Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 302

Kindesmorde bei Eingeborenen. Die Tötung des Neugeborenen oder älteren Kindes kann aus den verschiedenartigsten Gründen vorgenommen werden. Mißbildungen des Kindes, die als Wirkung böser Geister aufgefaßt werden, sind ein sehr häufiger Anlaß; doch haben auch mitunter Zwillingsgeburten oder physiologisch bedeutungslose Anomalien, wie die Geburt in andrer als einer Kopflage oder das Erscheinen der oberen vor den unteren Schneidezähnen (Afrika) meist gegen den Willen der Mutter die gleiche Folge. Die Furcht vor Schande läßt chinesische Mädchen und Witwen in Kansu ihre Kinder töten, überhaupt werden bei verschiedenen Völkern Illegitime Kinder umgebracht. Eine weitere Gruppe von Gründen kann als wirtschaftliche bezeichnet werden: Man fürchtet die Last der Aufzucht, zumal bei mehreren Kindern, oder will die Bevölkerungszahl beschränken aus Furcht vor Nahrungsmangel. Ganz persönliche Motive, wie Eifersucht und Rache gegenüber dem Nebenbuhler, bestimmen den Ehegatten zum K. Wo man vor allem künftige Krieger erwartet, tötet man Mädchen, wo das mannbare Mädchen den Eltern den Brautpreis einbringt, tötet man Knaben. Auf manistischen Vorstellungen (s. Religionen der Eingeborenen) beruht die Sitte, mit der toten Mutter den lebenden Säugling zu begraben, oder Kinder zu töten, die an bestimmten Tagen des Jahres oder Monats geboren werden. Die Tötung selbst erfolgt durch Ersticken mittels Asche oder Sand, die in Mund und Nase eingebracht werden, durch Erdrosseln, Lebendigbegraben, Ertränken, Schlachten (Androphagie [s.d.]) usw. oder durch Aussetzen des Kindes, das dann nahezu immer verhungert, sofern es nicht Raubtieren zur Beute fällt. S.a. Abtreibung der Leibesfrucht.

Literatur: Ploß-Renz, Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. Lpz. 1911.

Thilenius.