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Kolonialwirtschaft. 1. Allgemeines. 2. Die Kolonien als Neuländer. 3.
Produktion und Konsumtion der Eingeborenen und der Kolonisten. 4. Klein- und
Großbetrieb. 5. Spekulativer Charakter der K. 6. Die Unternehmungsformen.
1. Allgemeines. Aus dem Wesen der Kolonie,
als einem von außen beherrschten und verwalteten Gebiete, ergeben sich für ihr
Wirtschaftsleben eigenartige Konsequenzen. Dabei ist natürlich nicht zu
übersehen, daß bei der großen Verschiedenartigkeit der Gebiete, die wir als
Kolonien bezeichnen, allgemeine Sätze immer nur eine beschränkte Anwendbarkeit
haben. Vieles, was sich in der älteren Literatur findet, ist aus der Beobachtung
reiner Siedelungs- und Einwanderungskolonien (s. Kolonien, Arten der) entnommen,
wie sie sich unter den deutschen Schutzgebieten nicht finden. Denn wenn auch Deutsch-Südwestafrika eine
Siedelungskolonie ist, so stellt sie diesen Typus doch nicht rein dar, da sie
wegen der Anwesenheit und Verwendung der farbigen Bevölkerung eine Mischkolonie
ist. Genau genommen zeigt das Wirtschaftsleben in jeder Kolonie eigenartige
Züge, die oft nicht einmal in der ganzen Kolonie einheitlich sind. Die deutschen
Schutzgebiete sind zum Teil, namentlich Kamerun und Deutsch-Ostafrika, keine einheitlichen Wirtschaftsgebiete.
Kiautschou dagegen hat keinen eigenartigen wirtschaftlichen Charakter, sondern
ist wirtschaftlich ein Teil des nordchinesischen Wirtschaftsgebietes, das nicht
kolonial ist. - Soweit bei dem Kolonialwesen die wirtschaftlichen Interessen des
Mutterlandes in Betracht kommen s. Handel und
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Kolonien für
Deutschland.
2. Die Kolonien als Neuländer. Soweit das Wirtschaftsleben der Kolonie
selbst in Betracht kommt, ist vielfach für die K. bestimmend, daß es sich um
Neuländer handelt, die wirtschaftlich nutzbar gemacht werden sollen, was
Aufgaben stellt und Charakterzüge aufweist, die nicht aus dem Wesen der Kolonie
als solcher folgen, die aber doch insofern hierher gehören, als koloniale
Neuländer sich eben unter dem Einflusse kolonialer Beherrschung und engster
Beziehung zu einem Lande älterer Kultur entwickeln. Charakteristisch für
Neuländer, zu denen alle deutschen Schutzgebiete außer Kiautschou gehören, ist,
daß die Abhängigkeit von den Naturfaktoren, Boden, Klima und Gesundheitsverhältnissen, Entfernungen und
Oberflächengestaltung noch bestimmender hervortreten als in alten Kulturländern.
Die Macht der tropischen Natur setzt der wirtschaftlichen Kulturentwicklung so
große Hindernisse entgegen, daß ohne koloniale Einflüsse eine volle Entfaltung
und Nutzbarmachung kaum zu denken ist. Aber auch abgesehen davon, ist der
Einfluß der Naturfaktoren so stark, weil Neuländer zunächst ganz Länder der
Urproduktion, der Landwirtschaft und Viehzucht sind. Die Überwindung der natürlichen
Hemmnisse des Wirtschaftslebens durch die Mittel unserer Technik ist denn auch
eine der wichtigsten Aufgaben kolonialer Wirtschaftspolitik: Bewässerung und Entwässerung, Assanierung, die Überwindung
der Entfernungen durch Anlage von Verkehrswegen. Haben doch durch die
Fortschritte der Hygiene wie der Verkehrsmittel
viele Probleme der K. ein ganz anderes Aussehen erhalten. Eigenartig ist allen
Neuländern, daß bei ihnen
das Verhältnis der Produktionsfaktoren ein anderes ist als in alten Ländern: bei
Überfluß von Land, Mangel an Kapital und Mangel an Arbeitskräften, entweder
überhaupt oder wenigstens an solchen, wie der europäische Unternehmer sie
braucht. Aus dem Mangel an Kapital folgt die Höhe des Zinsfußes, die große Rolle
des Kredits, aus dem Verhältnis der drei Faktoren die Extensität des
Bodenanbaus. Die Klagen des kolonialen Unternehmers über Mangel an
Arbeitskräften können, solange Land im Überfluß vorhanden ist, überhaupt nicht
aufhören. Die Tatsache, daß ein Neuland Kolonie ist, führt ihm aber leichter
Kapital und Kredit zu, erleichtert die Heranziehung von Arbeitern in gemäßigten
Klimaten, die Erziehung der Eingeborenen zur Lohnarbeit in heißen Ländern. Schon
Adam Smith hat hervorgehoben, daß in Kolonien der Reichtum sich besonders rasch
entwickele. Es ist die Folge davon, daß unsere Kulturgüter, die sich bei uns
langsam im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, die Rechtssicherheit, die
Geldwirtschaft, der Kredit, die Unternehmungslust, die technischen Hilfsmittel
der Produktion in ihrer Vervollkommnung sofort auf das Neuland angewendet
werden. Das Tempo solcher Reichtumsbildung ist freilich sehr verschieden nach
der Art des Neulandes, nach dem Charakter der vorhandenen Bevölkerung, den zur
Verfügung stehenden Arbeitskräften. Mit der Konzentration von Energie und
Kapital hängt auch zusammen die Schnelligkeit der Städtebildung mit ihren
eigentümlichen Aufgaben. Tsingtau, im Jahre
1897 ein Fischerdorf, hat 1913 bereits 60000 Einwohner.
3. Produktion und Konsumtion der Eingeborenen und der Kolonisten.
Bezeichnend für die K. und die Folge des Überflusses an Land ist, daß sie ganz
auf die Urproduktion gerichtet ist. Die gewerbliche Produktion ist wenig
entwickelt. Darauf beruht ihre Bedeutung für die mutterländische Industrie, da
der Bedarf an gewerblichen Erzeugnissen überwiegend eingeführt werden muß.
Während bei den Eingeborenen neue Bedürfnisse entstehen, bei entwickelteren
Völkern vielleicht auch alteinheimische Gewerbetätigkeit durch die Konkurrenz
der eingeführten billigen Industrieerzeugnisse zurückgedrängt wird (Weberei, Töpferei), bringt der Kolonist die verfeinerten
Bedürfnisse der Heimat mit, die nur auf dem Wege der Einfuhr zu decken sind.
Daher die bekannte Erscheinung, daß zwar die Kaufkraft der Eingeborenen für
fremde Erzeugnisse nur langsam zunimmt und ihre Nachfrage vor allem auf billige
Erzeugnisse gerichtet ist, der Kolonist indessen eine relativ große Kaufkraft
für verfeinerte Produkte entwickelt und eine sehr hohe Kopfquote eingeführter
Waren aufnimmt, wie der Außenhandel von
Siedelungskolonien am deutlichsten zeigt. So hatte Deutsch-Südwestafrika mit
15000 weißen und 82000 farbigen Einwohnern (1913) in den letzten Jahren eine Einfuhr von 38 bis 45 Mill. M, so viel wie z. B.
Serbien im Jahrzehnt 1897 bis 1906 bei 2,6 Mill. Einwohnern. - Aus dem
Eindringen des kolonisierenden Volkes in die Kolonie ergibt sich, daß in der
Kolonie kulturell zwei ganz verschiedene Bevölkerungen, zwei Gesellschaften
existieren, die durch einen Kulturabstand von Jahrhunderten oder Jahrtausenden
voneinander getrennt sind, ein Abstand, der durch den Unterschied der Rasse und
Farbe noch betont wird. Auf der einen Seite steht die neue Gesellschaft der
Kolonisten, ausgerüstet mit den Hilfsmitteln europäischer Kultur und beherrscht
von der wirtschaftlichen Denkweise und dem Gewinnstreben der Neuzeit. Auf der
anderen Seite stehen Völker, deren Denkweise beherrscht ist vom Herkommen, die,
so verschieden sie sonst sein mögen, gewohnt sind, entweder nur für den eigenen
unmittelbaren Bedarf oder wenigstens nur für den Bedarf eines eng begrenzten
Kreises zu produzieren, aber nicht für den Absatz auf dem großen Markt, die
Lohnarbeit meist bisher nicht kennen, bei denen die gewöhnliche Arbeit,
namentlich die auf dem Felde, von Frauen und Sklaven besorgt wird. Aus dem Kontakt der beiden
Gesellschaften folgt dann unabweislich die tiefgreifende allmähliche
Umgestaltung des einheimischen Wirtschaftslebens, aus der Überlegenheit der
europäischen Kultur die Schutzbedürftigkeit der eingeborenen Gesellschaft, dabei
aber ihre Unentbehrlichkeit, um in den dem Weißen feindlichen Klimaten diesem
zum mindesten die Arbeitskräfte, der mutterländischen Volkswirtschaft aber
Konsumenten zu liefern. - Soweit die Eingeborenen in einer Kolonie sich nicht
bloß als Lohnarbeiter in der Produktion betätigen, wird ihre Produktion einen
anderen Charakter tragen, als die der weißen Kolonisten. Die Eingeborenen
arbeiten zunächst für den eigenen Bedarf, dann für den lokalen Absatz und erst
allmählich in einigem Umfange für den auswärtigen Markt, und dieser Teil ihrer
Produktion ist nur ein kleiner Teil ihrer Gesamterzeugung. Dagegen arbeitet der
Kolonist in solchen Kolonien ganz überwiegend für den Verkauf. Er kann und will
nicht rein natural-wirtschaftlich existieren. Er produziert vor allem Waren für
den Weltmarkt, für die Ausfuhr. In Kolonien mit sich entwickelnder
Pflanzungswirtschaft wächst daher der dieser entstammende Anteil verhältnismäßig
schnell. In Deutsch-Ostafrika entstammte 1910 über 7 Millionen der
Eingeborenenwirtschaft, gegen 5 Millionen europäischer Kultur, 1911 waren es je
gut 11 Mill., 1912 schon etwa 12 und 18 Millionen. In den anderen deutschen
tropischen Schutzgebieten ist der Anteil der Erzeugnisse europäischer
Pflanzungen erheblich geringer, in Kamerun 1912 gegen 4 Mill. M, in Neuguinea rund 2 Mill., etwas mehr in Samoa, in Togo
unbedeutend (s. a. Handel).
4. Klein- und Großbetrieb. Eine solche Gegenüberstellung, welcher Teil der
Ausfuhr einer Kolonie aus Eingeborenenkulturen, welcher aus der Produktion der
Kolonisten stammt, gibt natürlich kein Bild von dem Verhältnis der
Gesamtproduktion beider Teile der Kolonialbevölkerung, sondern eben nur von
ihrem Anteil an der Außenwirtschaft. Die übliche Art der Kontrastierung von
Eingeborenenkulturen und Plantagenwirtschaft entspricht aber
überhaupt nicht dem wirklichen Gegensatz. Die Produktion richtet sich bei beiden
zu einem
erheblichen Teile auf verschiedenartige Erzeugnisse. Der Unterschied ist vor
allem der der Unternehmungs- und Betriebsform. Beim Eingeborenen handelt es sich
um kleinbäuerlichen Betrieb, bei der Pflanzung um kapitalistischen Großbetrieb.
Kleinbetriebe der Kolonisten kommen in Eingeborenenkolonien höchstens vor, wo
es sich um die Gewinnung spezieller hochwertiger Erzeugnisse handelt. -
Charakteristisch für beide Arten der Produktion pflegt zu sein, daß der
kleinbäuerliche Betrieb der Eingeborenen mehr auf die herkömmlichen Feldfrüchte
(Zerealien, Ölsaaten, Hackfrüchte) gerichtet ist, der Großbetrieb der Pflanzungen mehr auf neu eingeführte Kulturen.
Doch ist die Regel nicht so allgemein, wie sie gelegentlich hingestellt wird.
Auch bei den Eingeborenen kann der Anbau neuer Erzeugnisse sich einbürgern (Kakao [s. d.], Baumwolle [s. d.]). Im kapitalstarken
Großbetriebe finden sich vor allem solche Kulturen, deren Anbau eine erst nach
längerer Zeit Ertrag gebende Kapitalanlage darstellt. Er richtet sich mehr auf
die feineren Qualitäten. Er ist vor allem da angebracht, wo maschinelle
Aufbereitung nötig ist (z.B. bei Sisalhanf),
die der Pflanzungswirtschaft einen halbindustriellen Charakter gibt (man denke
an Zuckerrohrpflanzungen). Doch kann die maschinelle Aufbereitung natürlich auch
als besonderes Gewerbe betrieben werden und dann auch Eingeborenenkulturen zugute kommen
(Baumwollentkörnung). Der Pflanzungsgroßbetrieb ist natürlich abhängig davon, ob
die nötigen Arbeitskräfte verfügbar sind, da in der landwirtschaftlichen
Produktion deren Ersatz durch Maschinen nur in beschränktem Umfange möglich
ist. Dabei handelt es sich nicht bloß um die Zahl der Arbeiter, sondern auch um deren Qualität. Feinere
Arbeitsmethoden, die Verwendung empfindlicher Geräte und Maschinen kann dadurch
unmöglich werden. Für die Konkurrenz afrikanischer Pflanzungen mit solchen in
Südasien ist der niedrigere Kulturgrad der Neger
ein beachtenswerter Faktor.
5
. Spekulativer Charakter der K. Da es sich in der K. in so großem Umfange um
Produktion für den Weltmarkt handelt, ist auch die Abhängigkeit von der
Preisbildung auf dem Weltmarkte bedeutsam, was um so wichtiger ist, je mehr die
K. zur Monokultur neigt, zur Konzentrierung aller produktiven Tätigkeit auf die
Erzeugung weniger Produkte, die gerade auf dem Weltmarkte gute Gewinnaussichten
haben, unter Vernachlässigung selbst der Lebensmittelproduktion, so daß Kolonien
trotz Überfluß an Land häufig Lebensmittelimport haben, ein Zustand, der in
allen deutschen Schutzgebieten besteht (s. a. Handel u. den Abschn. Handel unter
den einzelnen Kolonien). Auch ohne solche Einseitigkeit der Produktion geben die
für koloniale Rohstoffe sehr heftigen
Preisschwankungen, ebenso wie die natürliche Gefährdung der Erträge durch
Schädlinge, Wetter usw. stark schwankende
Gelderträge, und damit erhält die K. jenen bekannten stark spekulativen
Charakter, der sich auch in der Psychologie des Kolonisten, dem Wagemut, der
Beweglichkeit, dem Spekulationsgeiste zeigen. Ist doch überhaupt die
Unstetigkeit der Kolonistenbevölkerung, das dauernde Kommen und Gehen, die
Häufigkeit des Besitzwechsels, selbst in Siedelungskolonien, ein Kennzeichen
kolonialen Lebens.
6. Die Unternehmungsformen. Alle K. setzt voraus, daß der Kolonie Kapital
zugeführt
werde. Das Risiko solcher Kapitalanlage steht den möglichen großen Gewinnen
hemmend gegenüber. Daher die Bedeutung von kapitalistischen Unternehmungsformen,
bei denen das Risiko der Kapitalisten begrenzt ist. Die Aktiengesellschaft ist
direkt aus kolonialen Unternehmungen entstanden, wo der Staat das erste Risiko
nicht tragen wollte, sowohl die italienische Maona des späteren Mittelalters,
wie die ostindischen Gesellschaften der Niederländer und Engländer und deren
Nachfolger im 17. Jahrh. In der Gegenwart hat das aber viel größere Bedeutung
erlangt. Auch staatliche Kapitalzufuhr, vor allem für Verkehrsanlagen (Eisenbahnen, Hafenbauten usw.), hat eine früher
unbekannte Ausdehnung gewonnen. Für die wirtschaftliche Privatunternehmung ist
in einst ganz unbekanntem Maße die Kapitalsgesellschaft der Weg der
Kapitalzufuhr geworden. Wenn bei uns der landwirtschaftliche Betrieb regelmäßig
auf der Einzelunternehmung beruht, so ist das bis zu einem gewissen Grade in dem
Teile der kolonialen Landwirtschaft der Fall, der der unserigen am meisten
ähnelt, dem sog. Farmbetriebe, der in erster Linie auf Zerealienbau und
Viehzucht gerichtet ist. Aber bei der letzteren tritt für ganz große Betriebe in
der K. doch die Gesellschaftsunternehmung hervor. Bei den Pflanzungsbetrieben
steht sie ganz im Vordergrunde, sei es, daß die Unternehmungen von vornherein
diese Form haben, sei es, daß Einzelunternehmungen in sie umgewandelt werden,
was in spekulativ angeregten Zeiten massenhaft geschieht, wie auch in den
deutschen Schutzgebieten 1910 zu beobachten war. Diese Tendenz der Umwandlung
vom Einzel- zum Gesellschaftsbetriebe entspringt sowohl persönlichen Motiven
(dem Wunsche, Gewinne zu realisieren, sich in der Heimat zur Ruhe zu setzen,
auch das Eintreten des Erbganges kommt in Betracht), wie den wirtschaftlichen
nach Vergrößerung des Betriebes und Vermehrung des Kapitals. Daß die hier
besonders große Gefahr der Überkapitalisierung bzw. Verwässerung des Kapitals
ebenso ein häufiger Grund späterer Unrentabilität ist, wie übermäßige
Gründungskosten und Gewinne, darf nicht unerwähnt bleiben. - Schon ihrer Natur
nach haben größere bergbauliche, Transport- und Bankunternehmungen von Hause aus
die Form der Gesellschaft. Daß durch solche Formen der ihrem Wesen nach
spekulativ-riskanten K. Kapital mit größerer Leichtigkeit zugeführt werden kann,
ist ebenso wichtig für diese, wie es nicht ohne Gefahr gewissenlosen Mißbrauches
ist. Der spekulative Charakter zeigt sich regelmäßig in dem starken Schwanken
der Dividenden. Die große Zahl von in den deutschen Schutzgebieten tätigen
Gesellschaften, welche keine Dividende geben, hat natürlich zum Teil ihren Grund
darin, daß viele Unternehmungen erst im Entwicklungsstadium sind. Von 82
größeren Kolonialunternehmungen gaben in dem guten Jahr 1912 nur 42 eine
Dividende, 7 weitere Wiesen wenigstens einen
Gewinn auf, 33 hatten keinen Gewinn. Aber im Vorjahre waren es noch 45 gewesen.
- Die Gesetzgebung steht dauernd im
Konflikt, daß auf der einen Seite möglichste Erleichterung der Zuführung von
Kapital gefordert wird (Forderung der Kleinaktie [s. d.]), auf der anderen die
dadurch mögliche Unsolidität von Gründungen mit nachfolgender Schädigung des
Publikums und Diskreditierung der K. gefürchtet wird. Um jener Forderung zu
genügen und die strengen Formen des deutschen Aktienrechtes zu mildern, ist die
Form der Kolonialgesellschaft (s.
d.) geschaffen. Noch größerer Beliebtheit erfreut sich aber die erst später
entstandene Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Diese Form ist freilich (mangelnde Prüfung
des Gründungsvorganges usw.) nicht unbedenklich, sobald der Kreis der
Gesellschafter groß ist und unkundige Personen umfaßt. Mit der Erschwerung der
Übertragung der Anteile weiß sich dagegen der Verkehr abzufinden. - Es liegt im Wesen der
Kapitalsgesellschaft, daß sie Beamtenbetrieb mit deren bekannten Schattenseiten
ist. Für Unternehmungen in tropischen Kolonien aber hat das die große Bedeutung,
daß der aus klimatischen Gründen wünschenswerte Wechsel des Personals, auch der
Betriebsleiter, leichter möglich ist. Auch dies fördert die Anwendung der
gesellschaftlichen Form der Unternehmung. Der Besitzer der Pflanzung ist heute
ohnehin viel weniger als früher geneigt, sich dauernd in der Kolonie
aufzuhalten, wie die Erfahrung älterer Pflanzungskolonien zeigt.
Literatur: S. a. Kolonialpolitik u. die wirtschaftlichen Verhältnisse
unter den einzelnen Schutzgebieten. Hier wäre die ganze kolonialpolitische
Literatur zu erwähnen. Grundsätzliche Untersuchungen über das Wesen der K. hat
zuerst Edward G. Wakefield (Letter from Sydney, 1829, The art of colonization
1849) angestellt und damit die ganze weitere Theorie beherrscht, wie sich an
älteren Werken von Merivale, Roscher, Paul Leroy-Beaulieu zeigt.
Die neuere Literatur ist arm an grundsätzlichen Untersuchungen. Feine
Beobachtungen bei J. Harmand, Domination et Colonisation, 1910. Das meiste muß
man sich aus der periodischen Literatur zwammensuchen. Viel Lehrreiches in den
Verhandlungen des D. Kolonialkongresses 1902, 1905, 1910.
Rathgen.
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