Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 235 f.

Karawanenverkehr. Das Wort "Karawane" kommt vom persischen Kárwan und bedeutet "Handelsschutz" oder "befestigtes Lager" (nämlich von Karawanen gegen räuberische Überfälle), dann angewandt auf Reisegesellschaften, die sich in solchen Gegenden zusammentun, wo Alleinreisen der Unsicherheit wegen unmöglich ist. Das Wort war ursprünglich nur im Orient gebräuchlich. In der Südsee kann man wegen Kleinheit der Entfernungen und wegen Abgeschlossenheit des Innern in Neuguinea von einem K. nicht sprechen. Auch in Deutsch-Südwestafrika, wo der Handelsverkehr sich mittels Ochsenwagen auf bestimmten Straßen, Pad genannt, bewegt, ist das Wort K. nicht gebräuchlich. Dagegen sind Kamerun, Togo und Deutsch-Ostafrika für ihren Handelsverkehr mit Ausnahme der wenigen Eisenbahnen noch auf K. angewiesen, der sich fast ausschließlich auf Träger stützt. Nach Nordkamerun kommen auch vereinzelt Kamelkarawanen von Tripolis. Der Versuch der Araber, in Deutsch- Ostafrika Kamele einzuführen, ist gescheitert; zeitweilig werden einheimische graue Esel als Packtiere benutzt. In Kamerun, wo früher Zwischenhandel herrschte, ging der Handel vom Innern zur Küste und zurück in einzelnen Etappen, während jetzt die Karawanen dort auch das ganze Land durchziehen. Letzteres fand auch in DeutschOstafrika statt, wo seit etwa 100 Jahren Araber, Küstenleute und Sansibariten große Karawanenzüge bis tief in den Kongostaat hinein und bis an die Südgrenze des Sudan unternahmen. Bei jedem K. bilden sich im Laufe der Zeit bestimmte Karawanenstraßen heraus; so nennt man diejenigen Handelswege, deren Benutzung infolge ihrer Sicherheit und der Gewißheit, an bestimmten Stellen stets Wasser und Verpflegung zu finden, ein Minimum an Verlusten von Menschenleben und Handelsgütern garantiert. Verlegung dieser Karawanenstraßen findet statt bei feindlicher Haltung der Eingeborenen, beim Austrocknen gewisser Wasserstellen, bei Wegzug der Bevölkerung, in Hungersnotjahren und wenn neue Erwerbsmöglichkeiten dem Handel neue Wege weisen. Einzelne große Karawanenstraßen werden seit 100 und mehr Jahren regelmäßig begangen, z. B. in Deutsch-Ostafrika die Straße Udjidji- TaboraKüste, auf der vor dem Bau der Eisenbahnen alljährlich über 100 000 Menschen küstenwärts und ebenso viele landeinwärts marschierten. Diese Karawanenstraße war überhaupt eine der größten Karawanenstraßen Afrikas. Die einzelnen Etappen der Karawanenstraßen führen vielfach besondere Namen auf Grund besonderer Merkmale, Geschehnisse, besonderer Persönlichkeiten usw., die nicht mit den ursprünglichen Landschafts- oder Ortsnamen übereinstimmen, aber bei der Bevölkerung bekannter sind. In den Schutzgebieten hat die deutsche Regierung, abgesehen von der Unterdrückung räuberischer Überfälle und der früher drückend hohen Durchgangszölle an die einheimische Bevölkerung, die Karawanenstraßen vielfach durch Verbreiterung und Verbesserung, Brückenbau, Anlage von Brunnen usw. gebessert. Im allgemeinen können jetzt überall Handelskarawanen sicher passieren. Infolgedessen sind mit der zunehmenden Befriedung des Landes auch die früher oft nach Tausenden von Menschen zählenden Karawanen verschwunden und an ihre Stelle kleine Trupps getreten, die sich zum Schutz gegen wilde Tiere, zur gegenseitigen Unterstützung im Lager usw. zusammentun. Auch der früher erforderliche bewaffnete Schutz der Karawanen ist jetzt nicht mehr erforderlich, es genügen einige Gewehrträger gegen Diebe und wilde Tiere. Außer Handelskarawanen gibt es auch noch Pilgerkarawanen nach Mekka und sonstigen heiligen Orten. Für Ostafrika kommen sie nicht in Betracht, da die Pilgerfahrt von dort sich zu Schiff vollzieht; aus dem Nordosten von Kamerun schließen sich einzelne den Pilgerkarawanen an, die quer durch Afrika nach einem Hafen am Roten Meer reisen. Der K. hat Afrika für den Handel erschlossen. Jetzt, wo er durch Eisenbahnen und sonstige moderne Transportmittel teilweise ersetzt wird, nimmt er naturgemäß ab und beschränkt sich immer mehr auf die Zubringerstraßen zu den Eisenbahnen. Ein späterer vollständiger Ersatz durch moderne Transportmittel ist dringend erwünscht; denn abgesehen von den großen Verlusten an Zeit, Menschenleben und Gütern hat der K. auch sonst manche unerwünschte Folgeerscheinung. Das monatelange Marschieren auf den Karawanenstraßen ohne wetterfeste Nachtquartiere, Strapazen durch Überanstrengung, Wassermangel, ungewöhnte oder ungenügende Nahrung kosten zahllose Menschenleben. Die Straßen und besonders die Läger waren meistens verseucht. Epidemien, besonders Dysenterie und Pocken, waren an der Tagesordnung und wurden durch die Karawanen verschleppt. Auch in dieser Hinsicht ist in den Schutzgebieten vieles in hygienischer Beziehung geschehen. Der Bau von Karawansereien und Lägern ist der Seuchengefahr wegen jetzt überall aufgegeben. S.a. Trägerwesen.

Literatur: Beschreibungen des Lebens und Treibens auf den Karawanenstraßen finden sich in sämtlichen Reisewerken über die deutschen Kolonien.

Herrmann.