Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 225 f.

Kaoko-Land- und Minengesellschaft. Durch Vertrag vom 12. Aug. 1893 verkaufte die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestfrika (s.d.) an die Firma L. Hirsch & Co. das sog. Kaokofeld (Kaokoveld [s.d.]), d.h. denjenigen Teil des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika, welcher begrenzt wird 1. im Norden durch den Kunenefluß, von dessen Mündung bis zur Swartboisdrift, 2. im Osten durch eine Linie, welche von Swartboisdrift über Otjitambi, Obombo (Franzfontein) bis zum Punkte läuft, wo der Ugabfluß von dem 15° ö. L. von Greenwich geschnitten wird, 3. im Süden durch den Ugabfluß von dem oben erwähnten Punkte bis zur Mündung, 4. im Westen durch den Atlantischen Ozean, von der Mündung des Kunene bis zur Mündung des Ugabflusses. Innerhalb des Kaokofeldes sollten vertragsmäßig alle Privatrechte, welche die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika erworben hatte, auf die Käuferin übergehen, insbesondere das Eigentum am Grund und Boden und das Recht zur Gewinnung von Mineralien. Die Firma L. Hirsch & Co. verpflichtete sich, eine Gesellschaft nach Maßgabe des Reichsgesetzes vom 15. März 1888 als Deutsche Kolonialgesellschaft zur Bewirtschaftung des abgetretenen Gebietes zu bilden, auf die ihre Rechte und Pflichten aus dem Vertrage übergehen sollten. Das freie Betriebskapital der Gesellschaft wurde auf mindestens 800000 M festgesetzt. Der Kaufpreis betrug 900000 M, von dem der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika 400 000 M in bar und 500 000 M in volleingezahlten oder nach dem Statut als volleingezahlt geltenden Anteilen der neu zu bildenden Gesellschaft überwiesen wurden. Zu diesem Vertrage wurde die Genehmigung des Reichskanzlers vorbehalten und erteilt. Eine nachträgliche Vereinbarung; welche der Ausführung des Vertrages diente, wurde unter dem 4. Dez. 1893 geschlossen. - Die neu zu errichtende Gesellschaft konstituierte sich als Kaoko-L.- u. M.G. durch notariellen Vertrag vom 11. April 1895 mit dem Sitz in Berlin, ihr wurde durch Beschluß des Bundesrats vom 27. Juni 1895 Rechtsgültigkeit verliehen. Der Zweck der Gesellschaft ist statutenmäßig der Erwerb von Grundbesitz und Rechten aller Art in Deutsch-Südwestafrika, sowie die wirtschaftliche Erschließung und Verwertung der gemachten Erwerbungen. Das Grundkapital der Gesellschaft beträgt 10 Mill. M, eingeteilt in 50000 Anteile, zu je 200 M, 40000 von diesen 50000 Anteilen sind begeben. Die Firma L. Hirsch & Co. erhielt als Gegenleistung für die eingebrachten Rechte, sowie für eine Bareinlage von 200000 M insgesamt 32500 Anteile. 2500 Anteile wurden der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika vertragsmäßig überlassen. Der verbleibende Rest der ausgegebenen Anteile diente dazu, um die Barzahlungen von 400000 M an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika zu ermöglichen und zur Bildung eines baren Betriebskapitals von 600 000 M. - In Verbindung mit der von der Firma L. Hirsch & Co. bei der Konstituierung der Gesellschaft gemachten Bareinlage von 200000 M betrug demnach das gesamte Barkapital der Gesellschaft 800000 M gegenüber einem begebenen Nominalkapital von 8 Mill. M. Mit diesem geringen Barkapital beabsichtigte die Gesellschaft, statutenmäßig das ganze Kaokofeld, d. i. etwa ein Areal von 100000 qkm, wirtschaftlich zu erschließen. Diese Aufgabe hat sie aber zu erfüllen nicht vermocht. Allerdings wurden von ihr in den Jahren 1894, 1895, 1897 und 1906 Expeditionen in das Kaokofeld gesandt, um dasselbe auf seinen Wert für Farmzwecke, auf Mineralien, Guano usw. zu erforschen. Die Gesellschaft beziffert ihre Aufwendungen für diese Expeditionen auf über 300000 M. Irgendein wirtschaftlich praktisches Ergebnis hatten diese Unternehmungen aber nicht. Ebensowenig war die Gesellschaft bei dem Versuche erfolgreich, durch finanzielle Unterstützung ein Ansiedlungsunternehmen zu gründen. - In den Jahren 1898/05 betätigte sie sich überhaupt nicht. Als dann infolge der Eingeborenenaufstände der Jahre 1904, 1905 (s. Hereroaufstand) vom Reichstage die Heranziehung der großen Land- und Minengesellschaften im südwestafrikanischen Schutzgebiete zum Zwecke der raschen Besiedelung desselben gefordert wurde, erklärte sich die Gesellschaft bereit, der Schutzgebietsverwaltung ihr Landgebiet zum Zweck der Veräußerung für Rechnung der Gesellschaft zu überlassen. Ein diesbezüglicher Vertrag wurde zwischen dem Staatssekretär des RKA. und der Gesellschaft unter dem 15. Sept. 1909 abgeschlossen (KolBl S. 883). Nach dem Inhalt dieses Vertrages hat der Gouverneur das Recht auf die Dauer von 10 Jahren beliebige Teile des Landgebietes der Gesellschaft zu den jeweils für den Verkauf von Regierungsland geltenden Bestimmungen zu veräußern. Der Kaufpreis soll nach Lage und Qualität des Landes bemessen werden und 0,75-1,25 M für das ha betragen. Die Gesellschaft verpflichtet sich, etwaige verkaufte Grundstücke vermessen und vermarken zu lassen, sobald immer wenigstens 60000 ha veräußert sind. Ferner stellt die Gesellschaft dem Gouverneur 100000 M zur Förderung der Wassererschließung innerhalb des Gesellschaftsgebietes in der Weise zur Verfügung, daß sie dem Gouverneur die tatsächlich erwachsenen einzelnen Teilbeträge zu erstatten versprach. 10% der eingegangenen Verkaufserlöse aus dem verkauften Lande hat die Gesellschaft an einen besonderen Fonds zum Zwecke der Instandhaltung und Verbesserung der Hauptwege im Schutzgebiete abzuführen. - Aber auch seit Abschluß dieses Vertrages hat eine stärkere Besiedelung des Kaokofeldes bislang nicht stattgefunden. Die Gründe hierfür liegen zum Teil darin, daß das Kaokofeld besonders abgelegen ist, keine Eisenbahn besitzt und bislang in den erschlossenen Teilen des Schutzgebietes Käufern genügendes Land zur Verfügung stand. - Zwischen dem RKA. und der Gesellschaft haben ferner, um eine Erschließung des Kaokofeldes in bergbaulicher Hinsicht vorzubereiten, Verhandlungen zwecks Einführung allgemeiner Schürfund Bergbaufreiheit nach Maßgabe der Ksl. Bergverordnung stattgefunden. Diese haben erst nach dem Erlaß der V., betr. die Erhebung einer Bergsonderrechtssteuer, vom 10. April 1913 zu einem Ergebnis geführt: unter dem 9. Sept. 1913 erklärte sich die Gesellschaft mit dem Inkrafttreten der Ksl. Bergverordnung vom 8. Aug. 1905 in dem größten Teil ihres Gebietes und mit einer die Bergbautreibenden nicht wesentlich ungünstiger stellenden Ausnahmebestimmung einverstanden. -Nach längeren Jahren der Untätigkeit hat die Gesellschaft in den letzten Jahren wiederum Expeditionen in ihr Gebiet ausgeschickt, von denen namentlich diejenige unter dem Ingenieur Kuntz aus dem Jahre 1910 zu erwähnen ist. Er stellte an verschiedenen Stellen geringe Spuren von Gold und vereinzeltes, nicht abbaufähiges Kupfererzvorkommen fest, daneben zwei Eisenerzlager von anscheinend bedeutender Mächtigkeit. Eine Ausbeute dieser Eisenerzlager wird aber dadurch wesentlich erschwert, daß zu ihrer Aufschließung voraussichtlich besondere Eisenbahnen notwendig sein werden. Irgendwelche Gewinne hat die Gesellschaft bislang ihren Anteilseignern nicht zu zahlen vermocht.

Literatur: Jäckel, Die Landgesellschaften in den deutschen Schutzgebieten. Jena 1909. Gustav Fischer. -Hesse, Die Landfrage und die Frage der Rechtsgültigkeiten der Konzessionen in Südwestafrika. Jena 1906. Hermann Costenoble. - Gerstenhauer, Die Landfrage in Südwestafrika. Berl. 1908. Wilhelm Süsserott.

Meyer-Gerhard.