Kiautschou

(Schutzgebiet, s. Tafel 97-105). 1. Grundcharakter der Kolonie. 2. Lage und Grenzen. 3. Bodengestaltung und Bewässerung. 4. Klima. 5. Pflanzenwelt und Forstwirtschaft. 6. Tierwelt. 7. Bevölkerung. 8. Erwerbstätigkeit der Chinesen. 9. Handel, Schiffsverkehr und Industrie. 10. Bergbau. 11. Eisenbahnwesen. 12. Post- und Telegraphenwesen. 13. Geld-, Bank- und Aktienwesen. 14. Maße, Gewichte, Münzen. 15. Zollwesen. 16. Finanzen des Schutzgebiets. 17. Bodenpolitik. 18. Auf- und Ausbau der Hafenanlagen und der Stadt Tsingtau. 19. Gouvernementswerft. 20. Elektrizitätswerk. 21. Verwaltung und Rechtspflege. 22. Schul- und Missionswesen. 23. Zeittafel.

Karten

1. Grundcharakter der Kolonie. Im Gegensatz zu den übrigen deutschen Kolonien stellt Kiautschou den reinen Typus einer Handelskolonie dar, d. h. eines räumlich engbegrenzten Gebiets, dessen wirtschaftliche Hauptfunktion in der Vermittlung des Güteraustausches zwischen zwei großen Wirtschaftsgebieten liegt. Unbeschadet seiner weiteren Zweckbestimmung als gesicherter Reparatur- und Ausrüstungshafen für unsere maritimen Machtmittel und der sich hieraus bei seiner Gründung und seinem Ausbau ergebenden Aufgaben, war Tsingtau, die Hafenstadt des Schutzgebiets, von vornherein gedacht als ein Stapelplatz und Umschlaghafen für die seewärts eingehenden europäischen Waren zur Versorgung des ausgedehnten chinesischen Hinterlandes einerseits, sowie als Ausfuhr- und Verteilungshafen für die mannigfachen Erzeugnisse Schantungs und der anschließenden Provinzen andererseits. Zur gerechten Würdigung der Bedeutung der Kolonie, sowie zur objektiven Beurteilung der Maßnahmen, die zu ihrer Entwicklung bereits getroffen oder doch angebahnt sind, wird man von vornherein Kiautschou nicht betrachten können als ein in sich abgeschlossenes Ganze, wie etwa eine unserer großen Siedlungskolonien, sondern nur im Zusammenhang und in Verbindung mit jenen oben angedeuteten Gesichtspunkten die bei seiner Besitzergreifung im Jahre 1897 maßgebend sein mußten und auch jetzt noch maßgebend sind.

2. Lage und Grenzen. K. ist an der Südostküste der chinesischen Provinz Schantung zwischen 35° 53' 30" und 36° 16' 30" n. Br., 120° 10' 30'' und 120° 37' 40'' ö. L. v. Gr. gelegen. Das nähere Hinterland Schantung mit einem Flächenraum von rund 144000 qkm weist eine Bevölkerung von 38 Millionen Einwohnern auf, mithin etwa ebensoviel wie das 528572 qkm große Frankreich. Das Festland der Kolonie, einschließlich der 25 zu ihr gehörigen Inseln umfaßt 551,65 qkm (Bundesstaat Hamburg 410 qkm), die Wasserfläche einschließlich der Arkonasee, bis zur Hochwassergrenze 576,5 qkm. Die größten der zum Schutzgebiet gehörigen Inseln sind Yintau, 28,8 qkm, wichtig durch die auf ihr in größerem Maßstabe betriebene Salzgewinnung aus dem Meerwasser, Tolosan, 7,6 qkm, wichtig durch Kohlenvorkommen, und Huangtau, 5,4 qkm, mit dem Festlande durch Wattland verbunden. Insgesamt überdecken die Inseln des Schutzgebiets 43,6 qkm. - Artikel III des K.-Vertrages vom 6. März 1898 bestimmt über die Ausdehnung der Kolonie folgendes: "China überläßt dem Deutschen Reich die Ausübung aller Hoheitsrechte für folgendes Gebiet: 1. An der nördlichen Seite des Eingangs der Bucht: die Landzunge, abgegrenzt nach Nordosten durch eine von der nordöstlichen Ecke von der Insel Yintau, nach dem Lauschanhafen gezogene Linie; 2. an der südlichen Seite des Eingangs der Bucht: die Landzunge, abgegrenzt durch eine von dem südwestlichen Punkte der südsüdwestlich von der Insel Huangtau befindlichen Einbuchtung in der Richtung auf die Insel Tolosan gezogene Linie; 3. die Inseln Huangtau und Yintau; 4. die gesamte Wasserfläche der Bucht bis zum höchsten derzeitigen Wasserstande; 5. sämtliche der Kiautschoubucht vorgelagerten und für deren Verteidigung von der Seeseite in Betracht kommenden Inseln." - Auf Grund dieser Vertragsbedingungen erfolgte dann durch gemischte Kommissionen eine genaue Festsetzung der Grenzen (Grenzsteine), eine Arbeit, die erst im Jahre 1911 zur beiderseitigen Zufriedenheit zum Abschluß gekommen ist. Zur Feststellung der Hochwassergrenze, die von besonderer Wichtigkeit wegen der auf dem Wattlande betriebenen Salzgewinnung ist, bedurfte es langwieriger Verhandlungen. Über die sog. "Neutrale Zone" bestimmt der Kiautschouvertrag in Artikel I u. a., daß in einer Zone von 50 km (100 chinesischen Li) im Umkreise von der K.bucht bei Hochwasserstand jederzeit den deutschen Truppen freier Durchzug gestattet ist, daß China innerhalb dieser Zone keinerlei Maßnahmen oder Anordnungen ohne vorhergehende Zustimmung der deutschen Regierung trifft, sowie im besonderen, daß die Stationierung chinesischer Truppen, sowie andere militärische Maßnahmen nur im Einvernehmen mit Deutschland vorgenommen werden dürfen. - Als China gezwungen wurde, in den Handelsverkehr mit den europäischen Mächten zu treten und zu diesem Zweck notgedrungen die Einrichtung der Vertragshäfen schuf, geschah dies für Schantung dadurch, daß es den alten, insbesondere durch seinen Seidenhandel bekannten Hafenplatz Tschifu an der Nordküste der Provinz dem fremden Handel öffnete. Obgleich dieser Platz von der Natur sehr wenig begünstigt ist, da in ihm infolge seiner ungeschützten Lage bei nordöstlichen bis nordwestlichen Winden oft tagelang an Laden und Löschen nicht zu denken und die Reede als eine unsichere mit Recht bei den Seeleuten wenig beliebt ist, entwickelte sich Tschifu in ganz überraschender Weise, ein Beweis dafür, daß ein verhältnismäßig kaufkräftiges Hinterland vorhanden war. Der Gesamthandel Tschifus (einschließlich Dschunkenhandel) erreichte im Jahre 1905 eine Höhe von etwas über 200 Mill. M. Es muß auffallen, daß die Chinesen die große, geschützte Bucht von K. im Süden der Provinz Schantung lange Zeit so gut wie unbenutzt ließen, um so mehr, als sie sich über die Bedeutung dieses natürlichen Einfallstores für Schantung wohl nicht im Unklaren waren. Der bekannte chinesische Staatsmann Li Hung Tschang, der als Großsekretär den Kiautschouvertrag unterzeichnete, ließ bereits 1891 gegenüber der "Grünen Insel", Tsingtau (jetzt Arkonainsel), Befestigungen aufführen, in der Nähe einer zumeist aus primitiven Fischerhütten bestehenden größeren Niederlassung. An Stelle dieser Niederlassung steht jetzt die Hauptstadt des Schutzgebiets, die nach der obengenannten Insel den Namen Tsingtau erhalten hat. Auf die Bedeutung der K.bucht, die ihren Namen von der 45 km von Tsingtau entfernt liegenden chinesischen Kreisstadt Kiautschou (Leimstadt) führt, hat bereits Ferdinand v. Richthofen (s.d.) im Jahre 1882 hingewiesen, indem er betont daß in der Eröffnung des Hafens von K. wegen seiner ungemein günstigen Lage zum Hinterlande die Zukunft der reichen Kohlenfelder von Schantung liegen würde. "Die in Tschifu angelegten Kapitalien würden dadurch allerdings größtenteils verloren werden. Aber die Vorteile einer fremden Niederlassung in K. sind, wenn wir über die engen Grenzen der Gegenwart hinwegsehen, so groß, daß dieser Nachteil im Verhältnis verschwindend klein ist." Diese Worte des großen Geographen, die vor 30 Jahren geschrieben wurden, scheinen sich bewahrheiten zu sollen. Für die Entschließung Deutschlands, gerade K. zu besetzen, war seiner Zeit ausschlaggebend der Rat, den der damalige Konteradmiral Tirpitz (s.d.) auf Grund seiner als Chef der Kreuzerdivision 1896 in Ostasien gewonnenen Erfahrungen geben konnte. Da Orte mit natürlichen Verkehrswegen in Gestalt großer Wasserstraßen wie Yangtsekiang, Perlfluß, nicht mehr zur Verfügung standen, war K. von den überhaupt in Frage kommenden Plätzen sowohl in handelspolitischer, wie in militärischer und vor allem auch in sanitärer Hinsicht der geeignetste. Dabei ergab sich für diesen Platz von vornherein die besondere Aufgabe, an Stelle jener erwähnten natürlichen Verkehrsstraßen, die den älteren ostasiatischen Handelszentren zur Blüte verholfen haben, ein System künstlicher Verkehrswege, nämlich Eisenbahnen, zu schaffen, das in Tsingtau seinen Ausgangspunkt nehmen und ein möglichst weites und wirtschaftlich wichtiges Gebiet Chinas überdecken sollte. Die Schaffung und der Ausbau dieser Binnenverkehrswege nach dem Innern, großer, regelmäßiger Seeverkehrsrouten nach den andern Häfen Asiens sowie der übrigen Erdteile und als Vorbedingung beider die Herstellung wirklich moderner, gesicherter, die übrigen chinesischen Häfen übertreffender Hafeneinrichtungen in Tsingtau selbst, waren bei der Besitzergreifung die Hauptaufgaben, ohne deren Lösung die Hoffnungen, die man mit der Gründung Tsingtaus verband, sich kaum verwirklichen lassen konnten. Denn die K.bucht liegt - dass lehrt ein Blick auf die Karte - etwas außerhalb der allgemeinen Weltrouten. Auf einen wirklich nennenswerten Handel konnte daher nur gerechnet werden, wenn das Anlaufen Tsingtaus den Umweg und die damit verbundenen Zeit- und Geldverluste, den die Schiffe auf der Fahrt nach Nordasien und Japan notgedrungen erleiden mußten, durch günstigere Bedingungen auf anderen Gebieten wettmachen würde. Das scheint bis zu einem gewissen Grade gelungen zu sein, denn bereits heute hat der Handel Tsingtaus den Tschifus nicht unerheblich überflügelt. Um das Urteil Richthofens über die günstige Lage K. zum Hinterland verstehen zu können, muß man sich die geographischen Verhältnisse der Halbinsel Schantung vergegenwärtigen.

3. Bodengestaltung und Bewässerung. Das Bergland von Schantung (schan = Berg, tung = Osten) steigt inselartig in dem sonst ebenen Nordchina empor, und zwar unterscheidet sich der in das Gelbe Meer einspringende Nordosten scharf von dem aus den nordchinesischen Ebenen entsteigenden Westen. In letzterem finden wir alte Schichtgesteine mit flacher Lagerung, die ein zusammenhängendes Bergland bilden, während im Nordosten kurze, gesondert aufsteigende Bergketten vorherrschen, die zumeist aus den ältesten Gesteinen, aus Gneis und Granit bestehen. An der Grenze zwischen diesen beiden grundverschiedenen Gebirgsformationen setzt im Nordosten eine tiefe Einsenkung, die Kiaulaisenke, ein, die quer durch Schantung läuft, in der Nähe der Kreisstadt K. die nach Süden vorspringenden Ketten des Nordost-Schantung-Berglandes durchbricht und bis zur K.bucht durchstößt. Der natürliche, ebene Weg durch ganz Schantung mündet also in letzterer, und darin liegt, ganz abgesehen von den günstigen Hafenverhältnissen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber allen anderen Häfen Schantungs. Nähert man sich der Kolonie von See her, so grüßen zur Rechten schon von weitem die einer Tiroler Dolomitenkette vergleichbaren, nackten, zackigen Gipfel des Lauschan, die im Lauting bis zur Brockenhöhe ansteigen und bis dicht an das Meer herangehen. Es folgen der Kaiserstuhl, die Prinz-Heinrich- und schließlich in nächster Nähe Tsingtaus die jetzt grün bewaldeten Iltisberge. Auf der gegenüberliegenden Seite wird der Eingang zur K.bucht, unmittelbar am Kap Jaeschke beginnend, von den Haihsibergen flankiert, denen sich das 800 m hohe imposante Perlgebirge anschließt. Während im festländischen Schutzgebiet lediglich Eruptivgesteine, wie feldspatreicher Granit, Porphyr, in schmalen Spalten auch Basalt, erscheinen, besteht die Insel Tolosan aus einer Wechselfolge von Sedimenten und lagerförmigen Ergußgesteinen. In den tiefsten, sichtbaren Schichten sind Schmitzen einer anthrazitischen Kohle bekannt geworden. Das Recht, Mineralien aufzusuchen und zu gewinnen, ist durch Verordnung des RK., betr. das Bergwesen im Kiautschougebiet vom 16. Mai 1903, der Verfügung der Grundeigentümer entzogen und dem Fiskus des Schutzgebietes vorbehalten. Dieses Recht wurde zur Gewinnung von Kohlen und anderen Mineralien auf Tolosan und einigen anderen Inseln einer Privatfirma übertragen. Eingehende Nachforschungen haben jedoch ergeben, daß abbauwürdige Kohlenfelder dort nicht vorhanden sind. - Flüsse im eigentlichen Sinne als dauernd Wasser führende Rinnen gibt es im Schutzgebiet nicht. Da eine Bindung der Niederschläge bei der früheren, vor der Besitzergreifung vorhandenen absoluten Waldarmut und bei der Entblößung des Geländes von jedem zur Feuerung irgendwie geeigneten pflanzlichen Stoffe nicht stattfinden konnte, flossen die Regenmassen sofort ab und kamen in ihrer ganzen Menge zu Tal. Die Erdmassen, die dabei von den Bergen mitgeschwemmt wurden, erhöhten naturgemäß die Flußbetten immer von neuem, so daß deren Sohle verschiedentlich über dem Niveau der angrenzenden Felder liegt. In den Ablagerungen innerhalb des Flußbettes, wie sie auch für die italienischen Täler der südlichen Alpen charakteristisch sind, sickert das Wasser sehr schnell ein und geht unterirdisch dem Meere zu, so daß die Flußbetten, ausgenommen 1-2 Tage nach starken Niederschlägen den weitaus größten Teil des Jahres trocken liegen. Die Flüsse erreichen eine Breite, die in keinem Verhältnis zur Tiefe und Wassermenge steht. Diesen Charakter haben alle Flüsse im Schutzgebiet, der Haipo, der Litsunfluß und der Paischaho (s. 5. Forstwirtschaft).

4. Klima. Tsingtau hat ein gemäßigtes Klima, das in den Wärmegraden an Süddeutschland erinnert, aber durch die in den einzelnen Monaten sehr stark voneinander abweichenden Niederschlagsmengen einen anderen Charakter erhält. Im Winter herrschen kalte und trockne, oft stürmische, nordwestliche Winde vor. In den Sommermonaten, besonders im Juli und August, gibt der Südwestmonsun mit starker Bewölkung und hoher Luftfeuchtigkeit dem Wetter sein Gepräge. Wolkenbruchartige Regen sind nicht selten. Es sind Niederschlagsmengen von 38,9 mm in der Stunde, von 121 mm in einer Nacht beobachtet worden. Für den Europäer sind Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November) mit trocknen, sonnigwarmen Tagen und kühlen Nächten die angenehmsten Jahreszeiten. Freilich machen häufig auftretende Temperaturstürze, die nicht selten in 24 Stunden einen Temperaturabfall von 14° C und starke Schwankungen in der relativen Luftfeuchtigkeit mit sich bringen, in gesundheitlicher Beziehung Vorsicht nötig. Namentlich gilt dies für den Herbst, wenn der Körper durch die vorhergehende heiße Zeit geschwächt ist. Die feuchte Hitze der Sommermonate Juli und August wird an vielen Tagen durch kühle Seebrise gemildert. Alles in allem genommen, ist Tsingtau den andern chinesischen Küstenplätzen gegenüber als klimatisch bevorzugt zu betrachten. Die stetig wachsende Zahl der Badegäste aus allen Teilen Chinas zeigt, daß diese Auffassung immer mehr Boden gewinnt. Untenstehende von Dr. Heidke aufgestellte Tabelle gibt über Temperatur und Regen Auskunft.

5. Pflanzenwelt und Forstwirtschaft. Die Pflanzenwelt des Schutzgebiets erinnert stark an die deutsche. Viele Gattungen wildwachsender und angebauter Pflanzen sind in beiden Ländern durch dieselben oder nahe verwandte Arten vertreten. Es seien genannt: Sauerampfer, Fuchsschwanz, Hahnenfuß, Rittersporn, Anemone, Mohn, Brunnenkresse, Wolfsmilch, Pfaffenhütchen, Minze, Thymian, Löwenzahn und Schwertlilie. - Als Feldfrüchte werden in größerem Umfange gebaut: Gerste, Weizen, Erbsen, Bataten, Sojabohnen, fünf verschiedene Arten von Hirse - darunter als bei weitem wichtigste der Kauliang - und Erdnüsse. In kleinerem Maßstab findet man: Hanf, Mais, Reis, Faroo (Colocasia antiquorum), Eierfrucht (Solanam melongena), Tabak, Schantungkohl und einige Gemüse, vor allem Knoblauch. Für die Ausfuhr kommt in erster Linie die Erdnuß in Betracht. Auffallend ist die geringe Zahl der Baumarten, unter denen von unsern heimischen Sorten, z. B. Buche, Birke, Edeltanne und Roßkastanie fehlen, ohne durch entsprechende Arten ersetzt zu sein. Es kommen vor, an Nadelhölzern: Kiefern, Lebensbaum und Wacholder; an Laubbäumen: Weiden, Pappeln, Eichen, echte Kastanien, Rüstern, Ahorn und Linde. Zu diesen einheimischen Gewächsen ist neben vielen andern von dem Forstamt in kleinerem Maßstabe zu Versuchszwecken angepflanzten deutschen und japanischen Baumarten als wichtigste neue die Akazie gekommen. Prächtig gedeihend, öfters in geschlossenen Beständen, meist aber als Wegeeinfassung und im besondern längs des Bahndamms der Schantungbahn gepflanzt, bringt sie eine neue, kräftige und freundliche Note in das Vegetationsbild. Die Akazien eignen sich in hervorragendem Maße zur Verwendung als Grubenhölzer. Man hofft, mit ihrer Hilfe in einiger Zeit auf diesem Gebiet von Japan, Amerika und Europa unabhängig zu werden. - An Obstarten sind fast alle heimischen Sorten vertreten. Es gibt in den Tälern des Lauschan und der Vorberge: Birnen, Äpfel, Pflaumen, Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche und Weintrauben. - Leider sind die Birnen und Äpfel holzig und ohne Aroma, so daß sie für den Europäer kaum in Betracht kommen. Die üppige Entwicklung der verschiedensten Arten von Edelobst, die das Forstamt zu Verstichszwecken aus Deutschland und Kalifornien eingeführt hat und günstige Ergebnisse der Okulierung von Chinesenobst lassen eine vorteilhafte Entwicklung der Obstzucht im Schutzgebiet mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten. Da die chinesische Küste bisher fast ausschließlich auf kalifornisches Obst angewiesen ist, würde der Markt für in China gewachsene, wohlschmeckende, transportfähige und nicht mit hohen Frachtkosten belastete Ware außerordentlich aufnahmefähig sein. Die Gegend um Tsingtau ist eine ausgeprägte Kulturlandschaft. Etwa drei Viertel des Bodens ist landwirtschaftlich benutzt, in erster Linie die flachen, fruchtbaren Mulden zwischen den einzelnen Gebirgsstöcken, aber auch die Täler bis hoch in die Berge hinauf und alle Abhänge, soweit ein einigermaßen sanfter Abfall die Anlage von Terrassen, die oft nur wenige Meter breit sind, gestattet. Man sieht es dem Lande an, daß zur Ernährung einer überaus zahlreichen Bevölkerung jedes nur irgend mögliche Fleckchen ausgenutzt wird. Der landschaftliche Charakter wird durch die außerordentlich geringe Ausdehnung der einzelnen Ackerstücke, die oft mehr Beeten als Feldern gleichen und die große Mannigfaltigkeit der dicht nebeneinander gebauten, verschiedensten Pflanzenarten bestimmt. Dies engmaschige Pflanzenmosaik mit seinen verschiedenen grünen Schattierungen bildet einen augenfälligen Gegensatz sowohl gegenüber den weiten, wogenden Getreidefeldern Deutschlands, als auch zu den endlosen, gleichförmigen Reisfeldern im mittleren und südlichen China. - Die Bäume spielen im Landschaftsbild eine verhältnismäßig bescheidene Rolle. Weidenbüsche in den breiten sandigen Flußbetten, Gruppen von Kiefern an den Begräbnisstellen angesehener Leute, einige oft mächtige Eschen oder Rüstern in den Dorfeingängen, und kümmerliches Bambusgebüsch um Tempel und Klöster, das war noch vor wenigen Jahren so ungefähr alles. Wald im deutschen Sinne gab es vor der Besitzergreifung nicht. Denn der niedrige, lichte, nur zur Brennholzgewinnung benutzte Busch von krüppelhaften Kiefern, der die Höhen und sonstiges Ödland spärlich deckte, kann auf diesen Namen keinen Anspruch erheben. Infolge der regen Tätigkeit des deutschen Forstamts ist jetzt ein solcher auf den Höhen um Tsingtau und im Lauschan im Heranwachsen. Die dicht begrünten Hänge der Iltis- und Bismarckberge, die üppig heranwachsenden, schon weit über mannshohen Bestände auf der Hüitschüen-Huk, im Waldrevier bei Syfang und in einigen Tälern des Lauschan bringen in die alte chinesische Kulturlandschaft einen reindeutschen Zug. Die Forstwirtschaft war in Tsingtau vor eine ungewöhnlich schwierige Aufgabe gestellt. Das ihr zur Aufforstung überwiesene Gebiet bestand in nahezu entwaldeten und von jedem Graswuchs entblößten Bergen, von denen die heftigen Regengüsse des Sommers die Bodenkrume herabgespült und kahle, bizarre Felsklippen herausgewaschen hatten. Ehe man beginnen konnte zu pflanzen, mußte an vielen Orten erst der Boden dazu geschaffen werden. Mit der Spitzhacke statt mit dem Spaten wurden die Pflanzlöcher aus dem Felsen herausgearbeitet und vielfach die nötige Erde aus den Ravinen heraufgeschleppt. Die gewonnenen Steine wurden, den Niveaulinien folgend, zu niedrigen Dämmen aufgeschichtet, um das abfließende Regenwasser aufzuhalten und dadurch ein weiteres Abspülen des schnell verwitternden morschen Granitbodens zu verhindern. Stellenweise wurden auch Grasplaggen gelegt, die die Erde in der Regenzeit hinter sich ansammelten und nach 4-5 Jahren infolge der fortschreitenden Verwitterung so viel Boden gebunden hatten, daß mit der Aufforstung begonnen werden konnte. In der Zeit von Mitte April bis Mitte Juni war auf Niederschläge nicht mit Sicherheit zu rechnen. Da die jungen Kulturen während dieser dürren Periode künstlich bewässert werden mußten, sah man sich zur Anlage einer sehr großen Zahl kleinerer und größerer Staubecken gezwungen. Neben ihrem Hauptzweck, sammeln von Regenwasser, fingen diese kleinen Teiche das vom Regen mitgeführte Erdreich auf und wirkten so bodenbildend. Die Aufforstung der nächsten Umgebung von Tsingtau ist jetzt mit vollem Erfolge durchgeführt. Zu diesen Aufforstungen kommt ein ca. 10 ha großer Forstgarten, der neben Baum- und Pflanzschulen größere Obstplantagen enthält. Die Forstwirtschaft bringt seit geraumer Zeit finanzielle Erträge. Sie deckt den Brennholzbedarf der Kolonie und hat auch schon mit dem Verkauf von Grubenhölzern begonnen. Nachdem die nächstliegende Aufgabe der Forstverwaltung im wesentlichen durchgeführt ist, beginnt jetzt eine systematische Aufforstung der Bergzüge im Innern des Landgebiets. Neben ihrem großen wasserwirtschaftlichen und sanitären Nutzen versprechen diese Arbeiten für die Zukunft auch einen reichen finanziellen Erfolg. Dem Fiskus fällt nämlich das für die Anpflanzung bestimmte Land als ehemaliges Eigentum der chinesischen Regierung kostenlos zu, und für die Anpflanzungsarbeiten werden die Dorfschaften während des für sie arbeitslosen Winters unentgeltlich herangezogen. Als Entschädigung erhalten sie Obst- und Maulbeerbäume aus dem Forstgarten. Die Aufforstungen in und um Tsingtau (ca. 1200 ha) haben weit über die Grenzen des Schutzgebiets hinaus die Aufmerksamkeit gebildeter und einsichtsvoller Chinesen wachgerufen. Der Rat der deutschen Forstbeamten wurde bereits häufig von den chinesischen Behörden in Anspruch genommen, denen die Bedeutung einer rationellen Forstwirtschaft in der deutschen Kolonie sichtbar vor Augen geführt worden ist. Deutschland hat auf diesem Gebiet durch die gelungenen Aufforstungen in Kiautschou einen unleugbaren Vorsprung vor allen übrigen Nationen, der ihm bei richtiger Ausnutzung einen nicht unerheblichen Einfluß auf kulturellem Gebiete in China verschaffen kann.

6. Tierwelt. Die Tierwelt spielt in dem dichtbevölkerten, wald- und heckenarmen Lande keine große Rolle. Großwild fehlt. Eine kleine Hasenart, nicht viel stärker als unsere heimischen Kaninchen, Steinhühner im Lauschan und Tung-Lauschan, gelegentlich ein Fuchs, Dachs, Marder, damit waren zur Zeit der Besitzergreifung die Jagdmöglichkeiten erschöpft. Im Jahre 1904 sind zum erstenmal aus Schanghai eingeführte Fasanen in größerer Zahl ausgesetzt worden. Sie haben sich stetig günstig entwickelt. Die Wachtel, die das Schutzgebiet früher nur auf dem Zuge passierte, hat man seit dem Jahre 1902 in wachsender Zahl als brütenden Standvogel beobachtet. Auch bei den Kleinvögeln macht sich mit dem Heranwachsen des Schutz, Nistplätze und Nahrung gewährenden Waldes eine Zunahme an Zahl und Arten bemerkbar. Durch Aushängen von Nistkästen und Abschießen von Raubzeug sucht die Forstverwaltung die Besiedlung des Forstgebietes mit insektenfressenden Vögeln zu beschleunigen. Auf den Watten im Norden und Osten der Bucht gibt es Reiher, Enten und kleineres Wassergeflügel. Die Zugzeit im Frühjahr und im Herbst bringt Wald- und Doppelschnepfen, Bekassinen, wilde Tauben, Enten, Reiher, Kraniche und endlose Scharen von Gänsen. - Der Fischreichtum ist groß. Schon seit alten Zeiten gründet sich darauf eine lebhafte Dschunkenausfuhr nach Schanghai und andern südlichen Häfen. Er wird bisher nur durch chinesische Kleinfischerei ausgenutzt. Eine von Tsingtau ausgebende, systematische Untersuchung der Meeresfauna könnte Aufschluß darüber geben, ob der Fischreichtum für eine Dampffischereigesellschaft lohnend sein würde.

7. Bevölkerung. Im Jahre 1897 betrug die Bevölkerung des Schutzgebiets etwa 83000 Köpfe. Eine Volkszählung im Juni 1913 ergab eine Gesamtbevölkerung von 191984 Köpfen. Hiervon entfielen 2401 auf die militärische Besatzung. Über die Zusammensetzung der Zivilbevölkerung gibt die folgende Tabelle Aufschluß:

Die Kaukasier gehören den folgenden Nationen an:

Die Veränderungen innerhalb der europäischen Bevölkerung zeigt die nachstehende Tabelle:

Von der chinesischen Bevölkerung wohnen im Stadtgebiet, das die Orte Tsingtau, Tapatau, Tai hsi tschen und Tai tung tschen umfaßt, 53312. Die Entwicklung des Stadtgebiets zeigt folgende Tabelle:

Die Landbevölkerung wohnt in 274 Ortschaften, von denen 24 über 1000 Einwohner haben. Die durchschnittliche Dichte der Bevölkerung beträgt 292 Köpfe pro Quadratkilometer. Eine ständige Wasserbevölkerung von etwa 2360 Köpfen kommt hinzu. Die städtische chinesische Bevölkerung ist namentlich im Laufe des Winters 1911/12 ganz außerordentlich stark durch Zuzug aus dem Innern des Landes gewachsen.

8. Erwerbstätigkeit der Chinesen. A. Im Landgebiet: Allgemeines: Der Lebensunterhalt der 274 Dörfer des Landgebietes ist fast durchweg auf die Landwirtschaft gegründet. Es herrscht das Bestreben vor, daß jede einzelne Hauswirtschaft die für ihren eigenen Bedarf nötigen Nahrungsmittel und sonstigen Gebrauchsartikel im eigenen Haushalt herstellt. Dies Prinzip der geschlossenen Hauswirtschaft erfährt aber eine Milderung durch die Verschiedenheit der Naturbedingungen, die die Lage der einzelnen Dörfer mit sich bringt. Die Bewohner des Lauschan gewinnen auf den mit Gras und Kiefern bewachsenen Abhängen einen Überfluß an Brennmaterial, die Küstenbevölkerung fängt mehr Fische, als sie selbst verzehren kann, und die Obstproduktion bestimmter Bezirke übersteigt weit den eigenen Bedarf. Dem Überfluß auf dem einen Gebiet steht Mangel auf dem andern gegenüber. Damit ist die Notwendigkeit zum Warenaustausch gegeben. Dieser wird im allgemeinen nicht durch berufsmäßige Kaufleute vermittelt, sondern vollzieht sich auf Märkten, vor allem in Litsun, wo die Mehrzahl der Besucher gleichzeitig als Käufer und Verkäufer auftritt. Es ist eine Art Tauschhandel. Die Märkte finden alle 5 Tage statt. Man hat zu chinesisch Neujahr (Ende Januar) schon 15000 Besucher gezählt. Als Durchschnittszahl kann etwa 4000 gelten. Hausierer und einige wenige angesessene Kleinhändler besorgen nur den Vertrieb bescheidener Luxusartikel. - Ackerbau: In einer Kulturperiode von 2 Jahren werden 3 Ernten erzielt. Als Erstlingsfrucht kommen in Betracht: Hirse, Kauliang, Mais und Baumwolle. Die Aussaat erfolgt im April oder Mai, die Ernte im August oder September. Als Winterfrucht mit Reifezeit im Juni des zweiten Jahres werden dann Weizen, Gerste oder Erbsen auf das Feld gebracht. Diesen folgt mit Erntezeit Mitte Oktober bis Mitte November: Sojabohne, Süßkartoffel, Buchweizen, Tabak, Gemüse oder Stoppelrüben. Neben dieser zweijährigen Kulturperiode gibt es noch eine einjährige mit nur einer Ernte für den Anbau von Süßkartoffeln und Erdnüssen. Die kleinen Ackerparzellen, die zahlreichen billigen Arbeitskräfte, sowie die angeborene Begabung des Chinesen für Pflanzenpflege bringen eine außerordentlich sorgfältige, geradezu gärtnerische Behandlung der Feldfrüchte mit Kopfdüngung der einzelnen Saatbüsche und sorgfältigster Bodenlockerung und Unkrautreinigung mit sich. Auch die Fruchtfolge mit dem Zwischenbau von Stickstoff sammelnden Leguminosen wirkt in glücklicher Weise einer Verarmung des Bodens an Nährstoffen entgegen. Wenn trotzdem die Erträge nach europäischen Begriffen der Güte des Bodens und der aufgewendeten Arbeit nicht entsprechen, so ist das in erster Linie auf die flachgründige Bodenbearbeitung mit primitiven Instrumenten uralter Konstruktion, in zweiter auf der Menge noch nicht genügender Düngung zurückzuführen. -Der Dünger wird wie folgt gewonnen: Man verwendet als Streu nicht das als Brennmaterial zu wertvolle Stroh, sondern Ackererde, womöglich den feinen Schlamm ausgetrockneter Teiche. Die Stallungen werden nicht täglich gereinigt, sondern nur etwas Erde aufgestreut. Nach etwa einer Woche wird dann die mit den Fäkalien gemischte Streue auf einen Haufen gefahren und in Abschnitten von einigen Tagen mit Wasser übergossen und umgeschaufelt. Es bildet sich so allmählich der Kompost, in den auch menschliche Fäkalien, der Lehm von alten eingefallenen Häusern, Kochherden und Kangs (Lagerbetten) hereingearbeitet werden. In der Hauptsache wird im Frühjahr, falls genügender Vorrat vorhanden aber noch einmal, sobald die Saat aus der Erde sprießt, und zum drittenmal vor der zweiten Bestellung gedüngt. Als besonders wirkungsvolles, freilich auch teures Düngemittel gilt das Mehl von Bohnenkuchen, die bei der Ölgewinnung als Rückstände überbleiben. Eine intensivere Bodenbearbeitung würde modernere und kostspieligere Ackergerätschaft und, um größere Düngermengen zur Verfügung zu haben, eine Ausdehnung der Viehzucht oder die Anwendung künstlicher Düngemittel voraussetzen. Die Art der oft winzig kleinen und daher kapitalschwachen landwirtschaftlichen Betriebe bietet für beides vorläufig nicht viel Aussicht. Höchstens wäre an ein genossenschaftliches Vorgehen, zu dem die Chinesen auf anderm Gebiet oft viel Talent gezeigt haben, zu denken. Viehzucht: Viehzucht für den Verkauf wird im Schutzgebiet wenig betrieben. Der Bauer hält Rind, Esel und Maultiere zur Verwendung bei seiner Feldarbeit. Schweine werden hauptsächlich ihres Mistes wegen aufgezogen und nach Erfolg der Mast ohne großen Gewinn verkauft. Mit recht gutem Erfolg hat die europäische Bevölkerung Tsingtaus, vom Gouvernement unterstützt, die Saanenziegenzucht aufgenommen. Es hat sich ein SaanenziegenZuchtverein gegründet. Die Milch der eingeführten Ziegen ist besonders für Kinder sehr bekömmlich. Kreuzungsversuche zwischen Jeverländer und chinesischem Rindvieh haben gute Erfolge gehabt und werden fortgesetzt. Salzgewinnung: Die Salzgewinnung erfolgt in der Weise, daß man bei Flut Seewasser in flache Becken im Wattlande laufen und nach Schließung der Eintrittskanäle darin verdunsten läßt. Dies Gewerbe ist nach mehrjähriger Unterbrechung seit 1903 im Schutzgebiet wieder aufgenommen worden und hat sich seitdem stetig entwickelt. In China ist der Salzvertrieb Regierungsmonopol und die Salzausfuhr ins Ausland verboten. Infolgedessen sind die billig produzierenden Salztennenbesitzer an der deutschen K.bucht in einer günstigen Lage. Die Jahresproduktion beträgt gegenwärtig etwa 800000 Pikul. Die Ausfuhr geht in der Hauptsache nach Korea, Hongkong und Wladiwostock. Neuerdings werden beschränkte Mengen von einer deutschen chemischen Fabrik in Tsingtau gereinigt und als Speisesalz für Europäer auf den Markt gebracht. Seit dem Jahre 1910 erhebt das Gouvernement auf das zur Ausfuhr und zu industriellen Zwecken bestimmte Salz eine Abgabe von 3 Cents für den Pikul.
B. Städtische Bevölkerung. Über den Erwerb der städtischen chinesischen Bevölkerung gibt die folgende Liste der August 1912 in Tapautau befindlichen chinesischen Geschäfte und Gewerbebetriebe Aufschluß.

Im Oktober 1909 gründeten die chinesischen Kaufleute die "Chinesische Handelskammer".

9. Handel, Schiffsverkehr und Industrie. A. Handel und Schiffsverkehr. Allgemeines: In der Entwicklung des Tsingtauer Handels kann man 3 Hauptabschnitte unterscheiden: 1. Die Zeit des Ausbaues von Hafen und Eisenbahn, Tsingtau Freihafen; 2. die Zeit des Küstenverkehrs, mit Abhängigkeit von Schanghai, Zollunion mit China; 3. die Periode direkten Handels mit Europa. 1. Die Zeit des Ausbaues von Hafen und Eisenbahn. Dieser Abschnitt dauerte von der Besitzergreifung bis etwa zum Herbst 1903. Am 6. März 1904 wurde Mole I, am 1. Juni 1904 die Bahn nach Tsinanfu und Poshan dem Verkehr übergeben. Da aber der Hauptteil der Eisenbahnstrecke, nämlich die 302 km bis Tschoutsun, schon am 2. Sept. 1903 in Betrieb genommen wurde, macht die Handelssteigerung durch die Bahn sich schon in der Statistik des Jahres 1903/04 kräftig bemerkbar. Die Zeit des Ausbaues ist charakterisiert durch ein sehr starkes Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr. Es erklärt sich dies auf der einen Seite durch die großen Materialmengen, die zum Aufbau von Stadt, Hafen und Eisenbahn herausgeschickt wurden, anderseits durch den Mangel eines leistungsfähigen Verbindungsweges nach dem Innern und die geringe wirtschaftliche Entwicklung des Hinterlandes. Seit dem Jahre 1904 hat die absolute Zahl des Ausfuhrwertes sich fast dauernd gehoben, und auch ihr Verhältnis zum Gesamthandel ist ziemlich regelmäßig günstiger geworden. Der Anteil der Ausfuhr am Gesamthandel stieg von etwa 10 % im Jahre 1901 auf etwa 40 % im Jahre 1911. 2. Die Zeit des Küstenverkehrs mit Abhängigkeit von Schanghai. Von 1906 ab Zollunion mit China. Die zweite Periode umfaßt die Jahre 1904/08. Stark beeinflußt wurde diese Periode einmal durch den russischjapanischen Krieg (1904/05), durch den viel Geld nach Tsingtau floß, und die im Jahre 1906 mit China abgeschlossene Zollunion. In diese Zeit fällt auch die Gründung der "Tsingtauer Handelskammer" (Sept. 1905). Es entwickelte sich ein reger Küstenverkehr, in der Hauptsache auf den Linien: Schanghai-Tsingtau-Tschifu- Tientsin, Schanghai-Tsingtau-Kobe, Schanghai-TsingtauNagasaki-Wladiwostok, Schanghai-Tsingtati-Dalny- Niutschwang. Hauptsächlich beteiligt ist die Hamburg- Amerika-Linie, doch nehmen auch Jardine, Matheson & Co., Butterfield & Swire und verschiedene japanische Reedereien, die letzteren freilich vorwiegend in wilder Fahrt, daran teil. Eine direkte Verbindung mit Europa stellte nur die Hamburg-Amerika-Linie her, die etwa monatlich einen ihrer ausreisenden Frachtdampfer Tsingtau anlaufen ließ. Für die Ausfuhr waren die Exportfirmen bis zum Jahre 1907 ausschließlich auf die Umladung in Schanghai angewiesen. Erst in diesem Jahre ließ die Hamburg-Amerika- Linie auch einige ihrer heimkehrenden Dampfer Tsingtau aufsuchen. 3. Die Periode direkten Handels mit Europa. Das Jahr 1908 bildet den Übergang vom zweiten zum dritten Entwicklungsabschnitt, in dem neben lebhaftem Küstenverkehr ein ausgedehnter direkter Ozeanhandel tritt. 1908 läßt die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company 3, die Nippon Yushen Kaisha einen ihrer großen Europadampfer auf der Westreise Tsingtau anlaufen. Der direkte Dampferverkehr Tsingtau-Europa hat sich seitdem überraschend günstig entwickelt. Es sind in der Hauptsache die folgenden Reedereien beteiligt: 1. Die Hamburg-Amerika-Linie in Betriebsgemeinschaft mit der Hansa-Linie mit durchschnittlich 2 ausreisenden und 2 heimkehrenden Dampfern im Monat; 2. der Norddeutsche Lloyd mit monatlich je einem Reichspostdampfer in jeder Richtung (der erste hat Tsingtau am 19. September 1910 angelaufen); 3. die Rickmerslinie; 4. die englische Blue Funnel Linie mit monatlich einem Dampfer nach Europa; 5. die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company mit monatlich einem Dampfer nach Europa; 6. die Nippon Yushen Kaisha und 7. die Messageries Maritimes. Die Dampfer der beiden letztgenannten Gesellschaften laufen Tsingtau zwar nicht in regelmäßigen Abständen, aber ziemlich häufig an. Tsingtau verfügt also gegenwärtig für seine Ausfuhr etwa 7mal im Monat über eine direkte Verbindung mit europäischen Häfen, unter denen als die für Tsingtau wichtigsten Hamburg, Bremen, Antwerpen, Rotterdam, Liverpool, London, Le Havre, Marseille und Genua genannt seien. Die Zahl der Ankünfte von direkten Dampfern ist kleiner. Sie beträgt etwa 3 im Monat.

Die Einzelheiten über die Entwicklung des Schiffsverkehrs und des Handels sind aus den eingefügten Tabellen zu entnehmen. Diese Zahlen kennzeichnen nur den Handel, den direkte Dampfer von oder nach Europa vermitteln. Sie geben kein ganz richtiges Bild von dem tatsächlichen Handel, den Tsingtau mit diesen Ländern, teilweise über Schanghai, unterhält.




Tsingtaus Handel mit Deutschland. Ein Teil der Waren deutschen Ursprungs kommt über fremde Länder, ein großer Prozentsatz auch über Schanghai nach Tsingtau (1910 kamen z.B. von den aus chinesischen Plätzen nach Tsingtau eingeführten fremden Waren im Werte von 8855092 Taels für rund 8806000 Taels aus Schanghai) und ist deshalb als deutsche Ware nicht immer leicht erkennbar. Vom K.seezollamt seit 1910 auch in bezug auf den Ursprung der Waren angestellte Beobachtungen haben für die Einfuhr aus Deutschland folgende Zahlen für die Zeit vom 1. Oktober 1912 bis 30. September 1913 ergeben, die aus obigen Gründen indes auch nur den ungefähren Wert der tatsächlichen deutschen Einfuhr darstellen können:

1. Handelswaren
4.238.104
Taels
 
2. Eisenbahnmaterialien
505.696
Taels
 
3. Für das Gouvernement
1.110.626
Taels
 
4. Für industrielle Betriebe
45.548
Taels
 
Gesamnteinfuhr
5.899.974
Taels
(= ca. 17.700.000 M).

Der Herkunft nach kommen von den Handelswaren

aus Deutschland direkt für
2814332
Taels
über fremde Länder für
453889
Taels
im Küstenhandel (üb. Schanghai) für
969880
Taels

Hauptartikel der eingeführten Handelswaren.

Farben (Indigo)
1.589.000
Taels
Maschinen
220.000
Taels
Papier
242.000
Taels
Stabeisen
172.000
Taels
Nadeln
88.000
Taels
Wagen
480.000
Taels

Ausfuhr nach Deutschland. Von der Ausfuhr nach Deutschland ist nur der Wert der mit direkten Dampfern verschifften Waren feststellbar. Er betrug im Jahre 1911 1430185 Taels = ca. 4076000 M, und im Jahre 1912 1880000 Taels = ca. 5640000 M. Die Ausfuhrwaren nach Deutschland waren 1910 und 1911 hauptsächlich:

Gesamthandel. Die Anteile der verschiedenen Flaggen am Gesamt-Schiffshandel Tsingtaus ausschließlich Edelmetalle sind prozentual:

Gesamtanteil der deutschen Flagge 1910: 54,64% = 24977398 Taels = 68937618 M; 1911: 50,87% = 24164064 Taels = 68867582 Mark. Tsingtaus Stellung unter den Häfen Nordchinas. Nach dem Gesamtbetrag der Zolleinnahmen steht Tsingtau im Jahre 1910 unter den 45, dem freien Handel geöffneten Plätzen Chinas an 6. Stelle (1909 an 7.) hinter Schanghai, Tientsin, Hankau, Canton und Swatou, im Jahre 1912 unter den Häfen Nordchinas an 2. Stelle unmittelbar hinter Tientsin. Es betrugen die Zolleinnahmen während der Jahre 1908/12 in den nordchinesischen Häfen:

B. Industrie. Die Industrie steckt in Tsingtau trotz mancher günstiger Umstände, wie billige Kohle, zollfreie Einfuhr von Maschinen, günstige Eisenbahn- und Dampferverbindungen, noch in den Kinderschuhen. Die einzigen Unternehmen, die in größerem Umfänge Landesprodukte zu Exportartikeln verarbeiten, sind zwei Albuminfabriken. Neben diesen sind als von mehr als lokaler Bedeutung etwa noch zu erwähnen: die Seifenfabrik, eine Holzbearbeitungsanlage, eine Getreidemühle, die Germania Brauerei, eine Mineralwasserfabrik, eine Weißbierbrauerei und einige Unternehmen der Ziegelei- und Zementwarenindustrie.

10. Bergbau. 1. Kohlenbergbau. Durch den K.vertrag hatte das Deutsche Reich das Recht erhalten, 30 Li (15 km) zu beiden Seiten der konzessionierten Eisenbahnlinien Bergbau jeder Art zu treiben. Zur Ausnutzung dieses Rechts wurde von derselben Finanzgruppe, die den Bahnbau Tsingtau-Tsinanfu übernommen hatte, die Schantung-Bergbau-Gesellschaft als Kolonialgesellschaft mit einem Kapital von 12 Mill. M gegründet. Die Gesellschaft erhielt für 5 Jahre von der deutschen Regierung das ausschließliche Mutungsrecht in der 30 Lizone und begann sofort mit den Untersuchungsarbeiten. Im Jahre 1908 wurde das Kapital durch Aufnahme einer Anleihe von 4 Mill. M auf 16 Mill. M erhöht. Am 1. Januar 1913 ging das Vermögen der Schantung-Bergbaugesellschaft als Ganzes an die Schantung- Eisenbahngesellschaft über. In dem von altersher durch chinesische Baue bekannten und von dem berühmten Geographen v. Richthofen als sehr aussichtsreich bezeichneten Weihsienfelde wurde 1901 an die Errichtung einer kleineren Förderanlage gegangen, die im Oktober 1902 in Betrieb genommen werden konnte. Leider stellte sich bald heraus, daß die beiden 4 m starken Kohlenflöze vielfach durch Porphyrbrüche verunreinigt und die gewonnene Kohle daher zum Teil so aschenreich war, daß sie für Dampfer und Eisenbahnzwecke nicht verwendet werden konnte. Doch fand sie unter den Chinesen lohnenden Absatz. Die Gesellschaft bemühte sich, die Qualität ihrer Kohle durch eine Separationsanlage (1903), eine Kohlenwäsche und eine Brikettfabrik (1906) zu verbessern. In der Tat gelang es, sie für Eisenbahnzwecke und stehende Anlagen verwendungsfähig zu machen, doch ist die Kohle, die an sich einen hohen Heizwert hat, wegen der Neigung, leicht fließende Schlacken zu bilden, wenig beliebt. Im Jahre 1907 wurde ein zweiter und 1908 ein dritter Förderschacht in Betrieb genommen. Leider waren die Aufschlüsse in dem letzteren so wenig befriedigend, daß er 1912 aufgegeben werden mußte. Man beschränkt sich im Weihsienfelde darauf, den Bedarf des Inlandes und Tsingtaus mit 200000 t jährlich zu decken. Inzwischen hatte man auch im Poschantale beim Berge Hungschan eine vorzügliche Kohle erbohrt. Im Jahre 1905 konnte mit der Förderung aus dem Tsetschuanschacht begonnen werden. Nach Inbetriebnahme einer Separationsanlage und Wäsche erwies sich die gereinigte Hungschankohle, wie ausgedehnte Brennversuche des Kreuzergeschwaders erwiesen, als guter Cardiffkohle gleichwertig. Nachdem dies festgestellt war, schloß das Kreuzergeschwader mit der Schantung-Bergbaugesellschaft einen Vertrag über seine dauernde Kohlenversorgung ab. Die Indiensthaltungskosten der Schiffe in Ostasien setzten sich dadurch bedeutend herab. Außerdem gewann Tsingtau durch die Möglichkeit einer reichlichen Kohlenversorgung, unabhängig vom Seeweg, ganz bedeutend in seinem Wert als Flottenstützpunkt. Dem Beispiele der Kaiserlichen Marine folgten die Schifffahrtsgesellschaften, so daß der Kohlenexport Tsingtaus von 42 000 t im Jahre 1909 auf 150 000 t im Jahre 1913 stieg. Im Hungschanfelde treten sowohl Magerkohlen, wie auch verkokungsfähige Fettkohlen auf. Zur getrennten Gewinnung der letzteren ist eine große Schachtanlage mit besonderer Separation und Wäsche im Bau, nach deren Fertigstellung die Hungschangrube 1 Mill. t im Jahre leisten kann. Die Gewinnung im Hungschanrevier, wo jetzt 4 Schächte in Betrieb sind, wurde immer mehr ausgedehnt.

Für das Geschäftsjahr 1912/13 ist eine Förderung von 400000 t für das Hungschan- Revier in Aussicht genommen worden. Die Gesamtzahl der Arbeiter ist von 15 Europäern und 300 Chinesen im Jahre 1901 auf 52 Europäer und 7000 Chinesen im Herbst 1912 gestiegen. - Der Durchschnittslohn der chinesischen Kohlenhauer stellt sich auf etwa 0,50 M pro Schicht. Derjenige der besseren Handwerker steigt bis auf 2 M, während ungelernte Tagesarbeiter nur 0,80 M erhalten. - Die Arbeitsleistung der reinen Bergarbeiter ist etwa die Hälfte derjenigen guter europäischer Arbeiter. Handwerker leisten etwa 2/3, wobei jedoch stets entweder Akkordarbeit oder strenge europäische Aufsicht Voraussetzung ist. - Es ist zu hoffen, daß das Werk, das bisher noch unter mancherlei Entwicklungsschwierigkeiten zu leiden hatte, im besondern unter dem Mangel einer genügend zahlreichen und geschickten Arbeiterschaft, jetzt, nachdem diese Schwierigkeiten größtenteils überwunden sind, bald anfangen wird, seinen Unternehmern kaufmännischen Gewinn zu bringen. 2. Eisenerzvorkommen. In nächster Nähe des Hungschankohlenfeldes und dicht an der Eisenbahn finden sich reiche Lager etwa 60prozentigen Magnetund Roteisensteins ohne jede nennenswerte schädliche Beimengungen von Schwefel, Kupfer und Phosphor. Die durch Tagebau bzw. Stollenbetrieb gewinnbare Menge ist durch zahlreiche Schürfgräben und Bohrlöcher auf 70000000 t ermittelt worden. Der hohe Eisengehalt der Erze und die Nähe von billigen verkokungsfähigen Kohlen und von Kalkstein für die Verhüttung scheinen hier die Eisenerzeugung unter ungewöhnlich günstigen Bedingungen zu ermöglichen. Bisher hatte die Provinz Schantung ihren Eisenbedarf in mangelhaftester Weise mit Alteisen und Eisenknüppeln chinesischer Erzeugung aus Schansi befriedigen müssen. Die Erwägungen über die Errichtung eines Hüttenwerks, die seit Jahren in den Interessentenkreisen schweben, sind jetzt zum Abschluß gekommen. Die Schantung-Eisenbahngesellschaft hat 1914 ihr Kapital um 10 Millionen Mark durch Ausgabe neuer Aktien erhöht und wird bei Tsangkou - 18 km von Tsingtau entfernt - sofort ein Hüttenwerk, zunächst mit 2 Hochöfen, errichten.

11. Eisenbahnwesen. Die rechtliche Grundlage für den deutschen Eisenbahnbau in Schantung ist der K.vertrag, in dem es Teil II, Artikel 1, heißt: Die Kaiserlich Chinesische Regierung gewährt Deutschland die Konzession für folgende Bahnlinien in der Provinz Schantung: 1. von K. über Weihsien, Chingchou, Poshan, Tzechuan und Tsouping nach Tsinanfu. und von dort in der Richtung nach der Grenze von Schantung; 2. von K. nach Ichoufu und von dort weiter durch Laiwuhsien nach Tsinanfu.

A . Die Bahn Tsingtau-Tsinanfu.

Zur Ausnutzung dieser Gerechtsame erteilte der RK. am 1. Juni 1899 einem deutschen Syndikat unter Führung der Diskontogesellschaft die Konzession für den Bau und Betrieb einer Eisenbahnlinie von Tsingtau über Weihsien nach Tsinaufu, sowie einer Zweiglinie von Tschangtien nach Poschan. Das Syndikat gründete eine Aktiengesellschaft, die Schantung- Eisenbahngesellschaft, mit einem Grundkapital von 54 Mill. M, das sich Anfang 1913 durch Übernahme der Schantung-Bergbaugesellschaft auf 60 Mill. M erhöhte, und übernahm die Verpflichtung, die gesamte Linie von etwa 400 km Länge innerhalb von 5 Jahren, die 180 km lange Teilstrecke bis Weihsien in 8 Jahren in Betrieb zu nehmen. Die Bahn erschließt die wichtigen Kohlenfelder von Weihsien, Put' sun und Poshan und reiche Eisenerzvorkommen bei Tschinglingschen. Sie bringt außerdem die bedeutenden Handelsplätze Weihsien, Tsingtschoufu, Tschouts'un und Tsinanfu mit dem Meere in Verbindung. Die deutsche Regierung hat sich das Recht vorbehalten, die Bahn nach 60 Jahren (1959) gegen eine angemessene Entschädigung zu übernehmen. Außerdem hat die Schantung-Eisenbahngesellschaft, falls eine höhere Dividende als 5 % gezahlt wird, einen prozentual steigenden Anteil von der Superdividende an den Fiskus des Schutzgebietes zu entrichten. Im Jahre 1910 betrug die Einnahme des Fiskus aus dieser Quelle 70 732 M, im Jahre 1911 51789 M, im Jahre 1912 116235 M.
Trotz der Boxerwirren im Jahre 1900 und der Hochwasserschäden im Jahre 1901 gelang es, die festgesetzten Termine einzuhalten und am 1. Juni 1902 die Strecke bis Weihsien, am 1. Juni 1904 die gesamte Linie dem Verkehr zu eröffnen. Die Baukosten für die gesamte Bahn einschließlich Betriebsmittel betrugen 52901226 M oder pro km 121495 M Die deutsche Industrie hat für diesen Bahnbau Materiallieferungen im Werte von etwa 27 Mill. M ausgeführt. Die Linie hat sich geschäftlich günstig entwickelt, wie die folgenden Tabellen zeigen:

Das Jahr 1905 war das erste volle Betriebsjahr. Am Ende des Geschäftsjahres 1912 umfaßte das rollende Material 41 Lokomotiven, 110 Personen- und Gepäckwagen sowie 1051 Güter- und Bahndienstwagen. Das Verhältnis der Einnahmen zu den Ausgaben stellte sich:

Das ungünstigere Verhältnis der Einnahmen zu den Ausgaben im Jahre 1911 ist, ebenso wie der geringere Betrag der Dividende, der im Anfang des Jahres aufgetretenen Pest, den im September folgenden Hochwasserschäden, sowie der gegen Ende des Jahres ausgebrochenen Revolution zuzuschreiben. Mit der Tientsin-Pukou- Bahn ist im Mai 1911 ein Wagenübereinkommen abgeschlossen worden, wonach Güterwagen zwischen den beiden Linien ohne Umladung fahren. Der Übergang findet auf der Station Tsinanfu-West statt, wo nicht nur Einzelwagen, sondern auch ganze Züge bequem und sicher von und nach allen Richtungen abgeführt werden können.

B. Die Bahn Kaumi - Itchoufu - Hsütschoufu (Südschantungbahn) soll als eine an China zurückgegebene, bisher noch nicht erfüllte Konzession in Bau gegeben werden. Bei Rückgabe der Konzession hatte sich China verpflichtet, die Bahn bis zum 1. Jan. 1915 betriebsfertig herzustellen. Nach jahrelangen, schwierigen, diplomatischen Erörterungen wird (Juni 1914) mit China auf folgender Grundlage verhandelt: 1. Die etwa 320 km lange Strecke wird als chinesische Staatsbahn mit deutschem Kapital und deutschem Material gebaut. 2. Deutsche Ingenieure und Betriebsbeamte leiten den Bau und verwalten die Bahn unter dem chinesischen Verkehrsministerium während der ganzen Dauer des Anleihevertrages. 3. Die Bahn ist bis 1918 betriebsfertig. Zur Erschließung der reichen Südschantungdistrikte und als Vermittler zwischen ihnen und Tsingtau wird diese Bahn von um so größerem Vorteil sein, als sie gleichzeitig an den Kaiserkanal und die TientsinPukou-Bahn anschließt. Ferner trifft sie in Hsütschoufu die geplante, mit belgischem Kapital zu bauende Ost- Westbahn von Kaifeng nach Haichou und gewinnt dadurch Anschluß an die reiche Provinz Honan.

C. Die westliche Verlängerung der Tsingtau-Tsinanfu-Bahn als Anschlußbahn an die Hankou-Peking-Bahn soll unter denselben Vertragsbedingungen wie zu B in Bau gegeben werden. Auch sie ist als Folgerung aus dem K.- Vertrage anzusehen. Ihre Bedeutung für Tsingtau liegt in dem Anschluß des Schutzgebiets an die Provinz Schensi und den mittleren Hoangho. Als Punkt ihrer Einmündung in die Hankou- Peking-Bahn ist Tschangtefu in Aussicht genommen.

D. Die Tientsin-Pukou-Bahn. Am 13. Jan. 1908 schloß die chinesische Regierung nach fast 10jährigen Verhandlungen mit deutschen und englischen Unternehmern einen Vertrag über den Bau einer Bahn von Tientsin nach Pukou (am Yangtse gegenüber Nanking) ab. Auf Grund des K.vertrages Teil III: "Die Kaiserlich Chinesische Regierung verpflichtet sich in allen Fällen, wo zu irgendwelchen Zwecken innerhalb der Provinz Schantung fremdländische Hilfe an Personen, an Kapital oder Material in Anspruch genommen werden soll, die betr. Arbeiten und Materiallieferungen zunächst deutschen Industriellen und Handeltreibenden anzubieten", wurde die Nordstrecke von 625 km Länge, zwei Drittel des Ganzen, aus dem Gelde einer deutschchinesischen Anleihe und fast ausschließlich mit deutschem Brückenoberbau und Wagenmaterial gebaut. Man hat den Gewinn der deutschen Volkswirtschaft aus diesem Unternehmen auf 415 Mill. M berechnet. Die große Brücke über den Hoangho, nördlich von Tsinanfu, wurde für ca. 13 Mill. A von der Augsburger Maschinen- Fabrik gebaut.

Es ist vielfach behauptet worden, daß die Tientsin-Pukou-Bahn eine Schädigung des Verkehrs auf der Schantung-Bahn mit sich bringen werde. Bei nüchterner Erwägung der in Betracht kommenden Verhältnisse erscheint dies nicht sehr wahrscheinlich. Der Überseeverkehr sucht den billigsten Weg zum Transportdampfer. Die Bahnstrecken Tsingtau-Tsinanfu einerseits, Tsinanfu- Tientsin anderseits sind praktisch gleich lang und gleich teuer, ebenso die durch die China Homeward Freight Conference für die Seereise festgesetzten Frachtraten von Tientsin bzw. von Tsingtau nach Europa. In Tsingtau erfolgt die Umladung unmittelbar von dem Eisenbahnwagen ins Schiff, in Tientsin ist zwischen beide ein kostspieliger, zeitraubender und allen möglichen Zufälligkeiten ausgesetzter Leichtertransport von 55 Sm geschaltet, der außerdem von etwa Mitte Dezember bis Mitte Februar wegen des Eises unmöglich wird; es hat daher mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß ein Teil der Güter von der Bahnstrecke nördlich Tsinanfu wegen der geringeren entstehenden Gesamtkosten über Tsingtau exportiert werden wird als umgekehrt. Betrachtet man das Verhältnis zwischen Tsingtau und Pukou, so ergibt sich, daß der Mittlungspunkt der gesamten Bahnstrecke etwa 120 km südlich Tsinanfu liegt. Es ist daher anzunehmen, daß zum mindesten dieser Abschnitt der Tientsin-Pukou-Bahn nach Tsingtau als Ausfuhrhafen hinneigen wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird aber die wirtschaftliche Anziehungskraft von Tsingtau noch beträchtlich weiter nach Süden herunterreichen, als ein bloßes Abzählen der Eisenbahnkilometer vermuten läßt. Es ist dies deshalb anzunehmen, weil Pukou vorläufig nicht viel mehr als ein Bahnhof mit 2 Anlegebrücken am Yangtse ist. Inwieweit die Tatsache, daß die Schantung-Bahn eine deutsche, während die TientsinPukou-Bahn eine chinesische Bahn ist, den Verkehr auf beiden beeinflussen wird, ist bei dem schwer zu ergründenden und manchmal unberechenbaren Charakter des Chinesen vorläufig nicht mit Sicherheit zu sagen. Bei seinem ausgeprägten Geschäftssinn wird der Chinese aber wohl den Weg wählen, der für seinen Geldbeutel der vorteilhafteste ist. Mit dem Bau der Bahn Tientsin- Tsinanfu ist der direkte Schienenweg Berlin-Tsingtau hergestellt.

12. Post- und Telegraphenwesen. Bald nach der Besitzergreifung wurde in Tsingtau eine deutsche Postanstalt eingerichtet, der nach kurzer Zeit mehrere deutsche Postämter im chinesischen Hinterlande folgten. Zurzeit bestehen noch in Weihsien und in Tsinanfu deutsche Postanstalten. Im Schutzgebiet sind außer dem Hauptpostamt in Tsingtau noch drei Postagenturen in Litsun, Taitungschen und Syfang, zwei Postzweigstellen in Tapautau und am Großen Hafen, sowie fünf Posthilfsstellen an entfernteren Plätzen des Landgebietes in Betrieb. Der deutsche Postverkehr hat entsprechend der fortschreitenden Entwicklung eine lebhafte Steigerung aufzuweisen. In der Zeit vom 1. Okt. 1899 bis 30. Sept. 1900 wurden 647452 Briefe, 3098 Pakete, 5098 Postanweisungen mit einem Betrage von 457 044 M und 607 Zeitungen mit 19631 Nummern befördert. In der Zeit vom 1. Okt. 1912 bis 30. Sept. 1913 dagegen 2 092 500 Briefe, 37 556 Pakete, 21623 Postanweisungen mit einem Betrage von 864 281 M, 4653 Zeitungen mit 241088 Nummern, dazu noch 6706 Nachnahmesendungen. Durch ein deutsches Kabel nach Tschifu und nach Schanghai ist Tsingtau an das Welttelegraphennetz angeschlossen. Telegramme sind, vom 1. Okt. 1912 bis 30. Sept. 1913 befördert 97480. - An die Stadtfernsprecheinrichtung in Tsingtau waren im gleichen Zeitraum 203 Hauptanschlüsse und 150 Nebenanschlüsse angeschlossen. - Die Postverwaltung des Schutzgebietes untersteht nicht der Schutzgebietsverwaltung, sondern dem Reichspostamt. - Außer der deutschen Post befindet sind in Tsingtau noch ein auf Grund besonderer Vereinbarungen eingerichtetes chinesisches Postamt und ein chinesisches Telegraphenamt. Das letztere nimmt in Tsingtau für die chinesischen Telegraphenlinien Telegramme an und gibt die von letzteren kommenden Telegramme aus. Das chinesische Postamt dient nur dem Vermittlungsverkehr nach China und von China, d. h. es erhält die für chinesische Postämter in China bestimmten Postsendungen vom deutschen Postamt und liefert die von chinesischen Postämtern übermittelten Postsendungen zur Weiterbeförderung an den Adressaten an das deutsche Postamt ab.

13. Geld-, Bank- und Aktienwesen. A. Geldwesen. Die übliche Münze für den Geldverkehr an der chinesischen Küste ist im allgemeinen der mexikanische Dollar. Der ursprüngliche Wert dieses Geldstückes von 4 M ist mit der Entwertung des Silbers immer mehr heruntergegangen. Eine ganze Reihe von Momenten wirken auf seinen jeweiligen Kurs ein. Man kann den Dollar am besten selbst als eine Ware bezeichnen, wie er denn auch 2 Preise, einen Einkaufs- und einen Verkaufspreis hat, die zuzeiten nicht unwesentlich von einander abweichen. In dem letzten Jahrzehnt ist der mittlere Wert des Dollars etwa 2 M gewesen. Bestimmend für seine Bewertung sind neben der Höhe des Angebots und der Nachfrage in erster Linie die Silberpreise in London, die wiederum in hohem Maße abhängig sind von dem Ausfall der Ernte in Indien. Man kann im allgemeinen sagen, daß der Dollar für die Lebenshaltung an der ostasiatischen Küste etwa denselben, an einigen Plätzen einen etwas niedrigeren Wert hat wie in Deutschland die Mark. Teilstücke des Dollars sind als 5, 10 und 20 Centstücke im Umlauf. China selbst hat, wenn man bei den gänzlich verworrenen Münz- und Währungsverhältnissen von einer Währung überhaupt sprechen kann, eine Art Kupferwährung. Ungeheure Mengen alter durchlöcherter sowie neuerer minderwertiger Kupferkäschstücke bilden immer noch das Hauptzahlungsmittel für die Masse des 450-Millionenvolkes. Daneben läuft eine Art Silberwährung, deren Wert in Taels ausgedrückt wird. Der Tael ist jedoch selbst keine Münze, sondern lediglich ein gewisses Gewicht von Silber, das in Silberschuhen (Form der Füße der Chinesinnen) für den Handelsverkehr gesammelt wird. Es gibt, je nach dem Feingehalt und dem Gewicht eine ganze Reihe verschiedener Taels, wie z.B. den Schanghai-Tael, den Haikuan-(Zoll- )Tael, den Kuping-(Regierungs-)Tael u. a. in. Der Wert des Taels ist ebenso wie der des Dollars in erster Linie abhängig von dem Preise des Barrensilbers in London. Der mexikanische Dollar entspricht etwa 0,72 Tael. Neben dem mexikanischen Dollar laufen noch eine große Anzahl anderer von den Provinzialregierungen geprägter Dollars um, die jedoch zum Vollwert nur in der Provinz gelten, in der sie ausgeprägt sind. Daneben sind Hongkong-Dollars, Straits- Dollars und in kleineren Vertragshäfen, wie z. B. Ningpo und Wuhu, auch spanische Dollars in Gebrauch. Eine der ersten Sorgen der neuen chinesischen Regierung wird es sein müssen, in das Chaos der Münz- und Währungsverhältnisse einige Ordnung zu bringen. Vor Ausbruch der Revolution waren die Vorarbeiten für die Sanierung des Geldwesens bereits so weit gediehen, daß beschlossen war, aus der geplanten, 1200 Mill. M. Anleihe zunächst das Geld für die Schaffung einer einheitlichen Reichsmünze (etwas höher als 2 M, ungefähr wie der japanische Yen) zu nehmen. Nach Durchführung der Münz- sollte dann an die Währungsreform gegangen werden. Das Fehlen geeigneter Umlaufsmittel machte sich auch im Schutzgebiet mit der fortschreitenden Entwicklung von Jahr zu Jahr empfindlicher bemerkbar. Dies trat weniger im kaufmännischen Großverkehr als im täglichen Leben innerhalb der Kolonie zutage, wo die Unhandlichkeit der schweren Silberdollar und vor allem der Kupferkäschstücke zu einer außerordentlich weitgehenden Verwendung von Schecks und Schuldscheinen (sog. Chits) selbst bei den kleinsten täglichen Ausgaben führte. Dies System brachte mancherlei Nachteile mit sich, vor allem verführte es zum unüberlegten Schuldenmachen, weil es den Überblick über die Geldverhältnisse erschwerte und zur übermäßigen Inanspruchnahme des Kredits verführte. Aus diesen Gründen entschloß sich das Gouvernement zur Einführung von handlichen Geldsurrogaten in Form von Papierwertzeichen. Da es in China ein staatlich ausgegebenes Geldpapier nicht gibt, sondern sämtliche im Verkehr befindlichen Papierwerte von Privatbanken in Umlauf gesetzt sind, schien es angezeigt, auch deutscherseits in Anlehnung an die bestehenden Verhältnisse ähnlich zu verfahren. Es wurde deshalb der Deutsch- asiatischen Bank das Recht verliehen, durch ihre Niederlassungen in Tsingtau und in China Banknoten auszugeben. Sie kamen in Abschnitten von 1, 5, 10, 25, 50, 100, 200 und 500 Dollar, sowie 1, 5, 10, 20, 50, 100 und 500 Tael in Umlauf, in Tsingtau und Tsinanfu jedoch nur in Dollar. In der Provinz Schantung dürfen nur auf Tsingtau-Währung lautende Noten ausgegeben werden; zurzeit schweben Verhandlungen wegen event. Ausgabe von Tael-Noten. Um die Umlaufsfähigkeit dieser Noten sicherzustellen, verpflichtete sich die Bank, sie in Tsingtau und in allen andern Bankplätzen der Provinz Schantung (bisher nur Tsinanfu) zum Nennwert, an ihren übrigen Niederlassungen in Schanghai, Hankau, Peking und Tientsin zum Wechselkurs einzulösen. Außerdem erklärte sich die Bank bereit, die Noten in analoger Weise jederzeit bei ihren Geschäftsstellen in Zahlung zu nehmen. Sicherstellung der Noten. Eine Schwierigkeit ergab sich hinsichtlich der Art und Weise, wie man eine Gewähr für die unbedingte Sicherheit der neuen Banknoten schaffen sollte. Das System des deutschen Bankgesetzes, das für die heimischen Notenbanken das stete Vorhandensein einer gewissen Bardeckung vorschreibt, und sie in Ergänzung dessen auf einen bestimmten, spekulative Geschäfte ausschließenden Tätigkeitskreis beschränkt, konnte für die Deutschasiatische Bank nicht in Frage kommen. Denn diese ist ganz wesentlich auch Emissionsbank und während ihres ganzen Entwicklungsganges an den mannigfaltigsten Arten spekulativer Geschäfte beteiligt gewesen. Eine Beschränkung auf diesem Gebiet würde eine empfindliche Schwächung des deutschen Wirtschaftslebens im fernen Osten bedeutet haben. Es wurde ein Ausweg in der Weise gefunden, daß in Anlehnung an das amerikanische Prinzip eine Sicherheitsleistung für die Banknotenausgabe vorgeschrieben wurde. - Die Sicherheitsleistung kann, soweit sie nicht durch Hinterlegung des vollen baren Gegenwertes des Nominalbetrages erfolgt, nach den Abmachungen bewirkt werden: 1. durch Stellung von Bürgen: Als solche sind vom Reichskanzler 7 deutsche Großbanken zugelassen. Die Bürgschaftsleistung erfolgt in der Weise, daß a) die Bürgen von der Deutsch-asiatischen Bank ausgestellte Sichtwechsel in der Höhe von mindestens 100 000 M akzeptieren oder daß sie b) durch schriftliche Bürgchaftserklärungen auf mindestens fünf Jahre die selbstschuldnerische Bürgschaft unter Verzicht auf die Einreden des § 770 des Bürgerlichen Gesetzbuches übernehmen. Auf diese Weise ist es erreicht, daß für den vollen Betrag der Notenausgabe außer dem Vermögen der Deutschasiatischen Bank eine Anzahl der bestfundierten heimischen Finanzinstitute haften. 2. durch Hinterlegung von Wertpapieren, die vom Reichskanzler als geeignet zugelassen werden. 3. durch die Bestellung von Hypotheken an Grundstücken der Bank. Doch ist abgemacht worden, daß bis auf weiteres nur die erste Art der Bürgenstellung angewendet werden soll. Dem Reichskanzler ist ein weitgehendes Aufsichtsrecht über die Geschäfte der Bank eingeräumt worden. Als Gegenleistung für die Erlaubnis zur Banknotenausgabe hat der Fiskus sich eine Notenabgabe in Höhe von jährlich 1% auf den Jahresdurchschnitt des täglichen Notenumlaufs ausbedungen. Die Abgabe von den Banknoten in Tsingtau erhält das Gouvernement. Am 15. Juni 1907 begann die Deutsch-Asiatische Bank mit der Ausgabe ihrer Noten, die eine willige Aufnahme fanden. Schon ein Jahr nach Beginn der Ausgabe, am 20. Juni 1908, waren solche im Nennwert von 490303 Dollar im Umlauf, im Oktober 1913 betrug der Gesamtumlauf 2 825 892 Dollar und 148 981 Tael, wovon auf Schantung entfielen 1612 568 Dollar. -Die Einführung von Nickelscheidemünzen. Ein weiterer Übelstand auf dem Währungsgebiet war in Tsingtau wie an den andern ostasiatischen Plätzen der Mangel einer bestimmten Scheidemünze für den mexikanischen Dollar. Die teilweise in Hongkong, zum Teil in provinzialen chinesischen Münzstätten geprägten 5, 10 und 20 Centstücke waren vielfach mit einem ihrem Wertverhältnis zum Dollar nicht entsprechenden, viel zu geringen Silbergehalt hergestellt. Da von seiten der Ausgabestellen nicht die Verpflichtung bestand, sie zum Nennwert in Zahlung zu nehmen, so war die Folge, daß sie nur im Kleinverkehr für vollwertig galten, während größere Summen nur mit einem Disagio untergebracht werden konnten. Unter diesen Verhältnissen hatten namentlich kleinere Händler zu leiden, die ihre Einkäufe mit Silberdollar bezahlen mußten, während sie in kleinen Mengen für Cents weiter verkauften. Klagen aus diesen Kreisen führten zur Einführung einer Nickelscheidemünze für das Schutzgebiet im Nennwert von 5 und 10 Cents, die die deutschasiatische Bank jederzeit als vollwertig einzulösen sich verpflichtete. Um das Vertrauen des Publikums und die Umlauffähigkeit der neuen Münzen zu erhöhen, hinterlegte das Gouvernement bei der deutsch-asiatischen Bank eine Summe in Silberdollar, die dem Nennwert der gesamten in Umlauf gesetzten Nickelmünzen entsprach. Die neuen 5 und 10 Centstücke haben sich gut eingeführt. Im Jahre 1913 waren ausgeprägt und im Umlauf für 97500 Dollar 5 und 10 Centstücke. - B. Bankwesen. Die führende Bank in Tsingtau ist die deutsch- asiatische Bank; daneben haben in jüngster Zeit die Honkong and Shanghai Banking Corporation, die russisch-asiatische Bank, die Yokohama Specie Bank sowie zwei chinesische Banken Filialen errichtet. Die deutsch-asiatische Bank ist im Jahre 1889 unter Führung der Diskontogesellschaft mit einem Aktienkapital von 7 1/2 Mill. Schanghai-Taels als Tochtergesellschaft einer größeren Anzahl deutscher Großbanken gegründet worden. Die Dividende der letzten Jahre betrug durchschnittlich 8 %. - C. Aktienwesen. Für das Schutzgebiet galten bis zum Jahre 1911 lediglich die heimischen Bestimmungen. Wichtig und unter Umständen für die wirtschaftliche Entwicklung des Schutzgebiets von weittragender Bedeutung, war die Ende 1911 durch die gesetzgebenden Körperschaften erfolgte Verabschiedung des sog. kleinen Aktiengesetzes, wonach in den Konsulargerichtsbezirken in China und im Schutzgebiet K. Aktien zum Nennwerte von 200 M oder 100 Dollars ausgegeben werden können. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß es durch dieses Gesetz mehr als bisher gelingen wird, für Aktienunternehmen vor allem chinesisches Kapital heranzuziehen, das bisher an der für deutsche Unternehmungen vorgeschriebenen 1000 M-Aktie Anstoß nahm. Die Kolonialgesellschaften, die ja auch die Möglichkeit der Ausgabe kleinerer Aktien als 1000 M vorsehen, eigneten sich ihrer schwerfälligen Form wegen nicht für ostasiatische Handelsunternehmungen. Wollte Deutschland mit den übrigen Nationen, vor allem England, konkurrieren, mußte den Kaufleuten auch der Weg geebnet werden. Das ist durch das genannte kleine Aktiengesetz geschehen.

14. Maße, Gewichte, Münzen. 1 Li = 500 m, - 1 Mou = 921 qm. - 1 Kätty = 604,53 g. 1 Pikul = 100 Kätty = 60,453 kg. - 1 mexikanischer Dollar = 100 Cent = durchschnittlich 2 M. - 1 Haikuantael = 1,50 Dollar = durchschnittlich 3 M. - 1 Tiau = 1000 kleine Käsch = etwa 80 Pf.. - 10 Käsch (neuere Kupfermünze) = 0,8 Pf.

15. Zollwesen. Durch die erste Übereinkunft über die Errichtung eines Seezollamtes in Tsingtau vom 17. April 1899 wurde das Schutzgebiet in seinem ganzen Umfange zum Freihafen erklärt. Es wurde für die Einfuhr zu eigenem Gebrauch und für die Ausfuhr aus eigenen landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen als außerhalb der chinesischen Zollgrenzen liegend betrachtet. Nur die Waren, die hereinkommend oder herausgehend das Tsingtaugebiet als Brücke von China ins Ausland oder vom Ausland nach China benutzten, sollten die vertragsmäßigen Zölle entrichten. Die Zollerhebung fand aber nicht bei der Überschreitung der Schutzgebietsgrenze, sondern am Hafen auf die Erklärung der beabsichtigten Einfuhr nach China hin statt. In den ersten Jahren, in denen in der Hauptsache Platzgeschäfte getrieben wurden, bewährte sich dies Verfahren. Mit dem zunehmenden Handel mit dem Hinterland traten jedoch eine ganze Reihe von Unzuträglichkeiten ein. Die Kaufleute konnten schlecht über ihre Waren so frei disponieren, wie sie das im Interesse ihrer Geschäfte für notwendig hielten; so tauchte der Gedanke einer Zollunion mit China auf. Die mit dem chinesischen Seezoll aufgenommenen Verhandlungen führten im Jahre 1906 zu dem Ergebnis, daß das Freihafengebiet auf die Hafenanlage und das angrenzende Speicherviertel beschränkt wurde. Alle Waren, die dies Gebiet verließen, mußten Einfuhrzoll (im Durchschnitt 5% vom Wert) zahlen, gleichgültig, ob sie im Schutzgebiet oder im Innern von China verbraucht werden sollten. 20 % der Nettozolleinnahme aus den Einfuhrzöllen wurde an das Gouvernement K. abgeführt, da man den Anteil der im Schutzgebiet verbleibenden Waren auf etwa ein Fünftel der Gesamteinfuhr schätzte. Diese Regelung hat sich bewährt. Den Kaufleuten wurde der Warenabsatz erheblich erleichtert. Das Gouvernement hat eine gute Einnahmequelle, deren Eintreibung keine Kosten macht, gewonnen. Die Einnahmen des chinesischen Seezolls erhellen aus nachstehender Tabelle: Die Gesamtzolleinnahmen des Kiautschou-Seezonamts betrugen:

16. Finanzen des Schutzgebiets. Die Ausgaben des K.etats, werden gedeckt: 1. aus den eigenen Einnahmen des Schutzgebiets, 2. aus dem Reichszuschuß. Die folgende Tabelle zeigt das gegenseitige Verhältnis dieser Faktoren in den Jahren von der Besitzergreifung bis 1913.

Die Ausgaben des Gesamtetats teilen sich in solche, die für militärische und solche, die für andere Zwecke nötig sind. Bei der Betrachtung des Etats für 1914 ergibt sich für die militärischen Ausgaben eine Gesamtsumme von etwa 9,4 Mill M, worin eine für die Betrachtung der gesamten Etatsverhältnisse nicht zu berücksichtigende einmalige Verstärkung von 1,4 Mill. M für das ostasiatische Marinedetachement enthalten ist, das in Stärke von 660 Mann in Peking, Tsingtau und Tientsin stationiert ist. Hält man an dem in der Kolonialpolitik allgemein anerkannten Grundsatz: "Der militärische Schutz ist in erster Linie Sache des Mutterlandes" fest, so zeigt sich, daß die Kolonie Tsingtau nahezu imstande ist, alle anderweitigen Ausgaben selbst zu decken. Aus nachstehender Tabelle sind die Einnahmequellen nach dem Etatsvoranschlag für das Jahr 1914 im einzelnen ersichtlich:

Es ergibt sich mithin, daß, obgleich die eigenen Einnahmen des Schutzgebiets bereits jetzt nahezu ausreichen, die Ausgaben der Zivilverwaltung zu decken, die Bürgerschaft doch nur mit etwa 1,2 Mill. M zu diesem an sich erfreulichen Ergebnis beiträgt. Der weit überwiegende Teil der Einnahmen beruht auf den Erträgnissen der staatlichen Erwerbsbetriebe. Es wäre jedoch ein grundsätzlicher Fehler, wollte man den Wert eines Außenpostens, wie ihn die Kolonie K. darstellt, lediglich einschätzen nach den baren Einnahmen, die sie dem Fiskus zuführt. Man tut gut, sich zum Vergleich die Verhältnisse der Kolonie Hongkong zu vergegenwärtigen. Auch jetzt noch, wo Hongkong als einer der wichtigsten Bestandteile des englischen Kolonialreiches gilt, zahlt das Mutterland den weitaus größten Teil aller militärischen Kosten. Hongkong liefert lediglich 20% seiner eigenen Einnahmen als Zuschuß an das Mutterland ab. Dieser Zuschuß betrug im Jahre 1913 1428452 Dollar. - Der Wert Tsingtaus beruht mehr in Imponderabilien, deren Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft und die Ausbreitung der deutschen Kultur in China gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Das Reich der Mitte wird sicherlich für den Handel und die Industrie Europas und Amerikas in nicht allzu ferner Zeit der ausschlaggebende Absatzmarkt werden. Der Staat, der auf friedlichem Wege, unter Anpassung an die Eigenart des Chinesen und unter Schonung seines nationalen Ehrgefühls die besten Verbindungen mit China anzubahnen und auszugestalten versteht, wird als Sieger aus diesem internationalen Wettkampf um die Eroberung eines der größten Weltmärkte hervorgehen oder doch zum mindesten nicht von anderen, vielleicht schlechteren Konkurrenten verdrängt werden können. In unserer ostasiatischen Kolonie haben wir einen Angelpunkt, von dem aus die Fäden gemeinsamer kultureller wie kommerzieller Interessen mit China immer enger geknüpft werden können. Diesen Gesichtspunkt sollte man auch bei Beurteilung der finanziellen Verhältnisse des Schutzgebiets nie außer acht lassen und dementsprechend auch die vom Mutterlande auszustellenden Wechsel auf eine, wenn nicht alle Anzeichen trügen, erfolgreiche Zukunft nicht zu knapp bemessen.

17. Bodenpolitik. Grund- und Wertzuwachssteuer. Vor der Pachtung durch das deutsche Reich war der Grund und Boden des Schutzgebietes ausschließlich zu landwirtschaftlichen Zwecken benutzt worden. Es lag auf der Hand, daß mit der Anlage einer Stadt und mit dem Bau von Hafen- und Eisenbahnanlagen sein Verkaufswert sich in kurzer Zeit vervielfachen würde. Es war also ein starker Antrieb zur Bodenspekulation mit ihren unerwünschten Folgen - Verteuerung des Baulandes, Ansammlung ausgedehnter Terrains in einzelnen kapitalkräftigen Händen - vorhanden. Das RMA. betrachtete es als eine seiner ersten Aufgaben, dem einen Riegel vorzuschieben. Die erste Gefahr war die, daß die Chinesen selbst in Erkenntnis der Sachlage sich zu Ringen zusammenschlossen und die Landpreise künstlich in die Höhe trieben. Dies Verfahren wurde dadurch unmöglich gemacht, daß das Gouvernement sämtlichen Landbesitzern eine Summe im Betrage der doppelten jährlichen Grundsteuer als Prämie auszahlte. Dafür mußten die Besitzer sich verpflichten, nur an die Regierung, und zwar zu "alten" Preisen zu verkaufen. Diese Maßregel sicherte einen billigen Übergang des Landes in den Gouvernementsbesitz. Sie hätte allein aber nicht verhindern können, daß europäische Spekulanten weite Flächen aufkauften und unbenutzt liegen ließen, bis die allgemeine Wertsteigerung einen vorteilhaften Verkauf ermöglichte. Solche Spekulationskäufe sollten unrentabel gemacht werden. Zwei Wege wurden dazu eingeschlagen. - 1. Die Grundsteuer: Es wurde festgesetzt, daß jedes Grundstück, gleichgültig ob mit Häusern bebaut oder als unbenutztes Bauland brach liegend, zunächst 6 % des Ankaufspreises jährlich an das Gouvernement als Grundsteuer zu entrichten habe. Innerhalb dreier Jahre muß das Land nach dem vorher angegebenen Bebauungsplane bebaut sein, sonst sind 9 % Grundsteuer zu zahlen. Ist das Land nach weiteren drei Jahren nicht bebaut, so werden 12 % Grundsteuer erhoben. Da nur bebautes Land diese Zinsen verdienen kann, mußte ein unbenutzt liegender Platz als ungünstige Kapitalsanlage erscheinen. - 2. Die Wertzuwachssteuer: Die Bestimmungen der Wertzuwachssteuer setzen fest, daß bei dem Verkauf eines Grundstücks dem Gouvernement das Vorkaufsrecht zusteht. Verzichtet das Gouvernement auf sein Vorkaufsrecht, so hat der Verkäufer 33 1/3 % von dem Mehr des Verkaufs- gegen den Einkaufspreis als Wertzuwachssteuer an das Gouvernement zu entrichten. Der Wert von Baulichkeiten und andern Einrichtungen, durch die der erste Besitzer mit Aufwand an Geld und Arbeit sein Grundstück wertvoller gemacht hatte, kommt bei der Berechnung der Preisdifferenz in Abzug, denn die Wertzuwachssteuer soll naturgemäß nur solche Wertsteigerungen treffen, die durch die Tätigkeit der gesamten Bürgerschaft und des Gouvernements, also ohne besonderes Zutun des Landbesitzers hervorgerufen sind. Die Abgabe des Landes an die Käufer erfolgt von seiten des Gouvernements durch Landauktionen, die nach Fertigstellung des Bebauungsplanes stattfinden, sobald ein Bedürfnis dazu vorhanden ist. Bei diesen Auktionen wird der Mindestpreis, des Landes durch das Gouvernement festgesetzt. Den Zuschlag erhält der Meistbietende. Die Grundstücke, die für öffentliche Zwecke vorgesehen sind, werden vom Verkauf ausgeschlossen. Die Tsingtauer Landordnung hat sich gut bewährt. Landspekulation im Schutzgebiet ist, sehr im Gegensatz zu den älteren Vertragshäfen, fast unbekannt, und der Landbedarf von Kauflustigen hat stets zu vernünftigen Preisen ausreichend befriedigt werden können.

18. Auf- und Ausbau der Hafenanlagen und der Stadt Tsingtau. Der Entwurf des Stadtplanes wurde von der Beantwortung zweier Fragen abhängig gemacht. Erstens: Wo läßt sich mit geringstem Geldaufwande ein allen Anforderungen genügender Hafen bauen, und zweitens: Wo sind die günstigsten Wohnbedingungen? Als Ort für den Hafenbau wurde, nachdem alle in Betracht kommenden Verhältnisse durch den bekannten Wasserbauer Geheimrat Franzius an Ort und Stelle einer gründlichen Prüfung unterzogen worden waren, der Platz an der innern Bucht bestimmt, zu dem ein tiefer, natürlicher Stromschlauch den größten Schiffen den Zugang gestattete, während Woman Island und ein Riff den Bau einer Umschließungsmole erleichterten. Eine Sand- und Schlickschicht von durchschnittlich 15 m Mächtigkeit über dem Felsboden ermöglichte die Herstellung der gewünschten Wassertiefen ohne kostspielige und zeitraubende Sprengungen ausschließlich durch Baggerarbeiten. Dieser überaus günstigen Bodenkonfiguration ist es zu danken, wenn der nunmehr in der Hauptsache fertiggestellte künstliche Hafen mit seinen mustergültigen Einrichtungen für Löschen, Laden und Aufbewahren der Güter sowie einer nutzbaren Kaifläche von 1900 m für kaum 30 Mill. M hat hergestellt werden können. Der große, stets eisfreie Hafen von Tsingtau ist nach Nordosten, Norden und Westen durch einen etwa 3 km langen Steindamm, nach Südwesten durch die Werftinsel gegen die winterlichen Stürme geschützt. Den Bedürfnissen des Schiffsverkehrs für absehbare Zeit entsprechend ist bisher nur die südliche Hälfte des weiten Beckens auf die Tiefe von 9,5 m bei Niedrigwasser ausgebaggert worden. Zum Laden und Löschen der Schiffe steht Mole I mit 710 m Kailänge und Mole 11 mit 1180 m zur Verfügung (s. Tafel 100). Die gesamte Kaistrecke ist mit doppeltem Schienengeleise versehen. Überall an den Molen ist 9,5 m bei Springniedrigwasser, so daß die größten Schiffe jederzeit längsseit gehen können. 8 große, moderne, steinerne Lagerhäuser, sowie eine größere Anzahl von Wellblechschuppen dienen zur Aufstapelung von Sammelgütern (s. Tafel 100). -Für die Petroleumeinfuhr ist - wegen der Feuersgefahr von dem übrigen Ladebetriebe räumlich getrennt - 400 m nördlich der Mole II eine besondere Petroleummole mit Röhrenleitungen zu den Tanks der Standard Oil Company und der Asiatic Petroleum Company erbaut worden. Billige Bunkerkohle in beliebigen Mengen aus dem Lager der Schantung-Bergbau- Gesellschaft ist jederzeit verfügbar. - Der Kleine Hafen liegt unmittelbar westlich von Tapautau. Er dient vorwiegend den vielseitigen Bedürfnissen des lokalen Handels, die einen außerordentlich lebhaften Sampan- und Dschunkenverkehr hervorgerufen haben (s. Tafel 101). Um ihn auch für große Seedschunken aus Ningpo und anderen südchinesischen Häfen benutzbar zu machen, ist sein nördlicher Teil auf 4,5 m bei Niedrigwasser ausgebaggert worden. Mit dem Baggergut sind an seinem nordöstlichen und südwestlichen Ufer ausgedehnte Lagerplätze, deren der chinesische Handel noch mehr als der europäische bedarf, geschaffen worden. - Die Verwaltung der Hafenanlagen. Bei der Inbetriebnahme des Großen Hafens wurden zunächst die von der Regierung erbauten provisorischen Lagerschuppen und die ungedeckten Lagerplätze an Interessenten verpachtet. Für die Benutzung erhob das Gouvernement 1. eine Pacht für den Grund und Boden, 2. die Hälfte der tarifmäßigen Lösch-, Lade- und Lagergebühren, 3. das Liegegeld der Schiffe. Dem Pächter war der gesamte Lösch- und Ladebetrieb überlassen. Er sorgte z.B. für Auslieferung der Waren, Bewachung des Schuppens, Einziehung der Gebühren, kurz für alles, was zu dem ordnungsmäßigen Betriebe von Kajenschuppen gehört. Mit der völligen Fertigstellung des Hafens und der zunehmenden Mannigfaltigkeit und Menge des Verkehrs traten immer deutlicher die Nachteile dieser nebeneinander bestehenden Kleinbetriebe in die Erscheinung. Es wurde immer augenscheinlicher, daß ein einheitlicher Wille nötig sei, um aus den technisch vorzüglichen Hafenanlagen den größten Nutzen für die Allgemeinheit herauszuholen. Da das Laden und Entladen von Schiffen und das Lagern von Waren ein rein kaufmännisches Geschäft ist, so lag der Gedanke nahe, den gesamten Hafenbetrieb einer kaufmännischen Lagerhausgesellschaft zu übertragen, ähnlich wie dies z.B. in Bremen der Fall ist. Hiergegen Sprachen jedoch gewichtige fiskalische Gründe; da zudem in den Kreisen der Kaufmannschaft selbst, die anscheinend die Monopolwirtschaft einer Lagerhausgesellschaft fürchteten, wenig Stimmung für die Gründung einer solchen vorhanden war, so nahm am 1. Nov. 1908 das Gouvernement das Löschen, Laden usw. in eigene Regie; die von ihm eingerichtete Kajenverwa1tung hat es, nach Überwindung nicht unerheblicher Schwierigkeiten, verstanden, sich das Vertrauen aller Interessenten zu erwerben, so daß zurzeit der gesamte Betrieb zur allgemeinen Zufriedenheit arbeitet. - Zu Wohnzwecken erschien das an den Hafen grenzende Gebiet freilich wenig günstig. Nördlich der Tsingtau Berge gelegen, war es den rauhen, winterlichen Winden aus nördlicher Richtung schutzlos ausgesetzt, während die angenehm kühlenden Seebrisen von Süden und Südosten her im Sommer nur schlecht heran konnten. Man entschloß sich daher, sich am Hafen zunächst auf die für seine Ausnutzung notwendigen Anlagen zu beschränken, die Wohn- und Geschäftsstadt aber am Südabhang der Berge nach der Tsingtaubucht zu aufzubauen. In letzterer wird der Bootsverkehr nach den auf der Außenreede liegenden Schiffen und Dschunken über die Tsingtau- und Yamenbrücke geleitet. Der Bahnhof der Schantungbahn ist in der Geschäftsstadt, nicht weit von der Tsingtaubucht, angelegt, die Bahnstrecke nahe der K.bucht dicht am großen und am kleinen Hafen vorbei und durch das Hafenviertel geführt worden. Ein zweiter Bahnhof für den Umladeverkehr in die Schiffe ist in der Nähe des großen Hafens, erbaut worden. Die alten schmutzigen und daher gesundheitsgefährlichen Dörfer der Chinesen wurden aus dem Stadtgebiet entfernt und den Einwohnern ein neues Stadtviertel, Tapautau (1913 ca. 53000 Einwohner), zwischen der Europäerwohnstadt und dem Hafenviertel angewiesen (s. Tafel 101). - Gesundheitsverhältnisse. In den ersten Jahren nach der Besitzergreifung hatten Garnison und Zivilbevölkerung von Tsingtau viel an Ruhr und Darmtyphus zu leiden. Die Ursache dafür war in erster Linie in der Bodenverunreinigung durch die Darmentleerungen der Chinesen zu suchen, durch die bei der grobkörnigen, schlecht filtrierenden Bodenbeschaffenheit, namentlich bei Regenwetter, Typhuserreger in das Grundwasser und die Brunnen gelangten. Diese Verhältnisse ließen zur Besserung des Gesundheitszustandes die folgenden Einrichtungen als nötig erscheinen: die Herstellung einer zentralen Wasserversorgung, den Ausbau einer Regenwasserkanalisation, die Regelung der Fäkalienabfuhr. Nebenher gehen mußte eine gründliche Besserung der Wohnungsverhältnisse, um die Besatzungstruppen aus den meist zu ebener Erde liegenden, feuchten und übermäßig stark belegten Räumen der Chinesenlager und Baracken in gesunde Kasernen zu bringen. Die Wasserversorgung. Man hatte zuerst an die Anlage eines Stauwerkes gedacht. Eingehende Bodenuntersuchungen in den Jahren 1898/1899 führten zum Aufgeben dieses Planes und zur Anlage eines Wasserwerks, das mit 50 Abessinierbrunnen ein anscheinend einwandfreies Trinkwasser dem Grundwasserstrom des Haipoflusses entnahm. Das Wasser wurde in einen Sammelbrunnen geleitet und von dort mit Pumpen nach 2 in den Fels gesprengten Hochbassins oberhalb von Tsingtau gepumpt. Im Spätherbst 1901 war das Werk betriebsfertig. Schon 1904 wurde eine Vergrößerung der Leistungsfähigkeit durch die Anlage weiterer Brunnen nötig. Da ein weiteres Anwachsen des Wasserbedarfs mit Sicherheit vorauszusehen war, der Wasserreichtum des Haipoflusses aber schon bis zur Erschöpfung ausgebeutet wurde, mußte an die Erschließung neuer Wasserquellen gedacht werden. Die angestellten Untersuchungen führten zur Errichtung eines zweiten Wasserwerks am Litsunfluß. Das dort gewonnene Wasser wurde in einer 11 km langen Leitung in ein drittes, auf dem Moltkoberg gelegenes, 2000 cbm fassendes Bassin gepumpt. Das Werk ist seit dem Herbst 1908 in Betrieb und für den Bedarf der Stadt auf absehbare Zeit ausreichend, zudem ohne Schwierigkeiten erweiterungsfähig. Das Wasser kann fast das ganze Jahr hindurch ohne Schaden für die Gesundheit getrunken werden. Nach starken Regengüssen empfiehlt sich Abkochen v or dem Trinken. - Regenwasserkana1isation. Die Anlage der Regenwasserkanalisation wurde im Jahre 1901 begonnen und kam 1908 mit 22350 m Leitungslänge zum vorläufigen Abschluß. Sie ist seitdem, sich dem Bedürfnis anpassend, weitergeführt worden. Entsprechend den großen Wassermengen, die gelegentlich wolkenbruchartig die Stadt überfluten, mußten die Abflußröhren verhältnismäßig groß gewählt werden. - Fäka1ienabfuhr. Für die Fäkalienabfuhr wurde 1900 provisorisch das Eimersystem eingeführt; da es wenig befriedigend arbeitete, wurde mit dem Bau einer besonderen Schmutzwasserkanalisation begonnen. Die Abfälle wurden ins Meer geleitet. Im Jahre 1906 wurde mit 5800 m Leitungslänge der Betrieb aufgenommen. 1908 war die Kanalisation von Tsingtau mit 33470 m Kanallänge vorläufig vollendet. Zurzeit wird Tapautan kanalisiert. - Kasernenbauten. In der ersten Zeit nach der Besitzergreifung wurde die Bautätigkeit in Tsingtau durch den Mangel an Material und an geschulten, einheimischen Arbeitskräften sehr gehemmt. Es mußte alles von außerhalb eingeführt werden. Die Matrosen-Artillerie- Abteilung wurde im Herbst 1905 in die Iltiskasernen, das III. Seebataillon (zur gleichen Zeit) in die Bismarckkasernen umquartiert. Dem Bau dieser Kasernen sind im Laufe der Jahre, entsprechend der wachsenden Größe der Besatzung und ihrer Gliederung, eine Reihe von Ergänzungs- und Neubauten gefolgt, so daß zur Zeit alle Truppen der 2400 Mann starken Besatzung in steinernen Kasernen untergebracht werden können. Die von früher her vorhandenen Baracken werden als Reserve und zur Unterbringung eines Teiles des ostasiatischen Marinedetachements benutzt. Unterbringung von Offizieren und Beamten. Die Wohnungsbeschaffung für Offiziere und Beamte hatte das Gouvernement grundsätzlich dem privaten Unternehmungsgeist vorbehalten wollen. Da aber im ersten Entwicklungsstadium der Kolonie eine dringende Wohnungsnot eintrat, sah es sich veranlaßt, mit einer Schanghaier Firma eine Baugenossenschaft einzugehen, um für eine schnelle und ausreichende Wohnungsbeschaffung zu sorgen. Die Regelung hat sich bewährt, ist zudem für den Fiskus eine gute Einnahmequelle geworden. - Lazarettwesen. Als erstes Lazarett in Tsingtau dienten Döckersche Baracken, die aus Deutschland herausgeschickt worden waren. Sie waren nur ein unzureichender Notbehelf. Schon im Jahre 1899 wurde daher mit dem Bau eines groß angelegten Lazaretts für Militär- und Zivilbevölkerung begonnen. Es wurde nach dem Pavillonsystem eingerichtet, konnte 1900 in Betrieb genommen werden und erfuhr 1904 durch eine Frauen- und Kinderklinik eine wesentliche Erweiterung. Ihr angegliedert ist eine bakteriologische Untersuchungsstation, die Quarantänestation, die Gouvernementsapotheke und das Prostituiertenkrankenhaus. Aus der Höhe der Belegungsziffern, besonders in den Monaten Juli-September ist ersichtlich, daß die Zahl der Magen- und Darmkrankheiten im Schutzgebiet gegenüber den gleichartigen Erkrankungen in Deutschland immer noch eine relativ recht hohe ist. Ergänzend tritt zu dem Lazarett das Genesungsheim Mücklenburghaus (s. Tafel 105). Das Geld zu seinem Bau ist durch die Kolonialgesellschaft aufgebracht worden. Der ursprüngliche Plan, Errichtung auf einer Halbinsel am Fuße des Lauschan, mußte wegen Wassermangels an der ins Auge gefaßten Stelle aufgegeben werden. Statt dessen wurde es auf dem 500 m hohen Tempelpaß gebaut, in dessen Nähe sich auch das aus fiskalischen Mitteln errichtete Soldatenerholungsheim sowie eine Reihe von privaten Sommerhäusern befinden. Neben dem Gouvernementslazarett ist in Tsingtau im Jahre 1906, der privaten Initiative der Bürgerschaft entspringend, das Faber- Krankenhaus gegründet worden (s. a. Tafel 134). - Krankenhäuser für die Chinesen. Die ärztliche Versorgung der Eingeborenen in Tsingtau selbst haben die Missionen beider Konfessionen dem Gouvernement zum Teil abgenommen. Der allgemeine evangelisch-protestantische Missionsverein unterhält seit dem Jahre 1901 das Faber-Hospital und die Katholische Mission ein zweites Krankenhaus. Im Zusammenhang mit der deutsch- chinesischen Hochschule ist ein vom Gouvernement betriebenes Chinesenkrankenhaus erbaut worden. Im Landgebiet ist in Litsun unter Leitung eines Marinearztes eine sehr stark besuchte Poliklinik eingerichtet worden. Als Außenposten zur Beobachtung von Seuchen usw. wirkt ein Marinestabsarzt in Tsinanfu. - Schlachthof. Am 6. April 1906 ist ein nach den modernsten Grundsätzen gebauter Hallenschlachthof in Betrieb genommen worden. Er liegt außerhalb der eigentlichen Stadt, nahe an der Bahn, dicht am Meere - um die Beseitigung der Abfallstoffe zu erleichtern - und so weit von den Wohnvierteln entfernt, daß eine Belästigung durch den Zutrieb des Viehes und durch Insekten nicht eintreten kann. - An sonstigen fiskalischen Bauten seien genannt: Die Gouvemementsschule, das Gouvernementsdienstgebäude, das Gouverneurwohnhaus, die deutsch-chinesische Hochschule und das Gerichtsgebäude. - Unter den aus privaten Mitteln zu gemeinnützigen Zwecken hergestellten Bauten sind außer dem schon genannten Mecklenburghaus und dem Seemannshaus zu erwähnen: die Christuskirche; sie ist mit dem Gelde des deutschen evangelischen Kirchenausschusses gebaut worden und dient sowohl den Besatzungstruppen wie der Zivilbevölkerung als Gotteshaus. Die evangelische Zivilbevölkerung, deren Pastorierung durch den Garnisonpfarrer erfolgt, hat sich zu einem freien Kirchenverein zusammengeschlossen. - Das Observatorium; die zu seiner Errichtung erforderlichen 175000 M hat der Verband der deutschen Flottenvereine im Ausland dem RMA. zur Verfügung gestellt. Es versieht den Sturmwarnungs- und Wettervorhersagedienst. Ferner besitzt es eine Normaluhranlage mit Einrichtung zum selbständigen Fallenlassen des Zeitballs, um die für die Schifffahrt so wichtigen Zeitsignale in einwandfreier Weise geben zu können. Außerdem betreibt es erdmagnetische und seismographische Beobachtungen, hat in der kurzen Zeit seines Bestehens schon verschiedene Nebenstationen im Hinterlande errichtet und scheint auf dem besten Wege zu sein, sich zu einem wichtigen Faktor für die Schiffahrt und die Wissenschaft auszuwachsen. - Privater Initiative verdankt auch die Kiautschou-Bibliothek ihr Entstehen. Die Kiautschou-Bibliothek ist im Jahre 1898 mit einem Stamm von 5500 Bänden von einem Komitee in Deutschland gestiftet worden, um "zur Förderung der geistigen Entwicklung und zur Belebung deutscher Gesinnung auf fremdem Boden beizutragen". Zuerst provisorisch im Sitzungssaal des Gerichtsgebäudes untergebracht, hat sie jetzt ein würdiges Heim im Gouvernementsgebäude gefunden. Die Kosten der Verwaltung und Vergrößerung werden zum Teil durch Beiträge der Benutzer, zum Teil durch einen Zuschuß des Gouvernements aufgebracht. Neben der Unterhaltungsliteratur wird besonderer Wert auf eine möglichst vollständige Sammlung von Werken über Ostasien und kolonialpolitische Fragen gelegt. Im Juli 1912 hatte die Bibliothek einen Bestand von 11424 Bänden. Sie zählte 335 beitragzahlende Mitglieder. Im Jahre 1911/12 wurden etwa 21000 Bände, davon über die Hälfte unentgeltlich an Soldaten verliehen. In dem mit der Bücherei verbundenen Lesezimmer liegen jetzt 89 meist deutsche Zeitungen und Zeitschriften aus. 3 große Zeitungen werden über Sibirien bezogen. Die private Bautätigkeit (s. Tafel 97 bis 105) von seiten europäischer und chinesischer Bauherrn ist seit der Besitzergreifung dauernd sehr rege gewesen. Fast alle in Ostasien führenden Firmen haben Filialen in Tsingtau errichtet. In erster Linie sind zu nennen: Die Hamburg-Amerika-Linie, Melchers & Co. (Vertreter des Norddeutschen Lloyd), die Deutsch-asiatische Bank, Carlowitz & Co., Arnhold, Karberg & Co., H. Diederichsen & Co., A. Ehlers & Co., Schwarzkopff & Co., Sietas Plambeck & Co., Siemßen & Co., Sander, Wieler & Co. u. a. m. In das Handelsregister waren im September 1912 71 Firmen eingetragen. Einen ganz besonderen und in Tsingtaus kurzer Geschichte unerhörten Aufschwung hat die Bautätigkeit seit dem Herbst 1911, d. h. seit dem Beginn der jüngsten Unruhen genommen. Diese, haben Tsingtau, dessen in ganz China bekannte Ordnung und Sicherheit keinen Augenblick auch nur bedroht war, einen sehr starken Zuzug wohlhabender Chinesen aller Bevölkerungsklassen gebracht, die vielfach Grund und Boden erworben und sich seßhaft gemacht haben. Wenn nicht alles täuscht, so hat die Revolution der Kolonie einen unvorhergesehenen, neuen und recht starken Anstoß zu kräftigster Weiterentwicklung gegeben. Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich mit Hongkong auf, das auch erst nach dem Taipingaufstand (1852/64), der viele reiche Chinesen in die sichere englische Kolonie getrieben hatte, zu seiner jetzigen Blüte gediehen ist. Während sonst das Gouvernement innerhalb eines Rechnungsjahres nach der Etatsvorveranschlagung für etwa 70000 M Grundstücke verkaufte, sind im Jahre 1911 27 Baustellen für 67895 Dollar und im Jahre 1912 131 Baustellen für 362318 Dollar, d.h. für rund 720000 M in private, und zwar ganz überwiegend in chinesische Hände übergegangen. Angesichts der bisherigen Entwicklung und der noch immer bestehenden Nachfrage nach weiteren Grundstücken muß auch ein sehr kritischer Beurteiler zugeben, daß die Marineverwaltung den Plan für die Entwicklung von Tsingtau zwar großzügig, aber nicht übertrieben weitläufig angelegt hat. Daß das Kleid für die Kolonie in der ersten Entwicklungszeit reichlich weit war, mag manchen selbst wohlwollenden Beurteiler - nicht ganz mit Unrecht - stutzig gemacht haben. Der Gang der Ereignisse hat jedoch den Gründern Tsingtaus Recht gegeben. Schon jetzt füllt die Stadt ihr ehemals viel zu weites Gewand nahezu aus. Längst stoßen die zuerst durch breite unbebaute Flächen getrennten Orte Tsingtau und Tapautau zusammen, und an der fast 1 1/2 km langen Straße zwischen Tapautau und dem großen Hafen wächst das kräftig aufblühende Hafenviertel heran.

19. Gouvernementswerft. Für Tsingtau als Flottenstützpunkt und Handelshafen ist eine leistungsfähige Reparaturwerft von allergrößter Wichtigkeit. Das RMA. hatte zuerst beabsichtigt, die Errichtung einer solchen der Privatinitiative zu überlassen und diese nur durch vertragsmäßige Übertragung sämtlicher Reparaturarbeiten für das Kreuzergeschwader zu unterstützen. Es landen sich aber keine geeigneten Unternehmer. Das Gouvernement mußte sich daher entschließen, ihre eigene, gleich nach der Besitzergreifung an der Außenreede eingerichtete Reparaturwerkstatt nach dem großen Hafen zu verlegen und zu einer Werft auszubauen. In der ersten Zeit war man wegen des gänzlichen Fehlens geschulter Eisenarbeiter auf Arbeitskräfte aus Schanghai und andern Vertragshäfen angewiesen. Um sich davon nach Möglichkeit unabhängig zu machen, wurden schon im April 1902 80 Lehrlinge aus Schantung eingestellt. Sie mußten sich zu vierjähriger Lehr- und zweijähriger Gesellenzeit verpflichten. Neben der praktischen Ausbildung durch einen deutschen chinesisch sprechenden Werkmeister erhielten sie auch Unterricht im Deutschen, im Schreiben und Rechnen. Da sich dieses Verfahren bewährte, wurden in jedem Jahr neue Zöglinge eingestellt, 1905 wurde mit der Übersiedlung der Gouvernementswerkstatt nach dem großen Hafen begonnen. Etwa gleichzeitig war dort die Montierung des 150 t Krans beendet und die Verankerung des aus Deutschland zerlegt herausgeschickten von der Gute-Hoffnungs-Hütte gelieferten und in Tsingtau zusammengesetzten 16000 t Docks bewirkt worden. Um einen Stamm ständiger Arbeiter an die Werft zu fesseln, wurde eine Wohnungskolonie für sie eingerichtet. Im Jahre 1908 stellte man eine Geleisverbindung der Werft mit der Schantung-Bahn her und legte ein Kohlenlager für das, Kreuzergeschwader an. Im Etat für 1909 ist die Werft unter die "Verwaltung der Erwerbsbetriebe" aufgenommen worden. Man nahm an, daß ihre Arbeit nach Deckung aller Unkosten einen Reingewinn für die Schutzgebietsverwaltung abwerfen werde. Um Geldmittel für den weiteren Ausbau bereit zu stellen, wurde bestimmt, daß 40% der Betriebsüberschüsse zur Bildung eines Rücklagefonds verwendet werden sollten. Um die Höhe der Überschüsse festzustellen, wurde eine kaufmännische Buchführung eingeführt. Die Tätigkeit der Werft besteht in der Hauptsache in der Ausführung der jährlichen umfangreichen Überholungsarbeiten für die Schiffe des Kreuzergeschwaders und die kleinen Kreuzer der Südseestation. Den Umstand, daß unsere Schiffe nicht mehr auf das Wohl- oder Übelwollen fremder Werften angewiesen sind, kann man, ganz abgesehen von der finanziellen Seite, nur begrüßen. In zweiter Linie betätigt sich die Werft im Bau kleinerer Eisenfahrzeuge wie Schlepper, Verkehrsboote, Lotsendampfer, Kohlenleichter und ähnlichen. Gelegentlich führt sie auch andere als schiffbauliche Arbeiten aus. So sind z.B. die 4 großen Petroleumtanks in Tsingtau je 2 für die Standard Oil Company und die Asiatic Petroleum Company von ihr montiert worden. Die Werft beschäftigte im Jahre 1912 im Durchschnitt 1300 Arbeiter. Als regelmäßiger Reparaturplatz für Handelsschiffe ist Tsingtau als Anlaufhafen gegenüber Schanghai, von wo eine sehr bedeutende Küsten- und die Yangtseschiffahrt ihren Ausgang nimmt, wesentlich benachteiligt. Auf diesem Gebiet ist eine große Entwicklung vorläufig nicht zu erwarten. Dagegen fangen fremde Kriegsschiffe, chinesische Kreuzer und der österreichische Stationär in Ostasien an, sie regelmäßig aufzusuchen.

20. Elektrizitätswerk. Schon bald nach der Besitzergreifung richtete ein privater Unternehmer ein kleines Elektrizitätswerk ein und bot den Strom zur Straßen- und Hausbeleuchtung an. Da der Strombedarf schnell stieg, wurde schon 1900 mit dem Bau einer größeren und erweiterungsfähigen Zentrale begonnen. Noch vor Vollendung der neuen Anlage geriet die Konzessionsinhaberin, eine deutsche Aktiengesellschaft, in Konkurs. Um eine Unterbrechung in der Stromversorgung zu verhindern, schloß das Gouvernement mit den beiden größten deutschen Elektrizitätsgesellschaften einen Vertrag, in dem diese sich verpflichteten, vorläufig das Werk auf Rechnung des Fiskus zu betreiben. Im Juli 1903 war die neue Zentrale fertig. Am 1. Jan. 1904 wurde sie vom Gouvernement in eigene Verwaltung genommen. und sofort mit einer Verdoppelung der Anlage zwecks Versorgung des Schwimmdocks und der Gouvernementswerft begonnen. Seitdem ist die Entwicklung dauernd kräftig fortgeschritten. Im Jahre 1912 wurden 1256550 Kilowattstunden abgegeben. Es waren Ende März 1913 884 Abnehmer mit 13913 Glühlampen und 236 Motoren angeschlossen. Die Werft war mit 160 Motoren angeschlossen. Im Jahre 1912 hat sich das Elektrizitätswerk mit 4,79 % verzinst. Mit der durch die Etats für 1912 und 1913 bewilligten Summe von 300 000 M wird das Elektrizitätswerk erheblich vergrößert. Es wird mit der Gouvernementswerft gemeinsam verwaltet, und zwar nach rein kaufmännischen Grundsätzen.

21. Verwaltung und Rechtspflege. Das Schutzgebiet K. ressortiert vom Reichs- Marineamt. - Gouverneur. An der Spitze der Militär- und Zivilverwaltung im K.gebiet steht ein Seeoffizier als Gouverneur. Er ist oberster Befehlshaber der militärischen Besatzung und Vorgesetzter aller im Schutzgebiet angestellten Militärpersonen sowie der Beamten und der Militär- und Zivilverwaltung. Unter ihm steht als Zentralinstanz das Gouvernement. Dieses gliedert sich in eine militärische Abteilung, die Abteilung für die Landesverwaltung, die Finanz-, die Technische, die Gesundheits- und die Justizabteilung. An der Spitze der militärischen Abteilung steht der Chef des Stabes, der zugleich als ältester aktiver Offizier nach dem Gouverneur, Stellvertreter des letzteren ist. Die Landesverwaltung untersteht dem Zivilkommissar, dem zur Unterstützung und als ständiger Stellvertreter ein Regierungsrat beigegeben ist. Von der Landesverwaltung werden alle Angelegenheiten bearbeitet, die Handel und Gewerbe, Eisenbahn und Bergbau, Steuern, Zölle, Kirche, Missions- und Schulwesen, die Polizei, die Angelegenheiten der chinesischen Bevölkerung, Ankauf und Verkauf von Land, Standesamt, Veterinärwesen, Kommunalangelegenheiten, Verkehr mit den Konsulaten und der Bürgerschaft und alle Rechtsangelegenheiten des Gouvernements betreffen. Die Finanzabteilung untersteht dem Intendanten und bearbeitet das Etats-, Kassen- und Rechnungswesen der Zivil- und Militärverwaltung. Die technische Abteilung gliedert sich in 3 Referate, die dem Gouverneur direkt unterstellt sind, nämlich die: 1. Hochbauverwaltung, 2. die Tiefbauverwaltung, 3. die Werft. Der unter dem Gouvernementsarzt stehenden Gesundheitsabteilung liegt die Sorge für das Gesundheitswesen der Kolonie und der Besatzung ob. An der Spitze der Justizverwaltung steht der Oberrichter. Gouvernementsrat. Als beratendes Organ steht dem Gouverneur der Gouvernementsrat zur Seite. Er besteht unter seinem Vorsitz aus dem Chef des Stabes, dem Zivilkommissar, dem Gouvernementsintendanten, dem Gouvernementsarzt, dem Baudirektor und 4 Bürgerchaftsvertretern. Bürgerschaftsvertreter. Die Berufung der Bürgerschaftsvertreter erfolgt auf die Dauer von 2 Jahren. Es wird gewählt: einer von den Vertretern der im Handelsregister eingetragenen Firmen; einer von den im Grundbuch eingetragenen Grundeigenümern, die jährlich mehr als 50 Dollar Grundsteuer zu bezahlen haben; einer vom Vorstande der Handelskammer; der vierte wird vom Gouverneur ernannt. Die Bürgerschaftsvertreter müssen deutsche Reichsangehörige und im Schutzgebiet ansässig sein. Tätigkeit des Gouvernementsrats. Dem Gouvernementsrat sind zur Beratung vorzulegen: 1. die Vorschläge für den jährlichen Haushaltsetat; 2. die Entwürfe der vom Gouverneur zu erlassenden Verordnungen. Es steht dem Gouerneur frei, den Gouvernementsrat auch zur Besprechung irgendwelcher andern Angelegenheiten einzuberufen. Anträge von Bürgerschaftsvertretern sind schriftlich zu stellen und von mindestens 2 Bürgerschaftsvertretern zu unterzeichnen. Der Gouverneur kann aus politischen oder militärischen Gründen ihre Beratung verweigern. Chinesische Vertrauensleute. Zur Unterstützung des Gouvernements in chinesischen Angelegenheiten und in der Absicht, allmählich eine Vertretung der chinesischen Kaufmannschaft im Gouvernementsrat anzubahnen, ist ein Ausschuß von 4 chinesischen Vertrauensleuten, eingesetzt worden. Sie werden vom Gouverneur jährlich ernannt und zwar 2 auf Vorschlag der Schantung-Tschili-, je einer auf Vorschlag der Kiangsu- und der Kuangtung-Gilde. - Rechtspf1ege. A. Unter Europäern. Zur Ausübung der Rechtspflege unter den Europäern des Schutzgebiets besteht als erste Instanz das "Kaiserliche Gericht von Kiautschou", als zweite seit dem Jahre 1907 das "Kaiserliche Obergericht von Kiautschou". Bis 1907 war das Konsulargericht in Schanghai als 2. Instanz zuständig. Die zur Ausübung der Gerichtsbarkeit in beiden Instanzen bestellten Beamten heißen "Kaiserlicher Richter" bzw. "Kaiserlicher Oberrichter". Die Beisitzer werden vom Oberrichter mit Zustimmung des Gouverneurs ernannt. Sie müssen Reichsangehörige sein. - B. Unter Chinesen. Die Gerichtsbarkeit über die Chinesen wird durch Einzelrichter ausgeübt und zwar in erster Instanz durch: 1. das Bezirksamt Tsingtau ( bis 1. 1. 1914 auch durch das Bezirksamt Litsun), 2. das Ksl. Gericht von Kiautschou. Das Bezirksamt ist zuständig in Zivilsachen, wenn der Wert des Streitgegenstandes 250 Dollar nicht übersteigt. In Strafsachen ist der Tsingtauer Bezirksamtmann befugt, auf Freiheitsstrafen bis zu 3 Monaten, Prügelstrafen (nur gegen Männer) und Geldstrafen bis zu 500 Dollar allein oder in Verbindung miteinander oder mit Ausweisung zu erkennen. Für andere Fälle ist das Ksl. Gericht von Kiautschou zuständig. In zweiter Instanz wird die Gerichtsbarkeit ausgeübt durch den Ksl. Oberrichter als Berufungsrichter. Berufung ist nur gegen Urteile der Bezirksämter zulässig, nicht gegen Urteile der Ksl. Gerichte. In Bagatellsachen gibt es kein Rechtsmittel. Die Rechtsprechung erfreut sich im Schutzgebiet und darüber hinaus allgemeinen Vertrauens. Die Institution der Laienrichter (Beisitzer) hat sich auch in K. gut bewährt.

22. Schul- und Missionswesen. 1. Die Gouvernementsschule: Die Gouvernementsschule ist ein Reform-Realprogymnasium. Das Abgangszeugnis berechtigt zum einjährigfreiwilligen Dienst. In Sexta wird mit dem Lehren von Englisch, in Quarta mit Französisch, in Untertertia mit Lateinisch begonnen. Der Lehrkörper setzt sich zusammen aus dem Direktor, 4 Oberlehrern, einem Probekandidaten, 3 Elementarlehrern und 2 geprüften Lehrerinnen. Der Religionsunterricht wird durch je einen Pfarrer jeder Konfession erteilt. Die Schule wird von Knaben und Mädchen gemeinsam besucht. Für auswärtige Schüler ist ein vom Gouvernement eingerichtetes Alumnat vorhanden, das von einem verheirateten Oberlehrer geleitet wird. Farbige und Mischlinge werden nicht in die Schule aufgenommen. Die Entwicklung der Schülerzahlen zeigt folgende Tabelle:

darunter 18 Auswärtige. - Das Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis haben bisher 37 Zöglinge erworben. II. Mittlere und niedere Schulen: A. Gouvernementsschulen. - Es bestanden im Sommer 1913 20 staatliche Volksschulen mit etwa 1050 Schülern und 53 Lehrern. Die Schulen haben einen 5jährigen Lehrgang, in den beiden obersten Klassen wird Deutsch gelehrt. Die Lehrer sind Chinesen. Sie entstammen zum größten Teil dem Lehrerseminar der Weimarer Mission. - B. Missionsschulen. Das Gouvernement wird auf dem Gebiet des Schulwesens durch die Missionsvereine beider Konfessionen eifrig und wirkungsvoll, unterstützt. Es kommen in Betracht: 1. die Schulen der Berliner Mission (s.d.): im Schutzgebiet seit 1898. Sie umfassen: a) 7 Volksschulen mit 159 Schülern; b) eine Mittelschule in Tsingtau mit 45 Schülern; c) eine Mädchenschule mit 52 Schülerinnen; d) ein Lehrerinnenseminar mit 9 Schülerinnen. Außerdem unterhält die Berliner Mission eine Abendschule für Deutsch lernende Handlungsgehilfen und einen Kindergarten. - 2. Die Schulen der Weimarer Mission: in Tsingtau seit 1899. Die Weimarer Mission unterhält ein dreistufiges "Deutsch- chinesisches Seminar". Die verschiedenen Stufen sind: a) eine Elementarschule mit dreijährigem Kursus und 30 Schülern; b) eine Mittelschule mit vierjährigem Kursus und 97 Schülern; c) ein Lehrerseminar mit dreijährigem Kursus und 9 Schülern. Außerdem unterhält die Weimarer Mission eine Mädchenschule, in der auf einem dreijährigen Elementarkursus sich zwei getrennte Oberstufen aufbauen. Nämlich: a) ein christliches Lehrerinnenseminar mit 43 Schülerinnen- b) eine Anstalt nach dem Lehrplan einer deutschen Töchterschule, die unter Verzicht auf religiöse Beeinflussung deutsche Sprache und Kultur unter den Töchtern höherer Stände verbreiten will. - 3. Die Schulen der katholischen Mission von Südschantung (s.d. folg. Artikel: Kiautschou, katholische Mission). Die Mission besitzt: a) 8 Volksschulen mit 124 Schülern; b) eine fünfklassige deutsch-chinesische Mittelschule in Tapautau mit 27 Schülern. - 4. Die Schulen der American-Presbyterian-Mission: Die Mission unterhält etwa 50 Dorfschulen in der Nachbarschaft des Schutzgebiets. Als Oberstufe zur Heranbildung von Lehrern und Predigern für die Mission hat sie im Winter 1911 bis 1912 eine für vorläufig 40 Knaben eingerichtete Schule in Tsingtau eröffnet. III. Reinchinesische Schulen. Im Schutzgebiet bestehen etwa 250 private chinesische Dorfschulen, denen das Gouvernement größtmöglichste Freiheit läßt. Sie werden von etwa 2500-3000 Schülern besucht. In einem etwa fünfjährigen Kursus werden hauptsächlich chinesische Schriftzeichen gelehrt. IV. Die Deutsch- chinesische Hochschule. Die Gründung der Deutsch-chinesischen Hochschule sollte dem deutschen Geistesleben einen möglichst weitgehenden Einfluß auf das in der Bildung begriffene moderne China verschaffen. Der deutsche Kultureinfluß war bis dahin außerordentlich klein gewesen. Die englischen und vor allem die amerikanischen Missionen hatten mit ihren reichen Mitteln eine große Anzahl niederer und höherer Schulen für Chinesen geschaffen, denen die deutschen Missionen aus Geldmangel nichts auch nur annähernd Gleichwertiges entgegensetzen konnten. Die wenigen vom deutschen Schulverein gegründeten deutsch-chinesischen Elementarschulen in Kanton, Nanking, Hankau und Tientsin konnten, abgesehen von ihrer geringen Zahl, dagegen schon um deswillen nicht sehr ins Gewicht Fallen, weil sie sich in der Hauptsache auf die Erlernung der deutschen Sprache seitens ihrer Zöglinge und die Übermittlung einer gewissen allgemeinen Bildung beschränken mußten. Für den von praktischen Überlegungen ausgehenden Chinesen ist aber die deutsche Sprache nur dann wirklich wertvoll, wenn sie ihm den Weg zu einem höheren Fachstudium eröffnet. Will er dagegen eine europäische Sprache lediglich deswegen erlernen, um sein Fortkommen in einem praktischen, z. B. dem kaufmännischen Beruf zu fördern, so bietet ihm die in China sehr viel mehr verbreitete englische Sprache größere Vorteile. Sollten daher die Anfänge des deutschen Schulwesens nicht verkümmern, so mußte eine Oberstufe geschaffen werden, die die Verwertung der erworbenen Sprachkenntnisse zur Erwerbung einer höheren Berufswissenschaft in China selbst ermöglichte. Nach alteingebürgerter chinesischer Anschauung ist eine Fachbildung aber nur dann wirklich wertvoll und begehrenswert, wenn sie zur Anstellung als Staatsbeamter führt oder zum mindesten auf einer unter staatlicher Autorität stehenden Anstalt erworben ist. Darin lag aber eine große Schwierigkeit. Die chinesische Regierung stand nämlich den fremden Schulunternehmungen in China, die fast ausschließlich von Missionaren geleitet wurden, wenig freundlich gegenüber. Sie stand unter dem Eindruck, daß die Missionszöglinge ihrer heimischen Kultur, vor allem dem ethisch sozialen System ihres Vaterlandes abtrünnig gemacht würden. Einen solchen Preis wollte man aber für die Erwerbung abendländischen Wissens nicht zahlen. Auf diesen Gedankengang ist der Erlaß des Unterrichtsministeriums vom Jahre 1906 zurückzuführen, das keine unter ausländischer Leitung stehende Schule anerkannt, daß kein Schüler einer solchen zur Staatsprüfung zugelassen oder als Beamter angestellt werden solle. Wollte Deutschland eine höhere Bildungsanstalt gründen, so war demnach die erste Aufgabe, das Vertrauen der chinesischen Regierung zu gewinnen, sie darüber zu beruhigen, daß man nicht junge Chinesen aus ihrem Volksverbande herauslösen und zu Deutschen machen Wolle, sondern lediglich darauf ausgehe, ihnen unter Achtung ihrer alten nationalen Weltanschauung eine gediegene deutsche Bildung zu übermitteln, damit sie lernten, die Welt in deutscher Auffassung zu sehen und ihrem Vaterlande, auf die Hilfe deutscher Wissenschaft gestützt, zu dienen. Dieser Grundgedanke verlangte in erster Linie ausdrücklichen Verzicht auf jede religiöse Bekehrungstätigkeit und die Erteilung chinesischen Unterrichts neben dem deutschen. Auf dieser Grundlage wurden die Verhandlungen geführt. Ihr Ergebnis war: "Die Deutsch-chinesische Hochschule wird in Tsingtau errichtet. Sie besteht aus einer Unterstufe, die die Kenntnis des Deutschen und eine gewisse allgemeine westländische Bildung vermitteln soll und einer in vier parallele Fachabteilungen gegliederten Oberstufe. Die Schule wird von den Regierungen beider Länder gemeinsam betrieben. China gibt zu den Einrichtungskosten 40000 M und, zunächst für 10 Jahre, einen gleich hohen jährlichen Zuschuß. In beiden Stufen geht neben dem deutschen Unterricht ein chinesischer Kursus her. Die Lehrer, den Unterrichtsplan und die Anforderungen für den letzteren bestimmt die chinesische Unterrichtsbehörde. Die Schüler für die Anstalt, auch die aus andern Provinzen stammenden, werden von der Unterrichtsverwaltung der Provinz Schantung auf ihre Vorkenntnisse geprüft und der Schule überwiesen. Ein chinesischer Studiendirektor überwacht im besonderen den chinesischen Unterricht, hält aber auch sonst seine Regierung über die Anstalt auf dem Laufenden. Als Gegenleistung für diesen Einfluß gewährt die chinesische Regierung den Absolventen der deutschchinesischen Hochschule das Recht zur Anstellung als Staatsbeamte und denen, die sich um die höchsten, nur in Peking zu erlangenden literarischen Grade bewerben wollen, die Zulassung zur dortigen Reichsuniversität." Die Wirksamkeit der deutsch-chinesischen Hochschule kann naturgemäß erst nach Jahren voll in die Erscheinung treten. Jedenfalls sind ihr die günstigsten Bedingungen für eine gedeihliche Entwicklung gesichert. Man kann sich daher der begründeten Hoffnung hingeben, daß ihre Zöglinge nicht geistige Parias werden, ihren Landsleuten entfremdet, von Europäern nicht für voll angesehen, sondern gebildete und patriotische Chinesen, die ihrem Vaterlande mit dem Rüstzeug modernen Wissens nützen und gleichzeitig das deutsche Ansehen, den deutschen Handel und die deutsche Industrie fördern werden. Die deutsch- chinesische Hochschule wurde am 25. Oktober 1909, ihre medizinische Abteilung im Juni 1911 eröffnet. Die Schule gliedert sich in eine Unter- und eine Oberstufe. A. Unterstufe: Der Lehrgang der Unterstufe dauert 5 Jahre. Es werden junge Leute von mindestens 18 Jahren, die eine gute chinesische Vorbildung besitzen, aufgenommen. Ihre Befähigung prüft der chinesische Provinzialschulrat von Schantung. Die Unterrichtssprache ist mit Ausnahme der chinesischen Fächer deutsch. Das Bestehen der Schlußprüfung in der Unterstufe berechtigt zum Eintritt in die Oberstufe. Die Unterstufe zählte im Winter 1913 301 Schüler. B. Oberstufe: Die Oberstufe umfaßt 4 selbständige Abteilungen. Ihr Besuch setzt im Prinzip den erfolgreichen Besuch der Unterstufe voraus. Die 4 Abteilungen sind: 1. Die rechts- und staatswissenschaftliche Abteilung mit dreijährigem Kursus und 13 Schülern im Winter 1913; 2. die naturwissenschaftlich-technische Abteilung mit vierjährigem Lehrgang und 34 Schülern; 3. die forst- und landwirtschaftliche Abteilung mit dreijährigem Unterricht und 13 Schülern; 4. die medizinische Abteilung, deren Besuch ein dreisemestriges Vorstudium und ein fünfsemestriges Fachstudium vorsieht, mit 13 Schülern. Die Oberstufe zählte demnach im Winter 1913 73 Schüler. - In sämtlichen Abteilungen beider Stufen wird deutsche Sprache, chinesische Sprache und Wissenschaft, Gesundheitslehre und Turnen gelehrt. Der Hochschule angegliedert ist die Übersetzungsanstalt, die ihren Betrieb unter der Leitung eines Sinologen sofort nach der Eröffnung aufgenommen hat und bereits eine Reihe von Werken der Öffentlichkeit übergeben konnte. Anfang September 1913 waren außer den chinesischen Lehrkräften an der Schule tätig: im Hauptamt: 10 Dozenten, 4 Elementarlehrer; im Nebenamt: 12 Herren. Die Schülerzahl betrug insgesamt im Winter 1913 374, die in den beiden fertiggestellten Alumnatsgebäuden untergebracht sind. Bei der Ausstattung der Hochschule mit Bibliothek, Lehrmittelsammlung und Laboratorien ist ein weitgehendes und dankenswertes Entgegenkommen heimischer Interessenten sehr förderlich gewesen. Die Hochschule gibt seit Oktober 1913 den "Westöstlichen Boten", eine monatlich einmal erscheinende Zeitschrift "zur Vermittlung deutscher Sprache und Kultur im fernen Osten" in deutscher und chinesischer Sprache heraus.

23. Zeittafel.

Literatur: Die amtlichen Veröffentlichungen des R. M. A. und des Gouvernements Kiautschou. - F. W. Mohr, Handbuch für das Schutzgebiet Kiautschou. Deutsch-chinesische Druckerei von Walter Schmidt, Tsingtau. -Dr. Wilhelm Schrameier, Die Steuerpolitik im Kiautschougebiet, Bd. 8 Heft 1 des Jahrbuchs der Bodenreform. Gustav Fischer, Jena. - Dr. O. Franke, Ostasiatische Neubildungen. C. Boysen, Hamb. Dr. H. Betz, Die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz Schantung seit der Eröffnung Tsingtaus (1898-1910). Adolf Haupt, Tsingtau. - B. Navarra, China und die Chinesen. Max Nößler, Bremen. - Frhr. v. Richthofen, Schantung. - Penck, Tsingtau. - Rohrbach, Deutsch-Chinesische Studien, 1909. Georg Stilke, Berl. -Rohrbach, Deutsche Kulturaufgaben in China. Buchverlag der Hilfe. 2. Aufl. 1911. - Führer durch Tsingtau und Umgebung. Brüninghaus.