Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 347 f.

Kolonien, Arten der. Bei der großen Mannigfaltigkeit der politischen Gebilde, die als K. bezeichnet werden, bleibt für eine Definition, die sie alle umfassen soll, als gemeinsames Merkmal nur das der rechtlich- politischen Abhängigkeit eines Gebietes von einem anderen. So kann man (mit Reinsch und Zoepfl) eine K. bezeichnen als ein auswärtiges Herrschafts- und Verwaltungsgebiet eines Staates. K. in diesem Sinne können aber politisch, rechtlich, wirtschaftlich so verschiedenartig sein, daß für die theoretische Erörterung wie praktische Ziele Klarheit über die ganz verschiedenen Arten der K. nötig ist. Auch die deutschen Schutzgebiete stellen ganz verschiedene Typen von K. dar. Je nach dem zugrunde gelegten Einteilungsprinzip kommt man zu ganz verschiedenen Klassifikationen, die sich in mannigfaltiger Weise verschlingen und kreuzen können. Man kann die K. einteilen nach geographischen, also unveränderlichen Momenten, also nach dem Klima, oder ob es sich um Inseln oder um festländische Gebiete handelt. Man kann unterscheiden nach verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten und entweder vom Rechtsgrund der Erwerbung oder vom Grade politischer Unterordnung unter das Mutterland ausgehen, beides Prinzipien, die im englischen Kolonialrecht eine große Bedeutung haben, namentlich die Unterscheidung von direkt und indirekt beherrschten Gebieten, und bei jenen wieder die von absolut regierten K. (crown col.), von K. mit Repräsentiv- und mit parlamentarischer Verfassung (jetzt Dominions genannt). Man kann, und das ist das gewöhnlichste, unterscheiden nach dem vorwiegenden wirtschaftlichen Zwecke Handels-, Pflanzungs- und Ackerbau-K. (oder nach jedem anderen Zwecke Viehzucht- , Bergbau-, Fischerei-, Straf-K. usw.). Man kann endlich nach gesellschaftlichen Momenten die K. unterscheiden, je nach dem Grade, in dem sich das kolonisierende Volk an der wirtschaftlichen Arbeit in der K. beteiligt. Dies Prinzip berührt sich eng mit der von Supan zuerst aufgestellten Einteilung in Einwanderungs-, Misch- und Eingeborenen-K. In den beiden letzteren müßte man wieder unterscheiden nach dem Kulturgrad des beherrschten Volkes. - Aus der Gruppierung der verschiedenen Momente ergeben sich gewisse Haupttypen von K., die für uns von Bedeutung sind: a) Handels-K. im eigentlichen Sinne, d.h. räumlich beschränkte Stützpunkte des Handels, die nicht selbständige Produktionsgebiete, sondern nur Stapel- und Vermittlungsplätze für den Handel mit benachbarten Gebieten sind. Diesen Charakter hat das Schutzgebiet Kiautschou. Solche K. können gleichzeitig oder vorzugsweise auch als militärischpolitische Stützpunkte über See dienen (nicht zu verwechseln mit militärischer Kolonisation). - b) Pflanzungs-K. (Kultivationsgebiete nach Hübbe- Schleiden): tropische Herrschaftsgebiete, in denen die weißen Herrscher aus klimatischen Gründen meist nicht dauernd leben und nur die leitende Arbeit leisten, sich anfangs auf den Handel beschränken, allmählich auch zum Plantagenbau mit farbigen Arbeitskräften übergehen. Wenn daneben die Eingeborene Bevölkerung durch Sammeltätigkeit und Feldbau zur Produktion und zur Ausfuhr wesentlich beiträgt, so ist die übliche Bezeichnung als Pflanzungs-K. eigentlich zu eng und in manchen Fällen nicht recht zutreffend, so besonders für das Schutzgebiet Togo. Besser wäre die französische und amerikanische Bezeichnung als Exploitations-K., was aber ins Deutsche übertragen einen fatalen und nicht zutreffenden Nebensinn ergibt. Vielleicht bürgert sich die Bezeichnung als Herrschafts-K. ein. Unter diese Kategorie Fallen die in den Tropen gelegenen deutschen Schutzgebiete, also der größte Teil des deutschen Kolonialreiches: Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo, die Besitzungen in der Südsee. - c) Siedlungs-K., in welchen Angehörige des kolonisierenden Volkes dauernd und ohne Gefahr der Entartung leben und jede Art wirtschaftlicher, auch schwere körperliche Arbeit leisten können. In welchem Maße sie das wirklich tun, oder ob sie sich vorwiegend auf leitende und höherstehende Arbeit beschränken, hängt davon ab, ob eine etwas zahlreichere Eingeborenenbevölkerung für die grobe Arbeit zur Verfügung steht oder nicht. Wir müssen hier also unterscheiden zwischen der Einwanderungs- und der Misch-K. (Supan). Zur letzteren Art gehört mit dem übrigen Südafrika Deutsch-Südwestafrika, das man nach den vorwiegenden wirtschaftlichen Interessen auch als Viehzuchts- und Bergbau-K. bezeichnen kann. Für die Ausdehnungsmöglichkeit der deutschen Bevölkerung in dieser K. ist das von großer Bedeutung. - So rein, wie wir diese Dinge begrifflich scheiden können, stellen sie sich in Wirklichkeit natürlich nicht dar. Vor allem können in räumlich sehr ausgedehnten Gebieten verschiedene Teile einen verschiedenen Charakter tragen. In welchem Umfange der nördlichste, noch nicht erschlossene Teil von Südwestafrika eine SiedelungsK. werden wird, steht dahin. Auf der anderen Seite können auf den Hochgebieten tropischer K., so in Ostafrika, die Voraussetzungen für eine Siedelungs-K. gegeben sein, trotz der Nähe des Äquators.

Rathgen.