Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 230 ff.

Kap-Kairobahn. Der kühne Plan einer von Kapstadt bis Kairo durchgehenden großen Verkehrslinie Afrikas, zusammengesetzt aus Eisenbahnen und Wasserstraßen, wurde gefaßt und in seinen Anfangsstrecken noch ins Leben gerufen von Cecil Rhodes, den man als den "ungekrönten König von Südafrika" bezeichnet hat. In der Annahme, daß diese Verkehrslinie, wenn nicht ausschließlich, so doch ganz überwiegend auf britischem Gebiet zur Ausführung komme, konnte Rhodes an seinen Plan mit Recht die Erwartung knüpfen, daß er das politische Übergewicht von Großbritannien und die Vormacht seines Handels in Afrika noch weiter befestigen und insbesondere durch die Einbeziehung (oder Anschließung) der ägyptischen, der sudanesischen, der Ugandabahn, der rhodesischen und der kapländischen Bahnen die strategische Macht Englands im schwarzen Erdteil ungemein stärken müsse. Obwohl der Plan anfangs vielfach verlacht und für eine Unmöglichkeit bezeichnet wurde, so ist er doch seiner Vollendung auf vielen Strecken entgegengereift, scheint aber mit seinem Fortschritt in dem noch fehlenden Mittelstück auf den toten Punkt gelangt zu sein. -Von Norden her besteht heute zunächst (s. die Karte) Eisenbahnverbindung von Kairo über Assuan bis Schellal, und zwar Kairo-Luxor, 673 km, in europäischer Vollspur von 1,435 m, und Luxor-Assuan-Schellal (Insel Philae), 220 km in Kapspur von 1,067 m, zusammen 893 km. Zwischen Assuan und Wadi-Halfa, 354 km, vermitteln Regierungsdampfer und die Schiffe der Hamburg- und Englisch-Amerikanischen Nil-Gesellschaft den Verkehr auf dem Nil stromaufwärts in 2 1/2-4 Tagen. In Wadi-Halfa schließt auf dem rechten Nilufer die Sudan-Staatsbahn an, die mit 917 km Länge, unter Umgehung der Nilkatarakte, gleichfalls in Kapspur, über Berber nach Khartum führt. Die Nordstrecke Kairo-Khartum ist also mit 2164 km Gesamtlänge vollendet. Von Süden her ist die Eisenbahn -ausschließlich in Kapspur - vorgedrungen von Kapstadt in der Kapkolonie und Betschuanaland über Kimberley, Vryburg, Mafeking nach Bulawayo in Rhodesien, weiter von da nach den Victoriafällen des Sambesi, durch Maschonaland nach Brokenhill und in das belg. Kongogebiet hinein über Elisabethville oder Étoile du Kongo, den wichtigen Mittelpunkt des Bergbaues im Katangabezirk, bis nach Kambove. Die ununterbrochene Bahnlänge auf britischem Gebiet bis zur Kongogrenze beträgt 3246 km, und die vollendete Gesamtlänge der Südstrecke bis nach Elisabethville 3488 km, bis Kambove 3684 km.

Zwischen Khartum und Kambove besteht also zunächst noch eine Lücke von etwa 3500-4000 km Länge, in der sich allerdings schiffbare Nilstrecken von beträchtlicher Ausdehnung befinden. Die im Norden von Khartum über El Dueim und Sennar nach El Obeid ausgeführte Bahnstrecke (375 km), die im Febr. 1912 vollendet wurde, kann wegen ihrer stark westlichen Richtung wohl kaum als ein Teil der K.-K. betrachtet werden; dagegen würde die 1907 begonnene Bahn längs des Blauen Nils von Wad Médani südlich nach Roseires und Gambela, nach ihrer Vollendung ohne weiteres in die K.-K. einzubeziehen sein, nachdem auch die Strecke Khartum-Wad-Médani 160 km - am 1. Okt. 1910 dem Betriebe übergeben worden ist. - Im Süden ist mittlerweile, allerdings im Gebiet der belgischen Kongokolonie, mit Benutzung der schiffbaren Wasserstraßen des Lualaba und Kongo, die Verbindung Elisabethville-BukamaStanleyville in Angriff genommen; sie wird voraussichtlich in ein bis zwei Jahren betriebsfähig, und damit würde ein weiteres erhebliches Stück -im ganzen 1942 km - im Zuge der K.-K. vollendet sein. Dieser Abschnitt besteht aus der im Bau begriffenen Eisenbahnstrecke Kambove-Bukama, rund 312 km, der oberen Haltung des schiffbaren Lualaba von Bukama über Kalengwe bis Buli, 640 km, der vollendeten Bahn Buli(Kongolo) Kindu, 355 km, der Kongo-Strecke Kindu- Ponthierville, 320 km, und der im Betriebe befindlichen Umgehungsbahn Ponthierville-Stanleyville, 127 km; die beiden letztgenannten Bahnabschnitte sind in der 1 m-Spur hergestellt (s. Kongobahnen). Es ist freilich einleuchtend, daß der ganze Abschnitt Elisabethville-BukamaStanleyville sowohl wegen seiner weiten Ausbiegung nach Westen, als auch wegen seines viermaligen Wechsels zwischen Eisenbahn und Wasserstraße, den Bedingungen der K.-K. als einer durchgehenden, möglichst geradlinigen und leistungsfähigen Verkehrsstraße ersten Ranges nicht mehr ganz entspricht. C. Rhodes wollte ursprünglich, unter Benutzung des Tanganjikasees dieses einzige in nicht britisches Gebiet fallende Stück seiner Bahn auf einen von dem damaligen Kongostaat abzutretenden, 25 km breiten Landstreifen verlegen, der von der Nordspitze des Tanganjikasees längs der deutsch-ostafrikanischen Grenze bis nach Uganda verlaufen sollte. Als Deutschland diesem Plane auf Grund der Kongoakte widersprach, versuchte Rhodes die deutsche Regierung dafür zu gewinnen, daß sie ihm seinen Schienenweg durch deutsches Gebiet genehmigte. Das hätte die gestreckteste Durchführung der K.-K. zwischen Brokenhill und Khartum ermöglicht. Nachdem auch dieser Plan mit dem Tode von Rhodes gescheitert war, wird für die K.-K. nunmehr die scharfe westliche Ausbiegung in das belgische Kongogebiet über Stanleyville, und ihre Führung weiter über Bukama in Kauf genommen werden müssen. Mit der Führung über kongolesisches Gebiet verliert aber selbstverständlich die K.-K. einen wesentlichen Teil des Interesses, das die englische Regierung aus allgemeinen imperialistischen Rücksichten ihr früher entgegengebracht hatte, und somit ist nicht anzunehmen, daß die noch vorhandenen Lücken des Mittelstücks der K.-K. sich in absehbarer Zeit schließen werden. Der obere sog. Weiße Nil ist übrigens von Khartum aufwärts bis Rejaf und weiter, mit Ausnahme einer 150 km langen Strecke, die durch eine Bahn zu umgehen wäre, von Dufile bis zum Albertsee schiffbar. Von Mahagi am Albertsee würde dann in westlicher Richtung bis Stanleyville eine Bahn - etwa 750 km - herzustellen sein, wie dies schon längere Zeit von der Eisenbahn-Gesellschaft du, Congo Supérieur aux Grands lacs Africains nach den Vereinbarungen vom 4. Jan. 1902 und vom 18. Juni 1903 beabsichtigt war. Diese Bahn müßte also von der belgischen Gesellschaft, und der Bahnabschnitt Rejaf-Dufile von der englischen Regierung ausgeführt werden, um die ganze Verkehrsstraße vom Kap bis Kairo in dem vorstehend geschilderten Linienzuge zu vervollständigen und betriebsfähig zu machen. Auf die Erfüllung der letzten beiden Vorbedingungen ist aber in absehbarer Zeit schwerlich zu rechnen.

Baltzer.