Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 403 f.

Küstenfahrt oder Küstenfrachtfahrt (cabotage maritime) ist die Schiffahrt von Hafen zu Hafen der inländischen Küste. Von ihr unterscheidet sich die Staffe1fahrt, d. h. die stufenweise Löschung der aus dem Auslande eingeführten Ladung oder die Ergänzung der für das Ausland bestimmten Ladung in verschiedenen inländischen Häfen. Während die Staffelfahrt ohne weiteres ausländischen Schiffen freisteht, ist die K. nach völkerrechtlichem Grundsatz ausschließlich den Inländern vorbehalten. Diese Regel gilt auch in Deutschland (§ 1 des Ges., betr. die Küstenfrachtfahrt, vom 22. Mai 1881 - RGBl. S. 97), ist aber auf Grund des § 2 a. a. O. durch zahlreiche Staatsverträge oder Ksl. V. durchbrochen. - In den Schutzgebieten gilt nicht das öffentlichrechtliche Gesetz von 1881. Es besteht dort der völkerrechtliche Vorbehalt zugunsten der deutschen Schiffe, soweit nicht die K. Ausländern durch Art. 2 der Kongoakte vom 26. Febr. 1885 (in Deutsch-Ostafrika), Art. 3 der deutsch- englischen Erklärung vom 10. April 1886 (in der Südsee), Art. 5 des deutsch-portugiesischen Grenzabkommens vom 30. Dez. 1886 und Art. 8 des deutschenglischen Abkommens vom 1. Juli 1890 freigegeben ist. - Dagegen findet auf Kauffahrteischiffe, die die Reichsflagge führen dürfen, die Seemannsordnung vom 2. Juni 1902 (RGBl. S. 175; vgl. §§ 5, 6 a. a. O.) und die Bundesratsvorschrift vom 16. Juni 1903, betr. die Besetzung der Kauffahrteischiffe mit Kapitänen und Schiffsoffizieren (RGBl. 1903 S. 247) Anwendung. Auf Grund des § 11 a. a. O hat der RK. indessen Erleichterungen gewährt: An der Festlands- und Inselnküste von Deutsch-Ostafrika und im Verkehr dieser Küsten mit den Inseln Sansibar und Pemba gilt die Fahrt von deutschen Seeschiffen, deren Heimatshafen im Schutzgebiet liegt, mit der Maßgabe als K., daß Dampfschiffe über 1000 cbm Bruttoraumgehalt mit mindestens 2 Maschinisten 2. Klasse zu besetzen sind. In Deutsch-Südwestafrika erfährt der Schleppdampferdienst der Woermannlinie (s. Dampfschiffahrt) wesentliche Erleichterungen; u.a. braucht die ständige Besatzung bei Fahrten mit Reisenden nur durch einen Kapitän mit dem Befähigungszeugnis eines Schiffers auf großer Fahrt und einen Maschinisten 3. Klasse verstärkt zu werden. Die Besetzung der Regierungsschlepper ist dem Gouverneur vorbehalten. In Deutsch-Neuguinea gilt die Fahrt deutscher Seeschiffe, deren Heimatshafen im Schutzgebiet liegt, an den Küsten von Kaiser-Wilhelmsland, Neupommern und Neumecklenburg, der Admiralitätsinseln und der Inseln Buka und Bougainville sowie im Verkehr dieser Inseln untereinander als kleine Fahrt, jedoch darf der Gouverneur in geeigneten Fällen weitere Ausnahmen zulassen. Für Samoa ist bestimmt, daß auf deutsche Küstenfahrzeuge, deren Heimatshafen im Schutzgebiet liegt, die samoanischen Vorschriften über Besetzung mit Schiffsoffizieren anwendbar sind. Eine umfassendere, die eigenartigen Schiffahrtsverhältnisse Samoas berücksichtigende Regelung der Rechtsverhältnisse der Eingeborenen Besatzung auf den Küstenfahrzeugen ist geplant. Die privatseerechtlichen Vorschriften der Heimat (4. Buch des HGB.) gelten in den Schutzgebieten. § 566 HGB. trifft die Besonderheit, daß nach Landesrecht eine Verladung auf dem Verdeck auch ohne Zustimmung des Abladers zulässig ist. An der deutsch-ostafrikanischen Küste laufen Dampfer der Deutschen Ostafrika-Linie alle 14 Tage die Küstenplätze von Tanga bis Mikindani und umgekehrt an, um Ladung für die Schiffe ihrer überseeischen Linie zu holen oder von ihnen zu bringen. Außerdem vermitteln drei Regierungsdampfer in regelmäßigen Fahrten die Postanschlüsse zu den englischen und französischen Dampfern in Sansibar. Ferner spielen einheimische Segelboote (Dhaus [s. d.]) im Küstenhandel eine erhebliche Rolle. In Deutsch-Südwestafrika laufen Schiffe der Woermann-Linie und der Deutschen Ostafrika-Linie die Häfen Swakopmund und Lüderitzbucht auf überseeischer oder auf Staffelfahrt an, Seeschlepper fahren mitunter nach Walfischbucht, in den letzten Jahren vermittelte "Linda Woermann" den Verkehr zwischen Lüderitzbucht und Prinzenbucht. In Kamerun unterhält allein das Gouvernement eine regelmäßige K., in Togo besteht keine. In Samoa sind, abgesehen von zwei kleineren Dampfern der Samoa Shipping and Trading Co., hauptsächlich von Eingeborenen geführte Motorboote und Segelkutter. Die deutsche Handels- und Plantagengesellschaft wird demnächst einen 4000 t großen Dampfer in Betrieb nehmen. Für Deutsch-Neuguinea versieht der Norddeutsche Lloyd neben den überseeischen (Austral-Japan, Neuguinea-Singapore) Hauptlinien und dem die Karolinen, Marianen und Marshallinseln erschließenden Inseldienst einen von Rabaul aus die einzelnen Regierungs-, Handels- und Pflanzungsstationen berührenden Küstendienst. Dem Nahverkehr dient der Dampfer Meklong, die Plätze des Bismarckarchipels besucht die 584 t große "Sumatra". Auf den Karolinen und Marshallinseln bedienen sich die Eingeborenen der sog. Auslegerboote, 4-9 m langer, schmaler, zur erhöhten Sicherheit mit Auslegerhölzern versehener Ruder- und Segelfahrzeuge. - Die K. ist auch in den Schutzgebieten durch Leuchtfeuer, Leucht- und Heulbojen und andere Seezeichen gesichert, insbesondere in Kamerun durch vier, in Deutsch-Südwestafrika durch zwei Leuchttürme.

Literatur: Ullmann, Völkerrecht. Tübing. 1908, S. 290 ff, 366. - Knitschky- Rudorff, Seegesetzgebung. Berl. 1908, S. 325 ff. - Die Sicherung der an den Küsten der Kolonien, Heft Nr. 28 der Zeitschr. "Kolonie und Heimat". 1911/12, S. 4 ff. - Hambruch, Die Schiffahrt auf den Karolinen und Marshallinseln, Sammlung "Meereskunde". Berl. 1912, Heft 6. - v. Liszt, Das Völkerrecht. Berl. 1913, S. 88, 190. - Fleischmann, Küstenmeer § 3 Nr. 3a, in v. Stengel-Fleischmanns Wörterbuch des deutschen Staats- und Verwaltungsrechts. Tübing. 1913, Bd. 2, S. 702 ff.

R. Fischer.