Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 223

Kanem-Bornu. Der nördlichste Teil Kameruns bildet die Landschaft Bornu (s.d.). Bornu ist ein altes Reich mit jahrhundertelanger Geschichte und geschriebenen Geschichtsquellen, die uns bis ins 11. Jahrh., ja darüber hinaus, zurückführen. Es war ehemals eine Provinz des alten Reiches Kanem. K. ist das Gebiet nordwestlich des Tsadsees, während B. sich westlich und südlich an den See anschließt. Die ältesten historischen Nachrichten zeigen uns K. unter der Herrschaft der heidnischen Zaghawa, die im Anfang des 11. Jahrh. den Islam annehmen. Wie der Islam dorthin kommt, ist nicht ganz sicher, jedenfalls sind es Einflüssse von Norden und Nordosten. Die von H. Barth und Nachtigal mitgebrachten Königslisten sind in ihren Anfängen legendär; Barth beginnt mit dem Jahre 1086, Nachtigal mit 946 die Zählung. An der Spitze steht der vorislamische südarabische Held Saif b. Dhu Jazan, nach dem die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts regierende Dynastie die "Saifiden" oder Sefiden, auch Sefua genannt wird. Als erster islamischer Fürst erscheint Hume d. h. Mohammed. Nach nordafrikanischen Quellen lag die größte Ausdehnung des Reiches zwischen 1170 und 1270. Die Bornuchronik setzt in diese Zeit die glorreiche Regierung DuNama Dibbalamis 1221 - 59. Hier stehen wir also auf festem historischen Boden. Auch für spätere Jahrhunderte wird die Zuverlässigkeit der Tsadseechroniken durch Kontrolldaten bestätigt. Dunama Dibbalami erobert die Landschaft Bornu.

Das Wort hängt wohl mit Birni = Hauptstadt zusammen. Die Residenz war anfangs Ngigmi resp. Ndschimi. Das nächste Jahrhundert zeigt die Sefiden im Kampf mit den Bulala, deren Nachkommen sich bis heute in den Balalia (Wadai, Bornu) erhalten haben. Etwa 1400 geben die Sefiden Kanem auf und siedeln nach Bornu über. Residenz wird Birni Kasr Eggomo. Anfang des 16. Jahrh. siegen die Sefiden über die Bulala, Kanem wird zurückerobert. Der Maina (König) Idris (1571-1603) nimmt den Titel Sultan an, erobert Mandara und dehnt sein Reich bis an den Niger aus. Das 17. und 18. Jahrh. sind Zeiten des Verfalls. Die großartige Erhebung der Fulbe (s.d.) unter Othman dan Fodio und Mohammed Bello zu Beginn des 19. Jahrh., die zur Gründung des Kaiserreichs Sokoto und zur Islamisierung von Adamaua (s.d.) führt, droht den Sefidenstaat zu vernichten. Die Dynastie wird geschlagen, aber in dem Kanemiden Scheich Mohammed el- Amin ersteht dem Reich ein Retter. Die Folge ist, daß die Herrschaft auf den Retter übergeht. Die neue Dynastie der Kanemiden regiert bis zum heutigen Tage. Die Residenz der neuen Dynastie war Kuka. Mohammeds Sohn Scheich Omar (1835 - 79) ist der Kolonialgeschichte als der Beschützer Barths, Overwegs, Nachtigals und anderer bekannt. Omar war ein Friedensfürst, doch kämpft das Reich mit inneren und äußeren Schwierigkeiten. Erst 1846 treten die Kanemiden offiziell die Erbschaft der Sefiden an, die bis dahin noch ein Schattendasein geführt hatten. Auch die alten Formen des Reichs (Feudalstaat, ritterliche Kultur) verloren allmählich ihren Inhalt; die Ratsversammlung (Nokena) war schon unter Omar zur Farce geworden. Überall Zeichen des Verfalls. Nach Omars Tode folgten sich schnell aufeinander mehrere seiner Söhne. Die Daten werden verschieden angegeben. Sein dritter Nachfolger (Abu) Haschim erlag im Jahre 1893 dem von Osten vordringenden Sklavenführer Rabeh (s.d.), einem Zögling Ziber Paschas aus dem Bahr el Ghazal. Es gelang Rabeh in den 7 Jahren von 18931900 ein großes Reich mit der Hauptstadt Dikoa zusammenzuhalten. Bei ungestörter Entwicklung wäre hier wohl eine bedeutende Dynastie entstanden, aber im Jahre 1900 erreichten die Franzosen von drei Seiten den Tsadsee. In der Schlacht von Kusseri (22. April 1900) verlor Rabeh Leben und Reich. Sein Sohn Fadlallah fiel erst -später, nachdem er eine Restauration vergeblich versucht hatte. Mit glieder der alten Kanemidendynastie wurden erst von den Franzosen, dann von den Deutschen und Engländern, die sich in das eigentliche Bornu teilten, als Sultane eingesetzt. Der jetzige Sultan von Dikoa, Omar Sanda, ein Enkel des Scheich Omar, regiert seit 1902. Die früheren Untersultane von Kusseri, Logone, Gulfei und Mandara sind ihm jetzt koordiniert und unterstehen mit ihm dem Residenten. Die Verwandtschaftsverhältnisse der verschiedenen regierenden Kanemiden zeigt folgende Tabelle.

S.a. Bornu.

Literatur: H. Barth, Reisen und Entdeckungen in Nordund Zentralafrika. 5 Bde. Gotha 1857. - G. Nachtigal, Sahara und Sudan. 3 Bde. Berl. 1879 ff. - H. Carbou, La Region du Tchad et du Ouadai. 2 Bde. Paris 1912 J. J. Marquardt, Die Beninsammlung des Reichsmuseums für Völkerkunde in Leiden. Leiden 1913. - v. Bülow, Bericht über die polit. Verhältnisse im mittleren Sudan, Mitt. d. Orient. Sem. VII. 1904, Afr. Stud. 263 ff. - J. Dujarric, La vie du Sultan Rabah. Paris 1902. v. Oppenheim, Rabeh u. das Tsadseegebiet. Berl. 1902. - Becker, Zur Geschichte des öst1. Sudan, Der Islam I, 153 ff. - Helmolt, Weltgeschichte, Bd. III. Leipz. u. Wien 1903 (2. Aufl. in Vorbereitung).

Becker.