Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 306 f.

Kiwusee oder Kiwu [Kivu] (s. Tafel 106), d. i. See, ist der große Gebirgssee in der Nordwestecke von Deutsch-Ostafrika, 1460 m ü.d.M. Er nimmt einen Teil des Zentralafrikanischen Grabens (s.d.) ein. Die Uferlinien umschließen eine Fläche von etwa 2630 qkm, davon sind etwa 290 qkm Inseln. Eine unendliche Fülle großartiger und lieblicher Bilder bietet die Seelandschaft. Mit Ausnahme der Strecke im Nordosten gegen die Virungavulkane (s.d.) hin herrscht Steilufer. Sein Verlauf in großen Zügen entspricht den Bruchlinien, deren Hauptrichtungen N, NO und NW zu sein scheinen. Dieser Rahmen besteht, abgesehen vom jungvulkanischen Nordostufer, aus Gneis und Granit, wohl auch auf der belgischen Seite, und erreicht auf der deutschen Seite Höhen von 2800, auf der belgischen solche von 8500 m. Heiße Quellen treten mehrfach an den Brüchen auf. - Die auffallendste Eigentümlichkeit des Sees ist der ungemeine Reichtum an Buchten und Halbinseln besonders längs der Südhälfte des Ostufers. Er überrascht besonders dann, wenn man dies Ufer mit anderen längs großer Bruchlinien Ostafrikas verlaufenden vergleicht. Ein näheres Betrachten des Netzes der kleinen Gewässer, die in großer Zahl von der nahegelegenen Wasserscheide herabkommen, zwingt zur Annahme, daß die Mehrzahl der Buchten ertränkte Täler sind, geographisch gesprochen Rias. Mit dem Vorgang des Bruches haben sie nichts zu tun. Sie sind der beste Beweis dafür, daß der See durch die Vulkankette im Norden und wohl auch durch jüngere Erdkrustenbewegungen und Ausbrüche im Süden erheblich angestaut worden ist. Daß auch vordem ein See hier lag, nicht etwa bloß ein Fluß auf der Grabensohle lief, wird durch die Anordnung der Zuflüsse des Kiwu und die geringe Größe des Einzugsgebiets wahrscheinlich. Es ist samt dem See nur 6900 km groß. Keiner der in den See mündenden Flüsse erreicht 50 km Länge. Die Erosionsarbeit des Abflusses des Kiwu zum Tanganjika, des Russisi (s.d.) hat es noch lange nicht vermocht, den Seespiegel auf den alten Stand zu erniedrigen. Die Rias und die starke Zertalung der Hänge über ihnen sind auch ein weiterer Beweis dafür, daß die Entstehung des Grabeneinbruches in dieser Gegend viel älter ist, als die Abdämmung des Sees durch die Virunga (s.d.) mit ihren frischen Formen. Ob aber Kiwu und Albert-Edwardsee einst ein See waren, ist zum mindesten zweifelhaft. Schon aus den Formen des Ufers (s. Tafel 106) läßt sich schließen, daß der K. sehr tief ist. Messungen liegen aber bisher nicht vor. - Die langgestreckte nordsüdliche Richtung der Hauptinsel Idschwi ist durch Brüche zu erklären. Idschwi ist etwa 260 qkm groß und erhebt sich bis zu 800 in über den K. Das Klima des Seebeckens ist noch wenig genau bekannt. Es ist der Meereshöhe entsprechend nicht heiß, die Regenmenge wenigstens am Ostufer, nicht sehr groß. Kissenji (s. Ruanda) am Ufer in der Nordostecke hat 926 mm im dreijähr., Ngundo, 6 km landeinwärts, 1850 in ü.d.M., hat 1194 mm im fünfjähr., Ischangi am Südufer 1180 mm im fünfjähr. Mittel. Im Durchschnitt für das ganze Becken ist die Regenmenge wohl deshalb etwas größer, weil das Land im Westen von der Hauptwindrichtung, die über den See streicht, getroffen wird und deshalb feuchter ist. Nach jährlicher Schwankung, Verteilung der Wärme über das Jahr, auch nach der der Regen, gehört der K. zum äquatorialen Klimagebiet (s. Deutsch-Ostafrika 4). - Rings um den See ist von der ursprünglichen Vegetation nicht allzuviel erhalten; sie ist der Bodenkultur bis auf Reste erlegen, die hauptsächlich hoch oben zu sehen sind. Ob die tieferen Teile des östlichen Hanges je von immergrünem Wald bedeckt waren, ist nach dem Vorkommen von gewissen Steppengewächsen zweifelhaft. Prächtig ist der Wald von Idschwi und einigen kleineren Inseln; hier ist er freilich zum Teil intensivem Anbau gewichen. Überall am Kiwu spielen kleine Bananenhaine eine Rolle im Landschaftsbild. Die floristische Grenze gegen die westafrikanische Hylaea liegt erst westlich des Steilabsturzes (s. Deutsch-Ostafrika 6) über dem Westufer. - Die Tierwelt des K. ist wenig mannigfaltig; Esche sind reichlich vorhanden, Krokodil und Flußpferd fehlen. Ganz nahe verwandt ist die Fauna des K. mit der des Albert- Edwardsees, ziemlich fremd derjenigen des Tanganjika, trotz der Verbindung durch den Russisi, was wiederum deren geringes Alter beweist. Das Land um den K. gehört tiergeographisch schon zum Guinea-Kongogebiet, so ist z.B. der Palmenflederhund eine westafrikanische Form (s. Deutsch- Ostafrika 7). Die Vogelwelt des Ufers ist viel weniger reich als die der meisten anderen Seen von Deutsch-Ostafrika. - Rings um den See wohnen Bantu (s.d.), die der Gruppe der Banjaruanda (s.d.) angehören; östlich von K. stehen sie unter Watussi(s.d.)- Herrschaft. Die Batwa(s. Batua)Zwerge kommen rings zerstreut vor, auch in den Wäldern von Idschwi. Die Bevölkerung ist recht dicht, nirgends mehr als auf Idschwi, das reichlich 20000 Einwohner haben soll, was einer Dichte von rund 75 entsprechen würde. Malaria tritt am See schwach auf. Der K. wurde erst 1894 durch Graf v. Götzen (s.d.) entdeckt, nachdem Stanley (s.d.) 1871 den Kivo als einen kleinen See erkundet hatte. Schon 1885 bei der Proklamation des Kongostaats war der Versuch einer mathematischen Abgrenzung für dies Gebiet gemacht worden. Nach ihr wäre dann nicht nur der K. sondern auch die Hälfte des Reiches Ruanda an den Kongo gefallen. Tatsächlich aber blieb Ruanda trotz Belgiens Protest stets unter deutschem Einfluß, auch das ganze Ostufer des Sees (s. Bethe-Hecq-Abkommen). Schließlich bestimmte der Vertrag von 1910 eine Grenze, bei der Idschwi leider zur Kongokolonie geschlagen wurde, ebenso das Nordostufer des K. bis gegen Kissenji (s.o.) hin. Die kleinen Inseln Ngombo im Süden, Wau in der Mitte des Sees verblieben Deutschland.

Literatur: Graf von Götzen, Durch Afrika von Ost nach West. II Aufl. Bln. 1899. - R. Kandt, Caput Nili. II Aufl. Bln. 1905. - A. v. Bockelmann, Versuch einer Monographie des Kiwu-Sees und seiner Umgebung als Begleittext zu Dr. Kandts Karte. ZKolPol. 1902. - Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg, Ins innerste Afrika. Lpz. 1909, sowie die im Erscheinen begriffenen Ergebnisse dieser Expedition. S.a. Zwischenseegebiet.

Uhlig.