Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 166 f.

Kalahari (s. Tafel 73). Vor noch nicht langer Zeit verstand man unter der K. die unzugänglichen innersten Teile des mittleren südafrikanischen Beckens. Neuerdings ist der diesem Namen zugrunde liegende Begriff auf Grund gemeinsamer Merkmale auf ein Gebiet von erheblich größerer Fläche ausgedehnt worden. Orographisch, geologisch und hydrographisch muß man heute einen nicht geringen Teil unseres südwestafrikanischen Schutzgebiets ebenfalls der K.region zurechnen. Streng genommen müßte das sogar mit dem Amboland (s.d.) und dem Caprivizipfel (s.d.) geschehen. Gründe wirtschaftsgeographischer Natur lassen diese Erweiterung der Abgrenzung zwar ungeeignet erscheinen, doch muß man sich bewußt bleiben, daß, wenn wir die Grenzen des K.gebiets weiter nach Osten schieben, wir dies nicht infolge von Erwägungen physikalischgeographischer Natur tun. -Aber auch in den engeren Grenzen, die man der K. in westlicher Richtung ziehen mag, ist sie die größte Einheitslandschaft des ganzen Schutzgebiets. Ein gutes Drittel sowohl des Herero- (s.d.) wie des Namalandes (s.d.) im weiteren Sinne nimmt teil an den Landschaftsformen wie an anderen Besonderheiten des riesigen Beckens. Orographisch ist das ganze Gebiet trotz eines nicht unbedeutenden Wechsels der Seehöhe insofern eine Einheitslandschaft, als es von einer durch keine irgend bemerkenswerte Erhöhung unterbrochenen Ebene gebildet wird. Aber auch die Zusammensetzung des Bodens, die mit ihren im Gegensatz zum übrigen Schutzgebiet sehr jungen Kalken und vor allem mit ihren ungeheuren, von tiefem Sande bedeckten Flächen in schärfstem Gegensatz nicht allein zu der Urgesteinszone des Westens und der zentralen Erhebungsmassen, sondern auch zu den Schichten im nördlichen Herero- und in der mittleren Längszone des Namalandes steht, verweist uns auf eine einheitliche Entstehung dieser ungeheuren Hochflächen seit dem Ende der regen- und wasserreicheren Perioden eines früheren aber noch nicht allzu fern liegenden Zeitalters der Erdgeschichte. - Die Zusammengehörigkeit des Nordens und des Südens in hydrographischer Hinsicht beruht nun allerdings nicht in der Richtung der Entwässerungslinien. Sie ziehen im Norden in östlicher und nordöstlicher Richtung dahin, um sich schließlich mit den Adern des abflußlosen Beckens von Innersüdafrika zu vereinigen bzw. vor dieser Vereinigung sich im Sandmeer zu verlieren. Im Süden dagegen streben sie in südöstlicher Richtung dem unteren Nossob (s.d.) zu; mit ihm und mit dem Molapo gehören sie demnach schließlich zum, System des Oranje (s.d.), so daß sich also auf dem von Gobabis nach Osten ziehenden höchsten Teil der inneren Ebenen eine der wichtigsten Wasserscheiden des Schutzgebietes dahinzieht. Aber abgesehen von dieser Verschiedenheit ist die Ähnlichkeit der die Ebene durchziehenden Flußläufe eine so große, daß man in diesem Falle von einem K.charakter der Wasseradern sprechen kann. - Klimatisch allerdings unterliegt das Gebiet der inneren Ebenen im Norden völlig anderen Einwirkungen als im Süden. Im Nordosten des Sandfeldes herrschen bereits nahezu tropische Verhältnisse, während der Süden in dieser einen Beziehung dem Innern von Groß- Namaland auf das engste verwandt ist. Nicht allein die Temperatur, sondern Dauer und Menge der Niederschläge sind jenseits des Wendekreises viel ungünstiger als im Gebiet des abflußlosen Innern. Dementsprechend weist auch die Pflanzenwelt große Verschiedenheiten auf. Besonders in der Zusammensetzung der das Landschaftsbild bedingenden Formationen erkennt man den Einfluß der größeren Trockenheit im Süden, in dessen östlichen Ebenen die oft von Sanddünen überhöhten Grasflächen viel seltener mit Dornsträuchern durchsetzt sind als im Norden, in dessen Flächen sowohl die Holzgewächse häufiger sind, wie dort auch die Grasdecke dichter und geschlossener erscheint als im Süden des Wendekreises. Keinesfalls berechtigt das in dieser Hinsicht maßgebende Pflanzenkleid der K. zu der ehemals allgemein verbreiteten Charakteristik derselben als einer Wüste. Leider findet diese falsche und in jeder Hinsicht irreführende Bezeichnung sich auch noch auf Karten neueren Datums. Wenn man unter einer Wüste lediglich ein Gebiet versteht, das sich durch die Seltenheit von dicht unter der Oberfläche des Bodens erschlossenen Wasserstellen auszeichnet, dann würde allenfalls auf die eine oder die andere Landschaft im deutschen Anteil des K.landes eine solche Benennung Anwendung finden dürfen. Aber doch nicht mit mehr Recht als auf manche Gegenden des Namalandes. Versteht man dagegen darunter ein an Gewächsen ungewöhnlich armes Gebiet, so paßt sie in keinem Falle auf diese östlichen Regionen. Die Tierwelt der K. war diejenige des inneren Südafrika. Wenn auch stark verringert, vermochte sich manche Art in der von verwüstenden Jagden verschont gebliebenen Innensteppe eher zu halten als in den von Herero (s.d.) und Hottentotten (s.d.) bewohnten Hochländern. Die Bevölkerung des K.gebiets auf der deutschen Seite schließt sich dagegen völlig an die maßgebenden Rassen der Hauptlandschaften an. Während der Zeit ihrer Selbständigkeit drangen sowohl die Werften der Herero wie auch die Siedlungen der Hottentotten, namentlich in der Nähe der Wasserläufe, weit in die Sandebenen der K. vor, und nur die der Grenze benachbarten Striche jenseits vom 19° ö. Br. und nördlich vom 26° s. Br. wurden vorwiegend von Buschmännern (s.d.) durchstreift, deren Anpassung an die Natur dieses Gebiets ihnen eher als den viehbesitzenden Herrenvölkern von Südwestafrika gestattete, hier ein zwar freieres, dafür aber auch um so dürftigeres Dasein zu führen.

Literatur: S. Passarge, Die Kalahari. Berl. 1904. - L. Schultze, Aus Namaland und Kalahari. Jena 1907. - Ders., Deutsch- Südwestafrika in H. Meyer, Das deutsche Kolonialreich. Lpz. 1909.

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