Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 259

Kern, Johann Heinrich Caspar, geb. 6. April 1833 zu Poerworedjo, Java, von holländischen Eltern, kam 1840 nach Holland, wo er seine ganze Erziehung genoß, studierte an der Leidener Universität Philologie, besonders Sanskrit, promovierte dort 1855, Lehrer des Griechischen am Athenäum in Maastricht 1856-1862, war Anglo-Sanskrit-Professor in Benares (Indien) von 18631865, dann seit 1865 Professor des Sanskrit und der vergleichenden Sprachwissenschaft an der Universität Leiden, trat 1903 in den Ruhestand, lebt seitdem zu Utrecht (Willem Barentzstraat 45). Von Haus aus Indogermanist, speziell Sauskritist - als solcher veröffentlichte er u.a. eine Reihe von Sanskrittexten, eine Geschichte des Buddhismus in Indien und ein Manual of Indian Buddhism -, wandte er sich bald auch dem Studium zunächst der Literatursprachen des indonesischen Kolonialgebietes der Niederlande zu. Aus demselben gingen kritische Neuausgaben der altjavanischen Texte des Ramayana, des Wrttasañcaya, des Kuñjarakarna hervor. Daran schlossen sich seine Untersuchungen über die Grammatik des Altjavanischen, welche für das Studium der austronesischen Sprachen (s.d.) von grundlegender Bedeutung sind. Seine Arbeiten über das Mafoor und das Jotafa, beides illiterate Sprachen von Holländisch-Neuguinea, führten ihn schon über diesen Kreis hinaus in das Gebiet der melanesischen Sprachen (s.d.) hinein, und mit den beiden größeren Werken: De Fidjitaal vergeleeken met hare verwanten in Indonesië en Polynesië; Taalvergelijkende Verhandeling over bet Aneityumsch trat er in dominierender Weise vollends in dieses Gebiet ein. Er verteidigte gegen Fr. Müller (s.d.) die Zugehörigkeit dieser Sprachen zu den gemein- austronesischen (malaiopolynesischen) und sprach sich gegen deren Bezeichnung als "Papuasprachen" aus. Er hat diesem Sprachgebiet den großen Dienst erwiesen, daß er als der erste die exakteren Methoden der Indogermanistik, insbesondere die Herausarbeitung der Lautgesetze, in dasselbe einführte, nachdem H. C. v. d. Gabelentz (s.d.), Fr. Müller (s.d.) und Codrington (s.d.) etwas einseitig zu sehr bei der bloßen Vergleichung der Grammatik sich aufgehalten hatten.

Literatur: Die genaueren bibliographischen Angaben über die hierhin gehörigen Werke Kerns s. Austronesische Sprachen, Melanesische Sprachen (Literatur).