| Jagd der Eingeborenen. Naturvölker nutzen das Wild, um
Nahrungsmittel
und Material für Kleidung, Schmuck, Werkzeuge, Geräte, Waffen zu
gewinnen
oder stellen ihm nach, um Siedelungen, Herden, Pflanzungen
zu schützen. Bei einer Reihe von Völkern (Buschmänner
und Pygmäen, Kerebina in Kamerun u.a.) ist die J. die wichtigste
Nahrungsquelle,
und diesen Naturvölkern fehlen Herden und Pflanzungen (s. Wirtschaft
der Eingeborenen). Bei Hirten und Bauern, die in letzteren dauernde
und sichere Nahrungsquellen haben, tritt die J. an Bedeutung für die Ernährung weit zurück, und manche Bauern, z.B.
die Sambesivölker, üben die Nutzjagd anscheinend überhaupt nicht aus,
während die J. bei anderen mehr oder weniger die Merkmale des Sports
annimmt.
J. ist Männerarbeit und wird während des ganzen Jahres betrieben, sofern
äußere Vorgänge nicht Schonzeiten bedingen. Hierher sind zunächst
zauberische
Vorstellungen zu rechnen, ferner natürliche Gründe: Gunst oder Ungunst
der Witterung, die den Jäger bestimmen, nur zeitweise
auftretender Bedarf nach Wild, die kurze Dauer des Hochzeitskleides bei
Vögeln, die um ihrer Schmuckfedern willen gejagt werden, Wanderungen der großen Wiederkäuer oder des Flugwildes usw. Eine
Beschränkung
der J. liegt ferner darin, daß auch bei den Jägervölkern die einzelne
Familie oder Horde auf ein bestimmtes
Gebiet
angewiesen ist, Hirten und Bauern dagegen möglichst in der Nähe der
Siedelung
jagen und die Stammesgrenzen der Regel nach nicht erreichen; nur
Berufsjäger
pflegen größere Gebiete zu bejagen. Ausgeübt wird die J. von einzelnen,
die allein oder in Begleitung von Gehilfen auf die Pürsche gehen, und
von Gesellschaften unter besonderen Führern, wobei den einzelnen gleiche
oder verschiedene Aufgaben zufallen; auch Frauen und Kinder können
gelegentlich
zur Hilfe herangezogen werden, so beim Einkreisen von Elefanten
(Kamerun). Technisch ist die J. mit der Waffe von dem Fang zu
unterscheiden,
obgleich beide Formen nicht nur nebeneinander bestehen, sondern auch
ineinander
übergehen. Zur Ausrüstung des
Jägers
gehören ursprünglich Bogen und Pfeil, der Speer, ferner für seine
eigenen
Bedürfnisse Messer und Provianttasche.
Während der Speer im allgemeinen sich, abgesehen von seiner größeren
Einfachheit,
nicht wesentlich von dem Kriegsspeer unterscheidet, der Jagdbogen
mitunter
nur kleiner ist als der Kriegsbogen, sind die Pfeile sehr mannigfaltig
gestaltet (s. Pfeile). Häufig werden
ferner
die Spitzen vergiftet, und der Buschmann weiß die Wirkung des Giftes so
zu bemessen, daß das getroffene Stück, das er etwa durch eine Antilopen-
oder Straußenhaut maskiert beschlich, rasch verendet oder bei
schwieriger
Nachsuche noch die folgende Nacht überlebt. Besondere Jagdgeräte kommen
örtlich vor: Zur Flußpferdjagd dient die Harpune (europäischer Einfluß
?), die Pangwe benutzen die Armbrust zur Vogeljagd, im Bismarckarchipel
jagen die Männer truppweise mit der Schleuder auf die eine Lichtung
überfliegenden
Flüge von Papageien, bei Mövehafen (Neupommern)
werden Vögel mit dem Blasrohr und Pfeil
erlegt. Neuerdings verdrängt, besonders in Afrika, das Feuergewehr die
alten Jagdwaffen; als merkwürdige Verbindung findet sich in Westafrika
die Elefantenflinte, aus der eine kurze Lanze geschossen wird. Während
die J. im engeren Sinne bei den Jägervölkern überwiegt, kommt dem Fang
die Hauptrolle bei den Hirten und vor allem bei den Bauernvölkern zu.
Eine einfache und uralte Methode wird in Afrika geübt: Ein größeres Aufgebot
von Menschen treibt das Nutzwild, auch unter Zuhilfenahme von Feuer,
das in der Steppe gelegt wird, gegen
verdeckte
Fallgruben, in denen die Tiere verenden oder
getötet
werden; in Ozeanien treibt man die Wildschweine gegen Netze. Die Baia in Kamerun treiben die Elefanten in niedere
Einfriedigungen
und erlegen sie hier. Zahlreich sind die Vorrichtungen für den
Einzelfang.
Der Buschmann kennt den an einer langen Stange befestigten Haken, mit
dem er den "Hasen" aus der Röhre zieht, und Sprenkel für Vögel.
Ganz besonders reich ausgebildet sind indessen die Sprenkel, Schlingen
und Fallen des Negers, die auf genauester
Kenntnis der Lebensgewohnheiten des Wildes beruhen und ihm sichere Beute
liefern, mag er Vögeln, kleinen oder großen Säugern und selbst Raubwild
nachstellen. In Ozeanien fehlen die großen Säuger und damit, bis auf die
Rattenfalle, auch die formenreichen Fangvorrichtungen. Dafür stellt man
hier den Vögeln mit feinen Netzen nach (Melanesien) und bildete den Vogelfang in Polynesien zum Sport aus, der den Vornehmen und
Häuptlingen vorbehalten blieb. In Samoa wurde die große Fruchttaube in dieser Weise an
bestimmten Plätzen mit Handnetzen, eine kleine Schmucktaube (Ptilopus)
in Körben mit Hilfe von Lockvögeln gefangen. Hier ist, da die gefangenen
Tauben nicht verwertet werden, eine Nutzung
ebensowenig
beabsichtigt wie bei den oft unter Aufbietung großer Mittel im Sudan
veranstalteten Hetzjagden mit Falken oder
Windhunden. - Mag es sich um J. oder Fang handeln, so verläßt sich kein
Eingeborener auf sein Jagdgerät; er bedarf zum Erfolge der Zauberei. Die Zaubermittel sollen das Wild in den
Bereich des Jägers führen, ihn selbst zur J. befähigen und vor Unheil
schützen. Dem ersteren Zwecke dienen zauberische Nachahmungen und Tänze
in Tiermasken, ferner Mittel, die mit Haar, Blut, Eingeweide u.a. des
zu jagenden Tieres hergestellt sind, dem letzteren wiederum allerlei
Mischungen
und ferner Opfer, die Enthaltung von bestimmten Speisen und Verrichtungen, die Tagwählerei u. a.;
Schmuck, der indessen ohne erkennbare Grenze auch die Bedeutung
derartiger
Zaubermittel erhalten kann, sind die Jagdtrophäen.
Der Jäger trägt die Schwanzquaste des erlegten Elefanten am Gürtel, die
Löwenmähne als Kopfbedeckung, Krallen und Zähne als Halsschmuck,
Röhrenknochen
kleiner Tiere aufgereiht als Armband; die Zahl der Haarringe am Bogen
verkündet die Strecke seines Besitzers usw. Die J. hat endlich auch
gesellschaftliche
Beziehungen. Bei den Jägervölkern jagt jeder erwachsene Mann, und die
Kleinheit der Gemeinschaften läßt Unterschiede bei der Verteilung der
Beute nicht aufkommen. Bei den Hirten und mehr noch bei den Bauern
bilden
sich meist Berufsjäger aus, denen bei gemeinsamen J. die Leitung
zufällt,
und die besonderes Ansehen genießen. Auf der anderen Seite bleibt die
J. auf bestimmte Tiere oder die Anwendung gewisser Jagdmethoden dem Adel
oder den Häuptlingen vorbehalten, die auch von der Beute des Jägers und
zumal des Berufsjägers gewisse Teile für sich als Abgabe beanspruchen,
so vom Elefanten meist den einen Zahn.
Thilenius.
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