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Kiautschou
(Schutzgebiet, s. Tafel 97-105). 1. Grundcharakter
der Kolonie. 2. Lage
und Grenzen. 3. Bodengestaltung und Bewässerung. 4. Klima. 5.
Pflanzenwelt
und Forstwirtschaft. 6. Tierwelt. 7. Bevölkerung. 8. Erwerbstätigkeit
der Chinesen. 9. Handel, Schiffsverkehr und Industrie. 10. Bergbau. 11.
Eisenbahnwesen. 12. Post- und Telegraphenwesen. 13. Geld-, Bank- und
Aktienwesen.
14. Maße, Gewichte, Münzen. 15. Zollwesen. 16. Finanzen des
Schutzgebiets.
17. Bodenpolitik. 18. Auf- und Ausbau der Hafenanlagen und der Stadt
Tsingtau.
19. Gouvernementswerft. 20. Elektrizitätswerk. 21. Verwaltung und
Rechtspflege.
22. Schul- und Missionswesen. 23. Zeittafel.
Karten
1. Grundcharakter der Kolonie. Im Gegensatz zu den übrigen deutschen
Kolonien stellt Kiautschou den reinen Typus einer
Handelskolonie dar, d. h. eines räumlich engbegrenzten Gebiets, dessen
wirtschaftliche Hauptfunktion in der Vermittlung des Güteraustausches zwischen
zwei großen Wirtschaftsgebieten liegt. Unbeschadet seiner weiteren
Zweckbestimmung als gesicherter Reparatur- und Ausrüstungshafen für unsere
maritimen Machtmittel und der sich hieraus bei seiner Gründung und seinem Ausbau
ergebenden Aufgaben, war Tsingtau, die Hafenstadt des Schutzgebiets, von
vornherein gedacht als ein Stapelplatz und Umschlaghafen für die seewärts
eingehenden europäischen Waren zur Versorgung des ausgedehnten chinesischen
Hinterlandes einerseits, sowie als Ausfuhr- und Verteilungshafen für die
mannigfachen Erzeugnisse Schantungs und der anschließenden Provinzen
andererseits. Zur gerechten Würdigung der Bedeutung der Kolonie, sowie zur
objektiven Beurteilung der Maßnahmen, die zu ihrer Entwicklung bereits getroffen
oder doch angebahnt sind, wird man von vornherein Kiautschou nicht betrachten
können als ein in sich abgeschlossenes Ganze, wie etwa eine unserer großen Siedlungskolonien, sondern nur im
Zusammenhang und in Verbindung mit jenen oben angedeuteten Gesichtspunkten die
bei seiner Besitzergreifung im Jahre 1897 maßgebend sein mußten und auch jetzt
noch maßgebend sind.
2. Lage und Grenzen. K. ist an der Südostküste der chinesischen
Provinz
Schantung zwischen 35° 53' 30" und 36° 16' 30" n. Br., 120° 10' 30'' und
120° 37' 40'' ö. L. v. Gr. gelegen. Das nähere Hinterland Schantung mit einem Flächenraum von
rund 144000 qkm weist eine Bevölkerung von 38 Millionen Einwohnern auf,
mithin etwa ebensoviel wie das 528572 qkm große Frankreich. Das Festland
der Kolonie, einschließlich der 25 zu ihr gehörigen Inseln umfaßt 551,65
qkm (Bundesstaat Hamburg 410 qkm), die Wasserfläche einschließlich der
Arkonasee, bis zur Hochwassergrenze 576,5 qkm.
Die größten der zum Schutzgebiet gehörigen Inseln sind Yintau, 28,8 qkm, wichtig durch die auf ihr in
größerem
Maßstabe betriebene Salzgewinnung aus dem Meerwasser, Tolosan, 7,6 qkm,
wichtig durch Kohlenvorkommen, und Huangtau,
5,4 qkm, mit dem Festlande durch Wattland verbunden. Insgesamt
überdecken
die Inseln des Schutzgebiets 43,6 qkm. - Artikel III des K.-Vertrages
vom 6. März 1898 bestimmt über die Ausdehnung der Kolonie folgendes:
"China
überläßt dem Deutschen Reich die Ausübung aller Hoheitsrechte für
folgendes
Gebiet: 1. An der nördlichen Seite des Eingangs der Bucht: die
Landzunge,
abgegrenzt nach Nordosten durch eine von der nordöstlichen Ecke von der
Insel Yintau, nach dem Lauschanhafen gezogene Linie; 2. an der südlichen
Seite des Eingangs der Bucht: die Landzunge, abgegrenzt durch eine von
dem südwestlichen Punkte der südsüdwestlich von der Insel Huangtau
befindlichen
Einbuchtung in der Richtung auf die Insel Tolosan gezogene Linie; 3. die
Inseln Huangtau und Yintau; 4. die gesamte Wasserfläche der Bucht bis
zum höchsten derzeitigen Wasserstande; 5. sämtliche der Kiautschoubucht
vorgelagerten und für deren Verteidigung von der Seeseite in Betracht
kommenden Inseln." - Auf Grund dieser Vertragsbedingungen erfolgte dann
durch gemischte Kommissionen eine genaue Festsetzung der Grenzen
(Grenzsteine),
eine Arbeit, die erst im Jahre 1911 zur beiderseitigen Zufriedenheit zum
Abschluß gekommen ist. Zur Feststellung der Hochwassergrenze, die von
besonderer Wichtigkeit wegen der auf dem Wattlande betriebenen
Salzgewinnung
ist, bedurfte es langwieriger Verhandlungen. Über die sog. "Neutrale
Zone" bestimmt der Kiautschouvertrag in Artikel I u. a., daß in
einer
Zone von 50 km (100 chinesischen Li) im Umkreise von der K.bucht bei
Hochwasserstand
jederzeit den deutschen Truppen freier Durchzug gestattet ist, daß China
innerhalb dieser Zone keinerlei Maßnahmen oder Anordnungen ohne
vorhergehende
Zustimmung der deutschen Regierung trifft, sowie im besonderen, daß die
Stationierung chinesischer Truppen, sowie andere militärische Maßnahmen
nur im Einvernehmen mit Deutschland vorgenommen werden dürfen. - Als
China
gezwungen wurde, in den Handelsverkehr mit den europäischen Mächten zu
treten und zu diesem Zweck notgedrungen die Einrichtung der Vertragshäfen schuf, geschah dies für
Schantung
dadurch, daß es den alten, insbesondere durch seinen Seidenhandel
bekannten
Hafenplatz Tschifu an der Nordküste der Provinz dem fremden Handel
öffnete.
Obgleich dieser Platz von der Natur sehr wenig begünstigt ist, da in ihm
infolge seiner ungeschützten Lage bei nordöstlichen bis nordwestlichen
Winden oft tagelang an Laden und Löschen nicht zu denken und die Reede
als eine unsichere mit Recht bei den Seeleuten wenig beliebt ist,
entwickelte
sich Tschifu in ganz überraschender Weise, ein Beweis dafür, daß ein
verhältnismäßig
kaufkräftiges Hinterland vorhanden war. Der Gesamthandel Tschifus
(einschließlich
Dschunkenhandel) erreichte im Jahre 1905 eine Höhe von etwas über 200
Mill. M. Es muß auffallen, daß die Chinesen die große, geschützte Bucht
von K. im Süden der Provinz Schantung lange Zeit so gut wie unbenutzt
ließen, um so mehr, als sie sich über die Bedeutung dieses natürlichen
Einfallstores für Schantung wohl nicht im Unklaren waren. Der bekannte
chinesische Staatsmann Li Hung Tschang, der als Großsekretär den
Kiautschouvertrag unterzeichnete, ließ bereits 1891 gegenüber der
"Grünen
Insel", Tsingtau (jetzt Arkonainsel), Befestigungen aufführen, in der Nähe einer
zumeist aus primitiven Fischerhütten bestehenden größeren Niederlassung.
An Stelle dieser Niederlassung steht jetzt die Hauptstadt des
Schutzgebiets,
die nach der obengenannten Insel den Namen Tsingtau erhalten hat. Auf
die Bedeutung der K.bucht, die ihren Namen von der 45 km von Tsingtau
entfernt liegenden chinesischen Kreisstadt Kiautschou (Leimstadt) führt,
hat bereits Ferdinand v. Richthofen (s.d.) im Jahre 1882 hingewiesen,
indem er betont daß in der Eröffnung des Hafens von K. wegen seiner
ungemein
günstigen Lage zum Hinterlande die Zukunft der reichen Kohlenfelder von
Schantung liegen würde. "Die in Tschifu angelegten Kapitalien würden
dadurch
allerdings größtenteils verloren werden. Aber die Vorteile einer fremden
Niederlassung in K. sind, wenn wir über die engen Grenzen der Gegenwart
hinwegsehen, so groß, daß dieser Nachteil im Verhältnis verschwindend
klein ist." Diese Worte des großen Geographen, die vor 30 Jahren
geschrieben
wurden, scheinen sich bewahrheiten zu sollen. Für die Entschließung
Deutschlands,
gerade K. zu besetzen, war seiner Zeit ausschlaggebend der Rat, den der
damalige Konteradmiral Tirpitz (s.d.) auf Grund seiner als Chef der
Kreuzerdivision
1896 in Ostasien gewonnenen Erfahrungen geben konnte. Da Orte mit
natürlichen
Verkehrswegen in Gestalt großer Wasserstraßen wie Yangtsekiang, Perlfluß,
nicht mehr zur Verfügung standen, war K. von den überhaupt in Frage
kommenden
Plätzen sowohl in handelspolitischer, wie in militärischer und vor allem
auch in sanitärer Hinsicht der geeignetste. Dabei ergab sich für diesen
Platz von vornherein die besondere Aufgabe, an Stelle jener erwähnten
natürlichen Verkehrsstraßen, die den älteren ostasiatischen
Handelszentren
zur Blüte verholfen haben, ein System künstlicher Verkehrswege, nämlich
Eisenbahnen, zu schaffen, das in Tsingtau
seinen
Ausgangspunkt nehmen und ein möglichst weites und wirtschaftlich
wichtiges
Gebiet Chinas überdecken sollte. Die Schaffung und der Ausbau dieser
Binnenverkehrswege
nach dem Innern, großer, regelmäßiger Seeverkehrsrouten nach den andern
Häfen Asiens sowie der übrigen Erdteile und als Vorbedingung beider die
Herstellung wirklich moderner, gesicherter, die übrigen chinesischen
Häfen
übertreffender Hafeneinrichtungen in Tsingtau selbst, waren bei der
Besitzergreifung
die Hauptaufgaben, ohne deren Lösung die Hoffnungen, die man mit der
Gründung
Tsingtaus verband, sich kaum verwirklichen lassen konnten. Denn die
K.bucht
liegt - dass lehrt ein Blick auf die Karte
- etwas
außerhalb der allgemeinen Weltrouten. Auf einen wirklich nennenswerten
Handel konnte daher nur gerechnet werden, wenn das Anlaufen Tsingtaus
den Umweg und die damit verbundenen Zeit- und Geldverluste, den die
Schiffe
auf der Fahrt nach Nordasien und Japan notgedrungen erleiden mußten,
durch
günstigere Bedingungen auf anderen Gebieten wettmachen würde. Das
scheint
bis zu einem gewissen Grade gelungen zu sein, denn bereits heute hat der
Handel Tsingtaus den Tschifus nicht unerheblich überflügelt. Um das
Urteil
Richthofens über die günstige Lage K. zum Hinterland verstehen zu
können,
muß man sich die geographischen Verhältnisse der Halbinsel Schantung
vergegenwärtigen.
3. Bodengestaltung und Bewässerung. Das Bergland von Schantung (schan
= Berg,
tung = Osten) steigt inselartig in dem sonst ebenen Nordchina empor, und zwar
unterscheidet sich der in das Gelbe Meer einspringende Nordosten scharf von dem
aus den nordchinesischen Ebenen entsteigenden Westen. In letzterem finden wir
alte Schichtgesteine mit flacher Lagerung, die ein zusammenhängendes Bergland
bilden, während im Nordosten kurze, gesondert aufsteigende Bergketten
vorherrschen, die zumeist aus den ältesten Gesteinen, aus Gneis und Granit
bestehen. An der Grenze zwischen diesen beiden grundverschiedenen
Gebirgsformationen setzt im Nordosten eine tiefe Einsenkung, die Kiaulaisenke,
ein, die quer durch Schantung läuft, in der Nähe der Kreisstadt K. die nach
Süden vorspringenden Ketten des Nordost-Schantung-Berglandes durchbricht und bis
zur K.bucht durchstößt. Der natürliche, ebene Weg durch ganz Schantung mündet
also in letzterer, und darin liegt, ganz abgesehen von den günstigen
Hafenverhältnissen,
ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber allen anderen Häfen Schantungs.
Nähert man sich der Kolonie von See her, so grüßen zur Rechten schon von weitem
die einer Tiroler Dolomitenkette vergleichbaren, nackten, zackigen Gipfel des
Lauschan, die im Lauting bis zur Brockenhöhe
ansteigen und bis dicht an das Meer herangehen. Es folgen der Kaiserstuhl, die Prinz-Heinrich- und
schließlich in nächster Nähe Tsingtaus die jetzt grün bewaldeten Iltisberge. Auf
der gegenüberliegenden Seite wird der Eingang zur K.bucht, unmittelbar am Kap Jaeschke beginnend, von den Haihsibergen
flankiert, denen sich das 800 m hohe imposante Perlgebirge anschließt. Während im
festländischen Schutzgebiet lediglich Eruptivgesteine, wie feldspatreicher
Granit, Porphyr, in schmalen Spalten auch Basalt, erscheinen, besteht die Insel Tolosan aus
einer Wechselfolge von Sedimenten und lagerförmigen Ergußgesteinen. In den
tiefsten, sichtbaren Schichten sind Schmitzen einer anthrazitischen Kohle
bekannt geworden. Das Recht, Mineralien
aufzusuchen und zu gewinnen, ist durch Verordnung des RK., betr. das Bergwesen
im Kiautschougebiet vom 16. Mai 1903, der Verfügung der Grundeigentümer entzogen
und dem Fiskus des Schutzgebietes vorbehalten.
Dieses Recht wurde zur Gewinnung von Kohlen und anderen Mineralien auf Tolosan
und einigen anderen Inseln einer Privatfirma übertragen. Eingehende
Nachforschungen haben jedoch ergeben, daß abbauwürdige Kohlenfelder dort nicht
vorhanden sind. - Flüsse im eigentlichen Sinne als dauernd Wasser führende
Rinnen gibt es im Schutzgebiet nicht. Da eine Bindung der Niederschläge bei der früheren, vor der
Besitzergreifung vorhandenen absoluten Waldarmut und bei der Entblößung des
Geländes von jedem zur Feuerung irgendwie geeigneten pflanzlichen Stoffe nicht
stattfinden konnte, flossen die Regenmassen sofort ab und kamen in ihrer ganzen
Menge zu Tal. Die Erdmassen, die dabei von den Bergen mitgeschwemmt wurden,
erhöhten naturgemäß die Flußbetten immer von neuem, so daß deren Sohle
verschiedentlich über dem Niveau der angrenzenden Felder liegt. In den
Ablagerungen innerhalb des Flußbettes, wie sie auch für die italienischen Täler
der südlichen Alpen charakteristisch sind, sickert das Wasser sehr schnell ein
und geht unterirdisch dem Meere zu, so daß die Flußbetten, ausgenommen 1-2 Tage
nach starken Niederschlägen den weitaus größten Teil des Jahres trocken liegen.
Die Flüsse erreichen eine Breite, die in keinem Verhältnis zur Tiefe und
Wassermenge steht. Diesen Charakter haben alle Flüsse im Schutzgebiet, der
Haipo, der Litsunfluß und der Paischaho (s. 5.
Forstwirtschaft).
4. Klima. Tsingtau hat ein gemäßigtes Klima, das in den
Wärmegraden an Süddeutschland
erinnert, aber durch die in den einzelnen Monaten sehr stark voneinander
abweichenden Niederschlagsmengen einen anderen Charakter erhält. Im
Winter
herrschen kalte und trockne, oft stürmische, nordwestliche Winde vor.
In den Sommermonaten, besonders im Juli und August, gibt der
Südwestmonsun
mit starker Bewölkung und hoher Luftfeuchtigkeit dem Wetter sein Gepräge. Wolkenbruchartige Regen sind nicht selten. Es sind Niederschlagsmengen
von 38,9 mm in der Stunde, von 121 mm in einer Nacht beobachtet worden.
Für den Europäer sind Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis
November) mit trocknen, sonnigwarmen Tagen und kühlen Nächten die
angenehmsten
Jahreszeiten. Freilich machen häufig
auftretende
Temperaturstürze, die nicht selten in 24 Stunden einen Temperaturabfall
von 14° C und starke Schwankungen in der relativen Luftfeuchtigkeit mit
sich bringen, in gesundheitlicher Beziehung Vorsicht nötig. Namentlich
gilt dies für den Herbst, wenn der Körper durch die vorhergehende heiße
Zeit geschwächt ist. Die feuchte Hitze der Sommermonate Juli und August
wird an vielen Tagen durch kühle Seebrise gemildert. Alles in allem
genommen,
ist Tsingtau den andern chinesischen Küstenplätzen gegenüber als
klimatisch
bevorzugt zu betrachten. Die stetig wachsende Zahl der Badegäste aus
allen
Teilen Chinas zeigt, daß diese Auffassung immer mehr Boden gewinnt.
Untenstehende
von Dr. Heidke aufgestellte Tabelle gibt über Temperatur
und Regen Auskunft.

5. Pflanzenwelt und Forstwirtschaft. Die Pflanzenwelt des
Schutzgebiets
erinnert stark an die deutsche. Viele Gattungen wildwachsender und angebauter Pflanzen sind in beiden Ländern durch dieselben
oder nahe verwandte Arten vertreten.
Es seien genannt: Sauerampfer, Fuchsschwanz, Hahnenfuß, Rittersporn, Anemone,
Mohn, Brunnenkresse, Wolfsmilch, Pfaffenhütchen, Minze, Thymian, Löwenzahn und
Schwertlilie. - Als Feldfrüchte werden in größerem Umfange gebaut: Gerste, Weizen, Erbsen, Bataten, Sojabohnen, fünf verschiedene Arten von Hirse - darunter als bei weitem wichtigste der Kauliang - und Erdnüsse. In kleinerem Maßstab
findet man: Hanf, Mais, Reis, Faroo (Colocasia antiquorum), Eierfrucht (Solanam
melongena), Tabak, Schantungkohl und einige Gemüse, vor allem Knoblauch. Für die
Ausfuhr kommt in erster Linie die Erdnuß in
Betracht. Auffallend ist die geringe Zahl der Baumarten, unter denen von unsern
heimischen Sorten, z. B. Buche, Birke, Edeltanne und Roßkastanie fehlen, ohne
durch entsprechende Arten ersetzt zu sein. Es kommen vor, an Nadelhölzern:
Kiefern, Lebensbaum und Wacholder; an Laubbäumen: Weiden, Pappeln, Eichen, echte Kastanien, Rüstern,
Ahorn und Linde. Zu diesen einheimischen Gewächsen ist neben vielen andern von
dem Forstamt in kleinerem Maßstabe zu Versuchszwecken angepflanzten deutschen
und japanischen Baumarten als wichtigste neue die Akazie gekommen. Prächtig
gedeihend, öfters in geschlossenen Beständen, meist aber als Wegeeinfassung und
im besondern längs des Bahndamms der Schantungbahn gepflanzt, bringt sie eine
neue, kräftige und freundliche Note in das Vegetationsbild. Die Akazien eignen sich in hervorragendem Maße zur
Verwendung als Grubenhölzer. Man hofft, mit ihrer Hilfe in einiger Zeit auf
diesem Gebiet von Japan, Amerika und Europa unabhängig zu werden. - An Obstarten
sind fast alle heimischen Sorten vertreten. Es gibt in den Tälern des Lauschan
und der Vorberge: Birnen, Äpfel, Pflaumen,
Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche und Weintrauben. - Leider
sind die Birnen und Äpfel holzig und ohne Aroma, so daß sie für den Europäer
kaum in Betracht kommen. Die üppige Entwicklung der verschiedensten Arten von
Edelobst, die das Forstamt zu Verstichszwecken aus Deutschland und Kalifornien
eingeführt hat und günstige Ergebnisse der Okulierung von Chinesenobst lassen
eine vorteilhafte Entwicklung der Obstzucht im Schutzgebiet mit großer
Wahrscheinlichkeit erwarten. Da die chinesische Küste bisher fast ausschließlich
auf kalifornisches Obst angewiesen ist, würde der Markt für in China gewachsene,
wohlschmeckende, transportfähige und nicht mit hohen Frachtkosten belastete Ware
außerordentlich aufnahmefähig sein. Die Gegend um Tsingtau ist eine ausgeprägte
Kulturlandschaft. Etwa drei Viertel des Bodens ist landwirtschaftlich benutzt,
in erster Linie die flachen, fruchtbaren Mulden zwischen den einzelnen
Gebirgsstöcken, aber auch die Täler bis hoch in die Berge hinauf und alle
Abhänge, soweit ein einigermaßen sanfter Abfall die Anlage von Terrassen, die
oft nur wenige Meter breit sind, gestattet. Man sieht es dem Lande an, daß zur
Ernährung einer überaus zahlreichen
Bevölkerung jedes nur irgend mögliche Fleckchen ausgenutzt wird. Der
landschaftliche Charakter wird durch die außerordentlich geringe Ausdehnung der
einzelnen Ackerstücke, die oft mehr Beeten als Feldern gleichen und die große
Mannigfaltigkeit der dicht nebeneinander gebauten, verschiedensten Pflanzenarten
bestimmt. Dies engmaschige Pflanzenmosaik mit seinen verschiedenen grünen
Schattierungen bildet einen augenfälligen Gegensatz sowohl gegenüber den weiten,
wogenden Getreidefeldern Deutschlands, als auch zu den endlosen, gleichförmigen
Reisfeldern im mittleren und südlichen China. - Die Bäume spielen im
Landschaftsbild eine verhältnismäßig bescheidene Rolle. Weidenbüsche in den
breiten sandigen Flußbetten, Gruppen von Kiefern an den Begräbnisstellen
angesehener Leute, einige oft mächtige Eschen oder Rüstern in den Dorfeingängen,
und kümmerliches Bambusgebüsch um Tempel und Klöster, das war noch vor wenigen
Jahren so ungefähr alles. Wald im deutschen Sinne
gab es vor der Besitzergreifung nicht. Denn der niedrige, lichte, nur zur
Brennholzgewinnung benutzte Busch von
krüppelhaften Kiefern, der die Höhen und sonstiges Ödland spärlich deckte, kann
auf diesen Namen keinen Anspruch erheben. Infolge der regen Tätigkeit des
deutschen Forstamts ist jetzt ein solcher auf den Höhen um Tsingtau und im
Lauschan im Heranwachsen. Die dicht begrünten Hänge der Iltis- und
Bismarckberge, die üppig heranwachsenden, schon weit über mannshohen Bestände
auf der Hüitschüen-Huk, im Waldrevier bei Syfang und in einigen Tälern des
Lauschan bringen in die alte chinesische Kulturlandschaft einen reindeutschen
Zug.
Die Forstwirtschaft war in Tsingtau vor eine ungewöhnlich schwierige Aufgabe
gestellt. Das ihr zur Aufforstung überwiesene Gebiet bestand in nahezu
entwaldeten und von jedem Graswuchs entblößten Bergen, von denen die heftigen
Regengüsse des Sommers die Bodenkrume herabgespült und kahle, bizarre
Felsklippen herausgewaschen hatten. Ehe man beginnen konnte zu pflanzen, mußte
an vielen Orten erst der Boden dazu geschaffen werden. Mit der Spitzhacke statt
mit dem Spaten wurden die Pflanzlöcher aus dem Felsen herausgearbeitet und
vielfach die nötige Erde aus den Ravinen heraufgeschleppt. Die gewonnenen Steine
wurden, den Niveaulinien folgend, zu niedrigen Dämmen aufgeschichtet, um das
abfließende Regenwasser aufzuhalten und dadurch ein weiteres Abspülen des
schnell verwitternden morschen Granitbodens zu verhindern. Stellenweise wurden
auch Grasplaggen gelegt, die die Erde in der Regenzeit hinter sich ansammelten
und nach 4-5 Jahren infolge der fortschreitenden Verwitterung so viel Boden gebunden hatten,
daß mit der Aufforstung begonnen werden konnte. In der Zeit von Mitte April bis
Mitte Juni war auf Niederschläge nicht mit Sicherheit zu rechnen. Da die jungen
Kulturen während dieser dürren Periode künstlich bewässert werden mußten, sah
man sich zur Anlage einer sehr großen Zahl kleinerer und größerer Staubecken
gezwungen. Neben ihrem Hauptzweck, sammeln von Regenwasser, fingen diese kleinen
Teiche das vom Regen mitgeführte Erdreich auf und wirkten so bodenbildend. Die
Aufforstung der nächsten Umgebung von Tsingtau ist jetzt mit vollem Erfolge
durchgeführt. Zu diesen Aufforstungen
kommt ein ca. 10 ha großer Forstgarten, der neben Baum- und Pflanzschulen
größere Obstplantagen enthält. Die Forstwirtschaft bringt seit geraumer Zeit
finanzielle Erträge. Sie deckt den Brennholzbedarf der Kolonie und hat auch
schon mit dem Verkauf von Grubenhölzern begonnen. Nachdem die nächstliegende
Aufgabe der Forstverwaltung im wesentlichen durchgeführt ist, beginnt jetzt eine
systematische Aufforstung der Bergzüge im Innern des Landgebiets. Neben ihrem
großen wasserwirtschaftlichen und sanitären Nutzen versprechen diese Arbeiten
für die Zukunft auch einen reichen finanziellen Erfolg. Dem Fiskus fällt nämlich
das für die Anpflanzung bestimmte Land als ehemaliges Eigentum der chinesischen Regierung kostenlos zu,
und für die Anpflanzungsarbeiten werden die Dorfschaften während des für sie
arbeitslosen Winters unentgeltlich herangezogen. Als Entschädigung erhalten sie
Obst- und Maulbeerbäume aus dem
Forstgarten. Die Aufforstungen in und um Tsingtau (ca. 1200 ha) haben weit über
die Grenzen des Schutzgebiets hinaus die Aufmerksamkeit gebildeter und
einsichtsvoller Chinesen wachgerufen. Der Rat
der deutschen Forstbeamten wurde bereits häufig von den chinesischen Behörden in
Anspruch genommen, denen die Bedeutung einer rationellen Forstwirtschaft in der
deutschen Kolonie sichtbar vor Augen geführt worden ist. Deutschland hat auf
diesem Gebiet durch die gelungenen Aufforstungen in Kiautschou einen unleugbaren
Vorsprung vor allen übrigen Nationen, der ihm bei richtiger Ausnutzung einen
nicht unerheblichen Einfluß auf kulturellem Gebiete in China verschaffen kann.
6. Tierwelt. Die Tierwelt spielt in dem dichtbevölkerten, wald-
und heckenarmen
Lande keine große Rolle. Großwild fehlt. Eine kleine Hasenart, nicht
viel
stärker als unsere heimischen Kaninchen,
Steinhühner im Lauschan und Tung-Lauschan, gelegentlich ein Fuchs,
Dachs,
Marder, damit waren zur Zeit der Besitzergreifung
die Jagdmöglichkeiten erschöpft. Im Jahre 1904 sind zum erstenmal aus
Schanghai eingeführte Fasanen in
größerer
Zahl ausgesetzt worden. Sie haben sich stetig günstig entwickelt. Die
Wachtel, die das Schutzgebiet früher nur auf dem Zuge passierte, hat man
seit dem Jahre 1902 in wachsender Zahl als brütenden Standvogel
beobachtet.
Auch bei den Kleinvögeln macht sich mit dem Heranwachsen des Schutz,
Nistplätze
und Nahrung gewährenden Waldes eine Zunahme an Zahl und Arten bemerkbar.
Durch Aushängen von Nistkästen und Abschießen von Raubzeug sucht die
Forstverwaltung
die Besiedlung des Forstgebietes mit insektenfressenden Vögeln zu
beschleunigen.
Auf den Watten im Norden und Osten der Bucht gibt es Reiher, Enten
und kleineres Wassergeflügel. Die Zugzeit im Frühjahr und im Herbst
bringt
Wald- und Doppelschnepfen, Bekassinen, wilde Tauben,
Enten, Reiher, Kraniche und endlose
Scharen
von Gänsen. - Der Fischreichtum ist groß. Schon seit alten Zeiten
gründet
sich darauf eine lebhafte Dschunkenausfuhr nach Schanghai und andern
südlichen
Häfen. Er wird bisher nur durch chinesische Kleinfischerei ausgenutzt.
Eine von Tsingtau ausgebende, systematische Untersuchung der Meeresfauna
könnte Aufschluß darüber geben, ob der Fischreichtum für eine
Dampffischereigesellschaft
lohnend sein würde.
7. Bevölkerung. Im Jahre 1897 betrug die Bevölkerung des
Schutzgebiets
etwa 83000 Köpfe. Eine Volkszählung im Juni 1913 ergab eine
Gesamtbevölkerung
von 191984 Köpfen. Hiervon entfielen 2401 auf die militärische
Besatzung.
Über die Zusammensetzung der Zivilbevölkerung gibt die folgende Tabelle
Aufschluß:

Die Kaukasier gehören den folgenden Nationen an:

Die Veränderungen innerhalb der europäischen Bevölkerung zeigt die
nachstehende
Tabelle:

Von der chinesischen Bevölkerung wohnen im Stadtgebiet, das die Orte
Tsingtau, Tapatau, Tai hsi tschen und Tai tung tschen umfaßt, 53312. Die
Entwicklung des Stadtgebiets zeigt folgende Tabelle:

Die Landbevölkerung wohnt in 274 Ortschaften, von denen 24 über 1000
Einwohner haben. Die durchschnittliche Dichte der Bevölkerung beträgt
292 Köpfe pro Quadratkilometer. Eine ständige Wasserbevölkerung von etwa
2360 Köpfen kommt hinzu. Die städtische chinesische Bevölkerung ist
namentlich
im Laufe des Winters 1911/12 ganz außerordentlich stark durch Zuzug aus
dem Innern des Landes gewachsen.
8. Erwerbstätigkeit der Chinesen. A. Im Landgebiet: Allgemeines:
Der
Lebensunterhalt der 274 Dörfer des Landgebietes ist fast durchweg auf
die Landwirtschaft gegründet. Es herrscht das
Bestreben vor, daß jede einzelne Hauswirtschaft die für ihren eigenen
Bedarf nötigen Nahrungsmittel und sonstigen Gebrauchsartikel im eigenen
Haushalt herstellt. Dies Prinzip der geschlossenen Hauswirtschaft
erfährt
aber eine Milderung durch die Verschiedenheit der Naturbedingungen, die
die Lage der einzelnen Dörfer mit sich bringt. Die Bewohner des Lauschan gewinnen auf den mit Gras und Kiefern
bewachsenen
Abhängen einen Überfluß an Brennmaterial, die Küstenbevölkerung fängt
mehr Fische, als sie selbst verzehren
kann,
und die Obstproduktion bestimmter Bezirke
übersteigt weit den eigenen Bedarf. Dem Überfluß auf dem einen Gebiet
steht Mangel auf dem andern gegenüber. Damit ist die Notwendigkeit zum
Warenaustausch gegeben. Dieser wird im allgemeinen nicht durch
berufsmäßige
Kaufleute vermittelt, sondern vollzieht sich auf Märkten, vor allem in
Litsun, wo die Mehrzahl der Besucher gleichzeitig
als Käufer und Verkäufer auftritt. Es ist eine Art Tauschhandel. Die Märkte finden alle 5 Tage
statt. Man hat zu chinesisch Neujahr (Ende Januar) schon 15000 Besucher
gezählt. Als Durchschnittszahl kann etwa 4000 gelten. Hausierer und
einige
wenige angesessene Kleinhändler besorgen nur den Vertrieb bescheidener
Luxusartikel. - Ackerbau: In einer
Kulturperiode
von 2 Jahren werden 3 Ernten erzielt. Als Erstlingsfrucht kommen in
Betracht:
Hirse, Kauliang, Mais und Baumwolle.
Die Aussaat erfolgt im April oder Mai, die Ernte im August oder
September.
Als Winterfrucht mit Reifezeit im Juni des zweiten Jahres werden dann
Weizen, Gerste oder Erbsen auf das Feld gebracht. Diesen folgt mit
Erntezeit
Mitte Oktober bis Mitte November: Sojabohne, Süßkartoffel, Buchweizen,
Tabak, Gemüse oder Stoppelrüben. Neben
dieser
zweijährigen Kulturperiode gibt es noch eine einjährige mit nur einer
Ernte für den Anbau von Süßkartoffeln
und Erdnüssen. Die kleinen Ackerparzellen, die zahlreichen billigen
Arbeitskräfte,
sowie die angeborene Begabung des Chinesen für Pflanzenpflege bringen
eine außerordentlich sorgfältige, geradezu gärtnerische Behandlung der
Feldfrüchte mit Kopfdüngung der einzelnen Saatbüsche und sorgfältigster
Bodenlockerung und Unkrautreinigung mit sich. Auch die Fruchtfolge mit dem Zwischenbau von Stickstoff
sammelnden Leguminosen wirkt in glücklicher Weise einer Verarmung des
Bodens an Nährstoffen entgegen. Wenn trotzdem die Erträge nach
europäischen
Begriffen der Güte des Bodens und der aufgewendeten Arbeit nicht
entsprechen,
so ist das in erster Linie auf die flachgründige Bodenbearbeitung mit primitiven
Instrumenten
uralter Konstruktion, in zweiter auf der Menge noch nicht genügender Düngung
zurückzuführen. -Der Dünger wird wie folgt gewonnen: Man verwendet als
Streu nicht das als Brennmaterial zu wertvolle Stroh, sondern Ackererde,
womöglich den feinen Schlamm ausgetrockneter Teiche. Die Stallungen
werden
nicht täglich gereinigt, sondern nur etwas Erde aufgestreut. Nach etwa
einer Woche wird dann die mit den Fäkalien gemischte Streue auf einen
Haufen gefahren und in Abschnitten von einigen Tagen mit Wasser
übergossen
und umgeschaufelt. Es bildet sich so allmählich der Kompost, in den auch
menschliche Fäkalien, der Lehm von alten eingefallenen Häusern,
Kochherden
und Kangs (Lagerbetten) hereingearbeitet werden. In der Hauptsache wird
im Frühjahr, falls genügender Vorrat vorhanden aber noch einmal, sobald
die Saat aus der Erde sprießt, und zum drittenmal vor der zweiten
Bestellung
gedüngt. Als besonders wirkungsvolles, freilich auch teures Düngemittel
gilt das Mehl von Bohnenkuchen, die bei der Ölgewinnung als Rückstände
überbleiben. Eine intensivere Bodenbearbeitung würde modernere und
kostspieligere
Ackergerätschaft und, um größere Düngermengen zur Verfügung zu haben,
eine Ausdehnung der Viehzucht oder die Anwendung künstlicher
Düngemittel
voraussetzen. Die Art der oft winzig kleinen und daher kapitalschwachen
landwirtschaftlichen Betriebe bietet für beides vorläufig nicht viel
Aussicht.
Höchstens wäre an ein genossenschaftliches Vorgehen, zu dem die Chinesen
auf anderm Gebiet oft viel Talent gezeigt haben, zu denken. Viehzucht:
Viehzucht für den Verkauf wird im Schutzgebiet wenig betrieben. Der
Bauer
hält Rind, Esel und Maultiere zur
Verwendung
bei seiner Feldarbeit. Schweine werden
hauptsächlich ihres Mistes wegen aufgezogen und nach Erfolg der Mast
ohne
großen Gewinn verkauft. Mit recht gutem Erfolg hat die europäische
Bevölkerung
Tsingtaus, vom Gouvernement unterstützt, die
Saanenziegenzucht
aufgenommen. Es hat sich ein SaanenziegenZuchtverein gegründet. Die Milch
der eingeführten Ziegen ist besonders für Kinder sehr bekömmlich.
Kreuzungsversuche
zwischen Jeverländer und chinesischem Rindvieh haben gute Erfolge gehabt
und werden fortgesetzt. Salzgewinnung: Die Salzgewinnung erfolgt in der
Weise, daß man bei Flut Seewasser in flache Becken im Wattlande laufen
und nach Schließung der Eintrittskanäle darin verdunsten läßt. Dies
Gewerbe
ist nach mehrjähriger Unterbrechung seit 1903 im Schutzgebiet wieder
aufgenommen
worden und hat sich seitdem stetig entwickelt. In China ist der
Salzvertrieb
Regierungsmonopol und die Salzausfuhr ins Ausland verboten.
Infolgedessen
sind die billig produzierenden Salztennenbesitzer an der deutschen
K.bucht
in einer günstigen Lage. Die Jahresproduktion beträgt gegenwärtig etwa
800000 Pikul. Die Ausfuhr geht in der Hauptsache nach Korea,
Hongkong und Wladiwostock. Neuerdings werden beschränkte Mengen von
einer
deutschen chemischen Fabrik in Tsingtau gereinigt und als Speisesalz für
Europäer auf den Markt gebracht. Seit dem Jahre 1910 erhebt das
Gouvernement
auf das zur Ausfuhr und zu industriellen Zwecken bestimmte Salz eine Abgabe von 3 Cents für den Pikul.
B. Städtische Bevölkerung. Über den Erwerb der städtischen chinesischen
Bevölkerung gibt die folgende Liste der August 1912 in Tapautau
befindlichen
chinesischen Geschäfte und Gewerbebetriebe Aufschluß.

Im Oktober 1909 gründeten die chinesischen Kaufleute die "Chinesische
Handelskammer".
9. Handel, Schiffsverkehr und Industrie. A. Handel und
Schiffsverkehr.
Allgemeines: In der Entwicklung des Tsingtauer Handels kann man 3
Hauptabschnitte
unterscheiden: 1. Die Zeit des Ausbaues von Hafen und Eisenbahn,
Tsingtau
Freihafen; 2. die Zeit des Küstenverkehrs, mit Abhängigkeit von
Schanghai,
Zollunion mit China; 3. die Periode direkten Handels mit Europa. 1. Die
Zeit des Ausbaues von Hafen und Eisenbahn. Dieser Abschnitt dauerte von
der Besitzergreifung bis etwa zum Herbst 1903. Am 6. März 1904 wurde
Mole
I, am 1. Juni 1904 die Bahn nach Tsinanfu und Poshan dem Verkehr
übergeben.
Da aber der Hauptteil der Eisenbahnstrecke, nämlich die 302 km bis
Tschoutsun,
schon am 2. Sept. 1903 in Betrieb genommen wurde, macht die
Handelssteigerung
durch die Bahn sich schon in der Statistik des Jahres 1903/04 kräftig
bemerkbar. Die Zeit des Ausbaues ist charakterisiert durch ein sehr
starkes
Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr. Es erklärt sich dies auf
der einen Seite durch die großen Materialmengen, die zum Aufbau von
Stadt,
Hafen und Eisenbahn herausgeschickt wurden, anderseits durch den Mangel
eines leistungsfähigen Verbindungsweges nach dem Innern und die geringe
wirtschaftliche Entwicklung des Hinterlandes. Seit dem Jahre 1904 hat
die absolute Zahl des Ausfuhrwertes sich fast dauernd gehoben, und auch
ihr Verhältnis zum Gesamthandel ist ziemlich regelmäßig günstiger
geworden.
Der Anteil der Ausfuhr am Gesamthandel stieg von etwa 10 % im Jahre 1901
auf etwa 40 % im Jahre 1911. 2. Die Zeit des Küstenverkehrs mit
Abhängigkeit
von Schanghai. Von 1906 ab Zollunion mit China. Die zweite Periode
umfaßt
die Jahre 1904/08. Stark beeinflußt wurde diese Periode einmal durch den
russischjapanischen Krieg (1904/05), durch den viel Geld nach Tsingtau
floß, und die im Jahre 1906 mit China abgeschlossene Zollunion. In diese
Zeit fällt auch die Gründung der "Tsingtauer Handelskammer" (Sept.
1905).
Es entwickelte sich ein reger Küstenverkehr, in der Hauptsache auf den
Linien: Schanghai-Tsingtau-Tschifu- Tientsin, Schanghai-Tsingtau-Kobe,
Schanghai-TsingtauNagasaki-Wladiwostok, Schanghai-Tsingtati-Dalny-
Niutschwang.
Hauptsächlich beteiligt ist die Hamburg- Amerika-Linie, doch nehmen auch
Jardine, Matheson & Co., Butterfield & Swire und verschiedene japanische
Reedereien, die letzteren freilich
vorwiegend in wilder Fahrt, daran teil. Eine direkte Verbindung mit
Europa
stellte nur die Hamburg-Amerika-Linie her, die etwa monatlich einen
ihrer
ausreisenden Frachtdampfer Tsingtau anlaufen ließ. Für die Ausfuhr waren
die Exportfirmen bis zum Jahre 1907 ausschließlich auf die Umladung in
Schanghai angewiesen. Erst in diesem Jahre ließ die Hamburg-Amerika-
Linie
auch einige ihrer heimkehrenden Dampfer Tsingtau aufsuchen. 3. Die
Periode
direkten Handels mit Europa. Das Jahr 1908 bildet den Übergang vom
zweiten
zum dritten Entwicklungsabschnitt, in dem neben lebhaftem Küstenverkehr
ein ausgedehnter direkter Ozeanhandel tritt. 1908 läßt die Peninsular
and Oriental Steam Navigation Company 3, die Nippon Yushen Kaisha einen
ihrer großen Europadampfer auf der Westreise Tsingtau anlaufen. Der
direkte
Dampferverkehr Tsingtau-Europa hat sich seitdem überraschend günstig
entwickelt.
Es sind in der Hauptsache die folgenden Reedereien beteiligt: 1. Die
Hamburg-Amerika-Linie
in Betriebsgemeinschaft mit der Hansa-Linie mit durchschnittlich 2
ausreisenden
und 2 heimkehrenden Dampfern im Monat; 2. der Norddeutsche Lloyd mit
monatlich
je einem Reichspostdampfer in jeder Richtung (der erste hat Tsingtau am
19. September 1910 angelaufen); 3. die Rickmerslinie; 4. die englische
Blue Funnel Linie mit monatlich einem Dampfer nach Europa; 5. die
Peninsular
and Oriental Steam Navigation Company mit monatlich einem Dampfer nach
Europa; 6. die Nippon Yushen Kaisha und 7. die Messageries Maritimes. Die Dampfer
der beiden letztgenannten Gesellschaften laufen Tsingtau zwar nicht in
regelmäßigen Abständen, aber ziemlich häufig an. Tsingtau verfügt also
gegenwärtig für seine Ausfuhr etwa 7mal im Monat über eine direkte
Verbindung
mit europäischen Häfen, unter denen als die für Tsingtau wichtigsten
Hamburg,
Bremen, Antwerpen, Rotterdam, Liverpool, London, Le Havre, Marseille und
Genua genannt seien. Die Zahl der Ankünfte von direkten Dampfern ist
kleiner.
Sie beträgt etwa 3 im Monat.
Die Einzelheiten über die Entwicklung des Schiffsverkehrs und des
Handels
sind aus den eingefügten Tabellen zu entnehmen. Diese Zahlen
kennzeichnen
nur den Handel, den direkte Dampfer von
oder nach Europa vermitteln. Sie geben kein ganz richtiges Bild von dem
tatsächlichen Handel, den Tsingtau mit diesen Ländern, teilweise über
Schanghai, unterhält.


Tsingtaus Handel mit Deutschland. Ein Teil der Waren deutschen
Ursprungs
kommt über fremde Länder, ein großer Prozentsatz auch über Schanghai
nach
Tsingtau (1910 kamen z.B. von den aus chinesischen Plätzen nach Tsingtau
eingeführten fremden Waren im Werte von 8855092 Taels für rund 8806000
Taels aus Schanghai) und ist deshalb als deutsche Ware nicht immer
leicht
erkennbar. Vom K.seezollamt seit 1910 auch in bezug auf den Ursprung der
Waren angestellte Beobachtungen haben für die Einfuhr aus Deutschland
folgende Zahlen für die Zeit vom 1. Oktober 1912 bis 30. September 1913
ergeben, die aus obigen Gründen indes auch nur den ungefähren Wert der
tatsächlichen deutschen Einfuhr darstellen können:
| 1. Handelswaren |
4.238.104 |
Taels |
|
| 2. Eisenbahnmaterialien |
505.696 |
Taels |
|
| 3. Für das Gouvernement |
1.110.626 |
Taels |
|
| 4. Für industrielle Betriebe |
45.548 |
Taels |
|
| Gesamnteinfuhr |
5.899.974 |
Taels |
(= ca. 17.700.000 M). |
Der Herkunft nach kommen von den Handelswaren
| aus Deutschland direkt |
für |
2814332 |
Taels |
| über fremde Länder |
für |
453889 |
Taels |
| im Küstenhandel (üb. Schanghai) |
für |
969880 |
Taels |
Hauptartikel der eingeführten Handelswaren.
| Farben (Indigo) |
1.589.000 |
Taels |
| Maschinen |
220.000 |
Taels |
| Papier |
242.000 |
Taels |
| Stabeisen |
172.000 |
Taels |
| Nadeln |
88.000 |
Taels |
| Wagen |
480.000 |
Taels |
Ausfuhr nach Deutschland. Von der Ausfuhr nach Deutschland ist nur der
Wert der mit direkten Dampfern verschifften Waren feststellbar. Er
betrug
im Jahre 1911 1430185 Taels = ca. 4076000 M, und im Jahre 1912 1880000
Taels = ca. 5640000 M. Die Ausfuhrwaren nach Deutschland waren 1910 und
1911 hauptsächlich:

Gesamthandel. Die Anteile der verschiedenen Flaggen am Gesamt-Schiffshandel Tsingtaus
ausschließlich
Edelmetalle sind prozentual:

Gesamtanteil der deutschen Flagge 1910: 54,64% = 24977398 Taels =
68937618
M; 1911: 50,87% = 24164064 Taels = 68867582 Mark. Tsingtaus Stellung
unter
den Häfen Nordchinas. Nach dem Gesamtbetrag der Zolleinnahmen steht
Tsingtau
im Jahre 1910 unter den 45, dem freien Handel geöffneten Plätzen Chinas
an 6. Stelle (1909 an 7.) hinter Schanghai, Tientsin, Hankau, Canton und
Swatou, im Jahre 1912 unter den Häfen Nordchinas an 2. Stelle
unmittelbar
hinter Tientsin. Es betrugen die Zolleinnahmen während der Jahre 1908/12
in den nordchinesischen Häfen:

B. Industrie. Die Industrie steckt in Tsingtau trotz mancher günstiger
Umstände, wie billige Kohle, zollfreie Einfuhr von Maschinen, günstige
Eisenbahn- und Dampferverbindungen, noch in den Kinderschuhen. Die
einzigen
Unternehmen, die in größerem Umfänge Landesprodukte zu Exportartikeln
verarbeiten, sind zwei Albuminfabriken. Neben diesen sind als von mehr
als lokaler Bedeutung etwa noch zu erwähnen: die Seifenfabrik, eine
Holzbearbeitungsanlage,
eine Getreidemühle, die Germania Brauerei, eine Mineralwasserfabrik,
eine
Weißbierbrauerei und einige Unternehmen der Ziegelei- und
Zementwarenindustrie.
10. Bergbau. 1. Kohlenbergbau. Durch den K.vertrag hatte das
Deutsche
Reich das Recht erhalten, 30 Li (15 km) zu beiden Seiten der
konzessionierten
Eisenbahnlinien Bergbau jeder Art zu treiben. Zur Ausnutzung dieses
Rechts
wurde von derselben Finanzgruppe, die den Bahnbau
Tsingtau-Tsinanfu übernommen hatte, die Schantung-Bergbau-Gesellschaft
als Kolonialgesellschaft mit einem Kapital
von 12 Mill. M gegründet. Die Gesellschaft erhielt für 5 Jahre von der
deutschen Regierung das ausschließliche Mutungsrecht in der 30 Lizone
und begann sofort mit den Untersuchungsarbeiten. Im Jahre 1908 wurde das
Kapital durch Aufnahme einer Anleihe von 4 Mill. M auf 16 Mill. M
erhöht.
Am 1. Januar 1913 ging das Vermögen der Schantung-Bergbaugesellschaft
als Ganzes an die Schantung- Eisenbahngesellschaft über. In dem von
altersher
durch chinesische Baue bekannten und von dem berühmten Geographen v.
Richthofen
als sehr aussichtsreich bezeichneten Weihsienfelde wurde 1901 an die
Errichtung
einer kleineren Förderanlage gegangen, die im Oktober 1902 in Betrieb
genommen werden konnte. Leider stellte sich bald heraus, daß die beiden
4 m starken Kohlenflöze vielfach durch Porphyrbrüche verunreinigt und
die gewonnene Kohle daher zum Teil so aschenreich war, daß sie für
Dampfer
und Eisenbahnzwecke nicht verwendet werden konnte. Doch fand sie unter
den Chinesen lohnenden Absatz. Die Gesellschaft bemühte sich, die
Qualität
ihrer Kohle durch eine Separationsanlage (1903), eine Kohlenwäsche und
eine Brikettfabrik (1906) zu verbessern. In der Tat gelang es, sie für
Eisenbahnzwecke und stehende Anlagen verwendungsfähig zu machen, doch
ist die Kohle, die an sich einen hohen Heizwert hat, wegen der Neigung,
leicht fließende Schlacken zu bilden, wenig beliebt. Im Jahre 1907 wurde
ein zweiter und 1908 ein dritter Förderschacht in Betrieb genommen.
Leider
waren die Aufschlüsse in dem letzteren so wenig befriedigend, daß er
1912
aufgegeben werden mußte. Man beschränkt sich im Weihsienfelde darauf,
den Bedarf des Inlandes und Tsingtaus mit 200000 t jährlich zu decken.
Inzwischen hatte man auch im Poschantale beim Berge Hungschan eine
vorzügliche
Kohle erbohrt. Im Jahre 1905 konnte mit der Förderung aus dem
Tsetschuanschacht
begonnen werden. Nach Inbetriebnahme einer Separationsanlage und Wäsche
erwies sich die gereinigte Hungschankohle, wie ausgedehnte Brennversuche
des Kreuzergeschwaders erwiesen, als guter Cardiffkohle gleichwertig.
Nachdem dies festgestellt war, schloß das Kreuzergeschwader mit der
Schantung-Bergbaugesellschaft
einen Vertrag über seine dauernde Kohlenversorgung ab. Die
Indiensthaltungskosten
der Schiffe in Ostasien setzten sich dadurch bedeutend herab. Außerdem
gewann Tsingtau durch die Möglichkeit einer reichlichen
Kohlenversorgung,
unabhängig vom Seeweg, ganz bedeutend in seinem Wert als
Flottenstützpunkt.
Dem Beispiele der Kaiserlichen Marine folgten die
Schifffahrtsgesellschaften,
so daß der Kohlenexport Tsingtaus von 42 000 t im Jahre 1909 auf 150 000
t im Jahre 1913 stieg. Im Hungschanfelde treten sowohl Magerkohlen, wie
auch verkokungsfähige Fettkohlen auf. Zur getrennten Gewinnung der
letzteren
ist eine große Schachtanlage mit besonderer Separation und Wäsche im
Bau,
nach deren Fertigstellung die Hungschangrube 1 Mill. t im Jahre leisten
kann. Die Gewinnung im Hungschanrevier, wo jetzt 4 Schächte in Betrieb
sind, wurde immer mehr ausgedehnt.

Für das Geschäftsjahr 1912/13 ist eine Förderung von 400000 t für das
Hungschan- Revier in Aussicht genommen worden. Die Gesamtzahl der Arbeiter ist von 15 Europäern und 300 Chinesen im
Jahre 1901 auf 52 Europäer und 7000 Chinesen im Herbst 1912 gestiegen.
- Der Durchschnittslohn der chinesischen Kohlenhauer stellt sich auf
etwa
0,50 M pro Schicht. Derjenige der besseren Handwerker steigt bis auf 2
M, während ungelernte Tagesarbeiter nur 0,80 M erhalten. - Die
Arbeitsleistung
der reinen Bergarbeiter ist etwa die Hälfte derjenigen guter
europäischer
Arbeiter. Handwerker leisten etwa 2/3, wobei jedoch stets entweder
Akkordarbeit
oder strenge europäische Aufsicht Voraussetzung ist. - Es ist zu hoffen,
daß das Werk, das bisher noch unter mancherlei
Entwicklungsschwierigkeiten
zu leiden hatte, im besondern unter dem Mangel einer genügend
zahlreichen
und geschickten Arbeiterschaft, jetzt, nachdem diese Schwierigkeiten
größtenteils
überwunden sind, bald anfangen wird, seinen Unternehmern kaufmännischen
Gewinn zu bringen. 2. Eisenerzvorkommen. In nächster Nähe des
Hungschankohlenfeldes
und dicht an der Eisenbahn finden sich reiche Lager etwa 60prozentigen
Magnetund Roteisensteins ohne jede nennenswerte schädliche Beimengungen
von Schwefel, Kupfer und Phosphor. Die durch Tagebau bzw. Stollenbetrieb
gewinnbare Menge ist durch zahlreiche Schürfgräben und Bohrlöcher auf
70000000 t ermittelt worden. Der hohe Eisengehalt der Erze
und die Nähe von billigen verkokungsfähigen Kohlen
und von Kalkstein für die Verhüttung scheinen hier die Eisenerzeugung
unter ungewöhnlich günstigen Bedingungen zu ermöglichen. Bisher hatte
die Provinz Schantung ihren Eisenbedarf in mangelhaftester Weise mit
Alteisen
und Eisenknüppeln chinesischer Erzeugung aus Schansi befriedigen müssen.
Die Erwägungen über die Errichtung eines Hüttenwerks, die seit Jahren
in den Interessentenkreisen schweben, sind jetzt zum Abschluß gekommen.
Die Schantung-Eisenbahngesellschaft hat 1914 ihr Kapital um 10 Millionen
Mark durch Ausgabe neuer Aktien erhöht und wird bei Tsangkou - 18 km von
Tsingtau entfernt - sofort ein Hüttenwerk, zunächst mit 2 Hochöfen,
errichten.
11. Eisenbahnwesen. Die rechtliche Grundlage für den deutschen
Eisenbahnbau in Schantung ist der K.vertrag,
in dem es Teil II, Artikel 1, heißt: Die Kaiserlich Chinesische
Regierung
gewährt Deutschland die Konzession für folgende Bahnlinien in der
Provinz
Schantung: 1. von K. über Weihsien, Chingchou, Poshan, Tzechuan und
Tsouping
nach Tsinanfu. und von dort in der Richtung nach der Grenze von
Schantung;
2. von K. nach Ichoufu und von dort weiter durch Laiwuhsien nach
Tsinanfu.
A . Die Bahn Tsingtau-Tsinanfu.

Zur Ausnutzung dieser Gerechtsame erteilte der RK. am 1. Juni 1899
einem
deutschen Syndikat unter Führung der Diskontogesellschaft die Konzession
für den Bau und Betrieb einer Eisenbahnlinie von Tsingtau über Weihsien
nach Tsinaufu, sowie einer Zweiglinie von Tschangtien nach Poschan. Das
Syndikat gründete eine Aktiengesellschaft, die Schantung-
Eisenbahngesellschaft,
mit einem Grundkapital von 54 Mill. M, das sich Anfang 1913 durch
Übernahme
der Schantung-Bergbaugesellschaft auf 60 Mill. M erhöhte, und
übernahm
die Verpflichtung, die gesamte Linie von etwa 400 km Länge
innerhalb
von 5 Jahren, die 180 km lange Teilstrecke bis Weihsien in 8 Jahren in
Betrieb zu nehmen. Die Bahn erschließt die wichtigen Kohlenfelder
von Weihsien, Put' sun und Poshan und reiche Eisenerzvorkommen bei
Tschinglingschen.
Sie bringt außerdem die bedeutenden Handelsplätze Weihsien,
Tsingtschoufu, Tschouts'un und Tsinanfu mit dem Meere in Verbindung. Die
deutsche Regierung hat sich das Recht vorbehalten, die Bahn nach 60
Jahren
(1959) gegen eine angemessene Entschädigung zu übernehmen.
Außerdem
hat die Schantung-Eisenbahngesellschaft, falls eine höhere
Dividende
als 5 % gezahlt wird, einen prozentual steigenden Anteil von der
Superdividende
an den Fiskus des Schutzgebietes zu entrichten. Im Jahre 1910 betrug die
Einnahme des Fiskus aus dieser Quelle 70 732 M, im Jahre 1911 51789 M,
im Jahre 1912 116235 M.
Trotz der Boxerwirren im Jahre 1900 und der Hochwasserschäden im
Jahre 1901 gelang es, die festgesetzten Termine einzuhalten und am 1.
Juni 1902 die Strecke bis Weihsien, am 1. Juni 1904 die gesamte Linie
dem Verkehr zu eröffnen. Die Baukosten für die gesamte Bahn
einschließlich Betriebsmittel betrugen 52901226 M oder pro km
121495
M Die deutsche Industrie hat für diesen Bahnbau Materiallieferungen
im Werte von etwa 27 Mill. M ausgeführt. Die Linie hat sich
geschäftlich
günstig entwickelt, wie die folgenden Tabellen zeigen:

Das Jahr 1905 war das erste volle Betriebsjahr. Am Ende des
Geschäftsjahres
1912 umfaßte das rollende Material 41 Lokomotiven, 110 Personen-
und Gepäckwagen sowie 1051 Güter- und Bahndienstwagen. Das
Verhältnis
der Einnahmen zu den Ausgaben stellte sich:

Das ungünstigere Verhältnis der Einnahmen zu den Ausgaben
im Jahre 1911 ist, ebenso wie der geringere Betrag der Dividende, der
im Anfang des Jahres aufgetretenen Pest,
den im September folgenden Hochwasserschäden, sowie der gegen Ende des
Jahres ausgebrochenen Revolution zuzuschreiben. Mit der Tientsin-Pukou-
Bahn
ist im Mai 1911 ein Wagenübereinkommen abgeschlossen worden, wonach
Güterwagen
zwischen den beiden Linien ohne Umladung fahren. Der Übergang findet auf
der Station Tsinanfu-West statt, wo nicht nur Einzelwagen, sondern auch
ganze Züge bequem und sicher von und nach allen Richtungen abgeführt
werden
können.
B. Die Bahn Kaumi - Itchoufu -
Hsütschoufu
(Südschantungbahn) soll als eine an China zurückgegebene, bisher noch
nicht erfüllte Konzession in Bau gegeben werden. Bei Rückgabe der
Konzession
hatte sich China verpflichtet, die Bahn bis zum 1. Jan. 1915
betriebsfertig
herzustellen. Nach jahrelangen, schwierigen, diplomatischen Erörterungen
wird (Juni 1914) mit China auf folgender Grundlage verhandelt: 1. Die
etwa 320 km lange Strecke wird als chinesische Staatsbahn mit deutschem
Kapital und deutschem Material gebaut. 2. Deutsche Ingenieure und Betriebsbeamte leiten den Bau und
verwalten die Bahn unter dem chinesischen Verkehrsministerium während
der ganzen Dauer des Anleihevertrages. 3. Die Bahn ist bis 1918
betriebsfertig.
Zur Erschließung der reichen Südschantungdistrikte und als Vermittler
zwischen ihnen und Tsingtau wird diese Bahn von um so größerem Vorteil
sein, als sie gleichzeitig an den Kaiserkanal und die TientsinPukou-Bahn
anschließt. Ferner trifft sie in Hsütschoufu die geplante, mit
belgischem
Kapital zu bauende Ost- Westbahn von Kaifeng nach Haichou und gewinnt
dadurch Anschluß an die reiche Provinz Honan.
C. Die westliche Verlängerung der Tsingtau-Tsinanfu-Bahn als
Anschlußbahn
an die Hankou-Peking-Bahn soll unter denselben Vertragsbedingungen wie
zu B in Bau gegeben werden. Auch sie ist als Folgerung aus dem K.-
Vertrage
anzusehen. Ihre Bedeutung für Tsingtau liegt in dem Anschluß des
Schutzgebiets
an die Provinz Schensi und den mittleren Hoangho. Als Punkt ihrer
Einmündung
in die Hankou- Peking-Bahn ist Tschangtefu in Aussicht genommen.
D. Die Tientsin-Pukou-Bahn. Am 13. Jan. 1908 schloß die chinesische
Regierung nach fast 10jährigen Verhandlungen mit deutschen und
englischen
Unternehmern einen Vertrag über den Bau einer Bahn von Tientsin nach
Pukou
(am Yangtse gegenüber Nanking) ab. Auf Grund des K.vertrages Teil III:
"Die Kaiserlich Chinesische Regierung verpflichtet sich in allen Fällen,
wo zu irgendwelchen Zwecken innerhalb der Provinz Schantung
fremdländische
Hilfe an Personen, an Kapital oder Material in Anspruch genommen werden
soll, die betr. Arbeiten und Materiallieferungen zunächst deutschen
Industriellen
und Handeltreibenden anzubieten", wurde die Nordstrecke von 625 km
Länge,
zwei Drittel des Ganzen, aus dem Gelde einer deutschchinesischen Anleihe
und fast ausschließlich mit deutschem Brückenoberbau und Wagenmaterial
gebaut. Man hat den Gewinn der deutschen Volkswirtschaft aus diesem
Unternehmen
auf 415 Mill. M berechnet. Die große Brücke über den Hoangho, nördlich
von Tsinanfu, wurde für ca. 13 Mill. A von der Augsburger Maschinen-
Fabrik
gebaut.

Es ist vielfach behauptet worden, daß die Tientsin-Pukou-Bahn eine
Schädigung
des Verkehrs auf der Schantung-Bahn mit sich bringen werde. Bei
nüchterner
Erwägung der in Betracht kommenden Verhältnisse erscheint dies nicht
sehr
wahrscheinlich. Der Überseeverkehr sucht den billigsten Weg zum
Transportdampfer.
Die Bahnstrecken Tsingtau-Tsinanfu einerseits, Tsinanfu- Tientsin
anderseits
sind praktisch gleich lang und gleich teuer, ebenso die durch die China
Homeward Freight Conference für die Seereise festgesetzten Frachtraten
von Tientsin bzw. von Tsingtau nach Europa. In Tsingtau erfolgt die
Umladung
unmittelbar von dem Eisenbahnwagen ins Schiff, in Tientsin ist
zwischen beide ein kostspieliger, zeitraubender und allen möglichen
Zufälligkeiten
ausgesetzter Leichtertransport von 55 Sm geschaltet, der außerdem von
etwa Mitte Dezember bis Mitte Februar wegen des Eises unmöglich wird;
es hat daher mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß ein Teil der Güter
von der Bahnstrecke nördlich Tsinanfu wegen der geringeren entstehenden
Gesamtkosten über Tsingtau exportiert werden wird als umgekehrt.
Betrachtet
man das Verhältnis zwischen Tsingtau und Pukou, so ergibt sich, daß der
Mittlungspunkt der gesamten Bahnstrecke etwa 120 km südlich Tsinanfu
liegt.
Es ist daher anzunehmen, daß zum mindesten dieser Abschnitt der
Tientsin-Pukou-Bahn
nach Tsingtau als Ausfuhrhafen hinneigen wird. Aller Wahrscheinlichkeit
nach wird aber die wirtschaftliche Anziehungskraft von Tsingtau noch
beträchtlich
weiter nach Süden herunterreichen, als ein bloßes Abzählen der
Eisenbahnkilometer
vermuten läßt. Es ist dies deshalb anzunehmen, weil Pukou vorläufig
nicht
viel mehr als ein Bahnhof mit 2 Anlegebrücken am Yangtse ist. Inwieweit
die Tatsache, daß die Schantung-Bahn eine deutsche, während die
TientsinPukou-Bahn
eine chinesische Bahn ist, den Verkehr auf beiden beeinflussen wird, ist
bei dem schwer zu ergründenden und manchmal unberechenbaren Charakter
des Chinesen vorläufig nicht mit Sicherheit zu sagen. Bei seinem
ausgeprägten
Geschäftssinn wird der Chinese aber wohl den Weg wählen, der für seinen
Geldbeutel der vorteilhafteste ist. Mit dem Bau der Bahn Tientsin-
Tsinanfu
ist der direkte Schienenweg Berlin-Tsingtau hergestellt.
12. Post- und Telegraphenwesen. Bald nach der Besitzergreifung wurde
in
Tsingtau eine deutsche Postanstalt eingerichtet, der nach kurzer Zeit mehrere
deutsche Postämter im chinesischen Hinterlande folgten. Zurzeit bestehen noch in
Weihsien und in Tsinanfu deutsche Postanstalten. Im Schutzgebiet sind außer dem
Hauptpostamt in Tsingtau noch drei Postagenturen in Litsun, Taitungschen und Syfang, zwei Postzweigstellen in Tapautau und am
Großen Hafen, sowie fünf Posthilfsstellen an entfernteren Plätzen des
Landgebietes in Betrieb. Der deutsche Postverkehr hat entsprechend der
fortschreitenden Entwicklung eine lebhafte Steigerung aufzuweisen.
In der Zeit vom 1. Okt. 1899 bis 30. Sept. 1900 wurden 647452 Briefe, 3098 Pakete, 5098 Postanweisungen mit einem Betrage von 457
044 M und 607 Zeitungen mit 19631 Nummern befördert. In der Zeit vom 1. Okt.
1912 bis 30. Sept. 1913 dagegen 2 092 500 Briefe, 37 556 Pakete, 21623
Postanweisungen mit einem Betrage von 864 281 M, 4653 Zeitungen mit 241088
Nummern, dazu noch 6706 Nachnahmesendungen.
Durch ein deutsches Kabel nach Tschifu und nach
Schanghai ist Tsingtau an das Welttelegraphennetz angeschlossen. Telegramme
sind, vom 1. Okt. 1912 bis 30. Sept. 1913 befördert 97480. - An die
Stadtfernsprecheinrichtung in Tsingtau waren im gleichen Zeitraum 203
Hauptanschlüsse und 150 Nebenanschlüsse angeschlossen. - Die Postverwaltung des
Schutzgebietes untersteht nicht der Schutzgebietsverwaltung, sondern dem
Reichspostamt. - Außer der deutschen Post befindet
sind in Tsingtau noch ein auf Grund besonderer Vereinbarungen eingerichtetes
chinesisches Postamt und ein chinesisches Telegraphenamt. Das letztere nimmt in
Tsingtau für die chinesischen Telegraphenlinien Telegramme an und gibt die von
letzteren kommenden Telegramme aus. Das chinesische Postamt dient nur dem
Vermittlungsverkehr nach China und von China, d. h. es erhält die für
chinesische Postämter in China bestimmten Postsendungen vom deutschen Postamt
und liefert die von chinesischen Postämtern übermittelten Postsendungen zur
Weiterbeförderung an den Adressaten an das deutsche Postamt ab.
13. Geld-, Bank- und Aktienwesen. A. Geldwesen. Die übliche
Münze
für den Geldverkehr an der chinesischen Küste ist im allgemeinen der
mexikanische
Dollar. Der ursprüngliche Wert dieses Geldstückes von 4 M ist mit der
Entwertung des Silbers immer mehr heruntergegangen. Eine ganze Reihe von
Momenten wirken auf seinen jeweiligen Kurs ein. Man kann den Dollar am
besten selbst als eine Ware bezeichnen, wie er denn auch 2 Preise, einen
Einkaufs- und einen Verkaufspreis hat, die zuzeiten nicht unwesentlich
von einander abweichen. In dem letzten Jahrzehnt ist der mittlere Wert
des Dollars etwa 2 M gewesen. Bestimmend für seine Bewertung sind neben
der Höhe des Angebots und der Nachfrage in erster Linie die Silberpreise
in London, die wiederum in hohem Maße abhängig sind von dem Ausfall der
Ernte in Indien. Man kann im allgemeinen sagen, daß der Dollar für die
Lebenshaltung an der ostasiatischen Küste etwa denselben, an einigen
Plätzen
einen etwas niedrigeren Wert hat wie in Deutschland die Mark. Teilstücke
des Dollars sind als 5, 10 und 20 Centstücke im Umlauf. China selbst
hat,
wenn man bei den gänzlich verworrenen Münz- und Währungsverhältnissen
von einer Währung überhaupt sprechen
kann, eine Art Kupferwährung. Ungeheure Mengen alter durchlöcherter
sowie
neuerer minderwertiger Kupferkäschstücke bilden immer noch das
Hauptzahlungsmittel
für die Masse des 450-Millionenvolkes. Daneben läuft eine Art
Silberwährung,
deren Wert in Taels ausgedrückt wird. Der Tael ist jedoch selbst keine Münze, sondern lediglich
ein gewisses Gewicht von Silber, das in
Silberschuhen (Form der Füße der Chinesinnen) für den Handelsverkehr
gesammelt
wird. Es gibt, je nach dem Feingehalt und dem Gewicht eine ganze Reihe
verschiedener Taels, wie z.B. den Schanghai-Tael, den Haikuan-(Zoll-
)Tael,
den Kuping-(Regierungs-)Tael u. a. in. Der Wert des Taels ist ebenso wie
der des Dollars in erster Linie abhängig von dem Preise des
Barrensilbers
in London. Der mexikanische Dollar entspricht etwa 0,72 Tael. Neben dem
mexikanischen Dollar laufen noch eine große Anzahl anderer von den
Provinzialregierungen
geprägter Dollars um, die jedoch zum Vollwert nur in der Provinz gelten,
in der sie ausgeprägt sind. Daneben sind Hongkong-Dollars, Straits-
Dollars
und in kleineren Vertragshäfen, wie z. B. Ningpo und Wuhu, auch
spanische
Dollars in Gebrauch. Eine der ersten Sorgen der neuen chinesischen
Regierung
wird es sein müssen, in das Chaos der Münz- und Währungsverhältnisse
einige
Ordnung zu bringen. Vor Ausbruch der Revolution waren die Vorarbeiten
für die Sanierung des Geldwesens bereits so weit gediehen, daß
beschlossen
war, aus der geplanten, 1200 Mill. M. Anleihe zunächst das Geld für die
Schaffung einer einheitlichen Reichsmünze (etwas höher als 2 M, ungefähr
wie der japanische Yen) zu nehmen. Nach Durchführung der Münz- sollte
dann an die Währungsreform gegangen werden. Das Fehlen geeigneter
Umlaufsmittel
machte sich auch im Schutzgebiet mit der fortschreitenden Entwicklung
von Jahr zu Jahr empfindlicher bemerkbar. Dies trat weniger im
kaufmännischen
Großverkehr als im täglichen Leben innerhalb der Kolonie zutage, wo die
Unhandlichkeit der schweren Silberdollar und vor allem der
Kupferkäschstücke
zu einer außerordentlich weitgehenden Verwendung von Schecks und
Schuldscheinen
(sog. Chits) selbst bei den kleinsten täglichen Ausgaben führte. Dies
System brachte mancherlei Nachteile mit sich, vor allem verführte es zum
unüberlegten Schuldenmachen, weil es den Überblick über die
Geldverhältnisse
erschwerte und zur übermäßigen Inanspruchnahme des Kredits verführte.
Aus diesen Gründen entschloß sich das Gouvernement zur Einführung von
handlichen Geldsurrogaten in Form von Papierwertzeichen. Da es in China
ein staatlich ausgegebenes Geldpapier nicht gibt, sondern sämtliche im
Verkehr befindlichen Papierwerte von Privatbanken in Umlauf gesetzt
sind,
schien es angezeigt, auch deutscherseits in Anlehnung an die bestehenden
Verhältnisse ähnlich zu verfahren. Es wurde deshalb der Deutsch-
asiatischen
Bank das Recht verliehen, durch ihre Niederlassungen in Tsingtau und in
China Banknoten auszugeben. Sie kamen in Abschnitten
von 1, 5, 10, 25, 50, 100, 200 und 500 Dollar, sowie 1, 5, 10, 20, 50,
100 und 500 Tael in Umlauf, in Tsingtau und Tsinanfu jedoch nur in
Dollar.
In der Provinz Schantung dürfen nur auf Tsingtau-Währung lautende Noten
ausgegeben werden; zurzeit schweben Verhandlungen wegen event. Ausgabe
von Tael-Noten. Um die Umlaufsfähigkeit dieser Noten sicherzustellen,
verpflichtete sich die Bank, sie in Tsingtau und in allen andern
Bankplätzen
der Provinz Schantung (bisher nur Tsinanfu) zum Nennwert, an ihren
übrigen
Niederlassungen in Schanghai, Hankau, Peking und Tientsin zum
Wechselkurs
einzulösen. Außerdem erklärte sich die Bank bereit, die Noten in
analoger
Weise jederzeit bei ihren Geschäftsstellen in Zahlung zu nehmen.
Sicherstellung
der Noten. Eine Schwierigkeit ergab sich hinsichtlich der Art und Weise,
wie man eine Gewähr für die unbedingte Sicherheit der neuen Banknoten
schaffen sollte. Das System des deutschen Bankgesetzes, das für die
heimischen
Notenbanken das stete Vorhandensein
einer gewissen Bardeckung vorschreibt, und sie in Ergänzung dessen auf
einen bestimmten, spekulative Geschäfte ausschließenden Tätigkeitskreis
beschränkt, konnte für die Deutschasiatische Bank nicht in Frage kommen.
Denn diese ist ganz wesentlich auch Emissionsbank und während ihres
ganzen
Entwicklungsganges an den mannigfaltigsten Arten spekulativer Geschäfte
beteiligt gewesen. Eine Beschränkung auf diesem Gebiet würde eine
empfindliche
Schwächung des deutschen Wirtschaftslebens im fernen Osten bedeutet
haben.
Es wurde ein Ausweg in der Weise gefunden, daß in Anlehnung an das
amerikanische
Prinzip eine Sicherheitsleistung für die Banknotenausgabe vorgeschrieben
wurde. - Die Sicherheitsleistung kann, soweit sie nicht durch
Hinterlegung
des vollen baren Gegenwertes des Nominalbetrages erfolgt, nach den
Abmachungen
bewirkt werden: 1. durch Stellung von Bürgen: Als solche sind vom Reichskanzler 7 deutsche Großbanken
zugelassen.
Die Bürgschaftsleistung erfolgt in der Weise, daß a) die Bürgen von der
Deutsch-asiatischen Bank ausgestellte Sichtwechsel in der Höhe von
mindestens
100 000 M akzeptieren oder daß sie b) durch schriftliche
Bürgchaftserklärungen
auf mindestens fünf Jahre die selbstschuldnerische Bürgschaft unter
Verzicht
auf die Einreden des § 770 des Bürgerlichen Gesetzbuches übernehmen. Auf
diese Weise ist es erreicht, daß für den vollen Betrag der Notenausgabe
außer dem Vermögen der Deutschasiatischen Bank eine Anzahl der
bestfundierten
heimischen Finanzinstitute haften. 2. durch Hinterlegung von
Wertpapieren,
die vom Reichskanzler als geeignet zugelassen werden. 3. durch die
Bestellung
von Hypotheken an Grundstücken der Bank. Doch ist abgemacht worden, daß
bis auf weiteres nur die erste Art der Bürgenstellung angewendet werden
soll. Dem Reichskanzler ist ein weitgehendes Aufsichtsrecht über die
Geschäfte
der Bank eingeräumt worden. Als Gegenleistung für die Erlaubnis zur
Banknotenausgabe
hat der Fiskus sich eine Notenabgabe in Höhe von jährlich 1% auf den
Jahresdurchschnitt
des täglichen Notenumlaufs ausbedungen. Die Abgabe von den Banknoten in
Tsingtau erhält das Gouvernement. Am 15. Juni 1907 begann die Deutsch-Asiatische
Bank mit der Ausgabe ihrer Noten, die eine willige Aufnahme fanden.
Schon ein Jahr nach Beginn der Ausgabe, am 20. Juni 1908, waren solche
im Nennwert von 490303 Dollar im Umlauf, im Oktober 1913 betrug der
Gesamtumlauf
2 825 892 Dollar und 148 981 Tael, wovon auf Schantung entfielen 1612
568 Dollar. -Die Einführung von Nickelscheidemünzen. Ein weiterer
Übelstand
auf dem Währungsgebiet war in Tsingtau wie an den andern ostasiatischen
Plätzen der Mangel einer bestimmten Scheidemünze für den mexikanischen
Dollar. Die teilweise in Hongkong, zum Teil in provinzialen chinesischen
Münzstätten geprägten 5, 10 und 20 Centstücke waren vielfach mit einem
ihrem Wertverhältnis zum Dollar nicht entsprechenden, viel zu geringen
Silbergehalt hergestellt. Da von seiten der Ausgabestellen nicht die
Verpflichtung
bestand, sie zum Nennwert in Zahlung zu nehmen, so war die Folge, daß
sie nur im Kleinverkehr für vollwertig galten, während größere Summen
nur mit einem Disagio untergebracht werden konnten. Unter diesen
Verhältnissen
hatten namentlich kleinere Händler zu leiden, die ihre Einkäufe mit
Silberdollar
bezahlen mußten, während sie in kleinen Mengen für Cents weiter
verkauften.
Klagen aus diesen Kreisen führten zur Einführung einer
Nickelscheidemünze
für das Schutzgebiet im Nennwert von 5 und 10 Cents, die die
deutschasiatische
Bank jederzeit als vollwertig einzulösen sich verpflichtete. Um das
Vertrauen
des Publikums und die Umlauffähigkeit der neuen Münzen zu erhöhen,
hinterlegte
das Gouvernement bei der deutsch-asiatischen Bank eine Summe in
Silberdollar,
die dem Nennwert der gesamten in Umlauf gesetzten Nickelmünzen
entsprach.
Die neuen 5 und 10 Centstücke haben sich gut eingeführt. Im Jahre 1913
waren ausgeprägt und im Umlauf für 97500 Dollar 5 und 10 Centstücke. -
B. Bankwesen. Die führende Bank in Tsingtau ist die deutsch- asiatische
Bank; daneben haben in jüngster Zeit die Honkong and Shanghai Banking
Corporation, die russisch-asiatische Bank, die Yokohama Specie Bank
sowie
zwei chinesische Banken Filialen
errichtet.
Die deutsch-asiatische Bank ist im Jahre 1889 unter Führung der
Diskontogesellschaft
mit einem Aktienkapital von 7 1/2 Mill. Schanghai-Taels als
Tochtergesellschaft
einer größeren Anzahl deutscher Großbanken gegründet worden. Die
Dividende
der letzten Jahre betrug durchschnittlich 8 %. - C. Aktienwesen. Für das
Schutzgebiet galten bis zum Jahre 1911 lediglich die heimischen
Bestimmungen.
Wichtig und unter Umständen für die wirtschaftliche Entwicklung des
Schutzgebiets
von weittragender Bedeutung, war die Ende 1911 durch die gesetzgebenden
Körperschaften erfolgte Verabschiedung des sog. kleinen Aktiengesetzes,
wonach in den Konsulargerichtsbezirken in China und im Schutzgebiet K.
Aktien zum Nennwerte von 200 M oder 100 Dollars ausgegeben werden
können.
Es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß es durch dieses Gesetz mehr
als bisher gelingen wird, für Aktienunternehmen vor allem chinesisches
Kapital heranzuziehen, das bisher an der für deutsche Unternehmungen
vorgeschriebenen
1000 M-Aktie Anstoß nahm. Die Kolonialgesellschaften, die ja auch die
Möglichkeit der Ausgabe kleinerer Aktien als 1000 M vorsehen, eigneten
sich ihrer schwerfälligen Form wegen nicht für ostasiatische
Handelsunternehmungen.
Wollte Deutschland mit den übrigen Nationen, vor allem England,
konkurrieren,
mußte den Kaufleuten auch der Weg geebnet werden. Das ist durch das
genannte
kleine Aktiengesetz geschehen.
14. Maße, Gewichte, Münzen. 1 Li = 500 m, - 1 Mou = 921 qm. -
1 Kätty = 604,53 g. 1 Pikul = 100 Kätty = 60,453 kg. - 1 mexikanischer
Dollar = 100 Cent = durchschnittlich 2 M. - 1 Haikuantael = 1,50 Dollar
= durchschnittlich 3 M. - 1 Tiau = 1000 kleine Käsch = etwa 80 Pf.. -
10 Käsch (neuere Kupfermünze) = 0,8 Pf.
15. Zollwesen. Durch die erste Übereinkunft über die Errichtung
eines
Seezollamtes in Tsingtau vom 17. April 1899 wurde das Schutzgebiet in
seinem ganzen Umfange zum Freihafen erklärt. Es wurde für die Einfuhr
zu eigenem Gebrauch und für die Ausfuhr aus eigenen landwirtschaftlichen
und industriellen Erzeugnissen als außerhalb der chinesischen
Zollgrenzen
liegend betrachtet. Nur die Waren, die hereinkommend oder herausgehend
das Tsingtaugebiet als Brücke von China ins Ausland oder vom Ausland
nach
China benutzten, sollten die vertragsmäßigen Zölle entrichten. Die
Zollerhebung
fand aber nicht bei der Überschreitung der Schutzgebietsgrenze, sondern
am Hafen auf die Erklärung der beabsichtigten Einfuhr nach China hin
statt.
In den ersten Jahren, in denen in der Hauptsache Platzgeschäfte
getrieben
wurden, bewährte sich dies Verfahren. Mit dem zunehmenden Handel mit dem
Hinterland traten jedoch eine ganze Reihe von Unzuträglichkeiten ein.
Die Kaufleute konnten schlecht über ihre Waren so frei disponieren, wie
sie das im Interesse ihrer Geschäfte für notwendig hielten; so tauchte
der Gedanke einer Zollunion mit China auf. Die mit dem chinesischen
Seezoll
aufgenommenen Verhandlungen führten im Jahre 1906 zu dem Ergebnis, daß
das Freihafengebiet auf die Hafenanlage und das angrenzende
Speicherviertel
beschränkt wurde. Alle Waren, die dies Gebiet verließen, mußten
Einfuhrzoll
(im Durchschnitt 5% vom Wert) zahlen, gleichgültig, ob sie im
Schutzgebiet
oder im Innern von China verbraucht werden sollten. 20 % der
Nettozolleinnahme
aus den Einfuhrzöllen wurde an das Gouvernement K. abgeführt, da man den
Anteil der im Schutzgebiet verbleibenden Waren auf etwa ein Fünftel der
Gesamteinfuhr schätzte. Diese Regelung hat sich bewährt. Den Kaufleuten
wurde der Warenabsatz erheblich erleichtert. Das Gouvernement hat eine
gute Einnahmequelle, deren Eintreibung keine Kosten macht, gewonnen. Die
Einnahmen des chinesischen Seezolls erhellen aus nachstehender Tabelle:
Die Gesamtzolleinnahmen des Kiautschou-Seezonamts betrugen:

16. Finanzen des Schutzgebiets. Die Ausgaben des K.etats, werden
gedeckt: 1. aus den eigenen Einnahmen des Schutzgebiets, 2. aus dem
Reichszuschuß.
Die folgende Tabelle zeigt das gegenseitige Verhältnis dieser Faktoren
in den Jahren von der Besitzergreifung bis 1913.

Die Ausgaben des Gesamtetats teilen sich in solche, die für
militärische
und solche, die für andere Zwecke nötig sind. Bei der Betrachtung des
Etats für 1914 ergibt sich für die militärischen Ausgaben eine
Gesamtsumme
von etwa 9,4 Mill M, worin eine für die Betrachtung der gesamten
Etatsverhältnisse
nicht zu berücksichtigende einmalige Verstärkung von 1,4 Mill. M für das
ostasiatische Marinedetachement enthalten ist, das in Stärke von 660
Mann
in Peking, Tsingtau und Tientsin stationiert ist. Hält man an dem in der
Kolonialpolitik allgemein anerkannten Grundsatz: "Der militärische
Schutz
ist in erster Linie Sache des Mutterlandes" fest, so zeigt sich, daß die
Kolonie Tsingtau nahezu imstande ist, alle anderweitigen Ausgaben selbst
zu decken. Aus nachstehender Tabelle sind die Einnahmequellen nach dem
Etatsvoranschlag für das Jahr 1914 im einzelnen ersichtlich:

Es ergibt sich mithin, daß, obgleich die eigenen Einnahmen des
Schutzgebiets
bereits jetzt nahezu ausreichen, die Ausgaben der Zivilverwaltung zu
decken,
die Bürgerschaft doch nur mit etwa 1,2 Mill. M zu diesem an sich
erfreulichen
Ergebnis beiträgt. Der weit überwiegende Teil der Einnahmen beruht auf
den Erträgnissen der staatlichen Erwerbsbetriebe. Es wäre jedoch ein
grundsätzlicher
Fehler, wollte man den Wert eines Außenpostens, wie ihn die Kolonie K.
darstellt, lediglich einschätzen nach den baren Einnahmen, die sie dem
Fiskus zuführt. Man tut gut, sich zum Vergleich die Verhältnisse der
Kolonie
Hongkong zu vergegenwärtigen. Auch jetzt noch, wo Hongkong als einer der
wichtigsten Bestandteile des englischen Kolonialreiches gilt, zahlt das
Mutterland den weitaus größten Teil aller militärischen Kosten. Hongkong
liefert lediglich 20% seiner eigenen Einnahmen als Zuschuß an das
Mutterland
ab. Dieser Zuschuß betrug im Jahre 1913 1428452 Dollar. - Der Wert
Tsingtaus
beruht mehr in Imponderabilien, deren Bedeutung für die deutsche
Volkswirtschaft
und die Ausbreitung der deutschen Kultur in China gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden kann. Das Reich der Mitte wird sicherlich für den
Handel und die Industrie Europas und Amerikas in nicht allzu ferner Zeit
der ausschlaggebende Absatzmarkt werden. Der Staat, der auf friedlichem
Wege, unter Anpassung an die Eigenart des Chinesen und unter Schonung
seines nationalen Ehrgefühls die besten Verbindungen mit China
anzubahnen
und auszugestalten versteht, wird als Sieger aus diesem internationalen
Wettkampf um die Eroberung eines der größten Weltmärkte hervorgehen oder
doch zum mindesten nicht von anderen, vielleicht schlechteren
Konkurrenten
verdrängt werden können. In unserer ostasiatischen Kolonie haben wir
einen
Angelpunkt, von dem aus die Fäden gemeinsamer kultureller wie
kommerzieller
Interessen mit China immer enger geknüpft werden können. Diesen
Gesichtspunkt
sollte man auch bei Beurteilung der finanziellen Verhältnisse des
Schutzgebiets
nie außer acht lassen und dementsprechend auch die vom Mutterlande
auszustellenden
Wechsel auf eine, wenn nicht alle Anzeichen trügen, erfolgreiche Zukunft
nicht zu knapp bemessen.
17. Bodenpolitik. Grund- und Wertzuwachssteuer. Vor der Pachtung
durch
das deutsche Reich war der Grund und Boden des Schutzgebietes ausschließlich zu
landwirtschaftlichen Zwecken benutzt worden. Es lag auf der Hand, daß mit der
Anlage einer Stadt und mit dem Bau von Hafen- und Eisenbahnanlagen sein
Verkaufswert sich in kurzer Zeit vervielfachen würde. Es war also ein starker
Antrieb zur Bodenspekulation mit ihren unerwünschten Folgen - Verteuerung des
Baulandes, Ansammlung ausgedehnter Terrains in einzelnen kapitalkräftigen Händen
- vorhanden. Das RMA. betrachtete es als eine seiner ersten Aufgaben, dem einen
Riegel vorzuschieben. Die erste Gefahr war die, daß die Chinesen selbst in
Erkenntnis der Sachlage sich zu Ringen zusammenschlossen und die Landpreise
künstlich in die Höhe trieben. Dies Verfahren wurde dadurch unmöglich gemacht,
daß das Gouvernement sämtlichen Landbesitzern eine Summe im Betrage der
doppelten jährlichen Grundsteuer als Prämie auszahlte. Dafür mußten die Besitzer
sich verpflichten, nur an die Regierung, und zwar zu "alten" Preisen zu
verkaufen. Diese Maßregel sicherte einen billigen Übergang des Landes in den
Gouvernementsbesitz. Sie hätte allein aber nicht verhindern können, daß
europäische Spekulanten weite Flächen aufkauften und unbenutzt liegen ließen,
bis die allgemeine Wertsteigerung einen vorteilhaften Verkauf ermöglichte.
Solche Spekulationskäufe sollten unrentabel gemacht werden. Zwei Wege wurden
dazu eingeschlagen. - 1. Die Grundsteuer: Es wurde festgesetzt, daß jedes
Grundstück, gleichgültig ob mit Häusern bebaut oder als unbenutztes Bauland
brach liegend, zunächst 6 % des Ankaufspreises jährlich an das Gouvernement als
Grundsteuer zu entrichten habe. Innerhalb dreier Jahre muß das Land nach dem
vorher angegebenen Bebauungsplane bebaut sein, sonst sind 9 % Grundsteuer zu
zahlen. Ist das Land nach weiteren drei Jahren nicht bebaut, so werden 12 %
Grundsteuer erhoben. Da nur bebautes Land diese Zinsen verdienen kann, mußte ein
unbenutzt liegender Platz als ungünstige Kapitalsanlage erscheinen. - 2. Die
Wertzuwachssteuer: Die Bestimmungen der Wertzuwachssteuer setzen fest, daß bei
dem Verkauf eines Grundstücks dem Gouvernement das Vorkaufsrecht zusteht.
Verzichtet das Gouvernement auf sein Vorkaufsrecht, so hat der Verkäufer 33 1/3
% von dem Mehr des Verkaufs- gegen den Einkaufspreis als Wertzuwachssteuer an
das Gouvernement zu entrichten. Der Wert von Baulichkeiten und andern
Einrichtungen, durch die der erste Besitzer mit Aufwand an Geld und Arbeit sein
Grundstück wertvoller gemacht hatte, kommt bei der Berechnung der Preisdifferenz
in Abzug, denn die Wertzuwachssteuer soll naturgemäß nur solche Wertsteigerungen
treffen, die durch die Tätigkeit der gesamten Bürgerschaft und des
Gouvernements, also ohne besonderes Zutun des Landbesitzers hervorgerufen sind.
Die Abgabe des Landes an die Käufer erfolgt von seiten des Gouvernements durch
Landauktionen, die nach Fertigstellung des Bebauungsplanes stattfinden, sobald
ein Bedürfnis dazu vorhanden ist. Bei diesen Auktionen wird der Mindestpreis,
des Landes durch das Gouvernement festgesetzt. Den Zuschlag erhält der
Meistbietende. Die Grundstücke, die für öffentliche Zwecke vorgesehen sind,
werden vom Verkauf ausgeschlossen. Die Tsingtauer Landordnung hat sich gut
bewährt. Landspekulation im Schutzgebiet ist, sehr im Gegensatz zu den älteren
Vertragshäfen, fast unbekannt, und der Landbedarf von Kauflustigen hat stets zu
vernünftigen Preisen ausreichend befriedigt werden können.
18. Auf- und Ausbau der Hafenanlagen und der Stadt Tsingtau. Der
Entwurf des Stadtplanes wurde von der Beantwortung zweier Fragen
abhängig
gemacht. Erstens: Wo läßt sich mit geringstem Geldaufwande ein allen
Anforderungen
genügender Hafen bauen, und zweitens: Wo sind die günstigsten
Wohnbedingungen?
Als Ort für den Hafenbau wurde, nachdem
alle in Betracht kommenden Verhältnisse durch den bekannten Wasserbauer
Geheimrat Franzius an Ort und Stelle einer gründlichen Prüfung
unterzogen
worden waren, der Platz an der innern Bucht bestimmt, zu dem ein tiefer,
natürlicher Stromschlauch den größten Schiffen den Zugang gestattete,
während Woman Island und ein Riff den Bau einer Umschließungsmole
erleichterten.
Eine Sand- und Schlickschicht von durchschnittlich 15 m Mächtigkeit über
dem Felsboden ermöglichte die Herstellung der gewünschten Wassertiefen
ohne kostspielige und zeitraubende Sprengungen ausschließlich durch
Baggerarbeiten.
Dieser überaus günstigen Bodenkonfiguration ist es zu danken, wenn der
nunmehr in der Hauptsache fertiggestellte künstliche Hafen mit seinen
mustergültigen Einrichtungen für Löschen, Laden und Aufbewahren der
Güter
sowie einer nutzbaren Kaifläche von 1900 m für kaum 30 Mill. M hat
hergestellt
werden können. Der große, stets eisfreie Hafen von Tsingtau ist nach
Nordosten,
Norden und Westen durch einen etwa 3 km langen Steindamm, nach Südwesten
durch die Werftinsel gegen die winterlichen Stürme geschützt. Den Bedürfnissen des
Schiffsverkehrs
für absehbare Zeit entsprechend ist bisher nur die südliche Hälfte des
weiten Beckens auf die Tiefe von 9,5 m bei Niedrigwasser ausgebaggert
worden. Zum Laden und Löschen der Schiffe steht Mole I mit 710 m
Kailänge
und Mole 11 mit 1180 m zur Verfügung (s. Tafel 100). Die gesamte
Kaistrecke
ist mit doppeltem Schienengeleise versehen. Überall an den Molen ist 9,5
m bei Springniedrigwasser, so daß die größten Schiffe jederzeit
längsseit
gehen können. 8 große, moderne, steinerne Lagerhäuser, sowie eine
größere
Anzahl von Wellblechschuppen dienen zur Aufstapelung von Sammelgütern
(s. Tafel 100). -Für
die Petroleumeinfuhr ist - wegen der Feuersgefahr
von dem übrigen Ladebetriebe räumlich getrennt - 400 m nördlich der Mole
II eine besondere Petroleummole mit Röhrenleitungen zu den Tanks der
Standard
Oil Company und der Asiatic Petroleum Company erbaut worden. Billige
Bunkerkohle
in beliebigen Mengen aus dem Lager der Schantung-Bergbau- Gesellschaft
ist jederzeit verfügbar. - Der Kleine Hafen liegt unmittelbar westlich
von Tapautau. Er dient vorwiegend den
vielseitigen Bedürfnissen des lokalen Handels, die einen außerordentlich
lebhaften Sampan- und Dschunkenverkehr hervorgerufen haben (s. Tafel 101).
Um ihn auch für große Seedschunken aus Ningpo und anderen
südchinesischen
Häfen benutzbar zu machen, ist sein nördlicher Teil auf 4,5 m bei
Niedrigwasser
ausgebaggert worden. Mit dem Baggergut sind an seinem nordöstlichen und
südwestlichen Ufer ausgedehnte Lagerplätze, deren der chinesische Handel
noch mehr als der europäische bedarf, geschaffen worden. - Die Verwaltung der Hafenanlagen. Bei der
Inbetriebnahme
des Großen Hafens wurden zunächst die von der Regierung erbauten
provisorischen
Lagerschuppen und die ungedeckten Lagerplätze an Interessenten
verpachtet.
Für die Benutzung erhob das Gouvernement 1. eine Pacht für den Grund und
Boden, 2. die Hälfte der tarifmäßigen Lösch-, Lade- und Lagergebühren,
3. das Liegegeld der Schiffe. Dem Pächter war der gesamte Lösch- und
Ladebetrieb
überlassen. Er sorgte z.B. für Auslieferung der Waren, Bewachung des
Schuppens,
Einziehung der Gebühren, kurz für
alles,
was zu dem ordnungsmäßigen Betriebe von Kajenschuppen gehört. Mit der
völligen Fertigstellung des Hafens und der zunehmenden Mannigfaltigkeit
und Menge des Verkehrs traten immer deutlicher die Nachteile dieser
nebeneinander
bestehenden Kleinbetriebe in die Erscheinung. Es wurde immer
augenscheinlicher,
daß ein einheitlicher Wille nötig sei, um aus den technisch vorzüglichen
Hafenanlagen den größten Nutzen für die Allgemeinheit herauszuholen. Da
das Laden und Entladen von Schiffen und das Lagern von Waren ein rein
kaufmännisches Geschäft ist, so lag der Gedanke nahe, den gesamten
Hafenbetrieb
einer kaufmännischen Lagerhausgesellschaft zu übertragen, ähnlich wie
dies z.B. in Bremen der Fall ist. Hiergegen Sprachen
jedoch gewichtige fiskalische Gründe; da zudem in den Kreisen der
Kaufmannschaft
selbst, die anscheinend die Monopolwirtschaft einer
Lagerhausgesellschaft
fürchteten, wenig Stimmung für die Gründung einer solchen vorhanden war,
so nahm am 1. Nov. 1908 das Gouvernement das Löschen, Laden usw. in
eigene
Regie; die von ihm eingerichtete Kajenverwa1tung hat es, nach
Überwindung
nicht unerheblicher Schwierigkeiten, verstanden, sich das Vertrauen
aller
Interessenten zu erwerben, so daß zurzeit der gesamte Betrieb zur
allgemeinen
Zufriedenheit arbeitet. - Zu Wohnzwecken erschien das an den Hafen
grenzende
Gebiet freilich wenig günstig. Nördlich der Tsingtau Berge gelegen, war
es den rauhen, winterlichen Winden aus nördlicher Richtung schutzlos
ausgesetzt,
während die angenehm kühlenden Seebrisen von Süden und Südosten her im
Sommer nur schlecht heran konnten. Man entschloß sich daher, sich am
Hafen
zunächst auf die für seine Ausnutzung notwendigen Anlagen zu
beschränken,
die Wohn- und Geschäftsstadt aber am Südabhang der Berge nach der
Tsingtaubucht
zu aufzubauen. In letzterer wird der Bootsverkehr nach den auf der
Außenreede
liegenden Schiffen und Dschunken über die Tsingtau- und Yamenbrücke
geleitet.
Der Bahnhof der Schantungbahn ist in der Geschäftsstadt, nicht weit von
der Tsingtaubucht, angelegt, die Bahnstrecke nahe der K.bucht dicht am
großen und am kleinen Hafen vorbei und durch das Hafenviertel geführt
worden. Ein zweiter Bahnhof für den Umladeverkehr in die Schiffe ist in
der Nähe des großen Hafens, erbaut worden. Die alten schmutzigen und
daher
gesundheitsgefährlichen Dörfer der Chinesen wurden aus dem Stadtgebiet
entfernt und den Einwohnern ein neues Stadtviertel, Tapautau (1913 ca.
53000 Einwohner), zwischen der Europäerwohnstadt und dem Hafenviertel
angewiesen (s. Tafel
101). - Gesundheitsverhältnisse. In den ersten Jahren
nach der Besitzergreifung hatten Garnison und Zivilbevölkerung von
Tsingtau
viel an Ruhr und Darmtyphus zu leiden. Die
Ursache dafür war in erster Linie in der Bodenverunreinigung durch die
Darmentleerungen der Chinesen zu suchen, durch die bei der grobkörnigen,
schlecht filtrierenden Bodenbeschaffenheit, namentlich bei Regenwetter,
Typhuserreger in das Grundwasser und
die Brunnen gelangten. Diese Verhältnisse ließen zur
Besserung des Gesundheitszustandes die folgenden Einrichtungen als nötig
erscheinen: die Herstellung einer zentralen Wasserversorgung, den Ausbau einer
Regenwasserkanalisation,
die Regelung der Fäkalienabfuhr. Nebenher gehen mußte eine gründliche
Besserung der Wohnungsverhältnisse, um die Besatzungstruppen aus den
meist
zu ebener Erde liegenden, feuchten und übermäßig stark belegten Räumen
der Chinesenlager und Baracken in
gesunde
Kasernen zu bringen. Die Wasserversorgung. Man
hatte
zuerst an die Anlage eines Stauwerkes gedacht. Eingehende
Bodenuntersuchungen
in den Jahren 1898/1899 führten zum Aufgeben dieses Planes und zur
Anlage
eines Wasserwerks, das mit 50 Abessinierbrunnen ein anscheinend
einwandfreies
Trinkwasser dem Grundwasserstrom des Haipoflusses entnahm. Das Wasser
wurde in einen Sammelbrunnen geleitet und von dort mit Pumpen nach 2 in
den Fels gesprengten Hochbassins oberhalb von Tsingtau gepumpt. Im
Spätherbst
1901 war das Werk betriebsfertig. Schon 1904 wurde eine Vergrößerung der
Leistungsfähigkeit durch die Anlage weiterer Brunnen nötig. Da ein
weiteres
Anwachsen des Wasserbedarfs mit Sicherheit vorauszusehen war, der
Wasserreichtum
des Haipoflusses aber schon bis zur Erschöpfung ausgebeutet wurde, mußte
an die Erschließung neuer Wasserquellen gedacht werden. Die angestellten
Untersuchungen führten zur Errichtung eines zweiten Wasserwerks am
Litsunfluß.
Das dort gewonnene Wasser wurde in einer 11 km langen Leitung in ein
drittes,
auf dem Moltkoberg gelegenes, 2000 cbm fassendes Bassin gepumpt. Das
Werk
ist seit dem Herbst 1908 in Betrieb und für den Bedarf der Stadt auf
absehbare
Zeit ausreichend, zudem ohne Schwierigkeiten erweiterungsfähig. Das
Wasser
kann fast das ganze Jahr hindurch ohne Schaden für die Gesundheit
getrunken
werden. Nach starken Regengüssen empfiehlt sich Abkochen v or dem
Trinken.
- Regenwasserkana1isation. Die Anlage der Regenwasserkanalisation wurde
im Jahre 1901 begonnen und kam 1908 mit 22350 m Leitungslänge zum
vorläufigen
Abschluß. Sie ist seitdem, sich dem Bedürfnis anpassend, weitergeführt
worden. Entsprechend den großen Wassermengen, die gelegentlich
wolkenbruchartig
die Stadt überfluten, mußten die Abflußröhren verhältnismäßig groß
gewählt
werden. - Fäka1ienabfuhr. Für die Fäkalienabfuhr wurde 1900 provisorisch
das Eimersystem eingeführt; da es wenig befriedigend arbeitete, wurde
mit dem Bau einer besonderen Schmutzwasserkanalisation begonnen. Die
Abfälle
wurden ins Meer geleitet. Im Jahre 1906 wurde mit 5800 m Leitungslänge
der Betrieb aufgenommen. 1908 war die Kanalisation von Tsingtau mit
33470
m Kanallänge vorläufig vollendet. Zurzeit wird Tapautan kanalisiert. -
Kasernenbauten. In der ersten Zeit nach der Besitzergreifung wurde die
Bautätigkeit in Tsingtau durch den Mangel an Material und an geschulten,
einheimischen Arbeitskräften sehr gehemmt. Es mußte alles von außerhalb
eingeführt werden. Die Matrosen-Artillerie- Abteilung wurde im Herbst
1905 in die Iltiskasernen, das III. Seebataillon (zur gleichen Zeit) in
die Bismarckkasernen umquartiert. Dem Bau dieser Kasernen sind im Laufe
der Jahre, entsprechend der wachsenden Größe der Besatzung und ihrer
Gliederung,
eine Reihe von Ergänzungs- und Neubauten gefolgt, so daß zur Zeit alle
Truppen der 2400 Mann starken Besatzung
in steinernen Kasernen untergebracht werden können. Die von früher her
vorhandenen Baracken werden als Reserve und zur Unterbringung eines
Teiles
des ostasiatischen Marinedetachements benutzt. Unterbringung von
Offizieren
und Beamten. Die Wohnungsbeschaffung für Offiziere
und Beamte hatte das Gouvernement
grundsätzlich
dem privaten Unternehmungsgeist vorbehalten wollen. Da aber im ersten
Entwicklungsstadium der Kolonie eine dringende Wohnungsnot eintrat, sah
es sich veranlaßt, mit einer Schanghaier Firma eine Baugenossenschaft
einzugehen, um für eine schnelle und ausreichende Wohnungsbeschaffung
zu sorgen. Die Regelung hat sich bewährt, ist zudem für den Fiskus eine
gute Einnahmequelle geworden. - Lazarettwesen. Als erstes Lazarett in
Tsingtau dienten Döckersche Baracken, die aus
Deutschland
herausgeschickt worden waren. Sie waren nur ein unzureichender
Notbehelf.
Schon im Jahre 1899 wurde daher mit dem Bau eines groß angelegten
Lazaretts
für Militär- und Zivilbevölkerung begonnen. Es wurde nach dem
Pavillonsystem
eingerichtet, konnte 1900 in Betrieb genommen werden und erfuhr 1904
durch
eine Frauen- und Kinderklinik eine wesentliche Erweiterung. Ihr
angegliedert
ist eine bakteriologische Untersuchungsstation, die Quarantänestation,
die Gouvernementsapotheke und das Prostituiertenkrankenhaus. Aus der
Höhe
der Belegungsziffern, besonders in den Monaten Juli-September ist
ersichtlich,
daß die Zahl der Magen- und Darmkrankheiten im Schutzgebiet gegenüber
den gleichartigen Erkrankungen in Deutschland immer noch eine relativ
recht hohe ist. Ergänzend tritt zu dem Lazarett das Genesungsheim
Mücklenburghaus
(s. Tafel 105). Das Geld zu seinem Bau ist
durch die Kolonialgesellschaft aufgebracht worden. Der ursprüngliche
Plan,
Errichtung auf einer Halbinsel am Fuße des Lauschan, mußte wegen
Wassermangels
an der ins Auge gefaßten Stelle aufgegeben werden. Statt dessen wurde
es auf dem 500 m hohen Tempelpaß gebaut, in dessen Nähe sich auch das
aus fiskalischen Mitteln errichtete Soldatenerholungsheim sowie eine
Reihe
von privaten Sommerhäusern befinden. Neben dem Gouvernementslazarett ist
in Tsingtau im Jahre 1906, der privaten Initiative der Bürgerschaft
entspringend,
das Faber- Krankenhaus gegründet worden (s. a. Tafel 134). - Krankenhäuser für die Chinesen. Die
ärztliche
Versorgung der Eingeborenen in Tsingtau selbst haben die Missionen
beider
Konfessionen dem Gouvernement zum Teil abgenommen. Der allgemeine
evangelisch-protestantische
Missionsverein unterhält seit dem Jahre 1901
das Faber-Hospital und die Katholische
Mission ein zweites Krankenhaus. Im Zusammenhang mit der deutsch-
chinesischen Hochschule ist ein vom Gouvernement betriebenes
Chinesenkrankenhaus
erbaut worden. Im Landgebiet ist in Litsun unter Leitung eines
Marinearztes
eine sehr stark besuchte Poliklinik
eingerichtet worden. Als Außenposten zur Beobachtung von Seuchen usw. wirkt ein Marinestabsarzt in Tsinanfu.
- Schlachthof. Am 6. April 1906 ist ein nach den modernsten Grundsätzen
gebauter Hallenschlachthof in Betrieb genommen worden. Er liegt
außerhalb
der eigentlichen Stadt, nahe an der Bahn, dicht am Meere - um die
Beseitigung
der Abfallstoffe zu erleichtern - und so weit von den Wohnvierteln
entfernt,
daß eine Belästigung durch den Zutrieb des Viehes und durch Insekten nicht eintreten kann. - An sonstigen
fiskalischen
Bauten seien genannt: Die Gouvemementsschule, das
Gouvernementsdienstgebäude,
das Gouverneurwohnhaus, die deutsch-chinesische Hochschule und das
Gerichtsgebäude.
- Unter den aus privaten Mitteln zu gemeinnützigen Zwecken hergestellten
Bauten sind außer dem schon genannten Mecklenburghaus und dem Seemannshaus zu
erwähnen:
die Christuskirche; sie ist mit dem Gelde des deutschen evangelischen
Kirchenausschusses gebaut worden und dient sowohl den Besatzungstruppen
wie der Zivilbevölkerung als Gotteshaus. Die evangelische
Zivilbevölkerung,
deren Pastorierung durch den Garnisonpfarrer erfolgt, hat sich zu einem
freien Kirchenverein zusammengeschlossen. - Das Observatorium; die zu
seiner Errichtung erforderlichen 175000 M hat der Verband der deutschen
Flottenvereine im Ausland dem RMA. zur Verfügung gestellt. Es versieht
den Sturmwarnungs- und Wettervorhersagedienst. Ferner besitzt es eine
Normaluhranlage mit Einrichtung zum selbständigen Fallenlassen des
Zeitballs,
um die für die Schifffahrt so wichtigen Zeitsignale in einwandfreier
Weise
geben zu können. Außerdem betreibt es erdmagnetische und
seismographische
Beobachtungen, hat in der kurzen Zeit seines Bestehens schon
verschiedene
Nebenstationen im Hinterlande errichtet und scheint auf dem besten Wege
zu sein, sich zu einem wichtigen Faktor für die Schiffahrt und die Wissenschaft auszuwachsen.
- Privater Initiative verdankt auch die Kiautschou-Bibliothek ihr
Entstehen.
Die Kiautschou-Bibliothek ist im Jahre 1898 mit einem Stamm von 5500
Bänden
von einem Komitee in Deutschland
gestiftet
worden, um "zur Förderung der geistigen Entwicklung und zur Belebung
deutscher
Gesinnung auf fremdem Boden beizutragen". Zuerst provisorisch im
Sitzungssaal
des Gerichtsgebäudes untergebracht, hat sie jetzt ein würdiges Heim im
Gouvernementsgebäude gefunden. Die Kosten der Verwaltung und
Vergrößerung
werden zum Teil durch Beiträge der Benutzer, zum Teil durch einen
Zuschuß
des Gouvernements aufgebracht. Neben der Unterhaltungsliteratur wird
besonderer
Wert auf eine möglichst vollständige Sammlung von Werken über Ostasien
und kolonialpolitische Fragen gelegt. Im Juli 1912 hatte die Bibliothek
einen Bestand von 11424 Bänden. Sie zählte 335 beitragzahlende
Mitglieder.
Im Jahre 1911/12 wurden etwa 21000 Bände, davon über die Hälfte
unentgeltlich
an Soldaten verliehen. In dem mit der Bücherei
verbundenen
Lesezimmer liegen jetzt 89 meist deutsche Zeitungen und Zeitschriften aus. 3 große Zeitungen werden
über Sibirien bezogen. Die private Bautätigkeit (s. Tafel 97 bis 105)
von seiten europäischer und chinesischer Bauherrn ist seit der
Besitzergreifung
dauernd sehr rege gewesen. Fast alle in Ostasien führenden Firmen
haben Filialen in Tsingtau errichtet. In erster Linie sind zu nennen:
Die Hamburg-Amerika-Linie,
Melchers & Co. (Vertreter des Norddeutschen Lloyd),
die Deutsch-asiatische Bank, Carlowitz & Co., Arnhold, Karberg & Co.,
H. Diederichsen & Co., A. Ehlers & Co., Schwarzkopff & Co., Sietas Plambeck
& Co., Siemßen & Co., Sander, Wieler &
Co. u. a. m. In das Handelsregister
waren im September 1912 71 Firmen eingetragen. Einen ganz besonderen und
in Tsingtaus kurzer Geschichte unerhörten Aufschwung hat die
Bautätigkeit
seit dem Herbst 1911, d. h. seit dem Beginn der jüngsten Unruhen
genommen.
Diese, haben Tsingtau, dessen in ganz China bekannte Ordnung und
Sicherheit
keinen Augenblick auch nur bedroht war, einen sehr starken Zuzug
wohlhabender
Chinesen aller Bevölkerungsklassen gebracht, die vielfach Grund und
Boden
erworben und sich seßhaft gemacht haben. Wenn nicht alles täuscht, so
hat die Revolution der Kolonie einen
unvorhergesehenen,
neuen und recht starken Anstoß zu kräftigster Weiterentwicklung gegeben.
Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich mit Hongkong auf, das auch erst
nach dem Taipingaufstand (1852/64), der viele reiche Chinesen in die
sichere
englische Kolonie getrieben hatte, zu seiner jetzigen Blüte gediehen
ist.
Während sonst das Gouvernement innerhalb eines Rechnungsjahres nach der
Etatsvorveranschlagung für etwa 70000 M Grundstücke verkaufte, sind im
Jahre 1911 27 Baustellen für 67895 Dollar und im Jahre 1912 131
Baustellen
für 362318 Dollar, d.h. für rund 720000 M in private, und zwar ganz
überwiegend
in chinesische Hände übergegangen. Angesichts der bisherigen Entwicklung
und der noch immer bestehenden Nachfrage nach weiteren Grundstücken muß
auch ein sehr kritischer Beurteiler zugeben, daß die Marineverwaltung
den Plan für die Entwicklung von Tsingtau zwar großzügig, aber nicht
übertrieben
weitläufig angelegt hat. Daß das Kleid für die Kolonie in der ersten
Entwicklungszeit
reichlich weit war, mag manchen selbst wohlwollenden Beurteiler - nicht
ganz mit Unrecht - stutzig gemacht haben. Der Gang der Ereignisse hat
jedoch den Gründern Tsingtaus Recht gegeben. Schon jetzt füllt die Stadt
ihr ehemals viel zu weites Gewand nahezu aus. Längst stoßen die zuerst
durch breite unbebaute Flächen getrennten Orte Tsingtau und Tapautau
zusammen,
und an der fast 1 1/2 km langen Straße zwischen Tapautau und dem großen
Hafen wächst das kräftig aufblühende
Hafenviertel
heran.
19. Gouvernementswerft. Für Tsingtau als Flottenstützpunkt und
Handelshafen
ist eine leistungsfähige Reparaturwerft von allergrößter Wichtigkeit.
Das RMA. hatte zuerst beabsichtigt, die Errichtung einer solchen der
Privatinitiative
zu überlassen und diese nur durch vertragsmäßige Übertragung sämtlicher
Reparaturarbeiten für das Kreuzergeschwader zu unterstützen. Es landen
sich aber keine geeigneten Unternehmer. Das Gouvernement mußte sich
daher
entschließen, ihre eigene, gleich nach der Besitzergreifung an der
Außenreede
eingerichtete Reparaturwerkstatt nach dem großen Hafen zu verlegen und
zu einer Werft auszubauen. In der ersten Zeit war man wegen des
gänzlichen
Fehlens geschulter Eisenarbeiter auf Arbeitskräfte aus Schanghai und
andern
Vertragshäfen angewiesen. Um sich davon nach Möglichkeit unabhängig zu
machen, wurden schon im April 1902 80 Lehrlinge aus Schantung
eingestellt. Sie mußten sich zu vierjähriger Lehr- und zweijähriger
Gesellenzeit
verpflichten. Neben der praktischen Ausbildung durch einen deutschen
chinesisch
sprechenden Werkmeister erhielten sie auch Unterricht im Deutschen, im
Schreiben und Rechnen. Da sich dieses Verfahren bewährte, wurden in
jedem
Jahr neue Zöglinge eingestellt, 1905 wurde mit der Übersiedlung der
Gouvernementswerkstatt
nach dem großen Hafen begonnen. Etwa gleichzeitig war dort die
Montierung
des 150 t Krans beendet und die Verankerung des aus Deutschland zerlegt
herausgeschickten von der Gute-Hoffnungs-Hütte gelieferten und in
Tsingtau
zusammengesetzten 16000 t Docks bewirkt
worden. Um einen Stamm ständiger Arbeiter an die Werft zu fesseln, wurde
eine Wohnungskolonie für sie eingerichtet. Im Jahre 1908 stellte man
eine
Geleisverbindung der Werft mit der Schantung-Bahn her und legte ein
Kohlenlager
für das, Kreuzergeschwader an. Im Etat für 1909 ist die Werft unter die
"Verwaltung der Erwerbsbetriebe" aufgenommen worden. Man nahm an, daß
ihre Arbeit nach Deckung aller Unkosten einen Reingewinn für die
Schutzgebietsverwaltung
abwerfen werde. Um Geldmittel für den weiteren Ausbau bereit zu stellen,
wurde bestimmt, daß 40% der Betriebsüberschüsse zur Bildung eines
Rücklagefonds
verwendet werden sollten. Um die Höhe der Überschüsse
festzustellen, wurde eine kaufmännische Buchführung eingeführt. Die
Tätigkeit
der Werft besteht in der Hauptsache in der Ausführung der jährlichen
umfangreichen
Überholungsarbeiten für die Schiffe des Kreuzergeschwaders und die
kleinen
Kreuzer der Südseestation. Den Umstand, daß unsere Schiffe nicht mehr
auf das Wohl- oder Übelwollen fremder Werften
angewiesen sind, kann man, ganz abgesehen von der finanziellen Seite,
nur begrüßen. In zweiter Linie betätigt sich die Werft im Bau kleinerer
Eisenfahrzeuge wie Schlepper, Verkehrsboote, Lotsendampfer,
Kohlenleichter
und ähnlichen. Gelegentlich führt sie auch andere als schiffbauliche
Arbeiten
aus. So sind z.B. die 4 großen Petroleumtanks in Tsingtau je 2 für die
Standard Oil Company und die Asiatic Petroleum Company von ihr montiert
worden. Die Werft beschäftigte im Jahre 1912 im Durchschnitt 1300
Arbeiter.
Als regelmäßiger Reparaturplatz für Handelsschiffe ist Tsingtau als
Anlaufhafen
gegenüber Schanghai, von wo eine sehr bedeutende Küsten- und die
Yangtseschiffahrt
ihren Ausgang nimmt, wesentlich benachteiligt. Auf diesem Gebiet ist
eine
große Entwicklung vorläufig nicht zu erwarten. Dagegen fangen fremde
Kriegsschiffe,
chinesische Kreuzer und der österreichische Stationär in Ostasien an,
sie regelmäßig aufzusuchen.
20. Elektrizitätswerk. Schon bald nach der Besitzergreifung richtete
ein
privater Unternehmer ein kleines Elektrizitätswerk ein und bot den Strom zur
Straßen- und Hausbeleuchtung an. Da der Strombedarf schnell stieg, wurde schon
1900 mit dem Bau einer größeren und erweiterungsfähigen Zentrale begonnen. Noch
vor Vollendung der neuen Anlage geriet die Konzessionsinhaberin, eine deutsche
Aktiengesellschaft, in Konkurs. Um eine Unterbrechung in der Stromversorgung zu
verhindern, schloß das Gouvernement mit den beiden größten deutschen
Elektrizitätsgesellschaften einen Vertrag, in dem diese sich verpflichteten,
vorläufig das Werk auf Rechnung des Fiskus zu betreiben. Im Juli 1903 war die
neue Zentrale fertig. Am 1. Jan. 1904 wurde sie vom Gouvernement in eigene
Verwaltung genommen. und sofort mit einer Verdoppelung der Anlage zwecks
Versorgung des Schwimmdocks und der
Gouvernementswerft begonnen. Seitdem ist die Entwicklung dauernd kräftig
fortgeschritten. Im Jahre 1912 wurden 1256550 Kilowattstunden abgegeben. Es
waren Ende März 1913 884 Abnehmer mit 13913 Glühlampen und 236 Motoren
angeschlossen. Die Werft war mit 160 Motoren angeschlossen. Im Jahre 1912 hat
sich das Elektrizitätswerk mit 4,79 % verzinst. Mit der durch die Etats für 1912
und 1913 bewilligten Summe von 300 000 M wird das Elektrizitätswerk erheblich
vergrößert. Es wird mit der Gouvernementswerft gemeinsam verwaltet, und zwar
nach rein kaufmännischen Grundsätzen.
21. Verwaltung und Rechtspflege. Das Schutzgebiet K. ressortiert vom
Reichs-
Marineamt. - Gouverneur. An der Spitze der
Militär- und Zivilverwaltung im K.gebiet
steht ein Seeoffizier als Gouverneur. Er ist oberster Befehlshaber der
militärischen Besatzung und Vorgesetzter aller im Schutzgebiet angestellten
Militärpersonen sowie der Beamten und der Militär- und Zivilverwaltung. Unter
ihm steht als Zentralinstanz das Gouvernement. Dieses gliedert sich in eine
militärische Abteilung, die Abteilung für die Landesverwaltung, die Finanz-, die
Technische, die Gesundheits- und die Justizabteilung.
An der Spitze der militärischen Abteilung steht der Chef des Stabes, der
zugleich als ältester aktiver Offizier nach dem Gouverneur, Stellvertreter des
letzteren ist. Die Landesverwaltung untersteht dem Zivilkommissar, dem zur
Unterstützung und als ständiger Stellvertreter ein Regierungsrat beigegeben ist.
Von der Landesverwaltung werden alle Angelegenheiten bearbeitet, die Handel und
Gewerbe, Eisenbahn und Bergbau, Steuern, Zölle,
Kirche, Missions- und Schulwesen, die Polizei,
die Angelegenheiten der chinesischen Bevölkerung, Ankauf und Verkauf von Land, Standesamt,
Veterinärwesen, Kommunalangelegenheiten, Verkehr
mit den Konsulaten und der Bürgerschaft und alle Rechtsangelegenheiten des
Gouvernements betreffen. Die Finanzabteilung untersteht dem Intendanten und
bearbeitet das Etats-, Kassen- und Rechnungswesen der Zivil- und Militärverwaltung. Die technische
Abteilung gliedert sich in 3 Referate, die dem Gouverneur direkt unterstellt
sind, nämlich die: 1. Hochbauverwaltung, 2. die Tiefbauverwaltung, 3. die Werft.
Der unter dem Gouvernementsarzt stehenden Gesundheitsabteilung liegt die Sorge
für das Gesundheitswesen der Kolonie und der Besatzung ob. An der Spitze der Justizverwaltung steht der Oberrichter.
Gouvernementsrat. Als beratendes Organ steht dem Gouverneur der Gouvernementsrat
zur Seite. Er besteht unter seinem Vorsitz aus dem Chef des Stabes, dem
Zivilkommissar, dem Gouvernementsintendanten, dem Gouvernementsarzt, dem
Baudirektor und 4 Bürgerchaftsvertretern.
Bürgerschaftsvertreter. Die Berufung der
Bürgerschaftsvertreter erfolgt auf die Dauer von 2 Jahren. Es wird gewählt:
einer von den Vertretern der im Handelsregister eingetragenen Firmen; einer von
den im Grundbuch eingetragenen
Grundeigenümern, die jährlich mehr als 50 Dollar Grundsteuer zu bezahlen haben;
einer vom Vorstande der Handelskammer; der vierte wird vom Gouverneur ernannt.
Die Bürgerschaftsvertreter müssen deutsche Reichsangehörige und im Schutzgebiet
ansässig sein. Tätigkeit des Gouvernementsrats. Dem Gouvernementsrat sind zur
Beratung vorzulegen: 1. die Vorschläge für den jährlichen Haushaltsetat; 2. die Entwürfe der vom
Gouverneur zu erlassenden Verordnungen. Es
steht dem Gouerneur frei, den Gouvernementsrat auch zur Besprechung
irgendwelcher andern Angelegenheiten einzuberufen. Anträge von
Bürgerschaftsvertretern sind schriftlich zu stellen und von mindestens 2
Bürgerschaftsvertretern zu unterzeichnen. Der Gouverneur kann aus politischen
oder militärischen Gründen ihre Beratung verweigern.
Chinesische Vertrauensleute. Zur Unterstützung des Gouvernements in chinesischen
Angelegenheiten und in der Absicht, allmählich eine Vertretung der chinesischen
Kaufmannschaft im Gouvernementsrat anzubahnen, ist ein Ausschuß von 4
chinesischen Vertrauensleuten, eingesetzt worden. Sie werden vom Gouverneur
jährlich ernannt und zwar 2 auf Vorschlag der Schantung-Tschili-, je einer auf
Vorschlag der Kiangsu- und der Kuangtung-Gilde. - Rechtspf1ege. A. Unter
Europäern. Zur Ausübung der Rechtspflege unter den Europäern des Schutzgebiets
besteht als erste Instanz das "Kaiserliche Gericht von Kiautschou", als zweite
seit dem Jahre 1907 das "Kaiserliche Obergericht von Kiautschou". Bis 1907 war
das Konsulargericht in Schanghai als 2. Instanz zuständig. Die zur Ausübung der
Gerichtsbarkeit in beiden Instanzen
bestellten Beamten heißen "Kaiserlicher Richter"
bzw. "Kaiserlicher Oberrichter". Die Beisitzer
werden vom Oberrichter mit Zustimmung des Gouverneurs ernannt. Sie müssen
Reichsangehörige sein. - B. Unter Chinesen. Die Gerichtsbarkeit über die
Chinesen wird durch Einzelrichter ausgeübt und zwar in erster Instanz durch: 1.
das Bezirksamt Tsingtau ( bis 1. 1. 1914 auch durch das Bezirksamt Litsun), 2.
das Ksl. Gericht von Kiautschou. Das Bezirksamt ist zuständig in Zivilsachen,
wenn der Wert des Streitgegenstandes 250 Dollar nicht übersteigt. In Strafsachen
ist der Tsingtauer Bezirksamtmann befugt,
auf Freiheitsstrafen bis zu 3 Monaten,
Prügelstrafen (nur gegen Männer) und Geldstrafen bis zu 500 Dollar allein oder
in Verbindung miteinander oder mit Ausweisung
zu erkennen. Für andere Fälle ist das Ksl. Gericht von Kiautschou zuständig. In
zweiter Instanz wird die Gerichtsbarkeit ausgeübt durch den Ksl. Oberrichter als
Berufungsrichter. Berufung ist nur gegen Urteile der Bezirksämter zulässig, nicht gegen Urteile
der Ksl. Gerichte. In Bagatellsachen gibt es kein Rechtsmittel. Die
Rechtsprechung erfreut sich im Schutzgebiet und darüber hinaus allgemeinen
Vertrauens. Die Institution der Laienrichter (Beisitzer) hat sich auch in K. gut
bewährt.
22. Schul- und Missionswesen. 1. Die Gouvernementsschule: Die
Gouvernementsschule ist ein Reform-Realprogymnasium. Das Abgangszeugnis
berechtigt zum einjährigfreiwilligen Dienst. In Sexta wird mit dem
Lehren
von Englisch, in Quarta mit Französisch, in Untertertia mit Lateinisch
begonnen. Der Lehrkörper setzt sich zusammen aus dem Direktor, 4
Oberlehrern,
einem Probekandidaten, 3 Elementarlehrern und 2 geprüften Lehrerinnen.
Der Religionsunterricht wird durch je einen Pfarrer
jeder Konfession erteilt. Die Schule wird von Knaben und Mädchen
gemeinsam
besucht. Für auswärtige Schüler ist ein vom Gouvernement eingerichtetes
Alumnat vorhanden, das von einem verheirateten Oberlehrer
geleitet wird. Farbige und Mischlinge werden nicht in die Schule
aufgenommen.
Die Entwicklung der Schülerzahlen zeigt folgende Tabelle:

darunter 18 Auswärtige. - Das Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis haben
bisher
37 Zöglinge erworben. II. Mittlere und niedere Schulen:
A. Gouvernementsschulen. - Es bestanden im Sommer 1913 20 staatliche
Volksschulen
mit etwa 1050 Schülern und 53 Lehrern. Die Schulen haben einen 5jährigen
Lehrgang, in den beiden obersten Klassen wird Deutsch gelehrt. Die Lehrer sind Chinesen. Sie entstammen zum größten
Teil
dem Lehrerseminar der Weimarer Mission.
- B. Missionsschulen. Das Gouvernement wird auf dem Gebiet des
Schulwesens
durch die Missionsvereine beider
Konfessionen eifrig und wirkungsvoll, unterstützt. Es kommen in
Betracht:
1. die Schulen der Berliner Mission (s.d.): im Schutzgebiet seit 1898.
Sie umfassen: a) 7 Volksschulen mit 159 Schülern; b) eine Mittelschule
in Tsingtau mit 45 Schülern; c) eine Mädchenschule mit 52 Schülerinnen;
d) ein Lehrerinnenseminar mit 9 Schülerinnen. Außerdem unterhält die
Berliner
Mission eine Abendschule für Deutsch lernende Handlungsgehilfen und
einen
Kindergarten. - 2. Die Schulen der Weimarer Mission: in Tsingtau seit
1899. Die Weimarer Mission unterhält ein dreistufiges "Deutsch-
chinesisches
Seminar". Die verschiedenen Stufen sind: a) eine Elementarschule mit
dreijährigem
Kursus und 30 Schülern; b) eine Mittelschule mit vierjährigem Kursus und
97 Schülern; c) ein Lehrerseminar mit dreijährigem Kursus und 9
Schülern.
Außerdem unterhält die Weimarer Mission eine Mädchenschule, in der auf
einem dreijährigen Elementarkursus sich zwei getrennte Oberstufen
aufbauen.
Nämlich: a) ein christliches Lehrerinnenseminar mit 43 Schülerinnen- b)
eine Anstalt nach dem Lehrplan einer deutschen Töchterschule, die unter
Verzicht auf religiöse Beeinflussung deutsche Sprache und Kultur unter
den Töchtern höherer Stände verbreiten will. - 3. Die Schulen der
katholischen
Mission von Südschantung (s.d. folg. Artikel: Kiautschou, katholische
Mission).
Die Mission besitzt: a) 8 Volksschulen mit 124 Schülern; b) eine
fünfklassige
deutsch-chinesische Mittelschule in Tapautau mit 27 Schülern. - 4. Die
Schulen der American-Presbyterian-Mission: Die Mission unterhält etwa
50 Dorfschulen in der Nachbarschaft des Schutzgebiets. Als Oberstufe zur
Heranbildung von Lehrern und Predigern für die Mission hat sie im Winter
1911 bis 1912 eine für vorläufig 40 Knaben eingerichtete Schule in
Tsingtau
eröffnet. III. Reinchinesische Schulen. Im Schutzgebiet bestehen etwa
250 private chinesische Dorfschulen, denen das Gouvernement
größtmöglichste
Freiheit läßt. Sie werden von etwa 2500-3000 Schülern besucht. In einem
etwa fünfjährigen Kursus werden hauptsächlich chinesische Schriftzeichen
gelehrt. IV. Die Deutsch- chinesische Hochschule. Die Gründung der
Deutsch-chinesischen
Hochschule sollte dem deutschen Geistesleben einen möglichst
weitgehenden
Einfluß auf das in der Bildung begriffene moderne China verschaffen. Der
deutsche Kultureinfluß war bis dahin außerordentlich klein gewesen. Die
englischen und vor allem die amerikanischen Missionen hatten mit ihren
reichen Mitteln eine große Anzahl niederer und höherer Schulen für
Chinesen
geschaffen, denen die deutschen Missionen aus Geldmangel nichts auch nur
annähernd Gleichwertiges entgegensetzen konnten. Die wenigen vom
deutschen
Schulverein gegründeten deutsch-chinesischen Elementarschulen in Kanton,
Nanking, Hankau und Tientsin konnten, abgesehen von ihrer geringen Zahl,
dagegen schon um deswillen nicht sehr ins Gewicht Fallen, weil sie sich
in der Hauptsache auf die Erlernung der deutschen Sprache seitens ihrer
Zöglinge und die Übermittlung einer gewissen allgemeinen Bildung
beschränken
mußten. Für den von praktischen Überlegungen ausgehenden Chinesen ist
aber die deutsche Sprache nur dann wirklich wertvoll, wenn sie ihm den
Weg zu einem höheren Fachstudium eröffnet. Will er dagegen eine
europäische
Sprache lediglich deswegen erlernen, um sein Fortkommen in einem
praktischen,
z. B. dem kaufmännischen Beruf zu fördern, so bietet ihm die in China
sehr viel mehr verbreitete englische Sprache größere Vorteile. Sollten
daher die Anfänge des deutschen Schulwesens nicht verkümmern, so mußte
eine Oberstufe geschaffen werden, die die Verwertung der erworbenen
Sprachkenntnisse
zur Erwerbung einer höheren Berufswissenschaft in China selbst
ermöglichte.
Nach alteingebürgerter chinesischer Anschauung ist eine Fachbildung aber
nur dann wirklich wertvoll und begehrenswert, wenn sie zur Anstellung
als Staatsbeamter führt oder zum mindesten auf einer unter staatlicher
Autorität stehenden Anstalt erworben ist. Darin lag aber eine große
Schwierigkeit.
Die chinesische Regierung stand nämlich den fremden Schulunternehmungen
in China, die fast ausschließlich von Missionaren geleitet wurden, wenig
freundlich gegenüber. Sie stand unter dem Eindruck, daß die
Missionszöglinge
ihrer heimischen Kultur, vor allem dem ethisch sozialen System ihres
Vaterlandes
abtrünnig gemacht würden. Einen solchen Preis wollte man aber für die
Erwerbung abendländischen Wissens nicht zahlen. Auf diesen Gedankengang
ist der Erlaß des Unterrichtsministeriums vom Jahre 1906 zurückzuführen,
das keine unter ausländischer Leitung stehende Schule anerkannt, daß
kein
Schüler einer solchen zur Staatsprüfung zugelassen oder als Beamter
angestellt
werden solle. Wollte Deutschland eine höhere Bildungsanstalt gründen,
so war demnach die erste Aufgabe, das Vertrauen der chinesischen
Regierung
zu gewinnen, sie darüber zu beruhigen, daß man nicht junge Chinesen aus
ihrem Volksverbande herauslösen und zu Deutschen machen Wolle, sondern lediglich darauf ausgehe, ihnen unter
Achtung ihrer alten nationalen Weltanschauung eine gediegene deutsche
Bildung zu übermitteln, damit sie lernten, die Welt in deutscher
Auffassung
zu sehen und ihrem Vaterlande, auf die Hilfe deutscher Wissenschaft
gestützt,
zu dienen. Dieser Grundgedanke verlangte in erster Linie ausdrücklichen
Verzicht auf jede religiöse Bekehrungstätigkeit und die Erteilung
chinesischen
Unterrichts neben dem deutschen. Auf dieser Grundlage wurden die
Verhandlungen
geführt. Ihr Ergebnis war: "Die Deutsch-chinesische Hochschule wird in
Tsingtau errichtet. Sie besteht aus einer Unterstufe, die die Kenntnis
des Deutschen und eine gewisse allgemeine westländische Bildung
vermitteln
soll und einer in vier parallele Fachabteilungen gegliederten Oberstufe.
Die Schule wird von den Regierungen beider Länder gemeinsam betrieben.
China gibt zu den Einrichtungskosten 40000 M und, zunächst für 10 Jahre,
einen gleich hohen jährlichen Zuschuß. In beiden Stufen geht neben dem
deutschen Unterricht ein chinesischer Kursus her. Die Lehrer, den
Unterrichtsplan
und die Anforderungen für den letzteren bestimmt die chinesische
Unterrichtsbehörde.
Die Schüler für die Anstalt, auch die aus andern Provinzen stammenden,
werden von der Unterrichtsverwaltung der Provinz Schantung auf ihre
Vorkenntnisse
geprüft und der Schule überwiesen. Ein chinesischer Studiendirektor
überwacht
im besonderen den chinesischen Unterricht, hält aber auch sonst seine
Regierung über die Anstalt auf dem Laufenden. Als Gegenleistung für
diesen
Einfluß gewährt die chinesische Regierung den Absolventen der
deutschchinesischen
Hochschule das Recht zur Anstellung als Staatsbeamte und denen, die sich
um die höchsten, nur in Peking zu erlangenden literarischen Grade
bewerben
wollen, die Zulassung zur dortigen Reichsuniversität." Die Wirksamkeit
der deutsch-chinesischen Hochschule kann naturgemäß erst nach Jahren
voll
in die Erscheinung treten. Jedenfalls sind ihr die günstigsten
Bedingungen
für eine gedeihliche Entwicklung gesichert. Man kann sich daher der
begründeten
Hoffnung hingeben, daß ihre Zöglinge nicht geistige Parias werden, ihren
Landsleuten entfremdet, von Europäern nicht für voll angesehen, sondern
gebildete und patriotische Chinesen, die ihrem Vaterlande mit dem
Rüstzeug
modernen Wissens nützen und gleichzeitig das deutsche Ansehen, den
deutschen
Handel und die deutsche Industrie fördern werden. Die deutsch-
chinesische
Hochschule wurde am 25. Oktober 1909, ihre medizinische Abteilung im
Juni
1911 eröffnet. Die Schule gliedert sich in eine Unter- und eine
Oberstufe.
A. Unterstufe: Der Lehrgang der Unterstufe dauert 5 Jahre. Es werden
junge
Leute von mindestens 18 Jahren, die eine gute chinesische Vorbildung
besitzen,
aufgenommen. Ihre Befähigung prüft der chinesische Provinzialschulrat
von Schantung. Die Unterrichtssprache ist mit Ausnahme der chinesischen
Fächer deutsch. Das Bestehen der Schlußprüfung in der Unterstufe
berechtigt
zum Eintritt in die Oberstufe. Die Unterstufe zählte im Winter 1913 301
Schüler. B. Oberstufe: Die Oberstufe umfaßt 4 selbständige Abteilungen.
Ihr Besuch setzt im Prinzip den erfolgreichen Besuch der Unterstufe
voraus.
Die 4 Abteilungen sind: 1. Die rechts- und staatswissenschaftliche
Abteilung
mit dreijährigem Kursus und 13 Schülern im Winter 1913; 2. die
naturwissenschaftlich-technische
Abteilung mit vierjährigem Lehrgang und 34 Schülern; 3. die forst- und
landwirtschaftliche Abteilung mit dreijährigem Unterricht und 13
Schülern;
4. die medizinische Abteilung, deren Besuch ein dreisemestriges
Vorstudium
und ein fünfsemestriges Fachstudium vorsieht, mit 13 Schülern. Die
Oberstufe
zählte demnach im Winter 1913 73 Schüler. - In sämtlichen Abteilungen
beider Stufen wird deutsche Sprache, chinesische Sprache und
Wissenschaft,
Gesundheitslehre und Turnen gelehrt. Der Hochschule angegliedert ist die
Übersetzungsanstalt, die ihren Betrieb unter der Leitung eines Sinologen
sofort nach der Eröffnung aufgenommen hat und bereits eine Reihe von
Werken
der Öffentlichkeit übergeben konnte. Anfang September 1913 waren außer
den chinesischen Lehrkräften an der Schule tätig: im Hauptamt: 10
Dozenten,
4 Elementarlehrer; im Nebenamt: 12 Herren. Die Schülerzahl betrug
insgesamt
im Winter 1913 374, die in den beiden fertiggestellten Alumnatsgebäuden
untergebracht sind. Bei der Ausstattung der Hochschule mit Bibliothek,
Lehrmittelsammlung und Laboratorien ist ein weitgehendes und
dankenswertes
Entgegenkommen heimischer Interessenten sehr förderlich gewesen. Die
Hochschule
gibt seit Oktober 1913 den "Westöstlichen Boten", eine monatlich einmal
erscheinende Zeitschrift "zur Vermittlung deutscher Sprache und Kultur
im fernen Osten" in deutscher und chinesischer Sprache heraus.
23. Zeittafel.

Literatur: Die amtlichen Veröffentlichungen des R. M. A. und des
Gouvernements Kiautschou. - F. W. Mohr, Handbuch für das Schutzgebiet
Kiautschou. Deutsch-chinesische Druckerei von Walter Schmidt, Tsingtau. -Dr.
Wilhelm Schrameier, Die Steuerpolitik im Kiautschougebiet, Bd. 8 Heft 1 des
Jahrbuchs der Bodenreform. Gustav Fischer, Jena.
- Dr. O. Franke, Ostasiatische Neubildungen. C.
Boysen, Hamb. Dr. H. Betz, Die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz Schantung
seit der Eröffnung Tsingtaus (1898-1910). Adolf Haupt, Tsingtau. - B. Navarra,
China und die Chinesen. Max Nößler, Bremen. - Frhr. v. Richthofen, Schantung. -
Penck, Tsingtau. - Rohrbach, Deutsch-Chinesische Studien, 1909. Georg
Stilke, Berl. -Rohrbach, Deutsche Kulturaufgaben in China. Buchverlag der Hilfe.
2. Aufl. 1911. - Führer durch Tsingtau und Umgebung.
Brüninghaus.
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