Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 404 ff.

Küstenfieber (s. Tafel 113) (Ostküstenfieber, Ostafrikanisches Küstenfieber, Rhodesian Redwater) ist eine bösartige Seuche des Rindes, die in Ostafrika herrscht und von hier aus nach Südafrika verschleppt worden ist. Das K. herrscht zurzeit (1914) in Britisch- und Deutsch-Ostafrika, in Portugiesisch-Ostafrika, in Rhodesien, in Natal, in Transvaal und im Transkeigebiet des Kaplandes. Nach Transvaal ist die Seuche im Jahre 1902 mit einem Transport von Schlachtrindern aus DeutschOstafrika eingeschleppt worden und hat sich von hier aus nach Natal und dem sog. Transkeigebiet ausgebreitet. Sie hat in großen Teilen von Transvaal und Natal die Rindviehbestände dezimiert und erschwert in Britisch- und Deutsch- Ostafrika sowie in Portugiesisch - Ostafrika in weiten Distrikten die Rinderhaltung durch die dauernden großen Verluste ganz bedeutend. Die Krankheit wird durch ein kleines Protozoon (Piroplasma parvum) erzeugt, das in den Blutkörperchen der Rinder schmarotzt. Trotz des Vorhandenseins der Parasiten im Blute läßt sich die Krankheit durch Überimpfung von parasitenhaltigem Blut auf andere Rinder nicht übertragen. Dagegen gelingt die Übertragung durch Überimpfung von Milz- und Lymphdrüsenstücken. Die natürliche Übertragung erfolgt auf der Weide durch bestimmte Zecken (Rhipicephalus Evertsi, Rh. simus, Rh. nitens, Rh. capensis). Rhipicephalus Evertsi ist die rotbeinige oder rote Zecke; sie überträgt als geschlechtsreife Zecke das K., sofern sie in einem der beiden vorhergehenden Entwicklungsstadien (Larve oder Nymphe) infektiöses Blut aufgenommen hat. (Zum Entwicklungsgange der Zecken sei an dieser Stelle nur bemerkt, daß die Zeckenweibchen Eier legen; aus denen Larven ausschlüpfen, die sich später zu Nymphen und zu geschlechtsreifen Tieren entwickeln; s. Zecken.) Die Larven setzen sich mit Vorliebe im Gehörgang oder in den Flanken fest, wo die erste Häutung stattfindet und die ausgeschlüpfte Nymphe sich gleichfalls festsaugt. Sie fällt durchschnittlich 15 Tage nach dem Festsaugen der Larve ab. Die zweite Häutung geht auf der Erde vor sich und dauert etwa 24 Tage. Die rote Zecke wird außer an Rindern, an Einhufern, Ziegen, Schafen, Antilopen beobachtet. Rhipicephalus appendiculatus, die braune Zecke, Rh. capensis, die Kapzecke, ferner Rh. simus und Rh. nitens sind im Gegensatz zu der roten Zecke, die zweiwirtig ist, dreiwirtig. 20-30 Tage nach dem Abfallen der weiblichen Zecke sind die aus ihren Eiern entstandenen Larven imstande, an neue Wirtstiere zu gehen, indem sie auf die Spitzen der Gräser klettern und, auf ihnen mit den Hinterbeinen sich festhaltend, fuchtelnde Bewegungen mit den Vorderbeinen ausführen, um an weidende Rinder zu gelangen. Die Larven saugen sich an dem neuen Wirtstier in 3-8 Tagen voll Blut und Fallen hierauf ab, um sich in etwa 16 Tagen am Boden durch Häutung in Nymphen zu verwandeln. Die Nymphen gehen an einen neuen Wirt, um etwa in einem gleichen Zeitraum nach Vollsaugung (3-8 Tage) und Häutung (etwa 16 Tage) zu geschlechtsreifen Zecken sich zu entwickeln. Die Nymphen und die geschlechtsreifen Zecken übertragen das K., wenn sie in ihrem vorhergehenden Entwicklungsstadium an einem küstenfieberkranken Rinde Blut gesogen haben und wieder auf ein für K. empfängliches Rind gelangen. Befallen die mit K. infizierten Zecken andere Tiere, so geben sie den Ansteckungsstoff ab und werden unschädlich; ferner sind die Nachkommen infizierter Zecken nicht ansteckend. Die Ansteckung erfolgt stets während des Weideganges, besonders leicht nach Eintritt der Regenzeit und bei hohem Grase, von dem die Zecken leicht auf weidende Rinder gelangen können. Wo das K. seit langer Zeit heimisch ist, erkranken gewöhnlich nur Rinder im Alter unter einem Jahre, während ältere Tiere, da sie die Krankheit in der Jugend überstanden haben, immun sind. Die Verluste an Nachzucht betragen in den endemischen Küstenfieberherden 20- 50%. Wird das Küstenfieber dagegen in eine vorher seuchenfreie Gegend verschleppt, so erkranken alte und junge Tiere, und es erliegen der Seuche bis zu 95% der erkrankten Tiere. Die Krankheitserscheinungen selbst treten etwa 10- 12 Tage nach dem Betreten der infizierten Weiden auf; in auffälliger Weise stellen sich aber Krankheitserscheinungen erst nach etwa 20 Tagen ein. Sie bestehen in hohem Fieber, Atembeschwerden, Speichelfluß, Entleerung von sehr trockenem oder blutigem, teerartigen Kot, starker Schwellung der Kehlgangslymphdrüsen, Abmagerung und Schwäche des Hinterteils. Bei der Zerlegung verendeter Tiere findet man punktförmige Blutungen in der Unterhaut und unter dem Brust- und Bauchfell, ferner Schwellungen der Lymphdrüsen, Rötung und geschwürige Entzündung der Schleimhaut des Darmes und des Labmagens, grauweiße Flecken in der Lebersubstanz, und als besonders auffälligen Befund bis haselnußgroße, keilförmige Herde in der Nierenrinde. Eine Behandlung des K. mit Medikamenten ist aussichtslos. Neuerdings wird versucht, durch Impfung mit Lymphdrüsen- und Milzsubstanz die Krankheit zu bekämpfen, nachdem die von Robert Koch (s. d.) empfohlene Blutimpfung ohne Erfolg geblieben ist. Ferner wird die Bekämpfung der Seuche durch Vernichtung der am Boden sitzenden Zecken durch Grasbrand schon seit langer Zeit versucht. Da die abgefallenen Zecken sich zunächst zur Eiablage oder Häutung an einen geschützten Ort, in Erdspalten, unter Steine begeben, so wird der Grasbrand diesen Zecken keinen Schaden zufügen; um so wirkungsvoller aber ist er gegen die aus ihnen hervorgehende neue Generation, die sich auf den Grasspitzen aufhält. Am zweckmäßigsten werden daher die Weiden während oder nach der warmen Jahreszeit gebrannt, nachdem einige Wochen lang sämtliches Vieh von dem betreffenden Gelände ferngehalten worden ist (Lichtenheld). Ferner kann die Reinigung einer Weide von den Zecken durch einen Weidewechsel herbeigeführt werden. Die Zecken fallen nach 3-20 Tagen von den Tieren ab und brauchen zur Entwicklung, vor deren Beendigung sie Tiere nicht wieder anfallen, mindestens 16 Tage. Bringt man also eine Herde nacheinander auf drei Parzellen einer zeckenfreien Weide, auf denen man sie je 16 Tage weiden lassen kann, so wird die Herde im Anschluß daran zeckenfrei sein. Hierauf beruhte das von Robert Koch empfohlene Verfahren zur Bekämpfung des Ostküstenfiebers durch Weidewechsel. Es gelingt durch einen dreimaligen Weidewechsel einer verseuchten Herde auf einer unverseuchten Weide, nach je 16 Tagen, die Herde zu entseuchen. Vor allen aber kann man das K. durch regelmäßiges, alle 3 Tage stattfindendes Baden der Rinder bekämpfen, wenn als Badeflüssigkeit Mittel verwendet werden, die die auf den Rindern befindlichen Zecken töten (Arsenik oder arseniksaures Natrium in Verbindung mit Schmierseife und Petroleum). In Natal und Rhodesien hat sich gezeigt, daß man durch regelmäßiges, alle 3 Tage erfolgendes Baden der Rinder imstande ist, die Zecken auf den Weiden vollständig zu entfernen und die Ausbreitung des K. zu verhüten. Die Rinder fangen von den Weiden die Zecken ab, die dann durch das Baden vernichtet werden. Mit dem Verschwinden der Zecken entfällt die Möglichkeit der Übertragung des Küstenfiebers. Solche Rinderbäder sind neuerdings auch in Deutsch-Ostafrika eingerichtet worden, und es ist geplant, in allen endemischen Küstenfieberbezirken Rinderbäder zur allmählichen Ausrottung des K. zu errichten (s. Abb.).

In Transvaal wird das Ostküstenfieber z. Teil noch nach den Angaben Theilers (s.d.) in der Weise systematisch bekämpft, daß die verseuchten Farmen zwangsweise eingezäunt, sämtliche Rinder auf diesen Farmen getötet und die Farmen 15 Monate lang für Rinder gesperrt werden. Während dieser Zeit gehen die auf Farmweiden vorhandenen Zecken zugrunde oder verlieren den etwa in ihnen enthaltenen Ansteckungsstoff dadurch, daß sie sich an anderen Tieren als Rindern gesund beißen.

Literatur: Veröffentlichungen von Theiler und Flugschriften der Transvaalregierung über das Ostküstenfieber, ferner Lichtenheld, Die Zecken als Überträger von Tierkrankheiten und ihre Bekämpfung in der Zeitschrift "Der Pflanzer", herausgeg. vom ksl. Gouvernement von Deutsch-Ostafrika, Jahrg. VIII, Nr. 5.

v. Ostertag.