Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 228

Kapingamarang (Kapingamarangi, Greenwich-Island), einsam gelegenes, zu den Karolinen (Deutsch-Neuguinea) gerechnetes Atoll mit 87 Inselchen unter 1°4'n. Br. und 154°45' ö. L. K. ist wegen seiner Bevölkerung bemerkenswert. Diese hebt sich wie die von Nukuoro (s.d.) sprachlich und kulturell deutlich gegen die übrigen Karoliner ab. Die Eingeborenen (s. Tafel 28) dieser beiden Inselgruppen leiten ihre Herkunft von samoanischen Einwanderern ab, die vor etwa 700 Jahren zuerst K. und von iher aus Nukuoro besiedelten. - Während auf letzterer Insel die heimische Kultur vollständig vernichtet ist, ist sie auf K. noch gut erhalten. Allerdings ist von der alten polynesischen Kultur nicht mehr viel übrig; sie hat der der Guilbertinseln Platz gemacht. Die heutigen Bewohner sind Nachkommen von Auswanderern der Insel Tamana; ihre Sprache ähnelt daher auch der Guilbertsprache. Mehrfach wurden Karoliner nach K. verschlagen. Sie führten als wichtigstes Kulturgerät den Webstuhl ein. - Die Eingeborenen sind stämmige, kräftige Gestalten, peinlich sauber und ordentlich. Es sind rund 260 Individuen, die der absoluten Gewalt eines Häuptlings unterstehen. Der Kult beschränkt sich auf die Verehrung eines großen Ahnen, des Utametu, und einer Anzahl Vegetations- und Wasserdämonen. Das Priesterkollegium besteht aus einem Oberpriester und zehn Gehilfen, welche gleichzeitig als Zauberer fungieren. - Die Eingeborenen trennen sich in mehrere Familien, die jede ein Totem besitzen und exogam heiraten. Vielweiberei ist üblich. Die Toten werden bestattet, die Grabplätze sehr sauber gehalten und zuweilen Häuser darüber errichtet. - Die Siedelungen beschränken sich auf zwei Inseln; auf den übrigen 35 Inseln liegen Fischereistationen, Pflanzungen und die Gräber. Inmitten der Hauptsiedelung liegt der Kultplatz des Utametu, ein freier Platz, der mit einem Mattenzaun gegen die Wohngehöfte abgeschlossen ist. Hier ist der Tempel erbaut, ein hohes Gebäude mit bis zur Erde herabreichendem Dache. Vor dem Gebäude befindet sich ein großer Stein, Utametu. -Die Häuser sind offene Hallen, die auf 4 Pfählen ruhen und mit breiten Giebeldächern gedeckt sind. Wände fehlen. Gegen Wind und Regen schützt man sich durch Mattenvorhänge. Es gibt Wohn-, Koch-, Vorrats- und Bootshäuser, die sich nur durch ihre Größe unterscheiden. - Interessant ist ferner das Vorkommen eines ganz anders gearteten Baustils von Feld- und Fischereihütten, die mit ihrem gewölbten Dach und geflochtenen Wänden an die Häuser von St. Matthias, den Admiralitätsinseln usw. erinnern. - Das Innere der Häuser ist ebenso wie der Dorfplatz sauber gehalten und mit Korallenkalk bestreut. Die Wirtschaft der Eingeborenen beschränkt sich auf den Landbau und die Fischerei. In breiten, tiefen, viereckigen Gruben wird Taro gebaut. Daneben unterhält man Pflanzungen von Kokospalmen, Brotfruchtbäumen, Pandanuspalmen und kürzlich eingeführter Bananen. Fische, Hühner, Schweine und Hunde, die auch erst vor wenigen Jahren eingeführt wurden, liefern Fleisch. Genußmittel fehlten bisher. Langsam gewöhnt man sich an den Tabak. - Kochen ist Weibersache. Die Frauen besorgen mit den Männern die Feldarbeit. Die Fischerei wird allein von den Männern betrieben. Leine und Haken, Reuse, Fischspeer und große steinerne Wehre sind die gebräuchlichen Fanggeräte. - Die Kleidung der Männer beschränkt sich auf einen Maro aus weißer Brotfruchttapa; die Frauen tragen breite Kleidmatten aus Hibiscusbast. Blumen und Ketten aus Schneckenhäusern bilden den einzigen spärlichen Schmuck, Tatauierung fehlt. Die Frauen schneiden das Haar ab; die Männer tragen eine kleine filzige Haarwolke mit seitwärts abstehenden Hörnern, wie sie in Tonga und Fidji gebräuchlich war. Die Jugend geht bis zum 14.-15. Lebensjahre völlig nackt. - Die materielle Kultur ist einfach. Die Leute sind vorzüglich im Flechten von Matten, Körben, Hüten, Reusen usw. erfahren und stellen ausgezeichnete Auslegerboote her, die jedoch kein Segel führen, sondern sich nur für Fahrten in der Lagune eignen. Die Weberei wird allein von den Männern betrieben. Waffen sind selten. Man benutzt lange, platte Stoßspeere, Haizahnwaffen und Schleudern. Von den Gegenständen der europäischen Kultur nimmt man nur die an, welche sich wirklich als praktisch für die geringen Bedürfnisse der Eingeborenen erwiesen haben. -Zur Zeit des Vollmondes betreibt man den Schwimmsport und mancherlei Spiele. Zu gewissen Zeiten finden Tänze statt, die mit Liedern begleitet werden.

Literatur: Ergebnisse, der Südsee-Expedition der Hamburgischen wissenschaftlichen Stiftung, 1914 ff.

Thilenius, Hambruch.