Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 245 ff.

Kassen und Kassenwesen. 1. Organisation. 2. K.vorschriften. 3. K.Beamte. 4. K.bücher. 5. Aufgaben der K. auf dem Gebiete des Bargeldverkehrs. 6. Die sonstige Einrichtung des K.Wesens.

1. Organisation. Das K.wesen der Schutzgebiete vermittelt den Geldverkehr der Kolonialverwaltung und umfaßt daher die unmittelbare Vereinnahmung, Verwahrung und Verausgabung der amtlichen Gelder der Schutzgebiete und des RKA. Die Organisation des kolonialen K.wesens entspricht der Gliederung der Schutzgebietsbehörden, seine Entwicklung hängt außerdem zusammen mit der Gestaltung des Abrechnungswesens der Schutzgebiete. Im Zusammenhang mit einer Neuregelung der Rechnungslegung ist im kolonialen K.wesen eine im Jahre 1909 beginnende und noch nicht ganz abgeschlossene Dezentralisationsbewegung erfolgt. Während das Prinzip der K.einheit und der Zentralisation im heimischen K.wesen sich immer stärker durchgesetzt hat, hat in den Schutzgebieten eine entgegengesetzte Entwicklung stattgefunden. Die frühere Zentralstelle für das K.wesen der Kolonien -mit Ausnahme des der Marineverwaltung unterstellten Kiautschou - war die Legationskasse des Auswärtigen Amts und später die Kolonialhauptkasse des RKA. Bei diesen Zentral-K. gelangten früher die sämtlichen Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete zur endgültigen rechnungsmäßigen Nachweisung. Seit der Verlegung der Finanzverwaltung in die Schutzgebiete, die zunächst für die afrikanischen Schutzgebiete im Jahre 1909 durchgeführt wurde, ist diese Aufgabe der Kolonialhaupt-K. in Berlin auf die Gouvernementshaupt-K. in den Kolonien übergegangen. Bei den letzteren liegt also jetzt der Schwerpunkt des kolonialen K.wesens, und sie haben den übrigen landesfiskalischen K. ihres Schutzgebiets gegenüber nunmehr die Stellung einer Zentral-K., d. h. bei ihnen fließen schließlich alle Ein- und Ausgänge zusammen, und in ihren Rechnungen werden auch die Schutzgebietseinnahmen und -ausgaben endgültig nachgewiesen. Die Kolonialhaupt-K. in Berlin Ist nur noch K. für das RKA. und Zahl- und Hebestelle für Zahlungen der Gouvernementshaupt-K., die in Deutschland erfolgen. Der Charakter einer K. als Zentral-K. hat nur die im vorstehenden angehebene Bedeutung, er schließt nicht eine dienstliche Überordnung über die anderen K. in sich. Die zahlreichen Lokal-K. in den Schutzgebieten, welche amtlich Sonder-K. genannt werden, sind daher nicht den Haupt-K. untergeordnet, vielmehr untersteht jede K. derjenigen Dienststelle, deren Geldgeschäfte sie zu besorgen hat, also die Sonder-K. den Lokalbehörden (Bezirksamtmännern usw.), die Haupt-K. den Gouverneuren und die Kolonialhaupt-K. dem Staatssekretär des RKA. Die K.einheit im Sinne eines alle Verwaltungszweige umfassenden Geschäftsbetriebes besteht nur bei der Kolonialhaupt-K. und den Gouvernementshaupt-K. In der Lokalverwaltung dagegen ist in den Schutzgebieten auch eine Dezentralisation im Sinne einer Trennung der K. nach den einzelnen Verwaltungszweigen erfolgt: neben die Bezirks- und Stations-K. der allgemeinen Verwaltung, die früher alle oder doch fast alle K.geschäfte erledigten, sind in den meisten Schutzgebieten besondere und selbständige K. in größerer Zahl getreten, und zwar Gerichts-K., Schutztruppen-K., Zoll-K., Krankenhaus-K., Eisenbahn-K. und Flottillen-K. Soweit für einzelne Verwaltungszweige eigene K. nicht bestehen, werden ihre K.geschäfte auch jetzt noch von den Sonder-K. der allgemeinen Verwaltung wahrgenommen. Neben den selbständigen Sonder-K. gibt es im K.wesen der Schutzgebiete noch unselbständige Hilfs-K., die als Zahl- und Hebestellen anderen K. angegliedert sind (K. einer Reihe von Bezirksnebenstellen und Posten, Expeditions-K. usw.).

2. K.vorschriften. Die Bestimmungen über Einrichtung und Betrieb, über Buchführung und Rechnungslegung der K. sind in Geschäftsanweisungen niedergelegt, die in den Jahren 1909 bis 1914 für die einzelnen afrikanischen Schutzgebiete neu gefaßt und der fortgeschrittenen Entwicklung des K.wesens angepaßt worden sind. Diese neueren Geschäftsanweisungen zerfallen in drei Teile, einen für die Haupt-K. (G. A. I), einen für die Sonder-K. (G. A. II) und einen, der die allgemeinen Bestimmungen für alle K. enthält (G. A. III). Daneben gibt es in einzelnen Schutzgebieten noch besondere Gerichts-K.ordnungen usw. Von einer über das K.technische hinausgehenden Bedeutung sind die dritten Teile der Geschäftsanweisungen; sie enthalten u. a. Vorschriften über, Geldtransporte, über den Verkehr mit Banken und Privatleuten, über Zahlung von Dienstbezügen, K.revisionen usw.

3. K.beamte. Bei den Haupt-K. in Berlin und in den Schutzgebieten sind Beamte, die ausschließlich K.dienste versehen, angestellt. Diese K. sind mit einem Vorsteher (Rendanten, Vorstand), einem Kassierer, mit Buchhaltern und K.gehilfen ähnlich besetzt, wie dies bei größeren fiskalischen K. in Deutschland der Fall ist. Ebenso wie bei den letzteren gibt es für die Haupt-K. auch K.kuratoren; bei den Gouvernementshaupt-K. ist dies regelmäßig der Finanzreferent oder der Finanzdirektor, bei der Kolonialhaupt-K. ein Vortragender Rat des RKA. Bei den Sonder-K. in den Schutzgebieten sind die einzelnen K.funktionen mehr zusammengefaßt, die eigentliche Verwaltung liegt hier in der Regel nur einem Beamten ob; dieser wird K.führer genannt. Jetzt ist dies fast überall ein finanztechnisch ausgebildeter Beamter (Sekretär, Assistent usw.); er hat aber neben der K.führung bei den meisten Dienststellen auch noch Geschäfte der allgemeinen und der sonstigen Verwaltung zu versehen. Der Vorsteher der Dienststelle, zu welcher die Sonder-K. gehört, hat die Stellung eines K.kurators, er hat also die Aufsicht über die K. zu führen, für ihre Sicherheit verantwortlich zu sorgen, Revisionen vorzunehmen usw. Bei den zum Teil noch unentwickelten Verhältnissen in den Schutzgebieten kommt es gelegentlich noch vor, daß der K.führer zugleich der Vorsteher der Dienststelle ist, also zugleich einige Funktionen eines K.kurators ausüben muß. In diesen Fällen, in denen der K.führer die Dienstbezeichnung K.verwalter führt, ist natürlich eine besondere Regelung der Revision notwendig. Für die K.beamten als solche gelten neben den Geschäftsanweisungen, die eine Instruktion über ihre Pflichten enthalten, einige besondere Vorschriften, insbesondere. über das Defektenverfahren (§ 141 des ReichsBG., der in den Schutzgebieten nach § 1 des KolBG. Anwendung findet).

4. K.bücher. Die Buchführung der Kolonialhaupt-K. und der Gouvernementshaupt- K. ist der für die Reichs- und Staats-K. vorgeschriebenen gleichartig, sie beruht also vor allem auf dem Grundsatz, daß alle Einnahmen und Ausgaben in zeitlicher und in sachlicher Ordnung, d.h. durch Journale oder K.tagebücher und durch Manuale oder Nebenbücher nachgewiesen werden müssen (§ 46 der in den Schutzgebieten geltenden, Instruktion für die Oberrechnungskammer vom 18. Dez. 1824). Daneben gibt es ebenso wie bei einheimischen K. ein K.buch, das der Kassierer über den täglichen Bargeldverkehr zu führen hat, und Hinterlegungsbücher für die in Verwahrung genommenen nicht kassenmäßigen Geldbeträge usw. Bei den Sonder-K. ist die Art der Buchführung in den einzelnen Schutzgebieten verschieden. Zum Teil ist wie bei den Haupt-K. der Grundsatz des doppelten Nachweises aller Einnahmen und Ausgaben in K.tagebüchern und Nebenbüchern in entsprechend vereinfachtem Verfahren durchgeführt - so z. B. in Südwestafrika -; in einigen Schutzgebieten - so z.B. in Deutsch-Ostafrika und in Togo - ist dagegen der Versuch einer Zusammenfassung des doppelten Nachweises mit Erfolg gemacht worden. Die K.tagebücher sind bei diesem Verfahren so eingerichtet, daß die zeitlich aufeinanderfolgenden Eintragungen in einer Anzahl von Nebenspalten sogleich, sachlich geordnet, d.h. bei den zuständigen Etatsansätzen gebucht werden.

5. Aufgaben der K. auf dem Gebiete des Bargeldverkehrs. Eine wichtige Aufgabe der Schutzgebiets-K., die bei den heimischen Fiskal-K. ganz zurückgetreten ist, besteht in der Sorge für den Bargeldverkehr und den Umlauf von Zahlungsmitteln. Die Tätigkeit, die in Deutschland durch die Reichsbank und ihre Zweigstellen besorgt wird, haben in den Kolonien zum Teil noch die amtlichen K. zu erledigen. Die Gouvernementshaupt-K. müssen dauernd die im Schutzgebiete vorhandenen Bestände an Bargeld überwachen, für eine richtige Verteilung der Zahlungsmittel innerhalb des Schutzgebietes sorgen, rechtzeitig die Hinaussendung von Münzen usw. beantragen und nicht umlaufsfähige Sorten und Stücke zurücksenden. Da der Bargeldverkehr in den Schutzgebieten noch stark und dauernd steigt, spielen nicht nur die Geldtransporte innerhalb der einzelnen Kolonien eine verhältnismäßig viel größere Rolle als in der Heimat, sondern daneben müssen auch alljährlich sehr erhebliche Verschiffungen von deutschen Zahlungsmitteln nach den Schutzgebieten vorgenommen werden, welche den Beständen der Gouvernementshaupt-K. zur weiteren Verfügung zufließen. Für die Haupt-K. der afrikanischen Schutzgebiete ist eine Erleichterung ihrer Aufgaben bei der Regelung des Geldumlaufs und zugleich eine starke Vereinfachung ihres amtlichen Zahlungsverkehrs erfolgt durch die Errichtung von Kolonialbanken (s. Banken). Mit diesen sind Vereinbarungen getroffen worden, nach welchen die Gouvernementshaupt-K. unverzinsliche Mindestguthaben bei den Banken halten und diesen die in den K. entbehrlichen Bargeldbestände überweisen. Die Banken sind dafür verpflichtet, Zahlungen für Rechnung der Gouvernements anzunehmen und zu leisten und den amtlichen Abrechnungsverkehr mit der Kolonialhaupt-K. zu vermitteln. Diese Vereinbarungen bieten den Vorteil, daß die K. mit wesentlich geringeren Betriebsmitteln auskommen können, daß der Scheck- und Anweisungsverkehr in den Schutzgebieten eine erfreuliche Ausdehnung gewonnen hat und daß die Regelung des Bargeldumlaufs vereinfacht wird. Auch die Stärkung der Kolonialbanken durch die zinslosen Guthaben der Gouvernements liegt zum mindesten im mittelbaren Interesse der Schutzgebietsverwaltungen. S.a. Geld- und Geldwirtschaft.

6. Die sonstige Einrichtung des K.wesens. Der K. und die K.revisionen, die K.abschlüsse und die K.übergaben sowie die unter 1-5 nicht behandelten Einrichtungen auf dem Gebiete des K.wesens sind für die Schutzgebiets-K. in gleichartiger Weise geregelt wie für die amtlichen K. der Heimat. Wegen K.anweisungen s. Anweisungen, wegen K.defekten s. Defekte; s.a. Rechnungswesen.

Volkmann.