Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 117

Jagd der Eingeborenen. Naturvölker nutzen das Wild, um Nahrungsmittel und Material für Kleidung, Schmuck, Werkzeuge, Geräte, Waffen zu gewinnen oder stellen ihm nach, um Siedelungen, Herden, Pflanzungen zu schützen. Bei einer Reihe von Völkern (Buschmänner und Pygmäen, Kerebina in Kamerun u.a.) ist die J. die wichtigste Nahrungsquelle, und diesen Naturvölkern fehlen Herden und Pflanzungen (s. Wirtschaft der Eingeborenen). Bei Hirten und Bauern, die in letzteren dauernde und sichere Nahrungsquellen haben, tritt die J. an Bedeutung für die Ernährung weit zurück, und manche Bauern, z.B. die Sambesivölker, üben die Nutzjagd anscheinend überhaupt nicht aus, während die J. bei anderen mehr oder weniger die Merkmale des Sports annimmt. J. ist Männerarbeit und wird während des ganzen Jahres betrieben, sofern äußere Vorgänge nicht Schonzeiten bedingen. Hierher sind zunächst zauberische Vorstellungen zu rechnen, ferner natürliche Gründe: Gunst oder Ungunst der Witterung, die den Jäger bestimmen, nur zeitweise auftretender Bedarf nach Wild, die kurze Dauer des Hochzeitskleides bei Vögeln, die um ihrer Schmuckfedern willen gejagt werden, Wanderungen der großen Wiederkäuer oder des Flugwildes usw. Eine Beschränkung der J. liegt ferner darin, daß auch bei den Jägervölkern die einzelne Familie oder Horde auf ein bestimmtes Gebiet angewiesen ist, Hirten und Bauern dagegen möglichst in der Nähe der Siedelung jagen und die Stammesgrenzen der Regel nach nicht erreichen; nur Berufsjäger pflegen größere Gebiete zu bejagen. Ausgeübt wird die J. von einzelnen, die allein oder in Begleitung von Gehilfen auf die Pürsche gehen, und von Gesellschaften unter besonderen Führern, wobei den einzelnen gleiche oder verschiedene Aufgaben zufallen; auch Frauen und Kinder können gelegentlich zur Hilfe herangezogen werden, so beim Einkreisen von Elefanten (Kamerun). Technisch ist die J. mit der Waffe von dem Fang zu unterscheiden, obgleich beide Formen nicht nur nebeneinander bestehen, sondern auch ineinander übergehen. Zur Ausrüstung des Jägers gehören ursprünglich Bogen und Pfeil, der Speer, ferner für seine eigenen Bedürfnisse Messer und Provianttasche. Während der Speer im allgemeinen sich, abgesehen von seiner größeren Einfachheit, nicht wesentlich von dem Kriegsspeer unterscheidet, der Jagdbogen mitunter nur kleiner ist als der Kriegsbogen, sind die Pfeile sehr mannigfaltig gestaltet (s. Pfeile). Häufig werden ferner die Spitzen vergiftet, und der Buschmann weiß die Wirkung des Giftes so zu bemessen, daß das getroffene Stück, das er etwa durch eine Antilopen- oder Straußenhaut maskiert beschlich, rasch verendet oder bei schwieriger Nachsuche noch die folgende Nacht überlebt. Besondere Jagdgeräte kommen örtlich vor: Zur Flußpferdjagd dient die Harpune (europäischer Einfluß ?), die Pangwe benutzen die Armbrust zur Vogeljagd, im Bismarckarchipel jagen die Männer truppweise mit der Schleuder auf die eine Lichtung überfliegenden Flüge von Papageien, bei Mövehafen (Neupommern) werden Vögel mit dem Blasrohr und Pfeil erlegt. Neuerdings verdrängt, besonders in Afrika, das Feuergewehr die alten Jagdwaffen; als merkwürdige Verbindung findet sich in Westafrika die Elefantenflinte, aus der eine kurze Lanze geschossen wird. Während die J. im engeren Sinne bei den Jägervölkern überwiegt, kommt dem Fang die Hauptrolle bei den Hirten und vor allem bei den Bauernvölkern zu. Eine einfache und uralte Methode wird in Afrika geübt: Ein größeres Aufgebot von Menschen treibt das Nutzwild, auch unter Zuhilfenahme von Feuer, das in der Steppe gelegt wird, gegen verdeckte Fallgruben, in denen die Tiere verenden oder getötet werden; in Ozeanien treibt man die Wildschweine gegen Netze. Die Baia in Kamerun treiben die Elefanten in niedere Einfriedigungen und erlegen sie hier. Zahlreich sind die Vorrichtungen für den Einzelfang. Der Buschmann kennt den an einer langen Stange befestigten Haken, mit dem er den "Hasen" aus der Röhre zieht, und Sprenkel für Vögel. Ganz besonders reich ausgebildet sind indessen die Sprenkel, Schlingen und Fallen des Negers, die auf genauester Kenntnis der Lebensgewohnheiten des Wildes beruhen und ihm sichere Beute liefern, mag er Vögeln, kleinen oder großen Säugern und selbst Raubwild nachstellen. In Ozeanien fehlen die großen Säuger und damit, bis auf die Rattenfalle, auch die formenreichen Fangvorrichtungen. Dafür stellt man hier den Vögeln mit feinen Netzen nach (Melanesien) und bildete den Vogelfang in Polynesien zum Sport aus, der den Vornehmen und Häuptlingen vorbehalten blieb. In Samoa wurde die große Fruchttaube in dieser Weise an bestimmten Plätzen mit Handnetzen, eine kleine Schmucktaube (Ptilopus) in Körben mit Hilfe von Lockvögeln gefangen. Hier ist, da die gefangenen Tauben nicht verwertet werden, eine Nutzung ebensowenig beabsichtigt wie bei den oft unter Aufbietung großer Mittel im Sudan veranstalteten Hetzjagden mit Falken oder Windhunden. - Mag es sich um J. oder Fang handeln, so verläßt sich kein Eingeborener auf sein Jagdgerät; er bedarf zum Erfolge der Zauberei. Die Zaubermittel sollen das Wild in den Bereich des Jägers führen, ihn selbst zur J. befähigen und vor Unheil schützen. Dem ersteren Zwecke dienen zauberische Nachahmungen und Tänze in Tiermasken, ferner Mittel, die mit Haar, Blut, Eingeweide u.a. des zu jagenden Tieres hergestellt sind, dem letzteren wiederum allerlei Mischungen und ferner Opfer, die Enthaltung von bestimmten Speisen und Verrichtungen, die Tagwählerei u. a.; Schmuck, der indessen ohne erkennbare Grenze auch die Bedeutung derartiger Zaubermittel erhalten kann, sind die Jagdtrophäen. Der Jäger trägt die Schwanzquaste des erlegten Elefanten am Gürtel, die Löwenmähne als Kopfbedeckung, Krallen und Zähne als Halsschmuck, Röhrenknochen kleiner Tiere aufgereiht als Armband; die Zahl der Haarringe am Bogen verkündet die Strecke seines Besitzers usw. Die J. hat endlich auch gesellschaftliche Beziehungen. Bei den Jägervölkern jagt jeder erwachsene Mann, und die Kleinheit der Gemeinschaften läßt Unterschiede bei der Verteilung der Beute nicht aufkommen. Bei den Hirten und mehr noch bei den Bauern bilden sich meist Berufsjäger aus, denen bei gemeinsamen J. die Leitung zufällt, und die besonderes Ansehen genießen. Auf der anderen Seite bleibt die J. auf bestimmte Tiere oder die Anwendung gewisser Jagdmethoden dem Adel oder den Häuptlingen vorbehalten, die auch von der Beute des Jägers und zumal des Berufsjägers gewisse Teile für sich als Abgabe beanspruchen, so vom Elefanten meist den einen Zahn.

Thilenius.