Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 329 ff.

Kolonialgesellschafen sind im weiteren Sinne alle Gesellschaften, welche sich die Betreibung und Förderung kolonialer Unternehmungen zum Zwecke setzen, im engeren Sinne Gesellschaften, welche die in den §§ 11 bis 13 SchGG. vorgesehene Rechtsform angenommen haben. In den ersten Jahrhunderten nach den großen Entdeckungen befaßten sich die Kolonialnationen zumeist nicht selbst mit der Erschließung der neuen Gebiete, sondern überließen diese den interessierten Kaufleuten, die sich zum Teil zu großen Gesellschaften zusammenschlossen. Derartigen Gesellschaften wurden, um sie zur Lösung ihrer Aufgabe in Stand zu setzen, durch Freibriefe (englisch "charters") nicht nur weite Landgebiete und umfangreiche Sonderrechte in bezug auf Handel, Bergbau usw. verliehen, sondern auch die Verwaltung der Gebiete überlassen und ihnen zu diesem Zwecke Souveränitätsrechte übertragen. Maßgebend war hierbei für die Regierungen neben den Schwierigkeiten einer unmittelbaren staatlichen Verwaltung sowie der Nötigung, die staatlichen Machtmittel in Europa zusammenzufassen, vor allem der Gedanke, dem Mutterlande die mit einer eigenen kolonialen Betätigung unvermeidlich verbundenen Opfer zu ersparen. Von den in der erwähnten Weise entstandenen Kolonialgesellschaften haben einzelne große Kolonialreiche gegründet, so namentlich die Englisch-Ostindische Kompagnie (Ende 1601 errichtet), die Niederländisch-Ostindische Kompagnie (durch eine Vereinigung kleinerer Gesellschaften 1602 entstanden), die Compagnie d'Occident (1717 vom Schotten Law für die amerikanischen Kolonien Frankreichs gegründet, später mit anderen Kolonialgesellschaften, insbesondere der Französisch-Ostindischen Kompagnie zu der Compagnie des Indes vereinigt). Die Veränderung der staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse brachte es mit sich, daß nach und nach sämtliche kolonisierenden Völker das System der privilegierten Kolonialgesellschaften verließen. Gegen Ende des 19.. Jahrh. hat aber England erneut Versuche damit gemacht. In dieser Zeit entstanden die Nord- Borneo-Kompagnie(1881), die Niger-Kompagnie (1886), die Britisch-OstAfrikanische Kompagnie (1888) und die von Cecil Rhodes gegründete Britische-Südafrika-Kompagnie (1889, kurz Chartered Company genannt), von denen zurzeit noch die erste und letzte bestehen. - Auch dem Fürsten Bismarck schwebte der Gedanke vor, die in den Jahren 1884/86 von Deutschland erworbenen überseeischen Besitzungen durch privilegierte Gesellschaften verwalten zu lassen. Er wollte dem Reiche für sie keine großen finanziellen Opfer zumuten und hielt es auch grundsätzlich für richtig, die eigentlich kolonisatorische Tätigkeit den Interessenten selbst zu überlassen. Deshalb war es, wie er selbst im Reichstag erklärte, seine Absicht, "den Interessenten der Kolonien zugleich das Regieren derselben im wesentlichen zu überlassen und ihnen nur die Möglichkeit europäischer Jurisdiktion für Europäer und desjenigen Schutzes zu gewähren, den wir ohne stehende Garnison dort leisten können" (s. Bismarcks Kolonialpolitik). Zur Gründung privilegierter Gesellschaften der von Bismarck geplanten Art kam es jedoch nur in Deutsch-Ostafrika (Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft [s. d.] mit Schutzbrief vom 27. Febr. 1885) sowie Deutsch-Neuguinea (Neuguinea-Kompagnie [s. d] mit Schutzbrief vom 17. Mai 1885 und 13. Dez. 1886), und in beiden Schutzgebieten zeigte es sich, daß die Gesellschaften der Aufgabe, die ihnen überlassenen Gebiete zu regieren, nicht gewachsen waren. In Ostafrika brach 1888 ein großer Aufstand aus, durch den die Beamten der Gesellschaft fast ganz aus dem Schutzgebiet vertrieben wurden (s. Araberaufstand). Das Reich mußte durch Entsendung eines Kommissars (v. Wissmann, s. d.), der auf Reichskosten eine Truppe bildete, eingreifen und sodann, um das Schutzgebiet zu erhalten, die Verwaltung selbst übernehmen. Die Neuguinea- Kompagnie trat 1889 von selbst an das Reich heran mit der Bitte, einen Kommissar zu entsenden, da sie der Verhältnisse nicht Herr werden konnte. Nach einem vorübergehenden Versuch, die Verwaltung wieder selbst zu führen, hat die Gesellschaft 1898 dauernd auf ihre Hoheits- und Vermögensrechte aus dem Schutzbrief verzichtet. Der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika (s. d.) sowie der die Erschließung der Marshallinseln betreibenden Jaluitgesellschaft (s. d.), beide ebenfalls in der ersten Kolonialzeit entstanden, sind Verwaltungsbefugnisse überhaupt nicht verliehen worden, sondern lediglich Privilegien wirtschaftlicher Art. Als Gesellschaftsform war von den bisher genannten K. (mit Ausnahme der als Aktiengesellschaft errichteten Jaluitgesellschaft) unter Zustimmung der Regierung die einer Korporation des preußischen Landrechts gewählt worden, weil so einerseits dem Staat eine genügende Wahrung der öffentlichen Interessen zugesichert wurde und andererseits die Gesellschaften sich den scharfen und engen Bestimmungen des Aktiengesetzes von 1884 nicht zu unterwerfen brauchten. Da aber bald Zweifel an der rechtlichen Zulässigkeit und der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit dieser Gesellschaftsform laut wurden, schuf man durch die Novelle von 1888 eine besondere Rechtsform für K., welche sie freier stellt als die Aktiengesellschaften, der Kolonialverwaltung aber einen gewissen Einfluß auf die Geschäftsführung sichert. Die maßgebenden Bestimmungen sind jetzt in den §§ 11-13 SchGG. enthalten. Danach kann deutschen K., welche die Kolonisation deutscher Schutzgebiete oder des Hinterlandes solcher oder sonstiger ihm benachbarter Bezirke, insbesondere den Erwerb und die Verwertung von Grundbesitz, den Betrieb von Land- oder Plantagenwirtschaft, den Betrieb von Bergbau, gewerblichen Unternehmungen und Handelsgeschäften dort zum ausschließlichen Gegenstand ihres Unternehmens und ihren Sitz entweder im Reichsgebiet oder im Schutzgebiet oder in einem Konsulargerichtsbezirk haben, auf Grund eines vom Reichskanzler genehmigten Gesellschaftsvertrags (Statuts) durch Beschluß des Bundesrats die Fähigkeit beigelegt werden, unter ihrem Namen Rechte, insbesondere Eigentum und andere dingliche Rechte an Grundstücken zu erwerben, Verbindlichkeiten einzugehen, vor Gericht zu klagen und verklagt zu werden. Ist der Gesellschaft Rechtsfähigkeit beigelegt, so haftet den Gläubigern für alle Gesellschaftsverbindlichkeiten nur das Gesellschaftsvermögen. Die K. unterstehen der Aufsicht des Reichskanzlers. Dessen einzelne Befugnisse sind in den Gesellschaftsvertrag aufzunehmen. Im übrigen ist von gesetzlichen Normativbestimmungen abgesehen und bezüglich des Inhalts des Gesellschaftsvertrages nur vorgeschrieben, daß dieser Bestimmungen zu enthalten habe über Erwerb und Verlust der Mitgliedschaft, über die Vertretung der Gesellschaft Dritten gegenüber, über die Befugnisse der die Gesellschaft leitenden und der die Leitung beaufsichtigenden Organe derselben, über die Rechte und Pflichten der einzelnen Mitglieder, über die Jahresrechnung und Verteilung des Gewinns und endlich über die Auflösung der Gesellschaft und die nach derselben eintretende Vermögensverteilung (§ 12). Für den Gesellschaftsvertrag ist im RKA. ein Muster ausgearbeitet worden, von dem Abdrücke dort und bei der Handelskammer in Berlin zu erhalten sind. Die satzungsgemäß zu bewirkenden öffentlichen Bekanntmachungen der K. haben nach den Bestimmungen des Gesellschaftsvertrages, wie sie die Mustersatzung vorsieht, regelmäßig im Reichsanzeiger zu erfolgen. Ferner sind danach der Geschäftsbericht (im Auszuge), die Bilanz nebst Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Verteilung des Gewinns im KolBl. zu veröffentlichen. Für die Verfassung der K. sind in erster Linie die Bestimmungen des Gesellschaftsvertrags maßgebend. Subsidiär gelten die allgemeinen Vorschriften des BGB. über Vereine. Wegen der Verpflichtung der K., ihre Firma in das Handelsregister eintragen zu lassen, vgl. §§ 1-3, 33 HGB. - Die sonstigen reichsgesetzlich zugelassenen Gesellschaftsformen (Aktiengesellschaft, Gesellschaft m.b.H. u. a. s. Juristische Personen) können von Gesellschaften, die in den Kolonien tätig sind, ebenfalls angenommen werden. Sie unterliegen den Vorschriften der §§ 11-13 SchGG. nicht. - Zu bemerken ist schließlich noch, daß nach § 32 KonsGG. die §§ 11-13 SchGG. auf deutsche Gesellschaften entsprechende Anwendung finden, die den Betrieb eines im § 11 Abs. 1 SchGG. bezeichneten Unternehmens in einem Konsulargerichtsbezirke zum Gegenstand und ihren Sitz entweder im Reichsgebiet oder in einem deutschen Schutzgebiete oder in einem Konsulargerichtsbezirke haben. S. a. Korporationen.

Literatur: Die Lehrbücher des Kolonialrechts (s.d.). - Gerstmeyer, Schutzgebietsgesetz S. 39 f. - Ring, Deutsche Kolonialgesellschaften, Berlin 1888. -Lehmann in Zeitschr. für das gesamte Handelsrecht Bd. 53, Neue Folge Bd. 38, Heft 1 u. 2 S. 1. - Nollau, Rechtsverhältnisse der Kolonialgesellschaften in ZKolPol. 1904 S. 385 u. als Dissertation, Berlin 1904. Jäckel, Die Landgesellschaften in den deutschen Schutzgebieten, Jena 1909 S. 294 f. - Reimer, Die allgemeinen Rechtsverhältnisse der deutschen Kolonialgesellschaften, Berlin 1911. - Frhr. v. Stengel, Die Rechtsverhältnisse der deutschen Kolonialgesellschaften in Beitr. zur Kolonialpolitik u. Kolonialwirtschaft, Jahrg. 1899/00 S. 417. - Leist, Die Kolonialgesellschaften und ihre Eintragung in das Handelsregister, ebenda S. 424. - Geschäftsberichte und sonstige Veröffentlichungen der K. können im Archiv des Kolonialwirtschaftlichen Komitees (Berlin) eingesehen werden. (Vgl. hierüber D. Kol.-Ztg. 1909 s. 370).

Gerstmeyer.