakat resp. Sadaka), das Fasten während des Tages im Monat Ramadan und die Übernahme der heidnischen Ka'baund Hadjdjzeremonien in gereinigter Form. Alle Riten durften nur im Zustand kultischer Reinheit vollzogen werden, den man durch Waschungen - im Notfall durch Sandreibungen - erzielte. - Aus diesen einfachen Anfängen hat sich unter dem Einfluß des geschulten religiösen Denkens der damaligen Kulturländer das heutige religiöse System langsam entwickelt. Mohammed hat keine feste Lehre, keinen Gesetzeskodex hinterlassen. So hielt man sich an die Anweisungen des Korans und an die Praxis des Propheten und seiner ersten Genossen, der 4 "orthodoxen" Kalifen, Abu Bekr, Omar, Othman und Ali, deren Regierungszeit für alle Zukunft als die goldne Zeit des I. erscheint. Praxis heißt auf arabisch Sunna; die überlieferte Sunna, die Tradition, wird zur zweiten Quelle des religiösen Lebens neben dem Koran, der unter dem Kalifen Othman die noch heute gültige Kodifizierung erhielt. Eine Sunna wird gestützt durch ein sog. Hadith, d. h. eine Lehräußerung des Propheten, die nicht im Koran steht. Bei der Knappheit und Dunkelheit des Korans werden solche Hadithe, die natürlich bald in Menge gefälscht wurden, zur Hauptquelle der religiösen Weiterbildung. Der Grundstock der später in sechs großen kanonischen Werken gesammelten Hadithe - am berühmtesten die Sammlung des Bochari ist gewiß echt, in ihrer Mehrzahl aber sind sie nur die literarische Form für Lehrmeinungen bestimmter Schulen, sie werden dem Propheten in den Mund gelegt, um ihnen autoritatives Gewicht zu verleihen. Im Hadith finden wir den Niederschlag der religiösen Kämpfe der ersten drei Jahrhunderte des I. Nun gab es aber oft sich widersprechende Hadithe und verschiedenartige Auslegungen des Korans. Trotzdem ist die islamische Gemeinde, abgesehen von unbedeutenden Sektenspaltungen, auch ohne klerikale Organisation einheitlich geblieben, weil sie eine Art von "katholischem Instinkt", das Prinzip des Consensus (Idjma` oder Idschma), anerkennen ließ. "Meine Gemeinde hat keine Übereinstimmung, die ein Irrtum wäre", soll der Prophet gesagt haben. Nicht durch Abstimmung auf Konzilien, sondern durch die stillschweigende Anerkennung der Lehrmeinung der Majorität hat sich das islamische Religionssystem entwickelt. Wer heute das Idjma`prinzip verwirft, stellt sich außerhalb der Orthodoxie. Alle Fragen, zu denen das Idjma` einmal Stellung genommen, sind damit im Sinne Gottes für alle Zeiten entschieden. Kein Muslim hat heute mehr das Recht, die alten Quellen selbständig zu interpretieren, da der Consensus längst ihre Deutung festgelegt hat. Erst in den jüngsten Jahren regt sich eine Strömung gegen diese Lehre. - Die Entwicklung des islamischen Systems vollzog sich auf den Gebieten des Rechtes, des Dogmas, der Mystik und des Kultus. Für das Recht s. Scheria, für die Mystik s. Derwische und für den Kultus s. Moschee. Die Dogmatik ist zwar auch im I. viel erörtert worden, aber sie spielt in ihm nicht die Rolle wie im Christentum, da sich die Muslime unter jüdischem Einfluß hauptsächlich für die Ausbildung der Pflichtenlehre, des Rechtes und dann für die Mystik interessiert haben. Wie alle Dogmatik ist auch die islamische die Rüstung der Religion im Kampfe gegen Andersgläubige und Sektierer. Auf allen Gebieten der islamischen Dogmengeschichte erkennt man deutlich die Spuren christlichen Einflusses. Christliche Ideen werden von islamischen Sektierern übernommen und zwingen die Orthodoxie zur Stellungnahme. Auch die Polemik des Christentums in der frühislamischen Zeit hat zu manchen Formulierungen geführt. Drei Probleme haben den jungen I. besonders beschäftigt. Zunächst begegnet der von Anfang an deterministische I. der christlichen Lehre von der Freiheit des Willens. Viele Mohammedaner neigten zu ihr, schon um die Gerechtigkeit Gottes nicht leugnen zu müssen, da ein gerechter Gott doch nur Entschließungsfreie mit Himmel und Hölle belohnen resp. bestrafen kann. Der Consensus entschied sich schließlich aber doch im Sinne des Ur-I. für die Vorherbestimmung, rettete aber die Gerechtigkeit Gottes, indem er dem Menschen zwar nicht "das Schaffen seiner Taten", wohl aber eine Zustimmung resp. Ablehnung des von Gott an und in ihm Gewirkten zugestand. Ein weiteres Problem der islamischen Dogmengeschichte war die Frage nach dem Charakter Gottes, d. h. nach seinen Eigenschaften, deren Vielheit sich nicht mit seiner Einheit zu vertragen schien, doch auch hier fand man schließlich eine die damalige Zeit befriedigende dialektische Formulierung (s. u. 3). Das dritte Problem endlich fragte nach dem Erschaffensein resp. der Ewigkeit des Korans, eine deutliche Nachwirkung des Logosproblems. Das Dogma scheidet jetzt zwischen der Ewigkeit des himmlischen Korans und dem Erschaffensein des irdischen Textes. Auf allen diesen Gebieten kämpft eine spekulativ dialektisch - philosophische Strömung freiheitlicheren Charakters mit der Buchstabengläubigkeit der alten Orthodoxie. Es siegt schließlich überall die Orthodoxie, aber erst, nachdem sie die spekulative Methode übernommen. Die abschließenden Begründer der noch heute gültigen Dogmatik sind al- Asch'ari † 935 und alMaturidi † 944. Nach ihnen hat dann noch Gazali († 1111) durch Einführung der Mystik in die Orthodoxie auch die Dogmatik vertieft (s. Derwische).

3. Lehrinhalt. Es soll hier natürlich nicht auf die philosophisch- systematische Begründung des I. eingegangen werden, sondern nur der Lehrinhalt zur Darstellung kommen, wie er sich in den landläufigen Katechismen vorfindet. In der Türkei ist die Anordnung dieser Lehrbücher ganz ähnlich wie am Tsadsee, da der Consensus sich über alle wichtigen, Fragen geeinigt hat. An der Spitze steht das Glaubensbekenntnis, wie es die 112. Sure (d. h. Kapitel) des Korans formuliert: "Sprich, Gott ist einer, der beständige Gott. Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden, und niemand ist ihm gleich." Oder wie es sonst heißt: "Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt außer Gott, ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist." Häufig wird noch hinzugesetzt: "Er (Gott-) hat keinen Genossen." Gott hat keinen Wohnort, man darf sich ihn nicht anthropomorph vorstellen, doch hat Gott sieben göttliche Attribute. Er besitzt Leben, Wissen, Gehör, Gesicht, Willen, Allmacht und Rede. Alle diese Eigenschaften sind gleichzeitig mit seinem Sein. Die Haupttätigkeit Gottes ist der in jedem Moment sich erneuende Schöpfungsakt. Nicht daß Gott die Welt einmal erschaffen hat und sie sich dann weiter entwickeln läßt, sondern Gott schafft sie fortdauernd neu. Alle Kausalität ist nur Schöpfungsgewohnheit Gottes. Gott schafft alles. Nicht das Feuer brennt den Menschen, sondern Gott. Der Mensch ist also nicht frei. Alles Geschehen ist auf den ewigen Geschickestafeln aufgeschrieben. In diese Vorherbestimmung muß der Mensch sich gläubig lügen. Der innerliche Glaube heißt Iman, das äußere Bekenntnis I., der Gläubige Mu'min, der Mohammedaner Muslim. Außer an Gott muß man an die Engel glauben. Gott hat den Koran durch Gabriel gesandt. Jeder Mensch hat zwei Engel, die seine guten und bösen Taten aufschreiben. Der Tote wird im Grabe durch die Engel Munkar und Nakir nach seinem Glauben und seinen Taten gefragt und erfährt, je nach dem Ausfall der Prüfung, schon im Grabe einen Vorgeschmack von Himmel und Hölle. Der Teufel (Iblis) ist ein gefallener Engel. Es gibt heilige Bücher, die den Propheten gesandt wurden. Zu diesen, im ganzen 104 Büchern gehört auch der Psalter (David), die Thora (Moses) und das Evangelium (Jesus). Durch den Koran sind alle früheren Offenbarungen abgeschafft. Wichtig ist dann weiter die Lehre von den Propheten (s. oben) und Heiligen (s. Derwische). Mohammed ist nicht an ein einzelnes Volk, sondern an die ganze Welt gesandt. Man versteht den modernen I. nur, wenn man die Auffassung der Muslime von der Gestalt ihres Propheten kennt. Obwohl er als Mensch betrachtet wird, ist er doch im lebendigen Volksglauben wie in der offiziellen Lehre mit allen nur erdenkbaren Zügen des sündenlosen Heilands, des Wundertäters ohnegleichen, des Persönlichkeitsideals ausgestattet. Der historische Mohammed der kritischen europäischen Betrachtung existiert im Orient nicht. Der Orient kennt nur den Mohammed, dessen göttliches Licht schon vor der Erde von Gott erschaffen worden, der dann als Mensch geboren, alsbald sündlos gemacht wird; ihn begleiten überall hin die göttlichen Hilfskräfte, er steigt auf gen Himmel (mi'radj s. Feste des I.), er spaltet den Mond, er läßt Quellen hervorsprudeln usw. Sein größtes Wunder ist der Koran. Mohammed ist auch an die Genien (Djinnen) gesandt. Hier übernimmt der I. altanimistische Vorstellungen. In Afrika und anderen animistischen Gebieten assimillert sich die vom I. vorgefundene Geisterwelt als gute oder böse Djinnen der neuen Religion, ja dieser Djinnenkult geht z.B. in Afrika dem offiziellen Bekenntnis zum I. meist voran (s. a. Abjed und Religionen der Eingeborenen). Auf die Fürsprache der Propheten und Heiligen ist zu rechnen. Die Propheten haben den Menschen die Schrecken und Freuden des jenseitigen Lebens kennen gelehrt. Hölle und Paradies sind Wahrheit. Man kann aus der Hölle ins Paradies übergehen, es existiert also eine dem Fegefeuer ähnliche Vorstellung. Wer nur ein Atom Glauben besessen hat, soll nicht ewig in der Hölle schmachten. Der "Allerbarmer" ist nicht mit Unrecht Allahs häufigster Beiname. - Jeder Muslim muß einem der vier orthodoxen Riten (s. Scheria) angehören. Im Ritus können Irrtümer sein, die Orthodoxie der Sunna ist unfehlbar. Alle Nichtsunniten sind Ketzer. Die religiösen Pflichten bestehen hauptsächlich in den sog. fünf Säulen des I. Die erste Säule ist der skizzierte Glaubensinhalt, die zweite das fünfmalige Ritualgebet (Salat) mit vorangegangener Waschung, die dritte die Almosensteuer (zakat), die in komplizierter Weise vom Vieh, als Zehnt von der Feldfrucht, als 2 1/2 %ige Abgabe von Geld und Handelswaren fällig und für bestimmte Zwecke reserviert ist (Arme, Weise, hl. Krieg usw.); sie wird heutzutage meist von den lokalen religiösen Führern, Schriftgelehrten usw. eingezogen. Die vierte. hl. Pflicht ist das Fasten im Monat Ramadan (Som). Auch Trinken, Rauchen, ja selbst das Herunterschlucken des Speichels ist dann verboten, solange die Sonne über dem Horizont steht. In den Nächten wird dann gefeiert. Der Ramadan ist ein großes Hemmnis für das ganze Geschäfts- und Staatsleben des Orients, weil der Muslim während dieses Monats zu nichts fähig ist und alles stockt. Als fünfte Säule gilt die Pilgerfahrt, Hadjdj, nach den hl. Stätten in und bei Mekka. Während man die Zeremonien an der Ka'ba jederzeit erfüllen kann, ist der eigentliche Hadjdj - der Pilger heißt Hadjdji oder Hadji - nur im Anfang des letzten Monats des islamischen Jahres gültig. Die Pilgerfahrt beschließt das Opferfest im Tale Muna (s. Feste des I.). Zur Pilgerfahrt ist jeder erwachsene und gesunde Gläubige verpflichtet, wenn er die nötigen Mittel dazu hat und sonst keine Schwierigkeiten im Wege stehen. Tatsächlich strömen jährlich 40-100000 Gläubige aus der ganzen Welt in Mekka zusammen. - Außer diesen Hauptpflichten gibt es nun noch eine Fülle anderer religiöser Vorschriften, weil der islamische Pflichtenkreis das ganze Leben, Staat und Familie, Volk und Individuum in seinen Bann zieht (s. Scheria).

4. Sektengliederung. Im I. überwiegt die Orthodoxie bei weitem. Nur 5- 6% haben sich von der Hauptkirche getrennt. Man unterscheidet eine ältere und jüngere Sektenbildung. Die w ichtigsten Sekten der ä1teren Trennungsbewegung sind die Schiiten (s.d.) und die Ibaditen (s.d.). Sie unterscheiden sich von den Sunniten durch die staatsrechtliche Bewertung der vier ersten Kalifen Abu Bekr, Omar, Othman und All. Die Orthodoxie anerkennt alle vier, die Schiiten verwerfen alle außer Ali, die Ibaditen halten nur Abu Bekr und Omar für wirklich "rechtgeleitete" Kalifen. Die jüngere Sektenbewegung, die für die deutschen Kolonien aber ohne Interesse ist, knüpft sich an die Namen der Wahhabiten und der Babis. Die Wahhabiten sind die Anhänger des Abdel- Wahhab, eines puritanischen Eiferers, der im 18. Jahrh. in Zentralarabien eine Reaktion gegen die historische Entwicklung des I. entfachte, den Ur-I. wieder herstellen wollte und vor allem gegen das Heiligenunwesen und den Gräberkult vorging. Die Bewegung wurde bald eine politische und mußte mit Waffengewalt durch Mohammed Ali von Ägypten, als Mandatar der Pforte, niedergeworfen werden. In Zentralarabien gibt es noch heute Wahhabiten, doch sieht die Orthodoxie sie als Ketzer an, weil sie die in der Entwicklung sich betätigende göttliche Wirkung des Consensus (Idjma) nicht anerkennen wollen. Die Babis sind eine in Persien in der Mitte des 19. Jahrh. entstandene modernistische Sekte, die den I. weiterbildet. Ihr Gründer ist Mirza All Mohammed, der sich als Bab, d. h. Pforte, bekannte, durch die der verborgene Imam (s. Schiiten) mit seiner Gemeinde verkehrte. Der ganze I. in schiitischer Form wird ihm zur Vorstufe, und begreiflicherweise hat sich nach seinem Tode auch seine Lehre wieder weiterentwickelt, indem auch der Bab wieder zur Vorstufe wurde. Im übrigen s. Abjed, Araber, Derwisch, Feste des I., Ibaditen, Mahdi, Moschee, Panislamismus, Scheria, Schiiten.

Literatur: Enzyklopädie des Islam (seit 1908). Der Islam, Zeitschrift für Geschichte und Kultur des islamischen Orients, herausgegeben von 0. H. Becker (seit 1910). - Revue du Monde musulman, Directeur A. Le Châtelier (seit 1906). - The Moslem World (seit 1912). - Die Weit des Islams (seit 1913). - J. Goldziher, Vorlesungen über den Islam. Heidelberg 1910. - Derselbe, Mohammedanische Studien. 2 Bde. Halle 1889/90. - C. Snouck Hurgronje, Mekka. 2 Bde. Haag 1888. - T. W. Arnold, The Preaching of Islam, 2. Aufl. Lond. 1913. - A. Müller, Geschichte des Islams im Morgen- und Abendland. 1885. - Nöldeke-Schwally, Geschichte des Qorâns. Leipzig 1909. Th. P. Hughes, Dictionary of Islam. Lond. Weitere Literatur in den Einzelartikeln.

Becker.